Ernährung bei ADHS

Zur Unterstützung der herkömmlichen ADHS-Therapie werden seit einiger Zeit auch ernährungstherapeutische Maßnahmen ergriffen, um die Ausprägung der Krankheit zu minimieren. Nährstoffe übernehmen entscheidende Funktionen im Gehirnstoffwechsel, so dass deren gezielte Zufuhr bzw. Meidung bei einigen Patienten zur Besserung der Verhaltensauffälligkeiten führen kann.

Darüber hinaus können sich einige pharmakologisch wirkende Substanzen wie biogene Amine, Lebensmittelzusatzstoffe oder Toxine negativ auf den Gehirnstoffwechsel auswirken und gerade bei ADHS-Betroffenen die Verhaltensauffälligkeiten verstärken. Gewisse Ernährungsweisen beeinflussen zudem den Gehalt an bestimmten Stoffwechselregulatoren, die sich auch auf den Gehirnstoffwechsel auswirken (beispielsweise die Insulinausschüttung bei zuckerreichen Speisen).

Die Ernährungstherapie sollte möglichst in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen und sollte bei Erfolg keinesfalls Anlass geben, eigenmächtig und ohne ärztliche Rücksprache eine bestehende medikamentöse Therapie zu beenden oder zu verändern. Zwar konnten für einige Nährstoffe positive Effekte auf das Verhalten von ADHS-Kindern nachgewiesen werden. Eine Supplementierung auf eigene Faust ist jedoch wenig empfehlenswert. Vielmehr sollte allgemein auf eine möglichst natürliche, nährstoffreiche Ernährung geachtet werden.

Es gibt eine Vielzahl von Studien, die positive wie auch negative Effekte für ein oder mehrere Nahrungsmittelinhaltsstoffe belegen. Inwiefern die gesamte Ernährungsweise einen Einfluss auf das Verhalten hat, kann momentan nur spekulativ diskutiert werden. Einige Alltagsbeobachtungen geben Hinweise, dass der aktuelle Trend zu Fertiggerichten, Instantprodukten und Fastfood einen Einfluss auf die immer häufiger beobachteten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen ausüben könnten. So bemerkten die Lehrer einer US-amerikanischen Schule, dass ihre Schüler nach der Umstellung der Frühstücks- und Lunchverpflegung von Fast Food auf gesunde Kost deutliche Besserungen in ihrem Verhalten zeigten. Während die Schüler vorher durch mangelndes Benehmen, Aggressivität, Drogenmissbrauch und andere Probleme auffielen, waren sie nun wesentlich aufmerksamer, arbeiteten besser mit und konnten sich über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren [New 2009].

Zucker

Inwiefern der Zuckerkonsum einen Einfluss auf die Verhaltensauffälligkeiten bei ADHS hat, ist momentan noch schwer einschätzbar. Obwohl zahlreiche Eltern von einer Zunahme der Hyperaktivität infolge hoher Zuckermengen berichteten, konnten wissenschaftliche Untersuchungen diesen Zusammenhang bislang nicht bestätigen. Allerdings weisen die bisherigen Studien zum Teil Mängel im Studiendesign auf. So wurden teilweise Kinder in die Gruppen eingeschlossen, die laut elterlicher Aussage zwar empfindlich auf Zucker reagierten, jedoch kein diagnostiziertes ADHS hatten. Teilweise waren die Teilnehmerzahlen zu gering bzw. wurden Zuckerdosen verabreicht, die weit unter der normalen Zuckeraufnahme von Kindern lagen [Sch 2003].

Ein an ADHS-Kindern durchgeführter oraler Glukosetoleranztest ergab bei einem Großteil einen abnormen Kurvenverlauf, wobei dieser etwa bei der Hälfte der Kurve bei Unterzuckerung (Hypoglykämie) ähnelte [Sch 2003]. Bei niedrigen Blutzuckerspiegeln setzt der Körper Adrenalin zur Gegenregulation frei. Dieses führt unter anderem auch zu Nervosität und Unruhe. Bei einigen empfindlichen Personen verursacht der Konsum hoher Zuckermengen eine postprandiale Hypoglykämie. Derartige Hypoglykämien führen zur vorrübergehenden Unterversorgung des Gehirns mit Glukose und stören so den Gehirnstoffwechsel wie etwa die Bildung von Neurotransmittern. Dies äußert sich in Gereiztheit, Missstimmung und Nervosität.

In einer kleinen Untersuchung wurden die Auswirkungen eines niedrig-, mittel- und hochglykämischen Frühstücks bei 5- bis 7-jährigen untersucht. Nach 2 bis 3 Stunden wurden Tests zur Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeit durchgeführt. Hier zeigten die Kinder mit dem niedrigglykämischen Frühstück bessere Ergebnisse als die anderen Studienteilnehmer. Zudem waren sie weniger frustrationsanfällig und brachten mehr Zeit für ihre Schulaufgaben auf [Ben 2007].

Omega-3-Fettsäuren

Fett macht etwa 60% der Gehirntrockenmasse aus. Zudem findet sich im Gehirn und in den Nerven die höchste Konzentration der Omega-3-Fettsäure Docosahexaensäure (DHA). Es wird angenommen, dass DHA entscheidend am Aufbau der nervalen Myelinschicht beteiligt ist und so eine wichtige Rolle für die Reizweiterleitung spielt. Der Gehalt an DHA in der Nervenmembran schwankt dabei in Abhängigkeit vom Gehalt in der Nahrung. In Tierstudien wurde zudem ein Zusammenhang zwischen der Omega-3-Fettsäuren-Konzentration und dem Spiegel an Dopamin und Serotonin nachgewiesen.

Studien aus den 80-er Jahren ermittelten bei ADHS-Kindern niedrigere Omega-3-Fettsäurengehalte, als bei gesunden Vergleichspersonen [Sin 2008]. In zwei neueren groß angelegten Studien konnten die Verhaltensauffälligkeiten von nicht-medikamentös behandelten Kindern durch entsprechende Supplemente deutlich vermindert werden. So verbesserten sich in der britischen Studie die Symptome nach 3-monatiger Gabe von 168 mg DHA, 552 mg Eicosapentaensäure (EPA) und 60 mg Gamma-Linolensäure. Zudem verringerte sich der Rückstand zu Altersgenossen in Bezug auf Sprach- und Leseentwicklung [Ric 2006]. Die australische Studie konnte mit der gleichen Behandlung vergleichbare Ergebnisse erzielen. Eine zusätzliche Kombination mit einem Multivitamin-Mineralstoff-Präparat erbrachte jedoch keinen Vorteil gegenüber der alleinigen Gabe von Fettsäuren [Sin 2008b].

Magnesium

Magnesium wirkt sich auf eine Reihe von Gehirnfunktionen aus. Ein Mangel bewirkt unter anderem Beeinträchtigungen im zerebralen Energiestoffwechsel, der Reizweiterleitung sowie des zerebralen Blutflusses.

Eine Reihe von Untersuchungen konnte bei ADHS-Kindern deutlich niedrigere Magnesiumspiegel im Vergleich zu gesunden Kindern feststellen. Studien zeigten einen Zusammenhang von niedrigen Magnesiumleveln mit Hyperaktivität, Schlafstörungen und verminderter Schulleistung. Eine Behandlung mit 200 mg Magnesium am Tag führte nach 6 Monaten zu einer deutlichen Reduktion der Hyperaktivität bei Grundschulkindern. Eine Magnesium-Vitamin-B6-Kombinationstherapie erbrachte bereits nach 2 Monaten deutliche Verbesserungen der Hyperaktivität sowie der schulischen Leistung [Sin 2008a].

Zink

Zink beeinflusst als Kofaktor einer Vielzahl von Enzymen eine Reihe von Stoffwechselwegen im Gehirn. So spielt es beispielsweise eine Rolle bei der Bildung von Serotonin aus Tryptophan bzw. bei der Bildung von Melatonin, welches in den Dopaminstoffwechsel involviert ist.

Bei Kindern mit ADHS zeigte sich ein enger Zusammenhang zwischen der Schwere der Krankheit und der Höhe des Zinkserumspiegels [Arn 2005]. Ein möglicher Mechanismus könnte eine Interaktion mit synthetischen Substanzen wie etwa Lebensmittelzusatzstoffen sein. So zeigte sich an einer Gruppe hyperaktiver Jungen, die empfindlich auf Tartrazin (E102) reagierten, dass eine Provokation mit dem Farbstoff zu einer erhöhten Zinkausscheidung bzw. zu verminderten Zinkserumspiegeln führte [Nei 1990]. Eine Interventionsstudie fand nach der 12-wöchigen Gabe von 150 mg Zink pro Tag deutliche Besserungen der Hyperaktivität, der Impulsivität, jedoch nicht der Unaufmerksamkeit [Bil 2004]. Zudem wurde auch ein höherer Behandlungserfolg erzielt, wenn Methylphenidat in Kombination mit 55 mg Zinksulfat gegeben wurde [Akh 2004].

Eisen

Eisen spielt eine wichtige Rolle für die Struktur und Funktion des Zentralen Nervensystems sowie bei der Reizweiterleitung. Eisenmangel wird aufgrund der Kofaktorfunktion bei der Dopaminsynthese mit einer verminderten kognitiven Entwicklung in Zusammenhang gebracht.

ADHS-Patienten wiesen halb so niedrige Eisenspiegel auf wie gesunde Vergleichspersonen. Die Serumferritinspiegel lagen bei einem Großteil unter 30 ng/ ml. Zudem sind niedrige Eisenspiegel mit dem Restless-Legs-Syndrom (Syndrom der ruhelosen Beine) verbunden – einer häufigen Komorbidität der ADHS [Sin 2008].

In einer Interventionsstudie an ADHS-Kindern mit Eisenunterversorgung führte die tägliche Gabe von 80 mg Eisensulfat über einen Zeitraum von 12 Wochen zu einer Verbesserung der ADHS-Symptome. Zudem schien sich die Behandlung auch positiv auf das Restless-Legs-Syndrom einiger Patienten auszuwirken [Kon 2008].

Lebensmittelzusatzstoffe

Einige Lebensmittelzusatzstoffe stehen im Verdacht die Erkrankung ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-und-Hyperaktivitätsstörung) zu begünstigen. Die Erkrankungen treten vor allem bei Kindern zunehmend gehäuft auf. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen reichen für eine abschließende Bewertung jedoch nicht aus. Dennoch beschloss die Europäische Kommission, dass ab dem 20. Juni 2010 einige Farbstoffe bei der Verwendung in Lebensmitteln auf dem Etikett mit der Information “Kann die Aufmerksamkeit und Konzentration bei Kindern beeinträchtigen” deklariert werden müssen. Hierzu zählen:

Künstliche Farbstoffe, insbesondere Vertreter der Azofarbstoffe, stehen im Verdacht bei zahlreichen ADHS-Patienten das Krankheitsbild zu verschlechtern bzw. Verhaltensauffälligkeiten auszulösen. Frühe Studien konnten nur einen sehr geringen Zusammenhang finden, was vermutlich auf die zu gering verabreichten Farbstoffdosierungen zwischen 1,6 und 26 zurückzuführen ist. Nachdem die US-amerikanische Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA) die tägliche Farbstoffaufnahme von Kindern mit etwa 59 bis 300 mg bezifferten, führten Wissenschaftler anschließende Studien mit höheren Dosen durch. Wurden 100 bis 150 mg/ d verabreicht, zeigte sich bei allen untersuchten Kindern ein Effekt. Allerdings reagieren Kinder im Vorschulalter wesentlich empfindlicher auf Farbstoffe als Schulkinder.

Eine 2004 erschienene Metaanalyse der vorhandenen Studien untermauert die Hypothese, dass künstliche Farbstoffe einen Einfluss auf die Hyperaktivität von ADHS-Kindern hat. Ein kumulativer Effekt verschiedener Zusatzstoffe ist vorstellbar, da betroffene Kinder häufig zwar auf eine Elimination betreffender Nahrungsmittel reagieren, sich jedoch im Anschluss kein Effekt durch Provokation mit der Einzelsubstanz erzielen lässt.

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