Tabuthema Blähungen – ein Überblick (Teil 1)

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

 

Eigentlich kennt es jeder. Darüber sprechen aber mag kaum einer. Die Rede ist von unliebsamen Blähungen, die bei dem einen öfter, bei dem anderen seltener auftreten. Mitunter bläht sich der Bauch furchtbar auf. Und wer versucht, die entweichenden Gase zu unterdrücken, muss etwaige Krämpfe und Schmerzen in Kauf nehmen. Dabei sollten wir wohl alle etwas entspannter damit umgehen – sprichwörtlich. Zudem lassen sich die lästigen Winde mit geeigneten Mitteln und Verhaltensweisen deutlich vermindern.

Blähungen, Blähbauch und Meteorismus werden unterschiedlich definiert

Unter Blähungen (medizinisch: Flatulenzen) werden zumeist entweichende Gase aus dem Darm verstanden. Häufig sind diese mit einem aufgeblähten Bauch verbunden, wobei das Empfinden des Blähbauchs sehr subjektiv ist. Bei dieser sogenannten Blähsucht sammeln sich Gase im Bauchraum an, wodurch sich die Bauchdecke mehr oder weniger stark anhebt. Die Blähsucht bezeichnen die Mediziner auch als Meteorismus, wobei hier zwischen der Luftansammlung in Magen und Darm (Meteorismus intestinalis) und in der freien Bauchhöhle (Meteorismus peritonealis) unterschieden wird. Blähungen und Blähbauch können getrennt voneinander auftreten und unterschiedliche Ursachen haben. Vom Blähbauch abzugrenzen ist auch das Luftschlucken (Aerophagie).

Etwa jeder fünfte Erwachsene hat gelegentlich Flatulenzen – besonders häufig Personen mit einem Reizdarm, von dem in Deutschland etwa 15 Millionen Menschen betroffen sind. Bei Patienten mit funktionellen Magen-Darmerkrankungen sind Blähungen das häufigste Symptom [San 2000].

Wann sind Blähungen unbedenklich, wann krankhaft?

Dass sich Gase im Darm bilden, ist völlig normal. Stress, Ernährung, Erkrankungen, Medikamente und Bewegungsverhalten sind verantwortlich für die unliebsamen Winde. Diese verursachen in der Regel keine Probleme, weil ein Großteil unbemerkt entweicht. Ein kleiner Teil gelangt ins Blut und von dort aus zur Lunge, wo die Gase abgeatmet werden. Für die sogenannte postprandiale Gas-Clearance wurden sowohl fördernde als auch hemmende Faktoren beschrieben [Har 2004]. Bei Gesunden ist der Darm in nüchternem Zustand in der Regel fähig, relativ große Mengen von Gas zu transportieren. Auf diese Weise verlassen täglich zwischen 200 und 2.000 ml Gas unseren Darm [Har 2005]. Und es soll sogar eine Faustregel geben: Wenn bis zu 24 Mal pro Tag Darmwinde abgehen, gilt dies als normal. Unserer Ansicht nach ist diese Faustregel jedoch wenig praktikabel, sind Blähungen und Blähbauch doch zum einen sehr subjektiv und zum anderen schlecht “zählbar”, wenn ein Großteil unbemerkt entweicht.

Eines jedoch lässt sich klar sagen. Entstehen zu viele Gase, entsteht ein – mitunter schmerzhafter – Blähbauch. Die Gase versuchen nach oben (in Form von Aufstoßen) oder nach unten (in Form von Blähungen) zu entweichen. Gleichzeitig treten akustische Signale wie Gluckern, Blubbern und Rumoren auf. Je nach Intensität, Geruch und Häufigkeit kann dies auch krankhaft bedingt sein.

Ursachen sind vielfältig

Die Blähungen verursachenden Gase bestehen zu einem Großteil aus Stickstoff und einem geringen Anteil an Sauerstoff sowie aus variierenden Mengen an Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan. Diese Gase sind eher geruchlos. Übelriechende Blähungen hingegen enthalten mitunter Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Dimethylsulfid, Methanthiol sowie flüchtige (=gasförmige) Fettsäuren wie Buttersäure oder Propionsäure. Diese Substanzen entstehen zum Beispiel beim Abbau von Aminosäuren, also Eiweißen. Die Zusammensetzung der Darmgase wird aber auch durch die Darmflora beeinflusst.

Die Ursachen sind vielfältig. Physiologisch gesehen kommen ein steigendes Volumen des Darminhalts, eine verminderte Aktivität der Bauchwandmuskulatur (Bauchwandtonus), eine erhöhte Gasproduktion durch Darmbakterien, ein verminderter Abtransport der Gase über das Blut sowie eine Hypersensibilität des Abdomens in Betracht. Entgegen bisheriger Annahmen konnten Störungen der Darmbewegungen bislang nicht als ursächliche Faktoren identifiziert werden. Der Bauchwandtonus hingegen nimmt laut Untersuchungen bei der Genese von Blähungen eine entscheidende Rolle ein.

Als Auslöser gelten bestimmte Lebensmittel, Erkrankungen und Medikamente. Auch vermehrtes Luftschlucken, zum Beispiel bei Rauchern, kann zu einer Volumenzunahme des Magen- und Darminhalts führen. Als Risikofaktoren gelten zudem Bewegungsmangel und eine schwach ausgeprägte Bauchmuskulatur. Da das subjektive Empfinden beim Blähbauch eine große Rolle spielt, werden auch eine schnelle Zunahme von Bauchfett sowie Wassereinlagerungen in der Bauchhöhle als Risikofaktoren definiert.

Magen, Darm und Pankreas Tabuthema Blähungen - ein Überblick (Teil 1)

In den meisten Fällen sind Lebensmittel die unmittelbaren Auslöser. Es gibt typisch blähende Gemüsesorten wie verschiedene Kohlarten, Hülsenfrüchte und Zwiebelgewächse. Auch Eier, unreifes Obst sowie Brot- und Backwaren gelten als blähend. Wer in kurzer Zeit viele Ballaststoffe isst, ist ebenfalls einem hohen Blähpotenzial ausgesetzt – vor allem dann, wenn der Darm die vielen Ballaststoffe nicht gewohnt ist. Ebenso gelten kohlensäurehaltige Getränke als Mitverursacher. Selbst der Kaloriengehalt der Speisen beeinflusst die intestinale Gasbildung [Har 2005]. Allerdings sind die verfügbaren Listen aus dem Internet und aus Büchern mehr als unterschiedlich, sodass wir hier von großen individuellen Unterschieden ausgehen können. Wir empfehlen bei starken Beschwerden das Führen eines Ernährungs-Symptom-Tagebuchs, um die individuelle Verträglichkeit einzelner Lebensmittel herauszufinden. Zudem treten Blähungen bei verschiedenen Allergien und Unverträglichkeiten verstärkt auf.

Ein weiterer Grund für häufig auftretende Beschwerden ist Stress. Aufregung, Zeitdruck und psychische Belastungen sowie damit häufig verbundene Verhaltensweisen wie hastiges Essen, Reden beim Essen und damit verbunden das vermehrte Schlucken von Luft bedingen ihrerseits die verstärkte Bildung von Blähungen und einem Blähbauch. Dabei scheint auch das persönliche Nervenkostüm eine Rolle zu spielen.

Schon gewusst? Wir verschlucken etwas 2,5 Liter Luft am Tag. Im Darm entstehen vermutlich nur etwa 30 bis 200 ml Gas [Lev 1970].

Frauen leiden in der Schwangerschaft häufiger unter Blähungen. Zudem sorgt bei einigen das prämenstruelle Syndrom (PMS) für stärkere Beschwerden und einen krampfenden Blähbauch. Die Ursachen hierfür sind noch nicht vollständig geklärt. Vermutlich nehmen hormonelle und psychosoziale Faktoren Einfluss.

Während Blähungen durch die bewusste Auswahl von Lebensmitteln und die Reduktion von Stress selbst entgegengewirkt werden kann, sind Erkrankungen als Ursache nicht so leicht zu bändigen. Vor allem bei Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom sind Blähungen das häufigste Symptom und verschlimmern das subjektive Empfinden der Erkrankung zusätzlich. Auch Schmerzen werden dadurch verstärkt. Neben Darmerkrankungen können auch Erkrankungen anderer Verdauungsorgane und Organe des Bauchraums wie der Speiseröhre, der Leber oder der Bauchspeicheldrüse die Ursache für Blähungen sein. Viele Diabetespatienten wiederum entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung Nervenschäden (Neuropathien). Diese können die Darmnerven betreffen und so Blähungen fördern. Bei einigen Erkrankungen ist zudem der Abtransport der Gase über das Blut gestört, was Flatulenzen begünstigt.

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Zusätzlich kommen verschiedene Medikamente wie Antidiabetika, Antibiotika, Entzündungshemmer, Schmerzmittel oder Abführmittel und Diätpillen aus Auslöser in Betracht. Und in selteneren Fällen treten starke Blähungen ohne erkennbare Ursache auf. Mediziner sprechen dann von funktioneller Flatulenz.

Unverträglichkeiten, die mit Blähungen einhergehen können

  • Laktoseintoleranz
  • Fruktoseintoleranz/ -malabsorption
  • Weizensensitivität
  • Zöliakie
  • Histaminintoleranz

Darmerkrankungen, die mit Blähungen einhergehen können

  • bakterielle Fehlbesiedelung des Darms
  • Morbus Crohn
  • Colitis ulcerosa
  • akute Darmentzündungen
  • Zöliakie (Glutenunverträglichkeit)
  • akute Magen-Darm-Erkrankungen, z.B. Magen-Darm-Infekte mit Viren, Bakterien, Pilzen oder Hefen, seltener Parasiten
  • Divertikulose
  • Divertikulitis
  • Darmverengung (Stenose)
  • Zwölffingerdarmgeschwür
  • Kurzdarmsyndrom
  • verlängerter und ungewöhnlich gewundener Dickdarm
  • gestörte Darmbeweglichkeit
  • Verlust der muskulären Spannung des Darms (Darmatonie)

Erkrankungen der Bauchorgane, die mit Blähungen einhergehen können

  • Refluxkrankheit, auch nach einer operativen Reflux-Therapie (Fundoplicatio)
  • Gallensteine (Cholelithiasis)
  • anhaltende Gallenblasenentzündung (chronische Cholezystitis)
  • Magengeschwür
  • mangelnde Bildung von Verdauungsenzymen in der Bauchspeicheldrüse (exokrine Pankreasinsuffizienz)
  • chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis)
  • Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) und andere Krebserkrankungen im Bauchraum

Weitere Erkrankungen, die mit Blähungen einhergehen können

  • Erkrankungen, bei denen eine Ernährungssonde zum Einsatz kommt
  • portale Hypertonie
  • Rechtsherzinsuffizienz

Normalerweise verschwinden die Symptome ohne weitere Begleitsymptome von allein. In wenigen Fällen – meist bei Darmerkrankungen als Ursache – kann es in Anhängigkeit der Schwere zu weiteren Symptomen wie Aufstoßen, Bauchschmerzen, Bauchkrämpfen, Übelkeit und Appetitlosigkeit sowie Durchfall oder Verstopfung kommen. Wer versucht, den Abgang von Darmgasen zu verhindern, kann im Extremfall mit Schmerzen konfrontiert werden, die sich wie ein Herzinfarkt anfühlen (Brustschmerzen, Atemnot, Schwindel).

Sorgfältige Diagnostik und Offenheit der Patienten wichtig

Während gelegentlich auftretende Blähungen durchaus als normal angesehen werden können, gibt es in wenigen Fällen auch medizinische Ursachen, die behandelt werden sollten. Daher kommt einer sorgfältigen Diagnostik, die das Normale nicht krankhaft macht und das Krankhafte nicht als normal verschleiert, ein großer Stellenwert zu. Da es sich um ein großes Tabuthema handelt, ist die Offenheit der Betroffenen gegenüber ihrem Arzt oder Therapeuten mindestens genauso wichtig.

Bevor Untersuchungen gemacht werden, gibt eine ausführliche Anamnese bereits wichtige Hinweise auf Ursachen, Intensität und mögliche Folgen der Beschwerden.

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Folgende Aspekte sollten Bestandteil der Anamnese sein

  • Familienanamnese: häufiges Auftreten von Magen-Darmerkrankungen in der Familie
  • Symptomanamnese: Häufigkeit Auftreten eines Blähbauches; Häufigkeit und Geruch Blähungen, Schmerzen, Gewichtsverlust, Beschwerden nach dem Verzehr von Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Milchprodukten, Eiern, etc.
  • Erkrankungsanamnese: Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts (Gastritis, Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Divertikulose/ Divertikulitis, Reizdarmsyndrom, Verstopfung, Durchfall, Übelkeit, etc.), der Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse (inkl. Diabetes mellitus, Pankreatitis, Gastritis, Refluxkrankheit etc.)
  • Medikamentenanamnese (Antibiotika, Antidiabetika, Entzündungshemmer, Opioide, Lipidsenker, etc.)
  • Sozialanamnese: psychische Belastung in Beruf/ Familie

Der Arzt untersucht in aller Regel zuerst den Bauch auf Aufgeblähtheit, Bauchspannung, Magen- und Darmgeräusche, Bewegungsaktivität sowie Lufteinschluss mittels Abklopfen, Abtasten, Umfangmessen und/oder Ultraschall. Steht eine Erkrankung als Ursache in Verdacht, sind – je nach Symptomen – weiterführende Untersuchungen wie zum Beispiel die Analyse von Blut und Stuhl, Allergie- und Unverträglichkeitstests oder Magen-Darm-Spiegelungen nötig. Besonders schwierig ist die Feststellung eines Reizdarmes. Hierbei handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Erst wenn andere mögliche Erkrankungen ausgeschlossen wurden, ist die Diagnose möglich. Bis dahin ist es oft ein langer Leidensweg der Betroffenen.

Wie die Behandlungs- und Therapieoptionen bei Blähungen verschiedener Ursachen aussehen, erfahren Sie in unserem nächsten Artikel.

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2 thoughts on “Tabuthema Blähungen – ein Überblick (Teil 1)”

  1. Hallo zusammen,
    Ich habe Interesse zu einer Mitgliedschaft im fett.ev.
    Ich würde mich freuen, wenn sie mir dazu Informationsmaterial zusenden.

    Vielen Dank im Voraus.
    Mit freundlichen Grüßen
    Nicole Boche

  2. Hallo zusammen,
    Ich interessiere mich für eine Mitgliedschaft im fett.ev.
    Ich freue mich, wenn sie mir Informationen dazu zusenden.
    Vielen Dank im Voraus.

    Mit freundlichen Grüßen
    Nicole Boche

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