Anthropometrie: Körpergewicht, Bauchumfang und Co

Die Anthropometrie umfasst Messmethoden zur Erhebung von Körpermaßen wie Körpergröße, Körpergewicht und Taillenumfang sowie deren Einordnung und Interpretation. Die Körpermaße spielen eine wichtige Rolle im Ernährungsassessment.

Ziele und Zweck

Ziel der Erhebung von anthropometrischen Maßen (Körpermaßen) in der Ernährungsmedizin und -therapie ist eine einfache und schnelle Beurteilung des Ernährungszustandes bzw. -status.

Wichtige Fragestellungen in der Ernährungsberatung und -therapie:

  • Welche Messungen sind im Hinblick auf das Krankheitsbild bzw. Komorbiditäten sinnvoll? Welche nicht? (Einschränkungen z. B. bei Osteoporose, Amputation)
  • Welche Messungen sind unter Einbezug der Klinik sinnvoll? Welche nicht? (Einschränkungen z. B. bei Aszites, gestörtem Flüssigkeitshaushalt)
  • Welche anthropometrischen Daten müssen erhoben werden?
  • Sind weitere anthropometrische Daten erforderlich?
  • Welche anthropometrischen Daten können als Anzeichen/Symptome (Indikatoren) für die Verlaufskontrolle und Beurteilung sinnvoll sein?

Körpergröße

Methode: Die Körpergröße (in cm, m) wird – vorzugsweise morgens – aufrecht stehend gemessen.

Benötigte Geräte: Personenmessgerät (Maßband, Längenmessgerät, Messstation etc.)

Zweck: Die Körpergröße ist fester Bestandteil von Berechnungen und Screening-Instrumenten zur Beurteilung des Körpergewichts und einiger Umfangmaße und damit beispielsweise auch der Fettverteilung.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • einfache Erhebung möglich
  • bei vielen Krankheitsbildern sowie für Gesunde anwendbar

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • eingeschränkte Anwendbarkeit bei Osteoporose, Wirbelsäulendeformitäten oder Rückenmarksverletzungen
  • bei bettlägerigen oder alten Patienten, die nicht gerade stehen können, werden indirekte Methoden (z. B. Demispan, halbe Armspanne, Kniehöhe) verwendet

Körpergewicht

Methode: Das Körpergewicht (in kg) wird morgens, nüchtern, leicht bekleidet ohne Schuhe gewogen.

Benötigte Geräte: kalibrierte Körperwaage

Zweck: Beurteilen des Körpergewichts und Einschätzen des Ernährungszustandes

Vorteile und Anwendbarkeit

  • einfache Erhebung möglich
  • ideal als Verlaufsindikator für Gewichtsverlauf bei Über- und Untergewicht

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • bei gestörtem Flüssigkeitshaushalt (Nierenversagen, Ödeme) ist genaue Beurteilung nicht möglich
  • bei Personen mit Amputation eines Körperteils wird Gewicht anhand anerkannter Berechnungen geschätzt
  • bei Schwangeren nicht geeignet (nur als Verlaufsindikator für Gewichtszunahme während Schwangerschaft)

Gewichtsverlauf

Methode: Erheben des Gewichtsverlaufs der letzten 3-6 Monate

Benötigte Geräte: für visuelle Darstellung Diagramm Gewichtsverlauf

Zweck: Beurteilen unerwünschter Gewichtsabnahme oder -zunahme. Eine Gewichtsabnahme von >10 % innerhalb von 3 Monaten deutet beispielsweise auf eine schwere Mangelernährung.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • visuelle Darstellung des Gewichtsverlaufs
  • auch Berechnung ungewollter Gewichtsverlust möglich: ungewollter Gewichtsverlust (%) = aktuelles Gewicht / Gewicht vor 3 Monaten * 100
  • bei Gewichtsverlust valider Parameter bei verschiedenen Krankheiten (Tumorkrankheiten, konsumierende und chronische Krankheiten)

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • erfordert unter Umständen gutes Erinnerungsvermögen des Patienten/Klienten

Body Mass Index, BMI

Methode: Der BMI wird aus Körpergewicht und Körpergröße berechnet: BMI = Körpergewicht (in kg) / Körpergröße (m)²

Benötigte Geräte: Taschenrechner

Zweck: Kenngröße zur Beurteilung und Klassifizierung der Adipositas, Indikator zur Einschätzung des gewichtsbezogenen Ernährungszustandes und der Fettmasse. Der BMI ist der am häufigsten verwendete Indikator zur Beurteilung der Körpermasse. Anhand des BMI lässt sich das Gewicht eines Menschen grob in Unter-, Normal- und Übergewicht einteilen. Der Bereich des Normalgewichts (Ideal- bzw. wünschenswertes Gewicht) ist als der Gewichtsbereich definiert, mit dem die geringste Sterblichkeit und höchste Lebenserwartung einhergeht. Diese Einstufung ist aus wissenschaftlicher Sicht jedoch durchaus strittig [Len 2009].

Beurteilung

Einflussgrößen

Alter

Mit zunehmendem Alter verschiebt sich der BMI nach oben. Dies wird in den Diagnosekriterien für Übergewicht und Adipositas derzeit noch nicht berücksichtigt. Bei Senioren ist jedoch ein BMI zwischen 24 und 29 mit der geringsten Sterblichkeit assoziiert [Ben 1999] [Len 2009].

Körpergröße

Der BMI hat eine gute Aussagekraft bei einer durchschnittlichen Größe von 170 cm. Starke Abweichungen hiervon führen häufig zu einer fehlerhaften Interpretation. So wird der BMI bei Menschen unter 155 cm oft zu hoch und bei Personen über 190 cm häufig zu niedrig bewertet.

Ethnische Zugehörigkeit

Die zur Einteilung der BMI-Kategorien und Abschätzung des Krankheitsrisikos herangezogenen Studien schlossen in erster Linie Menschen europiden Typs ein. Unterschiede in der Statur, der Körperzusammensetzung und im Stoffwechsel erschweren die Übertragbarkeit der Grenzwerte auf andere ethnische Bevölkerungsgruppen. Besonders bei Asiaten, die eine durchschnittlich kleinere und schmalere Statur aufweisen, ist das kardiovaskuläre Risiko bereits bei BMI-Werten erhöht, die hierzulande als normal gelten. Hier wird der Normalgewichtsbereich mit 18,5-23 kg/m² angegeben, während das Risiko bei 23-27,5 kg/m² bereits leicht erhöht und ab 27,5 kg/m² deutlich erhöht ist [WHO 2004].

Körper-zusammen-setzung

Der BMI geht von einer durchschnittlichen Körperzusammensetzung aus und setzt bei Erhöhung eine Zunahme der Fettmasse voraus. Lebensumstände, die mit einer Vergrößerung anderer Gewebetypen wie etwa der Muskelmasse einhergehen, führen folglich zu einer falschen Beurteilung. Der BMI ist beispielsweise nicht gut anwendbar auf Sportler, Bodybuilder, Schwerstarbeiter, Schwangere und Stillende.

Fettverteilung

Der BMI ist allein kein aussagekräftiger Indikator für das Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko, da die Fettverteilung nicht beurteilt wird. Das höchste Risiko geht vom viszeralen Bauchfett aus. Das subkutane Fettgewebe an Hüften und Gesäß hat aufgrund der geringen Stoffwechselaktivität kaum metabolische Auswirkungen.

Abgrenzung zu Normgewicht und Idealgewicht

Die Verwendung des BMI hat sich in der Ernährungsbeurteilung gegenüber den Indikatoren

  • Normgewicht = Broca-Index = Körpergröße (in cm) – 100)
  • Idealgewicht = Normgewicht – 5 bis – 10 % bei Männern und – 10 bis – 15 % bei Frauen

weitgehend durchgesetzt und gilt heute als Standardparameter [Hei 1990].

Vorteile und Anwendbarkeit

  • einfache Berechnung möglich
  • standardisierter Wert in Wissenschaft und Praxis
  • gute Groborientierung zur Einschätzung von Normal-, Unter- oder Übergewicht
  • liefert gute Ergebnisse für durchschnittliche Körpergröße von 170 cm

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • Grenzwerte unterscheiden sich nach kultureller Identität/ Herkunft und Alter (Zunahme Fettmasse)
  • bedingt geeignet bei Adipositas (Mangelernährung möglich)
  • bei gestörtem Flüssigkeitshaushalt (Intensivpatienten, Ödeme, Aszites) ist eine genaue Beurteilung des Körpergewichts nicht möglich
  • muskulöse Personen (z. B. Bodybuilder) mit hohem Körpergewicht werden fälschlicherweise als übergewichtig und/oder fettleibig klassifiziert
  • bei Verlust von Muskelmasse (z. B. Alter, Validität) wird die Fettmasse unterschätzt
  • bei Personen nach Amputation eines Körperteils wird BMI anhand des geschätzten Gewichts und der Größe berechnet

Berechnung online

(c) www.BMI-Rechner.biz


Körperumfang

Taillenumfang

Methode: Der Taillenumfang (umgangssprachlich auch Bauchumfang) wird morgens (aufrecht stehend, unbekleidet, Bauchmuskeln entspannen, ausatmen) auf Höhe des Bauchnabels/ Beckenkamms gemessen.

Benötigte Geräte: Maßband

Zweck: Angaben zum Körperumfang werden zur Körperfettverteilung und damit zur Beurteilung/Abschätzung des kardiovaskulären Erkrankungsrisikos herangezogen.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • einfache Messung mit Maßband möglich

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • Grenzwerte des Taillenumfangs werden von Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit beeinflusst
  • Orientierungspunkt bei Normalgewichtigen ist die schmalste Stelle der Taille
  • bei schwerem Übergewicht dient Beckenkamm als Orientierungspunkt
  • bei einem BMI >35 ist Messung wenig aussagekräftig
  • Körpergröße bleibt für Beurteilung unberücksichtigt

Waist-to-Height-Ratio (WHtR)

Methode: Der Waist-to-Height-Ratio (WHtR) wird aus dem Verhältnis des Taillenumfangs (cm) zur Körpergröße (cm) berechnet.

Benötigte Geräte: Maßband (Taillenumfang), Taschenrechner

Zweck: Die Angaben dienen zur Einschätzung der viszeralen Körperfettmasse und damit zur Beurteilung/Abschätzung des kardiovaskulären Erkrankungsrisikos. Es handelt sich um eine sehr aussagekräftige Methode, um die abdominale Fettleibigkeit sowie das damit verbundene kardiometabolische Risiko abzubilden [ASH 2012].

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist eher klein und wird in der Praxis oftmals auch nicht unterschieden. Das Alter wirkt sich hingegen deutlich aus. Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren verschieben sich die Werte für die dargestellten Gewichtskategorien jährlich um jeweils ein Hundertstel (+0,01) nach oben. Die Statur wird in dieser Zeit infolge der Hormonumstellung auf natürliche Weise korpulenter.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • leicht zu berechnen
  • berücksichtigt Körpergröße

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • liefert bei sehr kleinen oder sehr großen Menschen unter Umständen ungenaue Ergebnisse
  • Alter wird in Berechnung nicht berücksichtigt

Waist-to-Hip-Ratio (WHR)

Methode: Der Waist-to-Hip-Ratio (WHR) wird aus dem Verhältnis des Taillenumfangs (cm) zum Hüftumfang (cm) berechnet.

Benötigte Geräte: Maßband (Taillenumfang, Hüftumfang), Taschenrechner

Zweck: Der WHR erlaubt eine Einteilung von abdomineller und peripherer Adipositas und damit dem Fettverteilungsmuster.

Bei der abdominellen Adipositas befindet sich das übermäßige Körperfett vorwiegend in der Bauchhöhle. Zum besseren bildlichen Verständnis wird diese Fettverteilung auch als „Apfeltyp“ bezeichnet. Die Vermehrung viszeraler Fettmassen ist ein entscheidender Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bei der peripheren Adipositas besteht eine Vermehrung der Fettmasse vorwiegend an Hüften, Gesäß und Oberschenkel im Bereich des Unterhautfettgewebes (Subkutis), weshalb hier der Ausdruck „Birnentyp“ verwendet wird. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist hier deutlich geringer.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • Fettverteilungsmuster erlaubt genauere Risikobeurteilung für koronare Herzerkrankungen bei bestehendem Übergewicht und Adipositas

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • Grenzwerte beruhen auf Studien an Menschen europiden Typs
  • aufgrund der unterschiedlichen Statur und Stoffwechselgegebenheiten dürften in anderen ethnischen Bevölkerungsgruppen andere Grenzwerte eine Rolle spielen (z. B. Bevölkerungsgruppen aus Asien, Afrika)

Oberarmumfang

Methode: Der Oberarmumfang (in cm) wird stehend am locker hängenden Arm auf halber Höhe zwischen Akromion (Schulterdach) und der Spitze des Ellbogens (Olekranon) durchgeführt.

Benötigte Geräte: Maßband

Zweck: Messung erlaubt eine grobe Abschätzung der Muskelmasse

Vorteile und Anwendbarkeit

  • preisgünstige und wenig aufwendige Erhebung

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • es existieren keine Referenzwerte für Deutschland

Oberarmmuskelumfang (OAM)

Methode: Der Oberarmmuskelumfang wird aus dem Oberarmumfang und der Trizepshautfaltendicke berechnet: Oberarmmuskelumfang (cm) = Oberarmumfang (cm) – [Trizepshautfalten (mm) x 0,314].

Benötigte Geräte: Caliper (Trizepshautfaltendicke), Maßband (Oberarmumfang), Taschenrechner

Zweck: Der OAM erlaubt eine grobe Abschätzung der Muskelmasse und somit indirekt der Eiweißreserven.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • preisgünstige und wenig aufwendige Erhebung

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • Messung ist Untersucher-abhängig und nur wenig reproduzierbar
  • Einflüsse durch unterschiedliche ethnische Herkunft möglich
  • erlaubt keine Aussage über kurzfristige Veränderung
  • hat sich im klinischen Alltag nicht durchgesetzt

Messung der Hautfaltendicken

Methode: Es werden Hautfaltendicken (in mm) an verschiedenen Körperstellen gemessen: subskapular (unterhalb des Schulterblatts), Bizeps und Trizeps oder auch suprailiakal.

Benötigte Geräte: Caliperzange

Zweck: Da annähernd 50 % des gesamten Depotfetts im subkutanen Fettgewebe lokalisiert sind, kann insbesondere die Trizepshautfaltendicke zur Beurteilung des Fettanteils bei Mangel-/Unterernährung herangezogen werden.

Vorteile und Anwendbarkeit

  • preisgünstige und wenig aufwendige Erhebung

Nachteile und eingeschränkte Anwendbarkeit

  • Subskapular (mm): Messung ist Untersucher-abhängig und nur wenig reproduzierbar
  • Bizeps (mm), Trizeps (mm): nur begrenzt Referenzdaten vorhanden
  • Suprailiakal (mm): keine Aussagen zu kurzfristigen Veränderungen möglich; bei gestörtem Flüssigkeitshaushalt und sehr adipösen bzw. muskulösen Personen ungenau
  • Einflüsse durch unterschiedliche ethnische Herkunft möglich
  • hat sich im klinischen Alltag nicht durchgesetzt

Anthropometrische Parameter: Anwendungshinweis

Die Erhebung der genannten Parameter sowie die daraus gewonnenen Ergebnisse sind immer in einen Gesamtkontext einzuordnen und nicht isoliert zu betrachten oder zu beurteilen:

  1. Um bestehendes Über- und Untergewicht richtig einordnen zu können, empfiehlt es sich in einem ersten Schritt, mehrere anthropometrische Parameter zu betrachten.
  2. Der Ernährungszustand zur Beurteilung des gesundheitlichen Risikos insgesamt wird in einem nächsten Schritt zudem durch eine umfassende Anamnese sowie Indikatoren aus Labordiagnostik und körperlichen Untersuchungen beurteilt.
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