Ernährungsassessment

Kurzbeschreibung/Definition

Das Ernährungsassessment ist nach der Auftragserteilung der erste Schritt im ernährungstherapeutischen Prozess. Es dient dem Beurteilen des Ernährungszustandes des Klienten mithilfe verschiedener Indikatoren bzw. Instrumente.

Ziele/Zweck

Ziel ist das systematische Erfassen relevanter Informationen, um den Ernährungszustand ganzheitlich gemäß dem psychosozialen Krankheitsmodell nach Engel (1975) einschätzen zu können.

Das Modell geht davon aus, dass Gesundheit und Krankheit aus der Wechselwirkung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren entstehen. Das Assessment zielt somit auf die Beurteilung der medizinischen und psychosozialen Situation des Klienten.

Zudem werden die zeitlichen, finanziellen und familiären Ressourcen sowie Fähigkeiten des Klienten erhoben.

Herkunft/ Erheben der Daten

Einige Daten wie Symptome, Laborwerte oder klinische Befunde stammen aus Patientendokumentationen (Arztberichte, Pflegeberichte etc.). Andere Daten ergeben sich aus zielgerichteten Befragungen des Klienten, der Angehörigen und/oder Angehöriger anderer Professionen (z. B. Physiotherapeuten, etc.). Schlussendlich stammt ein weitere Teil (Ernährungszustand, Körperzusammensetzung u.a.) aus eigenen Beobachtungen und Messungen.

Festlegen von Indikatoren

Es werden diejenigen Indikatoren erhoben, die für die ernährungstherapeutische Betreuung inklusive Ernährungsdiagnosen und -interventionen wichtig sind. Die medizinische Diagnose dient oftmals als Hilfestellung.

Es können objektive (durch Maßeinheit beschrieben) und subjektive Daten (Arbeiten mit Skalen für Schmerz, Symptome, Lebensqualität etc.) unterschieden werden.

Es ist sinnvoll, möglichst unterschiedliche Indikatoren zu erheben und subjektive Daten z. B. durch Skalen objektivierbar zu machen. Zudem kann es nützlich sein, möglichst diejenigen Indikatoren zu wählen, für die keine externe Erhebung und damit eine Abhängigkeit von deren Erhebung notwendig ist.

Es ist nicht notwendig, alle möglichen Daten zu erheben. Die besondere Herausforderung besteht darin, diejenigen zu wählen, die für das Erkennen und Lösen des Ernährungsproblems, deren Ursachen und/oder Anzeichen von Nutzen sind.

Einflussfaktoren in diesem Sinne sind die Ausprägung des Krankheitsbild, vorliegende Symptome, der Ernährungszustand sowie vorliegende Wertvorstellungen und Muster.

Verlaufsindikatoren

Spätestens beim Erarbeiten der ernährungstherapeutischen Ziele und Interventionen ist es sinnvoll, aus den im Assessment festgelegten Indikatoren diejenigen auszuwählen, die für die Wirksamkeit der Interventionen geeignet sind und eine weiterführende Anpassung der Beratung/Therapie ermöglichen.

Auch hier ist es optimal, eine Kombination von Indikatoren aus unterschiedlichen Kategorien festzulegen, um eine möglichst umfassende Überprüfung der Wirksamkeit zu ermöglichen.

Hilfreiche Methoden

  • Fragetechniken (offene und geschlossene Fragen, keine Suggestivfragen, keine wertenden Fragen etc.)
  • Paraphrasieren (zusammenfassendes Wiedergeben des Gehörten zur Verständnisabfrage)
  • aktives Zuhören

Kategorien, Beispiele und Zweck der erhobenen Daten (Der ernährungstherapeutische Prozess, 2018)

Die Unterteilung der Kategorien ist angelehnt an den NCP (Academy of Nutrition and Dietetics, 2013).

Krankheitsbild und Klinik

Beispiele

  • medizinische Diagnosen und Nebendiagnosen
  • Krankheitsverlauf
  • vorherige, laufende oder geplante medizinische Therapie
  • pathologische Befunde/Symptome, die in Zusammenhang mit Ernährung und Verdauung stehen oder diese beeinflussen (z. B. Durchfall, Erbrechen, Wunden/Fisteln, Urämie, Ödeme, Schwitzen, fehlender Appetit, Schluck- und Kaubeschwerden, orale Mukositis, Depression, Demenz

Zweck

  • Beurteilen der medizinischen Situation rund um die Krankheit und Gesundheit des Klienten
  • Beurteilen der medizinischen Daten hinsichtlich möglicher Zusammenhänge mit der Ernährung
  • Erkennen möglicher Ursachen für bestehende Ernährungsprobleme
  • Identifizieren angezeigter ernährungstherapeutischer Interventionen
  • Identifizieren sinnvoller Anzeichen/Symptome (Indikatoren) für die ernährungstherapeutische Verlaufskontrolle

Anthropometrische Daten

Beispiele

  • Größe, Gewicht, Gewichtsverlauf, BMI, Waist-to-hip-Ratio, Bauchumfang, Körperzusammensetzung, Hautfalten, BIA, Wachstumskurven

Zweck

  • Beurteilen der medizinischen Situation rund um die Krankheit und Gesundheit des Klienten
  • Beurteilen der medizinischen Daten hinsichtlich möglicher Zusammenhänge mit der Ernährung
  • Erkennen möglicher Ursachen für bestehende Ernährungsprobleme
  • Identifizieren angezeigter ernährungstherapeutischer Interventionen
  • Identifizieren sinnvoller Anzeichen/Symptome (Indikatoren) für ernährungstherapeutische Verlaufskontrolle

Chemische, physikalische und funktionale Tests

Beispiele

  • Labordaten
  • gastrointestinale Tests
  • Energiebedarfsmessungen
  • Kraftmessungen

Zweck

  • Beurteilen der medizinischen Situation rund um die Krankheit und Gesundheit des Klienten
  • Beurteilen der medizinischen Daten hinsichtlich möglicher Zusammenhänge mit der Ernährung
  • Erkennen möglicher Ursachen für bestehende Ernährungsprobleme
  • Identifizieren angezeigter ernährungstherapeutischer Interventionen
  • Identifizieren sinnvoller Anzeichen/Symptome (Indikatoren) für ernährungstherapeutische Verlaufskontrolle

Ernährung

Beispiele

  • Ernährungserhebung
  • Abschätzen der Aufnahme von Energie und Nährstoffen
  • Ernährungsverhalten
  • Kenntnisse über Ernährung
  • Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln

Zweck

  • Erheben von Daten zur Beurteilung des Ernährungszustandes
  • Erkennen von Ernährungsproblemen
  • Erkennen möglicher Ursachen für bestehende Ernährungsprobleme
  • Identifizieren angezeigter ernährungstherapeutischer Interventionen
  • Identifizieren sinnvoller Anzeichen/Symptome (Indikatoren) für ernährungstherapeutische Verlaufskontrolle und Beurteilung

Umwelt, Verhalten, Soziales

Beispiele

  • persönliche, familiäre und soziale Aspekte
  • Bewegungsverhalten

Zweck

  • Beurteilen des psychosozialen Status und somit Erkennen von Ressourcen und Hindernissen im Hinblick auf die Umsetzung von Interventionen