Übergewicht und Adipositas: Ernährungstherapie

Die Wirksamkeit der Ernährungstherapie bei Übergewicht und Adipositas ist gut belegt, wobei der Effekt in Kombination mit einer Bewegungs- und Verhaltenstherapie am größten ist. Positive Effekte sind für energiereduzierte wie fett- und/oder kohlenhydratreduzierte sowie proteinreiche Kostformen nachgewiesen.

Vorbemerkung

Die Entstehungs- und Krankheitsgeschichte variiert von Patient zu Patient. In der Folge gibt es keine allgemeingültige Behandlungsstrategie. Die Therapie und insbesondere die Ernährungstherapie von Übergewicht bzw. Adipositas können nur erfolgreich sein, wenn diese individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst sind und möglichst alle relevanten Einflussfaktoren aufgreifen. Inwiefern die Betonung eines bestimmten Makronährstoffs oder lediglich die Modifikation der Nahrungsmittelauswahl zielführend ist und ob eine Verhaltenstherapie oder gar eine operative Maßnahme erforderlich ist, kann nicht pauschalisiert werden, sondern ist vielmehr für jeden Patienten persönlich abzuwägen.

Anamnese und Ernährungsassessment

Der erste Schritt ist eine umfassende Anamnese. Damit kann die Therapie auf die persönlichen Bedürfnisse und Gegebenheiten abgestimmt werden. Das ausführliche Assessment dient der systematischen Erfassung von Symptomen, Ursachen und Risikofaktoren sowie Begleit- und Folgeerkrankungen.

Anthropometrische Daten

  • Körpergröße, Körpergewicht und BMI
  • Gewichtshistorie
  • Taillen-/Bauchumfang; WHR und WHtR
  • ggf. Körperzusammensetzung (Fettverteilung, Anteil Muskelmasse etc.)

Krankheitsbild und Klinik

  • Diagnose (Übergewicht, Adipositas Grad I bis III) und Nebendiagnosen (Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, Insulinresistenz, Metabolisches Syndrom, Hypertonie)
  • Symptome, Verlauf und Komplikationen
  • Therapie (bisher, geplant)

Labordaten und medizinische Untersuchungen

  • Blutzucker und HbA1c, ggf. oraler Glukosetoleranztest (oGTT)
  • Fettstoffwechselwerte (Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride); ggf. Lipoprotein A
  • Schilddrüsenwerte (TSH, ggf. T3 und T4)
  • Entzündungswerte (CRP)
  • Purinstoffwechsel (Harnsäure)
  • Leberwerte (GOT, GPT, Gamma-GT), ggf. Oberbauchsonografie, Doppler-Sonografie
  • Nierenwerte (Kreatinin, GFR), ggf. Mikroalbuminurie bzw. Albumin/Kreatinin-Ratio im Urin, Elektrolyte
  • Herz-Kreislauf- und Gefäßdiagnostik (Blutdruck, EKG); ggf. Ergometrie, Herzecho, 24-h-Blutdruck-Messung, Schlafapnoe-Screening
  • ggf. Dexamethasontest (Hyperkortisolismus)

Klientenanamnese

  • Diäthistorie
  • Bewegungsverhalten (wie oft, Intensität, Dauer, Kraft/ Ausdauer)
  • Nikotinkonsum (ja/nein, wie viel)
  • Schlafgewohnheiten (einschlafen, durchschlafen, Erholungsgrad am Morgen)
  • Aspekte zur Familiensituation (Hektik, wer kocht, wer kauft ein, wer entscheidet, etc.)
  • Ausbildung und berufliche Situation (Art der Tätigkeit, Verantwortung, Pendeln, etc.)
  • Entspannung (wann, wie, wie oft)
  • Ängste und Befürchtungen, negative Einstellungen (Körperbild)
  • Lebensqualität und Schmerzen

Ernährung

  • Energiezufuhr und Energiedichte von Lebensmitteln
  • qualitative und quantitative Zufuhr an Kohlenhydraten und Fetten; Protein- und Ballaststoffzufuhr
  • Vitamin- und Mineralstoffzufuhr
  • Alkoholzufuhr (wann, wie viel, wie oft)
  • Mahlzeiten (Anzahl, Regelmäßigkeit, Snacking, Umfeld)
  • Mengen und Portionen
  • Appetit, Hunger und Sättigung
  • Einkaufsverhalten und Lebensmittelauswahl
  • Sonstiges (Werte, Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen, Erfahrungen, Glaubenssätze etc.)

Anhand der erfassten Parameter können zutreffende Ernährungsdiagnosen gestellt werden. Diese wiederum sind die Ausgangsbasis für Ernährungsziele, diätetische Prinzipien und Ernährungsinterventionen.

Ernährungsziele

Gewichtsabnahme

Oberstes Ziel ist meist die auf den Ratsuchenden zugeschnittene Gewichtsabnahme und/oder (anschließende) Gewichtsstabilisierung. Dies hängt maßgeblich vom Ausgangsgewicht ab.

Minimieren von Folgerisiken

In Abhängigkeit der vorliegenden Begleiterkrankungen gilt es zudem, Folgerisiken zu minimieren bzw. zu verhindern (z. B. Blutdrucksenkung, Verbesserung bestimmter Blutwerte, Einsparen von Medikamenten, Verringerung von Gichtanfällen).

bedarfsdeckende Energie- und Nährstoffzufuhr

Die Ernährungsempfehlungen werden auf die jeweilige berufliche sowie persönliche Situation angepasst. Die bedarfsdeckende Zufuhr an Energie und essenziellen Nährstoffen muss dabei gewährleistet sein.

Optimieren des Ess- und Trinkverhaltens

Das zukunftsweisende Ziel ist die Optimierung des Ess- und Trinkverhaltens, ungeachtet dessen, ob die Gewichtsreduktion anfangs auf Kalorienrestriktion, Formula-Produkte, Medikamente oder eine bariatrische Operation zurückzuführen ist. Dabei soll der Patient lernen:

  • den eigenen Energiebedarf und damit die notwendige Energiezufuhr realistisch einzuschätzen
  • das Nahrungsmittelangebot objektiv einzuschätzen und die Nahrungsmittelwahl besonnener zu treffen
  • das eigene Essverhalten zu beobachten, zu hinterfragen und mit geeigneten Strategien zu verbessern

Rückgewinnen von Lebensqualität

Die Lebensqualität wird durch Verbesserung der Fitness, durch eine höhere Belastbarkeit und durch Stärkung des Selbstwertgefühls gesteigert.

Die Ernährungsziele werden mit dem Patienten/Klienten zusammen erarbeitet und formuliert.

Diätetische Prinzipien

Zur Gewichtsabnahme empfiehlt sich eine energiereduzierte Kost. Das Ausmaß der Energiereduktion richtet sich dabei nach dem Ausgangsgewicht sowie dem Wunschgewicht und der Diätdauer. Von extremen und einseitigen Diäten ist abzusehen. Die Energiereduktion darf die Gesundheit nicht gefährden und sollte die Zufuhr an essenziellen Nährstoffen mittel- und langfristig sicherstellen.

Realisiert werden kann die verminderte Energiezufuhr über eine fett- und/oder kohlenhydratreduzierte Ernährung. Als Kostformen kommen hierfür je nach der gewählten Strategie vor allem die Vollkost (DGE), mediterrrane Kost oder die LOGI-Ernährung in Betracht. Welche Ernährungsform besser geeignet ist, hängt vom Patienten ab und sollte auch mit ihm zusammen entschieden werden. Bei sehr starkem Übergewicht sind Formula-Diäten zu Diätbeginn über einen begrenzten Zeitraum eine mögliche Alternative.

Im Zuge einer fett- und/oder kohlenhydratreduzierten Kost steigt (meist automatisch) der Anteil an Protein. Auch eine erhöhte Ballaststoffzufuhr ist empfehlenswert.

Zur Gewichtsstabilisierung wird eine adäquate Energiezufuhr angestrebt. Körperliche Aktivität ist hierbei ein unterstützendes Element. Eine weitere Kostform, die die Ernährung in Relation zur körperlichen Aktivität setzt, ist die sogenannte Flexicarb-Ernährung.

Praktische Umsetzung

Die Ernährungstherapie kann in einzelne Optionen aufgeschlüsselt werden, wobei in Abhängigkeit des Adipositasgrades und nach Abschätzung des individuellen Risikos die Optionen miteinander kombiniert werden können.

In Anbetracht der Fülle positiver wie auch negativer Erfolgsberichte und unter Berücksichtigung der Patientencompliance kann kein bestimmtes Makronährstoffverhältnis als Goldstandard für die Adipositastherapie festgelegt werden. Sowohl fettarme als auch kohlenhydratreduzierte oder eiweißbetonte Diäten führten in Einzelstudien zur gewünschten Gewichtsreduktion.

Welche Makronährstoffverteilung vorteilhaft ist bzw. ob allein eine Energierestriktion zielführend ist, hängt von den persönlichen Vorlieben des Patienten, von der Konstitution, von seiner Stoffwechselsituation und von möglichen Begleiterkrankungen ab. Bei der Empfehlung einer speziellen Ernährungsform sollten immer die Lebensumstände und Geschmacksvorlieben berücksichtigt werden, da dessen Compliance und Motivation ausschlaggebend für den Erfolg der Therapie sind. Das „Aufzwängen“ eigener Überzeugungen führt in vielen Fällen nicht zum Ziel.

energiereduzierte Kost

Die tägliche Kalorienaufnahme sollte den Grundenergiebedarf des Körpers nach Möglichkeit nicht wesentlich unterschreiten. Da die Bestimmung des tatsächlichen Grundumsatzes aus Mangel an entsprechenden Apparaturen in der Praxis oft nicht möglich ist, kann dieser grob mittels einer Näherungsformel berechnet werden.

Grenzen:

  • Die Energiereduktion sollte dabei nicht zu Lasten der Nährstoffversorgung gehen. Dies erfordert eine gute Schulung des Patienten hinsichtlich der Auswahl geeigneter Nahrungsmittel sowie ein hohes Maß an Mitarbeit.

Umsetzungstipps:

  • Ziel: Gewichtsabnahme
  • Energiedefizit von etwa 500 kcal täglich (in Einzelfällen auch mehr möglich)
  • Ausmaß des Defizits hängt von individuellen Faktoren ab
  • sehr niedrig kalorische Diäten zeigen langfristig keine Vorteile und sind nur bei kurzfristig angestrebter Gewichtsabnahme (z. B. vor Operationen) gerechtfertigt; werden aber meist über Formula-Diäten realisiert

kohlenhydrat-reduzierte und/oder -modifizierte Kost

Der Grundgedanke aller kohlenhydratreduzierten Konzepte liegt in einer gezielten Beeinflussung des Insulinstoffwechsels, der sowohl in den Zucker- als auch in den Fettstoffwechsel involviert ist. Je nach Definition und Diätform wird der Kohlenhydratanteil moderat (auf etwa 30-40 Energie-% der Gesamtenergiezufuhr) oder drastisch (auf unter 20 Energie-% der Gesamtenergiezufuhr) gesenkt.

Effekte:

  • Die reduzierte Kohlenhydratzufuhr vermindert die Insulinfreisetzung, fördert den Fettabbau im Fettgewebe und hemmt zunehmend den Fetteinbau.
  • Die Blutzucker- bzw. Insulinspitzen nehmen ab, reduzieren Appetit- sowie Hungerattacken und drosseln so die Nahrungszufuhr.
  • Eine mögliche kohlenhydratgetriggerte Insulinresistenz sowie daraus resultierende Stoffwechselentgleisungen werden abgemildert/gestoppt.
  • Die Kombination aus mehr Fett und Eiweiß ruft ein längeres Sättigungsgefühl hervor und führt über den Tag betrachtet zu einer geringeren Nahrungsmittel- bzw. Energieaufnahme.

Grenzen:

  • Eine allgemeingültige Beurteilung kohlenhydratreduzierter Ernährungsformen wird durch den Mangel einer einheitlichen Definition erschwert. So werden unter diesem Begriff zahlreiche Diätformen zusammengefasst, die sich in der Strenge der Kohlenhydratrestriktion und in der Qualität der Nahrungsmittelauswahl stark unterscheiden.
  • Kohlenhydrate sind mit einem proteinsparenden Effekt verbunden und tragen zum Erhalt der Muskelmasse bei.
  • Ebenso sind kohlenhydratarme Diäten dann kritisch zu betrachten, wenn der Verzehr von tierischen Produkten im Vordergrund steht und die Fettqualität unberücksichtigt bleibt.

Umsetzungstipps:

  • Ziel: Gewichtsabnahme und Gewichtsstabilisierung
  • Beschränken der Kohlenhydratzufuhr auf etwa 120 g täglich
  • ggf. Beschränken der Zuckerzufuhr
  • ggf. Modifikation der Kohlenhydratzufuhr (z. B. Austausch ballaststoffarmer gegen ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen)

fettreduzierte und/oder -modifizierte Kost

Die Reduktion der Fettzufuhr ist eine klassische und seit jeher praktizierte Methode zur Gewichtsabnahme. Dabei soll die Fettzufuhr definitionsgemäß möglichst auf eine Menge von maximal 60-80 g pro Tag reduziert werden. Den Empfehlungen liegen die Annahmen zugrunde, dass Fett im Vergleich zu anderen Makronährstoffen pro Gramm die höchste Energiemenge liefert (9,3 kcal/g im Vergleich zu Kohlenhydraten und Eiweiß mit 4,1 kcal/g), wodurch sich mit einer Fettrestriktion das größte Energiedefizit erreichen lässt.

Effekte:

  • Eine Fettreduktion auf 10 % der Gesamtenergiezufuhr ohne jegliche weitere Energiereduktionsmaßnahme bewirkt einen Gewichtsverlust von 16 g pro Tag bewirkt (wobei dieser Effekt nach etwa einem Jahr nachlässt) [Cli 2006].
  • Einer Metaanalyse der vorhandenen Studien zufolge, erbrachte allein die Reduktion des Fettgehaltes im Essen einen Gewichtsverlust von etwa 10 %, wobei durch ein höheres Ausgangsgewicht erwartungsgemäß eine deutlichere Abnahme eintrat [Ast 2000].
  • Beobachtungen zeigen zudem, dass eine Fettreduktion zu einem verstärkten 24 Stunden-Leptin-Signal führt und somit das Hungergefühl dämpft. Gleichzeitig vermindert sich durch die Kalorienrestriktion die Freisetzung des Hungerhormons Ghrelin [Wei 2003].

Grenzen:

  • Diverse Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäuren sind essenziell für den Körper. Die Zufuhr dieser muss folglich gewährleistet sein.
  • Die Resorption fettlöslicher Vitamine ist eng an die Fettverdauung gebunden und erfordert eine ausreichende Mizellenbildung im Darm, welche die Anwesenheit von Fetten erfordert.
  • Gleichzeitig ist Fett ein wichtiger Geschmacksträger. Eine übertriebene Einschränkung von Fett in der Nahrung ist oft mit einem Verlust an Schmackhaftigkeit verbunden, der bei vielen Abnehmwilligen die Motivation und das Durchhaltevermögen für eine solche Diät trübt.
  • Nicht zu vergessen bleibt, dass Fett die Verdauung und folglich die Resorption von Kohlenhydraten verlangsamt. Ein Austausch von Fett gegen gut resorbierbare Kohlenhydrate begünstigt folglich einen raschen Blutzuckeranstieg.

Umsetzungstipps:

  • Ziel: Gewichtsabnahme und Gewichtsstabilisierung
  • Beschränken der Gesamtfettzufuhr auf etwa 60-80 g täglich
  • ggf. Modifikation der Fettzufuhr (z. B. Austausch gesättigter gegen ungesättigte Fettsäuren)

Vergleich fettarmer und kohlenhydratarmer Diäten bezüglich der Gewichtsreduktion: Low-Carb-Diäten führen in den ersten 6 Monaten häufig zu einem respektablen Gewichtsverlust gegenüber Low-Fat-Diäten, der sich beim Vergleich nach 12 Monaten allerdings relativiert [Hes 2009] Ein Vergleich der Atkins-Diät (stark kohlenhydratreduziert), der Zone-Diät (nährstoffbalanciert), von Weight Watchers (energiereduziert) und der Ornish-Diät (fettreduziert, vegetarisch) ergab sowohl in Bezug auf eine Gewichtsreduktion als auch im Hinblick auf verschiedene kardiovaskuläre Risikofaktoren keinen nennenswerten Unterschied nach einem Jahr Beobachtungszeitraum [Dan 2005]. Fett- wie auch kohlenhydratarme Diätformen sind folglich gleich gut geeignet, um Gewicht zu verlieren. Dies bezieht sich allerdings nur auf die Gewichtsentwicklung, nicht auf mögliche Auswirkungen auf den Gesamtstoffwechsel.

Formula-Diät

Ist aus medizinischen Gründen ein rascher Gewichtsverlust notwendig, können für einen begrenzten Zeitraum auch eine oder mehrere Mahlzeiten durch Formula-Produkte ersetzt werden. Derartige Produkte unterliegen den Richtlinien der Diätverordnung und müssen eine Nährstoffzusammensetzung aufweisen, unter der es für mindestens 12 Wochen zu keinen nennenswerten Nährstoffdefiziten kommen kann. Eine Formula-Diät wird bis zu einer Dauer von 3 Monaten durchgeführt.

Effekte:

  • Bei Einhaltung der veranschlagten Formulamenge bietet diese Diätform den Vorteil einer konstanten Kalorienrestriktion bei ausreichender Nährstoffzufuhr, die nicht in Abhängigkeit der Lebensmittelauswahl des Patienten schwankt.
  • Diese ist daher unter anderem für Patienten geeignet, die aller Voraussicht nach Probleme bei der Auswahl energiearmer, nährstoffreicher Lebensmittel haben werden.

Grenzen:

  • Zu beachten ist allerdings, dass eine Formula-Diät kein alleinstehendes Mittel zur nutritiven Adipositastherapie ist, sondern allenfalls als Einstieg in eine umfassende Begleitung anzusehen ist. Wie bei jeder anderen Diätmaßnahme kann der erzielte Gewichtsverlust nur stabilisiert oder weiter vorangetrieben werden, wenn gleichzeitig eine Schulung des Patienten zur anschließenden Ernährungsumstellung erfolgt.

Umsetzungstipps:

  • Ziel: Gewichtsabnahme
  • Begrenzen der Energiezufuhr auf 800-1.200 kcal täglich für maximal 12 Wochen
  • nur für Patienten/Klienten mit BMI>30 mit kurzfristig angestrebtem Gewichtsverlust (oft initiale Therapie)
  • Formula-Produkt enthält alle essenziellen Nährstoffe in bedarfsdeckenden Mengen; Achten auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Begleitung durch einen Arzt wird empfohlen (engmaschige Kontrolle)
  • als Mahlzeitenersatz oder alleinige Ernährung möglich

Proteinreiche Diäten

Eiweißreiche Diätformen zeichnen sich durch eine Eiweißzufuhr aus, die etwa 25-30 Energie-% der Gesamtenergiezufuhr ausmacht. Dabei resultiert die Verschiebung des Makronährstoffverhältnisse in erster Linie aus einer Reduktion an Fetten und Kohlenhydraten in der Ernährung, wodurch sich die Gesamtkalorienaufnahme verringert. Die absolute Eiweißzufuhr verändert sich gegenüber einer durchschnittlichen Ernährung (mit 10-15 Energie-% Eiweiß) nicht wesentlich und beträgt weiterhin etwa 0,8-1,2 g pro kg Körpergewicht. Eiweißexzesse sind, wie von Kritikern befürchtet, unwahrscheinlich.

Effekte:

  • Eiweißreiche Nahrungsmittel tragen zu einer hohen und langanhaltenden Sättigung bei, wodurch sich die Nahrungs- und folglich die Energieaufnahme reduziert.
  • Eiweiß trägt stark zur postprandialen Thermogenese bei. Folglich wird ein Teil der zugeführten Kalorien in Wärme umgewandelt.
  • Die ausreichende Zufuhr an Eiweiß trägt zudem zum Erhalt der Muskelmasse bei, wodurch kaum ein Verlust an stoffwechselaktiver Masse eintritt und die erneute Gewichtszunahme weitgehend unterbunden wird.
  • Untersuchungen über kürzere Zeiträume belegen, dass eine Erhöhung des Eiweißanteils an der Gesamtenergiezufuhr zu einem stärkeren Sättigungsgefühl führt. Innerhalb von 6 Monaten verloren die Teilnehmer einer 25 %-Eiweiß-Gruppe durchschnittlich 3,5 kg mehr Körpergewicht als die 12 %-Eiweiß-Gruppe [Due 2004].
  • Diätformen mit einer Eiweißzufuhr unterhalb des Bedarfs, wie es insbesondere bei den sogenannten Crash-Diäten häufig der Fall ist, führen im Gegensatz hierzu im Anschluss zu einer raschen Gewichtszunahme (Jojo-Effekt). Für eine nachhaltige Gewichtsreduktion sollte unabhängig von der gewählten Diätform die allgemein empfohlene Eiweißzufuhr (0,8 g pro kg Körpergewicht) nicht unterschritten werden.

Grenzen:

  • Patienten mit Metabolischem Syndrom und insbesondere mit Diabetes mellitus neigen mit anhaltendem Krankheitsverlauf zu Veränderungen der glomerulären Filtrationsleistung. Die diabetische Nephropathie ist eine typische Spätkomplikation bei langanhaltendem und schlecht therapiertem Diabetes mellitus. Eine erhöhte Eiweißzufuhr kann unter Umständen die Progression einer subklinischen Nierenfunktionsstörung vorantreiben und zum Nierenversagen sowie zu einer damit verbundenen Hypertonie beitragen. Vor dem Start einer eiweißreichen Diät sowie im Verlauf einer längerfristigen Therapie sollten folglich der Harnstoffwert, der Kreatininwert und die glomeruläre Filtrationsrate kontrolliert werden.
  • Bei nierengesunden Personen konnten bislang keine negativen Auswirkungen eines erhöhten Eiweißkonsums auf die Nierenfunktion beobachtet werden [Wes 2009].

Umsetzungstipps:

  • siehe energiereduzierte sowie kohlenhydratreduzierte Kost

Einfluss des Eiweißanteils auf die Effektivität von Low-Carb-Diäten: Low-Carb-Diäten erwiesen sich in verschiedenen Studien und in der Praxis als effektives Mittel zur Gewichtsreduktion. Der Großteil dieser Diätformen zeichnet sich neben einem höheren Fettanteil auch in einer erhöhten Eiweißzufuhr aus. Studien mit unterschiedlichen Nährstoffrelationen belegen, dass der gewichtsreduzierende Effekt von Low-Carb-Diäten insbesondere auch aus dem erhöhten Eiweißanteil resultiert [Wes 2012].

veränderte Lebensmittelauswahl

In einigen Fällen kann bereits eine veränderte Nahrungsmittelauswahl zur gewünschten Gewichtsreduktion führen. Hierzu zählen beispielsweise Patienten, die aufgrund einer ungünstigen Ernährungsweise bereits Übergewicht vorweisen, allerdings noch keine Begleiterscheinungen wie Bluthochdruck oder erhöhte Blutzuckerwerte zeigen. Gerade übergewichtige Menschen, die ihren Alltag zwar aktiv gestalten, aber durch ihre Ernährungsgewohnheiten dennoch eine positive Energiebilanz aufweisen, haben gute Chancen, allein durch eine veränderte Lebensmittelauswahl abzunehmen.

Umsetzungstipps:

  • Eine Ernährungsanalyse sowie gezielte Fragen zum Ernährungsverhalten lassen Mängel in den Essgewohnheiten erkennen. Besonders Personen, die oft zu hochverarbeiteten Produkten, Fertiggerichten, Instantgerichten, Süßigkeiten, süßen Backwaren und energiereichen Gerichten an Imbissständen, in Kantinen und Fast-Food-Restaurants greifen, tendieren zu einer über den Bedarf hinausgehenden Energieaufnahme.
  • Grundlegendes Wissen über Nahrungsmittel und deren Zusammensetzung zu vermitteln, kann an dieser Stelle bereits zu einem deutlich verbesserten Ernährungsverhalten beitragen. Dabei sollte neben den Unterschieden zwischen den einzelnen Nahrungsmittelgruppen auch auf Besonderheiten durch den Verarbeitungsgrad aufmerksam gemacht werden.

optimales Mahlzeiten-management

Im Zusammenhang mit kohlenhydratreduzierten Diäten wird oft auch die Empfehlung zu möglichst großen zeitlichen Abständen zwischen den Mahlzeiten gegeben.

Effekte:

  • Nach dem Abflachen der nahrungsinduzierten Insulinfreisetzung steht dem Körper möglichst viel Zeit für die Fettverbrennung zur Verfügung.
  • Auf dieser Grundlage wird speziell auf den Verzicht kohlenhydratreicher Nahrungsmittel am Abend empfohlen, um die abendliche und nächtliche Insulinfreisetzung auf einem angemessen niedrigen Niveau zu halten und die Fettverbrennung während dieser Zeit zu unterstützen.

Umsetzungstipps:

  • In der Regel sind 3 Mahlzeiten mit etwa 5 Stunden Zeitabstand vorgesehen.

die richtigen Mengen und Portionen

Kleinere Mengen und Portionen bei gleichzeitig vielen Mahlzeiten schmälern die Kalorienzufuhr und unterstützen auf diese Weise die Gewichtsabnahme.

verbessertes Ernährungs-verhalten

Gewohnheiten, Glaubenssätze oder auch ein negatives Selbstbild führen zu unerwünschten Verhaltensweisen. Ein Aufbrechen dieser ist langwierig, dafür aber besonders erfolgversprechend. Über verschiedene Coachingmethoden lässt sich das Ernährungsverhalten analysieren, bewusst machen und im nächsten Schritt verändern.

Aneignen von Kenntnissen

Erfolgsversprechend ist das Vermitteln von Grundlagenwissen über die ernährungsphysiologische Qualität der verschiedenen Nahrungsmittelgruppen und den verschiedenen Verarbeitungsgraden. Auch wenn dieses Vorgehen zeitaufwendig ist, so trägt es doch zu einem hohen Maße zu einem verbesserten Ernährungsbewusstsein bei. Im Gegensatz zum reinen Kalorienzählen, bei dem der Fokus lediglich auf der zugeführten Energie liegt, lernt der Patient auf diesem Weg, seine Nahrungsmittel auch nach Nährwert und gesundheitlichem Nutzen einzuordnen.

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