Ernährung bei Epilepsie

Wesentliches Ziel der Ernährungstherapie ist die Abschwächung auftretender Krampfanfälle. Dies ist jedoch nur bedingt erfolgreich. Welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, dass die Ernährungstherapie die Anzahl der Anfälle verringert, ist unbekannt.

Ketogene Diät

Entwicklung der diätischen Behandlung der Epilepsie

Die Idee, Epilepsie mit Hilfe einer speziellen Diät zu therapieren, kam bereits in der Antike auf. Frühe Aufzeichnungen des Arztes Hippokrates belegen dessen erfolgreichen Versuch, Epilepsiekranke durch strenges Fasten von ihren Anfällen zu befreien. In den 1920ern erfuhr diese Idee aufgrund mangelnder Antiepileptika eine Renaissance. Der amerikanische Arzt Conklin beispielsweise unterzog seine Patienten einer bis zu 25 Tagen anhaltenden Fastenkur und konnte bei 90% der unter 10-Jährigen eine Heilung erzielen. Die Erfolgsrate bis zum Erwachsenenalter lag immerhin noch bei 50%. Untersuchungen zum möglichen Wirkmechanismus des Fastens, führten Wissenschaftler zum Schluss, dass die beim Fasten durch Abbau von Körperfettreserven entstehenden Ketonkörper sich positiv auf die Krankheit auswirken würden. Ausgehend von dieser Schlussfolgerung entwickelte der amerikanische Arzt Russel Wilder eine ketogene Diät, welche durch Zufuhr hoher Fettmengen die Bildung von Ketonkörpern ermöglicht, ohne dass der Patient fasten muss. Diese klassische ketogene Diät sieht ein Verhältnis der Hauptnährstoffe von 4 Teilen Fett zu 1 Teil Kohlenhydrat und Eiweiß vor.

Während mit der Entwicklung neuer wirksamerer Antiepileptika die Ernährungstherapie kaum noch Anwendung fand, rückt die ketogene Diät als Behandlungsoption seit den 90ern wieder verstärkt in den Fokus der Forschung.

Prinzip der ketogenen Diät bei Epilepsie

Da nach wie vor angenommen wird, dass die im Hungerzustand gebildeten Ketonkörper für die positive Wirkung des Fastens verantwortlich sind, soll dieser Effekt mit Hilfe einer ketogenen Diät erreicht werden, ohne komplett auf Essen verzichten zu müssen.

Anders als bei der ketogenen Diät bei Krebserkrankungen, bei der lediglich die Kohlenhydratzufuhr beschränkt ist, sieht die klassische ketogene Diät bei Epilepsie ein strenges Nährstoffverhältnis von

Fett
:
Eiweiß + Kohlenhydrate
4 g
:
1 g
90% der Gesamtenergie
:
10% der Gesamtenergie

vor.

Indikation der ketogenen Diät

Eine ketogene Diät ist vor allem bei Epilepsiepatienten sinnvoll, die kaum auf Medikamente ansprechen und für einen operativen Eingriff nicht in Frage kommen. Besonders bei Epilepsieformen die im Säuglings- bzw. Kleinkindalter auftreten wie das West-Syndrom, das Dravet-Syndrom und das Doose-Syndrom ist eine solche Diät erwägenswert. Auf keinem Fall darf eine ketogene Diät bei genetischen Störungen der Fettverwertung bzw. bei Defekten in der Glukoseneubildung durchgeführt werden.

Voraussetzung für die Durchführung

Um einen therapeutischen Erfolg überhaupt erzielen zu können, muss die Diät streng und über einen längeren Zeitraum eingehalten werden. Dies setzt eine hohe Akzeptanz und ein intensives Mitwirken aller Beteiligten voraus. Der Patient selbst bzw. die Eltern müssen im Vorfeld genau über die Durchführung, den Nutzen und eventuelle Nebenwirkungen aufgeklärt werden.

Da eine ketogene Diät bei Epilepsie sehr strengen Kriterien folgt und die vorgegebenen Nährstoffverhältnisse möglichst bei jeder Mahlzeit eingehalten werden müssen, ist diese Therapieform nur in Begleitung einer auf diesem Gebiet erfahrenen Ernährungsfachkraft durchzuführen. Patienten sollten eine solche Epilepsiediät niemals auf eigene Faust und ohne fachmännischen Rat beginnen.

Hinweise zur Durchführung

(modifiziert nach der Leitlinie „Ketogene Diät“ der Gesellschaft für Neuropädiatrie)

  • die Einleitung der Diät erfolgt meist stationär (um Stoffwechselentgleisungen zu kontrollieren)
  • um das strenge Nährstoffverhältnis einzuhalten, sind (zumindest in der Anfangsphase) definierte Tagespläne einer erfahrenen Ernährungsfachkraft zu befolgen
  • Eiweiß- und Energiebedarf richten sich nach den allgemeinen Empfehlungen für das jeweilige Alter
  • bei kleinen Kleinkindern unter 2 Jahren ist ein Verhältnis von Fett: Kohlenhydraten und Eiweiß von 3:1, bei älteren von 4:1 ratsam; dieses muss bei jeder Mahlzeit eingehalten werden.
  • Vitamine und Mineralstoffe sind zu supplementieren (vorzugsweise über kohlenhydratfreie Präparate)
  • die Trinkmenge und Mahlzeitenfrequenz wird nach Bedarf gewählt
  • bei Verstopfung kann ein Teil der herkömmlichen (langkettigen) Fette durch spezielle MCT-Fette ersetzt werden
  • bei der Auswahl der Lebensmittel eignen sich verschiedene Pflanzenöle wie Raps-, Oliven, Walnussöl, Butter, hochwertige Margarine, fettreiche Milchprodukte ohne Zuckerzusatz und (in geringen Mengen) fettreiche Fleisch- und Fischprodukte sowie stärke- und zuckerarmes Gemüse
  • sollte innerhalb von 3 Monaten kein Erfolg (Anfallsreduktion von mindestens 50%) erkennbar sein, ist die Diät erfolglos
  • ein Diätabbruch sollte aufgrund drohender Stoffwechselentgleisungen langsam durch schrittweise Normalisierung des Nährstoffverhältnisses passieren

Nachteile der ketogenen Diät

Die Empfehlung, 90% der Gesamtenergie über Fett zu sich zu nehmen bedeutet eine starke Einschränkung in der Lebensmittelauswahl und ist teilweise mit ähnlich vielen Nebenwirkungen verbunden, wie eine medikamentöse Therapie. So kann es unter anderem zu Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, Hunger und Sodbrennen kommen [Nea 2008]. Bei Kleinkindern können zudem Wachstumsstörungen auftreten, so dass eine ausreichende ärztliche Beobachtung während der Diät erforderlich ist [Vin 2002]. Für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist eine derart strenge Diät zudem schwer einhaltbar, da dies eine starke Abweichung von bisherigen Essgewohnheiten und einen zusätzlichen Abstrich in der Lebensqualität bedeutet.

Alternative Diäten

Da die ketogene Diät schwer umsetzbar ist, wurden in den letzten Jahren andere fettreiche Diäten ausprobiert, die zu mindestens in Bezug auf den Eiweißanteil weniger restriktiv sind.

Modifizierte Atkins-Diät

Die nach dem US-amerikanischen Kardiologen Robert Atkins benannte Diät zeichnet sich durch einen hohen Fett- sowie Eiweißanteil und einen niedrigen Kohlenhydratgehalt aus. Dabei führt die ursprünglich zur Gewichtsreduktion entwickelte Diät ebenfalls zur Bildung von Ketonkörpern, ist allerdings im Vergleich zur ketogenen Epilepsiediät abwechslungsreicher, leichter im häuslichen Bereich durchführbar und erfordert weder Fasten, noch das Abwiegen bestimmter Lebensmittelrationen.

In einer prospektiven Studie an Erwachsenen, bei denen die Teilnehmer ermutigt wurden sich nach Bedarf fettreich zu ernähren und die Kohlenhydratzufuhr auf 15 g/ Tag zu beschränken, berichteten 47% von einer Abnahme der Anfallshäufigkeit um mehr als 50% innerhalb von drei Monaten. Zudem kam es bei den Teilnehmern zu einer Gewichtsabnahme, welche die Wirksamkeit der Diät auf die Epilepsie zusätzlich positiv zu beeinflussen schien. Nach Aussage der Autoren stellt sich der Erfolg der Atkins-Diät bereits nach kurzer Zeit ein, so dass diese Form der Ernährungstherapie für etwa zwei Monate probiert und bei Nichterfolg problemlos abgesetzt werden kann [Kos 2008]. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch die Autoren einer koreanischen [Kan 2007] und einer iranischen Studie [Ton 2010] bei Kindern.

Diät mit niedrigem glykämischen Index

Eine weitere Low-Carb-Diät die bei Epilepsiepatienten erprobt wurde ist eine Ernährung auf Basis des glykämischen Indexes. Auch hier führt die Wahl von Lebensmitteln mit einer geringen Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel zu einer Hohen Aufnahme von Fett sowie Eiweiß und zu einer niedrigen Zufuhr an Kohlenhydraten. Neben der größeren Lebensmittelauswahl sowie der leichteren Umsetzung im Kontrast zur ketogenen Epilepsiediät liegt der Vorteil dieser Ernährungsform eindeutig auf der nahezu uneingeschränkten Zufuhr an Gemüse. Eine Unterversorgung an bestimmten Vitaminen ist hier eher nicht zu erwarten.

Unter Auswahl von Lebensmitteln mit einem glykämischen Index von unter 50% kam es bei 10 von 20 Patienten zu einer Reduktion der Anfälle von über 90% [Pfe 2005]. In einer etwas größeren Studie an 76 Kindern zeigte eine Anfallsreduktion um mehr als 50% bei 42% nach einem Monat, bei 50% nach 3 Monaten und bei 66% nach einem Jahr [Muz 2009].

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  Fachinfo Epilepsie
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