Das Krankheitsbild der Fibromyalgie

Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist ein komplexes Schmerzsyndrom, das an verschiedenen Stellen des Körpers auftritt. Die Schmerzen entstehen in der Muskulatur, im Bindegewebe und in den Knochen. Typisch sind Druckschmerzen an insgesamt 18 bestimmten Punkten (Tender Points). Begleiterscheinungen einer Fibromyalgie können unter anderem Schlafstörungen, Müdigkeit, Morgensteifigkeit und Depressionen sein.

Verwirrend sind die vielen Bezeichnungen des Fibromyalgiesyndroms: Die gleiche Erkrankung wird auch als Fibromyalgie, Weichteilrheumatismus, Muskelrheumatismus oder Fibrositis bezeichnet.

Etwa 1-2% der Bevölkerung leiden unter einer Fibromyalgie. Frauen sind etwa sechsmal häufiger betroffen als Männer und erkranken meist zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Aber auch Kinder ab dem vierten Lebensjahr und Personen ab dem 65. Lebensjahr erkranken häufig an einer Fibromyalgie.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen sind bisher weitestgehend unbekannt. Zahlreiche Theorien sind im Umlauf. Diskutiert werden unter anderem:

  1. Traumata, die durch eine Verletzung (Bandscheibenvorfall, Schleudertrauma) oder eine Operation entstanden sind, können sich auf das zentrale Nervensystem (ZNS) auswirken und eine Fibromyalgie auslösen.
  2. Veränderungen im Muskelstoffwechsel wie Mangeldurchblutung oder Sauerstoffunterversorgung
  3. Infektionen
  4. Fehlreaktion des Immunsystems nach einer überwundenen Borrelien-Infektion

Die Fibromyalgie kann sich durch eine Vielzahl von Umständen verschlimmern wie:

  • Stress
  • Angstzustände
  • Müdigkeit
  • nass-kaltes Wetter, Wetterwechsel
  • anhaltend schwere Arbeit

Fibromyalgie-Patienten schlafen meist schlecht oder wachen morgens auf und fühlen sich “gerädert”. Umgekehrt kann eine Fibromyalgie durch Schlafentzug hervorgerufen werden.

Psychosomatische Ursachen

Das vegetative Nervensystem bildet eine Brücke zwischen Psyche und Körper. So kann es bei Angst- oder Stresssituationen zum Beispiel zu erhöhtem Herzschlag und gesteigerter Durchblutung kommen. Dauert die Überbelastung zu lange an, können psychosomatische (somatoforme) Störungen auftreten. Äußern sich diese in dauerhaften Schmerzen, so wird wiederum eine Stresssituation geschaffen und der Teufelskreis schließt sich.

Beim FMS bestehen häufig psychische Symptome wie Depressionen. Der Betroffene fühlt sich krank. Es ist bekannt, dass es zu Änderungen der Regelsysteme der Schmerzempfindung im Gehirn kommt. Einige Botenstoffe des Gehirns wie etwa Serotonin und Tryptophan werden herunter reguliert, während andere wie der Schmerzbotenstoff Substanz P in höheren Konzentrationen vorliegt. In Untersuchungen im Nervenwasser (Liquor) von Fibromyalgiepatienten findet sich eine dreimal so hohe Konzentration der Substanz P wie bei Gesunden. Dieser Botenstoff ist an der Weiterleitung von Schmerzen beteiligt und kann bestimmte Nervenzellen im Rückenmark für Schmerzreize sensibilisieren. Da Betroffene grundsätzlich anders auf Schmerzreize reagieren, passen die erhöhten Substanz-P-Konzentrationen ins Bild. Ein Zusammenhang von Substanz P als Mit-Verursacher der Erkrankung wird gegenwärtig erforscht.

Bislang ist nicht geklärt, ob die Veränderungen der Botenstoffe des Gehirns sekundär entstehen oder ob es sich um eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns mit der Folge von Schmerzen und psychosomatischen Störungen handelt.

Sicher ist, dass die schmerzhaften Stellen des Bewegungssystems nicht verändert oder gar entzündet sind, sondern erst die veränderte Schmerzempfindung im Gehirn dazu führt, dass der Schmerz des Bewegungssystems empfunden wird. Dennoch handelt es sich aber um echte und nicht etwa eingebildete Schmerzen.

Symptomatik

Bei dieser Erkrankung stehen starke Schmerzen vor allem der Muskulatur und der Sehnenansätze im Vordergrund. Hierbei sind nicht nur Beine und Arme, sondern auch der Rumpf betroffen. Häufig wird der Schmerz als großflächig und fließend beschrieben. Die Betroffenen haben das Gefühl, die schmerzhaften Weichteile seien diffus geschwollen. Kleine Verdichtungen des Unterhautfettgewebes werden als schmerzhafte Knötchen empfunden. Die Schmerzen halten über lange Zeit, meist über Jahre an und können durch körperliche Aktivitäten oder auch Krankengymnastik bzw. Massage verstärkt werden.

Darüber hinaus treten Begleitsymptome auf wie:

  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Morgensteifigkeit, Steifheits- und Schweregefühl der Hände, der Füße und des Gesichts
  • Reizdarm (Colon irritabile)
  • Angstzustände und Depressionen, depressive Verstimmungen
  • Konzentrationsschwäche und Leistungsknick
  • Schweißausbrüche
  • kalte Finger und Zehen
  • Übelkeit
  • Verdauungsstörungen
  • Mundtrockenheit
  • Kopfschmerzen, eventuell Migräne
  • “Kloß im Hals”
  • Störungen beim Wasserlassen
  • Menstruationsstörungen
  • Tremor (Zittern)

Diagnostik

Die Diagnose des FMS wird durch die Krankengeschichte (Anamnese) und die körperliche Untersuchung gestellt. Bestehen die Schmerzen in der rechten und linken Körperhälfte beziehungsweise ober- und unterhalb der Hüfte länger als drei Monate, kann dies ein Hinweis auf die Erkrankung sein.

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Tender Points – den Sehnenansätzen in Nacken, Rücken, Schultern und Hüften. Für die endgültige Diagnose müssen mindestens 11 der insgesamt 18 Druckpunkte schmerzhaft auf Druck reagieren und die Beschwerden länger als drei Monate bestehen.

Tender Points (TP) sind etwa ein Zentimeter große Bereiche in Muskulatur und Sehnenansätzen, die schon bei leichtem bis mittlerem Tastdruck schmerzhaft reagieren. Diese können vom gedrückten Punkt aus einen fortgeleiteten Schmerz im betroffenen Muskel oder in einer zugehörigen Region auslösen. Erfahrene Untersucher erkennen häufig tastbare Veränderungen der Bindegewebsstruktur an diesen Punkten.

Es finden sich keine typischen Laborwerte oder Veränderungen im Röntgenbild. Selten können Hormonstörungen, wie z. B. eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Fibromyalgie verstärken. Dies kann durch eine Untersuchung der Schilddrüsenhormone festgestellt werden. Um eine sekundäre Fibromyalgie, die begleitend zu rheumatischen Erkrankungen auftritt, festzustellen, können außerdem Laboruntersuchungen z. B. zur Messung von Entzündungswerten im Blut, durchgeführt werden.

Zusätzlich muss ausgeschlossen werden, dass andere Ursachen für die Symptome verantwortlich sind. Hierzu gehören:

  • rheumatische Erkrankungen wie Rheumatoide Arthritis oder Morbus Bechterew
  • chronisch entzündliche Erkrankungen der Muskulatur (z. B. Dermatomyositis, Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS), Polymyalgie rheumatica)
  • chronische Virusinfekte
  • Gelenksarthrosen