Filme und Dokus: “Das System Milch”

Milch ist Big Business. Hinter dem unschuldig anmutenden Lebensmittel verbirgt sich ein milliardenschweres Industriegeflecht. Profit wird auf Kosten der Umwelt, der Tiere, der Menschen und unserer Gesundheit gemacht. Dabei ginge es auch anders… DAS SYSTEM MILCH ist eine cineastische Reise über mehrere Kontinente, die mit Vorurteilen aufräumt und Lösungen aufzeigt.

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Aktuelles und Berichte Filme und Dokus: "Das System Milch"

 

In eigener Sache: Der Film hat uns betroffen gemacht. Uns war in der Form nicht bewusst, welche weitreichenden Konsequenzen unsere Milchproduktion über die gesamte Erdkugel hat. Daher haben wir beschlossen, einige Informationen für Sie herauszuarbeiten. Wir denken: sich dafür zu sensibilisieren, ist wichtig.

Ihr FET-Team

Der Milchmarkt ist explodiert, die Milchpreise abgestürzt

Seit ca. 8000 Jahren gibt es die Milchnutzung. In Europa stieg der Milchkonsum seit den 50/60er Jahren. Allein auf dem europäischen Markt geht es um 100 Milliarden Euro und 200 Millionen Milch bzw. Milchpulver jährlich. Die Tendenz: steigend. Denn auch Länder wie China sind längst auf den Geschmack gekommen – der Markt ist explodiert. Bei uns zeichnet sich indes seit Jahren eine Konzentration des Marktes von kleinen zu großen Höfen ab. Die Anzahl der Milchviehbetriebe lag 1992 noch bei 236.000; 2013 waren es schon nur noch 80.000. Das unausgesprochene Motto der Branche: “wachsen oder weichen”.

Auf der anderen Seite stehen die Milchproduzenten unter einem enormen Druck der Daueroptimierung. Druck ausgeübt wird dabei von den großen Molkereien. Hierzu zählen in Deutschland unter anderem das Deutsche Milchkontor, Müller Milch, Hochwald Foods, Friesland Campina, Bayernland, Zott, Ehrmann oder Molkerei Ammerland. Europäisch spielen noch Arla Foods (Dänemark, Schweden), Danone (Frankreich) und Nestlé (Schweiz) eine große Rolle. Die Molkereien sind als entscheidende Schnittstelle zwischen den Produzenten und Konsumenten die wichtigsten Akteure auf dem Milchmarkt. Die meisten familiengeführten Milchbetriebe sind verpflichtet, ihre gesamte produzierte Milch an die Molkereien abzuliefern. Dabei erfahren sie oft erst nach Ablieferung den genauen Milchpreis, den sie für ihre Milch bekommen. Zur Zeit des Filmdrehs lag dieser bei 27 Cent pro Liter – schwindelerregend niedrig. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müsste der Liter Milch mindestens 40 Cent kosten.

Was in den letzten Jahren passiert ist, ist eine Kannibalisierung des Sektors. Die fressen sich gegenseitig auf, niemand nimmt mehr Rücksicht.

Die Nutznießer sind andere: die Kraftfutterindustrie, der Einzelhandel, die Molkereien. Statt für den nationalen und regionalen Markt zu produzieren und den Milchpreis zu stabilisieren, drängen die Molkereien auf den internationalen Markt – mit Niedrigstpreisen. So produziert Friesland Campina große Mengen Milchpulver (Friso) für Südostasien und China; Proteinpulver (Optimel) für die älter werdende Bevölkerung in Japan oder abgepackte Kleinstmengen Milchpulver für Westafrika. Und zerstört dort nebenbei den Markt für die eigenen Milchbauern. Denn sie können bei den durch Agrarsubventionen geförderten Milchpreisen einfach nicht mithalten.

Tierwohl bleibt unlängst auf der Strecke

“Wir trinken die Milch von Kühen, die ständig schwanger sind.”, hört man im Film. Die Kuh sollte jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen und ist mittlerweile zum ausgeklügelten Kraftwerk avanciert. Gewollt sind aber nur die weiblichen Nachkommen. Für ein männliches Kalb gibt es gerade einmal 50 bis 70 Euro auf dem Markt. Ein Bauer bezeichnet es ungeniert als Abfallprodukt, was man “ja nicht einfach töten könne”.

Die Hochleistungskühe indes pumpen täglich bis zu 20.000 Liter Blut durch ihr Euter. Dabei kann eine einzelne Kuh mittlerweile 10.000 Liter Milch pro Jahr produzieren. Das sind mehr als 27 Liter täglich (!) und ist extrem kräftezehrend. In den 50er Jahren waren 6.000 Liter schon enorm; vor 100 Jahren waren es noch 2.000 Liter jährlich. Diese Leistung hat ihren Preis. Wurden Milchkühe früher zwischen 15 und 20 Jahren alt, leben sie heute noch zwischen 5 und 8 Jahren. Der traurige Milchweltrekord liegt bei 33.861 Litern Milch im Jahr (Quelle). Der Rekord wurde in den USA aufgestellt, wo die Gabe von Wachstumshormonen erlaubt ist und Kühe dadurch noch mehr Milch (durchschnittlich 12.000 Liter jährlich) produzieren können. Auf der anderen Seite führt das für solche Leistungen notwendige Kraftfutter zu immer mehr Erkrankungen bei den Tieren. Ein abartiges Unterfangen.

Weiteres Problem: Unmengen an Gülle

Pro Liter Milch fallen etwa 3 Liter Gülle an. Das macht bei durchschnittlichen 10.000 Litern Milch pro Kuh und Jahr rund 30.000 Liter Gülle. Ein Problem ist das Futter. Heute stammt nur noch ein Drittel der Futterenergie aus Heu. Zwei Drittel stammen aus Ackerprodukten wie Soja und proteinreichen (Getreide-)Pflanzen. Dabei können Kühe nur rund ein Drittel der Soja- und Getreideenergie verwerten. Allein das ist schon ein ökologisches Desaster.

Hinzu kommt: Soja stammt zum Großteil aus Südamerika. Dort werden große Flächen Regenwald, sogenannte Schattenfutterflächen, gerodet. Mit dem Sojaprotein werden große Mengen Stickstoff in die heimischen Ställe gebracht. Diese können aber nicht mehr zurückgebracht, sondern müssen auf die eigenen Felder ausgebracht werden. Das verursacht enorme Emissionsrisiken. In den Niederlanden wird die Gülle bereits exportiert, um die eigenen Flächen nicht zu überlasten. Die Kosten für die Umweltschäden aber werden nie in die Wirtschaftsrechnungen mit einbezogen.

EU-Lobby kümmert sich um Großkonzerne, nicht aber um Kleinbauern

In Brüssel ist die Landwirtschaft mit etwa 45 Milliarden Euro der größte Posten des EU-Haushalts. Milch ist hier nicht mehr Lebensmittel, sondern Ware. Eine Ware, mit der international ein riesiges Geschäft gemacht wird. Milch wird in ihre Einzelbestandteile zerlegt und in nahezu allen Warengruppen mitverarbeitet. Die Verflechtungen von Wirtschaft mit der Politik sind enorm. Zwischen 20.000 und 30.000 Lobbyisten sollen in Brüssel agieren. Ein großer Teil davon in der Foodlobby. FoodDrinkEurope ist so ein Unternehmensverband und Vertreter der großen Lebensmittelkonzerne wie Nestle, Danone etc., die sich unter anderem für die Deregulierung einsetzen. Diese wiederum stehen in engem Austausch mit der Copa-Cogeca, dem größten Lobbyverband der Bauern. Dieser aber kümmert sich zum Ärgernis aller Kleinbauern vorrangig um die Interessen seiner Großkunden (Großbauern mit riesigen Mast- und Milchviehanlagen). Und so ist es nicht verwunderlich, dass sich beide Verbände für internationale Handelsverträge wie TTIP, JEFTA und Co einsetzen. So ist ArlaFoods als Aktionär an Viehfarmen in China beteiligt und erhöht damit den Druck auf europäische Kleinbauern noch mehr.

Ich fordere Sie jetzt auf, sich von Ihren Plätzen zu erheben, für die 600 französischen Bauern, die sich letztes Jahr das Leben genommen haben.

Internationales Problem: Milchpulver

Milchpulver wird durch einen energieintensiven Trocknungsprozess gewonnen. Es ist lange haltbar und gut transportierbar – ideale Voraussetzungen für den internationalen Handel. Neue Absatzmärkte sind dadurch auch in Afrika wie dem Senegal entstanden. Hier werden durch den Import großer Milchpulvermengen die eigenen Märkte zerstört. Die eigene Milchproduktion und -verarbeitung ist deutlich teurer als der Kauf von Milchpulver. Denn in Afrika gibt es keine Agrarsubventionen wie in der EU. Dadurch bleiben die Produktionskosten hoch. In der EU aber wird die Milchproduktion mit Unsummen subventioniert und ist dadurch billiger. Das hat sich so weit entwickelt, dass kein Milchbauer in Europa ohne Direktzahlungen der EU überleben könnte. Denn oftmals ist es das einzige Geld, das am Ende übrig bleibt. Im Film bringt es ein Akteur auf den Punkt: Ohne diesen Topf gäbe es keine Milchwirtschaft mehr in Europa.

Die Weltbank und die UNO haben die weltweite Landwirtschaft unter die Lupe genommen: “Der entscheidende Faktor zur Bekämpfung von Hunger ist nicht die Steigerung der Produktivität, sondern die Verfügbarkeit von Lebensmitteln und den Produktionsmitteln vor Ort. Die besten Garanten für eine flächendeckende, globale Ernährungssicherheit sind kleinbäuerliche Strukturen.” Die Agrarindustrie lehnt diese Ergebnisse ab. Die beseelte Landwirtschaft wird durch Technisierung zerstört. Ein individueller, regionaler Käse aber ist nur durch “lokale” Fütterung der Tiere möglich. Und Kühe sind mit Grasfütterung keine Klimakiller. Erst durch das proteinreiche Futter entstehen Unmengen an Gülle und damit Stickstoff. Und das hat eine weitere bittere Konsequenz: mit Gülle kann nun mehr Geld verdient werden als mit dem einstigen weißen Gold, der Milch.