Ernährungsdiagnosen

Ernährungstherapeutische Diagnosen werden von ernährungstherapeutischen Fachkräften (ETF) gestellt. Ein Ernährungsproblem wird durch eine klinische Urteilsbildung identifiziert und systematisch beschrieben. Das erfasste Ernährungsproblem bedarf einer spezifischen Intervention/Therapie, für die eine ETF qualifiziert und verantwortlich ist (Academy of Nutrition and Dietetics, 2013).

Das Stellen von Ernährungsdiagnosen ist elementarer Bestandteil im Nutrition Care Process, der zudem aus den Elementen

  • Ernährungsassessment
  • Ernährungsinterventionen sowie
  • Monitoring und Evaluation

besteht.

Ziele und Zweck

Das „Diagnostizieren“ von Ernährungsproblemen dient dem Erkennen und Beschreiben eines klaren und spezifischen Ernährungsproblems, das durch eine Ernährungsfachkraft mittels einer Ernährungsintervention (Therapie) gelöst oder verbessert werden kann.

Die Diagnosen können patienten- und situationsspezifisch für ein und dieselbe Indikation unterschiedlich sein.

Beim Definieren der Ernährungsdiagnosen ist der Fokus auf die Aufnahme von Makro- und Mikronährstoffen bzw. Lebensmitteln von Vorteil, da die Verantwortung dann ganz klar bei der ernährungstherapeutischen Fachkraft liegt. Mit den gestellten Diagnosen ergibt sich damit ein konkreter Auftrag.

Auf diese Weise können die fachliche Expertise und die Vergleichbarkeit des berufsspezifischen Wirkens nach innen und außen sichtbar gemacht werden.

Nutzen für den Klienten

  • Fördern und Wahrnehmen der Autonomie
  • Einbinden in die Therapie
  • Stärken der eigenen Position im Prozess
  • Stärken und Transparenz der eigenen Wahrnehmung

Nutzen für die ernährungs-therapeutische Fachkraft

  • Strukturieren und Systematisieren der Fachkompetenz
  • Entwickeln einer einheitlichen Terminologie
  • Erkennen von Mustern und Erstellen von Hypothesen zur Überprüfung dieser sowie für den späteren Wirksamkeitsnachweis

Nutzen für andere Professionen

  • Brückenschlag zwischen den Professionen
  • Transparenz gegenüber professionsspezifischen Kompetenzen

Nutzen für die Behandlung

  • Bestimmen des Therapiezwecks
  • Sicherung der Kontinuität unabhängig von der Fachperson
  • Grundlagen für klinische Entscheidungen

Nutzen für die Forschung

  • vereinfachte Forschung durch Systematik
  • stetige Weiterentwicklung möglich
  • wissenschaftliche Überprüfbarkeit

Nutzen für die Leistungserfassung

  • einheitliche Dokumentation
  • Darstellung der erbrachten Leistungen und eine entsprechende Argumentation
  • Dienstleistungsorientierung

Datengrundlage

Orientierung geben Diagnosesysteme aus anderen Fachbereichen (Medizin, Pflege). Es gibt internationale Klassifikationssysteme:

  • Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD)
  • International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)

In europäischen Ländern werden den Ernährungsdiagnosen unterschiedliche Klassifikationssysteme zugrunde gelegt:

  • ICF: z. B. Niederlande, Schweiz
  • ICD: z. B. Deutschland

Teilweise gibt es unzureichende Abgrenzungen zu medizinischen und Pflegediagnosen (Untergewicht, Adipositas etc.).

Vorgehensweise

Es gibt eine Strukturvorlage zur Formulierung einer Ernährungsdiagnose anhand des sogenannten PUI-Statements. PUI steht dabei für Problem (P), Ursachen (U) und Indikatoren (I). Das PUI-Statement verbindet unterschiedliche Merkmale der zu erfassenden Situation und bringt diese in eine logische Abfolge (Argumentationskette). Das wird durch planmäßiges und konsequentes Vorgehen möglich.

Die AND (Academy for Nutrition and Dietetics) hat zu diesem Zweck die Nutrition Care Process Terminology (NCPT) entwickelt. In Deutschland wird die International and Nutrition Terminology (IDNT) zugrunde gelegt (Academy of Nutrition and Dietetics, 2013). Hierfür gibt es einen Katalog an erprobten Diagnosen, die in der Berufspraxis Anwendung finden.

Inhaltliche Vorgaben und Eigenschaften

Ernährungsdiagnosen sollten klar, präzise und einfach formuliert sein. Zudem sind diese klienten- bzw. patientenspezifisch und ursachenbezogen.

Jede Diagnose steht für ein einzelnes, personenbezogenes Problem. Für einen Klienten können demnach mehrere Ernährungsdiagnosen gestellt werden, die im Anschluss in Zusammenarbeit mit dem Klienten priorisiert werden.

Das Erkennen und Beschreiben der Diagnosen beruht auf zuverlässigen und korrekten Assessmentmethoden.

P (Ernährungs-problem)

Beschreiben eines Ernährungsproblems, das durch eine ETF mithilfe von Interventionen beeinflusst oder gelöst werden kann:

  • Problem ist ein Ernährungsproblem (betrifft z. B. Energieaufnahme)
  • alle relevanten Ernährungsprobleme werden einzeln erfasst
  • die Ernährungsfachkraft ist für das Ernährungsproblem zuständig
  • ein Nachweis ist durch entsprechende Indikatoren gegeben
  • das Problem ist spezifisch und klar und wird mithilfe eines Adjektivs eingegrenzt (z. B. unzureichend)

U (Ursachen)

Erfassen von Einflussfaktoren und/oder Gründen für die Entstehung des Ernährungsproblems:

  • alle Grundursachen werden erfasst
  • es können Maßnahmen bzw. Interventionen abgeleitet werden
  • die Ursachen stimmen mit Angaben in der Fachliteratur überein
  • es wird ein Nachweis durch die nachfolgenden Indikatoren erbracht

I (Indikatoren)

Zusammenfassung von Indikatoren, die durch Symptome und Anzeichen das Vorhandensein des Ernährungsproblems und dessen Ursachen belegen:

  • Indikatoren und deren Definition entsprechen den Angaben in der Fachliteratur
  • Indikatoren belegen ausreichend spezifisch das Vorhandensein des Problems und der Ursachen
  • Indikatoren sind im Verlauf überprüfbar
  • Indikatoren können im Prozess genutzt werden, um die von der Ernährungsfachkraft geplanten und umgesetzten Maßnahmen zu belegen
  • mithilfe der Indikatoren kann der weitere Prozess gesteuert und auf die Qualität der Betreuung geschlossen werden

Aspekte zum Ernährungsproblem (P)

Das Ernährungsproblem beschreibt eine Situation, in der die Aufnahme von Nahrung und/oder Flüssigkeit beeinträchtigt ist und die Aufrechterhaltung physiologischer Vorgänge im Körper gefährdet oder bereits gestört ist.

Inbegriffen ist ebenso die Aufnahme von Inhaltsstoffen und Lebensmitteln, die den Körper potenziell schädigen können (z. B. Alkohol, Allergene).

Ein Ernährungsproblem ist somit durch eine kritische Aufnahme/Zufuhr von Nahrungsinhaltsstoffen gekennzeichnet, die physiologische Vorgänge beeinflussen und stellt damit eine Diskrepanz zwischen Ist und Soll dar. Es wird mithilfe eines Adjektivs wie zu hoch, unzureichend etc. spezifiziert.

Physiologische Einflussfaktoren auf Aufnahme/Zufuhr von Nahrung

  • Appetit, Hunger, Sättigung
  • Sehen, Riechen, Schmecken
  • Aufnahme und Verdauen von Nahrung (inkl. Kauen, Schlucken etc.)
  • Verwerten der Nahrung im Körper
  • Ausscheiden der Stoffwechselendprodukte (Stuhl, Urin, Schweiß, Atem, Zellen)

Weitere Einflussfaktoren auf Aufnahme/Zufuhr von Nahrung

  • Kenntnisse und Fähigkeiten bezüglich Auswahl und Verarbeitung von Lebensmitteln
  • Rahmenbedingungen vor Ort, Verfügbarkeit von Lebensmitteln, Finanzierung, Zeit und andere Ressourcen
  • psychologische Faktoren (Stress, Stimmung, Schuldgefühle)
  • Kultur, Familie, Gewohnheiten, Wertvorstellungen

Aspekte zu Ursachen (U)

Ernährung ist von unzähligen Faktoren abhängig und erfordert ein systematisches Vorgehen. Die AND hat zu diesem Zweck Kategorien definiert, denen jeweils verschiedene Ursachen zugrunde liegen können.

physiologische/ pathophysiologische Faktoren

  • medizinische Diagnosen (Krankheiten) und Therapien sowie physiologische Gegebenheiten
  • Wirkungen und Nebenwirkungen von Therapien inklusive Operationen/Medikamenten
  • Verdauung, Resorption, Stoffwechsel und Ausscheidung
  • anatomische Gegebenheiten

psychologische Faktoren

  • mentale und psychische Probleme (Ängste)
  • Ambivalenz gegenüber einer Veränderung

Kenntnisse

  • Wissen über Lebensmittel, Essen, Nährstoffe, Ernährung und Gesundheit, Ernährungsempfehlungen und Richtlinien
  • Defizite und Fehlinformationen

Kenntnisse

  • Wissen über Lebensmittel, Essen, Nährstoffe, Ernährung und Gesundheit, Ernährungsempfehlungen und Richtlinien
  • Defizite und Fehlinformationen

Verhalten und Können

  • Alltagsstrategien
  • Umsetzung von Wissen
  • Planungs-, Einkaufs- und Kochfertigkeiten
  • Fähigkeiten des Selbstmanagements

Haltungen, Werte, Glauben, Kultur

  • Bedeutung des Essens, wichtige Werte und Normen, religiöse oder kulturelle Speisevorschriften
  • selbst entwickelter oder erlernter Glaube rund um Essen und Ernährung
  • Emotionen (z. B. Abneigungen, Ekel), Essensrituale

Verfügbarkeit und Zugang zu Nahrung

  • Zugang zu Lebensmitteln (ausreichende Menge, hygienisch einwandfrei und unbedenklich bezüglich der Schadstoffbelastung)
  • ausreichende finanzielle Ressourcen für den Zugang
  • angemessene Rahmenbedingungen (Einkaufsmöglichkeiten, Lagerung, Zubereitung und Aufnahme)

Soziale oder persönliche Faktoren

  • privates und berufliches Umfeld
  • Rolle und Funktionen des Essens im sozialen Umfeld

Aspekte zu Indikatoren (Anzeichen und Symptome)

Anzeichen sind Indikatoren, die durch die ernährungstherapeutische Fachkraft erfasst und beschrieben werden. Symptome sind Indikatoren, die durch den Patienten/Klienten wahrgenommen und beschrieben werden.

Es kann damit zwischen objektiven (z. B. Messwerte) und subjektiven (z. B. körperliche Beschwerden) Indikatoren unterschieden werden. Subjektive Indikatoren sollten möglichst objektiviert werden:

  • mithilfe von Skalen (Schmerz, Übelkeit etc.)
  • mithilfe eines Ernährungsprotokolls (Nährstoffaufnahme etc.)
  • mithilfe von Fragen zur Überprüfung des Wissens (Kenntnisse zu Lebensmitteln etc.)

Indikatoren werden im Rahmen des Assessments erfasst.

Herausforderungen

Das Formulieren der Ernährungsdiagnose erfordert in vielen Fällen ein Umdenken des bisher erlernten Vorgehens.

Häufig herangezogene medizinische Diagnosen (z. B. Diabetes mellitus) unterscheiden sich von Ernährungsdiagnosen (z. B. Aufnahme ungeeigneter Kohlenhydrate wie Zucker) als Ausgangspunkt ernährungstherapeutischer Interventionen.

Bei der Wahl und Formulierung von Problemen, Ursachen und Symptomen sowie Anzeichen sollte die Fachkraft möglichst eigenständig agieren können. Dazu gehören unter anderem:

  • Anamnese-, Untersuchungs- und Laborparameter (Assessmentparameter) selbstständig erheben und interpretieren
  • Ernährungsprobleme erfassen und Diagnosen eigenständig benennen
  • Ziele und Interventionen eigenverantwortlich planen und wählen
  • sowie weitere (siehe Der ernährungstherapeutische Prozess, 2018)

Die Fachkraft sollte also möglichst Indikatoren wählen, die unabhängig von anderen Professionen erhoben werden können.

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