FlowFest 2017 – Erste deutsche Biohacker-Konferenz

Am 08. Juli 2017 fand die erste Biohacking-Konferenz Deutschlands statt. Maximilian Gotzler – Gründer von FlowGrade und Initiator des Events – begrüßte an diesem Tag mehr als 200 Besucher und ausgesuchte Experten zum FlowFest 2017 in der Adidas Runbase Berlin. In mehreren Vorträgen zu verschiedenen Themenbereichen wie Ernährung, Regeneration, Gesundheit, Psychologie und Lichtbiologie führten die geladenen Referenten das wissbegierige Publikum in die Welt des Biohackings ein. In den angebotenen Workshops hatten die Besucher zudem die Gelegenheit, unterschiedliche Methoden kennenzulernen und auszuprobieren.

 

Was ist Biohacking und was hat das mit “Flow” zu tun?

 

Beim Biohacking geht es darum, das individuelle Leistungsvermögen zu steigern, produktiver und widerstandsfähiger zu sein und das Beste aus seinem Körper und Geist herauszuholen. Dieser Prozess der Selbstoptimierung setzt voraus, dass zunächst physiologische Mechanismen und Zusammenhänge erforscht, analysiert und verstanden werden.

 

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Durch kontrolliertes Experimentieren mit verschiedenen Techniken und Methoden testen Biohacker diese Zusammenhänge, erlangen so ein tieferes Selbstverständnis und setzen die erlernten Methoden sinnvoll für die Selbstentwicklung ein. Ziel ist es, eine Art Flow-Zustand zu erreichen. Im Flow zu sein bedeutet, sich im Moment zu verlieren. Maximilian Gotzler beschreibt Flow als Zustand “zellulärer Freude”, in dem das Ego in den Hintergrund tritt, der Körper gesund und leistungsfähig und der Geist ausbalanciert ist.

 

Die Vorträge – Theoretischer Input

 

Daniel Knebel - 'Detox: Warum sich jeder entgiften sollte'
Nach einer kleinen Einführung in die Thematik und dem Vorstellen des Tagesablaufs übergab Maximilian Gotzler die Bühne an Daniel Knebel. Der von Charles Poliquin ausgebildete Personal-Trainer widmete sich in seinem Vortrag dem Einfluss verschiedener Umweltgifte auf unsere Gesundheit und machte klar – “es ist nicht die Frage ob, sondern wie stark wir belastet sind”.

Da die langfristigen Auswirkungen verschiedener Umweltgifte auf unseren Organismus bisher nur unzureichend verstanden sind, weist Daniel Knebel darauf hin, dass jeder entgiften sollte. Damit meint er jedoch nicht das Trinken eines Detox-Smoothies. Er macht unmissverständlich klar, dass die Basis jeder Entgiftung eine einwandfreie Funktion der entgiftenden Organe ist und diese mit diversen Lebensstilanpassungen unterstützt werden kann.

Kasper van der Meulen: 'How to remote control your nervous system'
Der Niederländer Kasper van der Meulen – Autor von “Mindlift” und ausgebildeter Trainer der Wim-Hof-Atemtechnik – referierte über die Mechanismen unseres Nervensystems. Er erläuterte, welche Prozesse in unserem Gehirn und unserem Körper ablaufen, wenn wir Stresssituationen ausgesetzt sind und warum Regeneration so wichtig ist.

Auf sehr sympathische und amüsante Art und Weise ließ er das Publikum an seinen Erfahrungen aus unzähligen Selbstversuchen teilhaben. Er erklärte unter anderem wie Eisbaden und Atemtechniken für ihn zu wirksamen Methoden wurden, seine Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, den Fokus zu schulen und die Kontrolle über seinen Geist sowie Körper zu erlangen. Doch er macht auch klar: jeder muss seine eigenen Methoden finden.

Das gelingt seiner Meinung nach nur, wenn man offen ist, vieles ausprobiert und dann filtert, welche Methoden für einen selbst wirksam sind. Der wichtigste Schritt dabei sei die Verantwortung für sich selbst, die eigene Gesundheit und das eigene Handeln zu übernehmen und “eins” mit seinem Körper zu werden.

Zum Schluss seines Vortrages gab er dem Publikum noch eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: “Treat yourself with kindeness and don’t forget to play”.

Frank Delventhal: 'Mit Gewohnheiten zum Superhelden: Fallen, Aufstehen, besser werden'
Nach zwei inhaltlichen Beiträgen verblüffte Frank Delventhal die Besucher mit einer vor Kraft strotzenden Performance. Mit bloßen Händen zerriss der professionelle Kettlebell-Trainer Telefonbücher, verbog Hufeisen und sprengte Ketten. Danach nutzten die Besucher die Mittagspause, um sich an den zahlreichen Ausstellungsständen zu informieren oder Produkte zu testen.
Thomas Hartwig: 'Wasser - das mystische Elixier'
Im Anschluss referierte Thomas Hartwig über den Zusammenhang zwischen Wasser und unserer körperlichen sowie geistigen Gesundheit. Als Inhaber der Firma Leogant beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit dem Thema und gilt in Biohacker-Kreisen als “Wasser-Guru”.
Marina Lommel: 'Die ketogene Ernährung und das Gehirn'
Marina Lommel – Ernährungswissenschaftlerin, Autorin von Low Carb Typgerecht und Gründerin der Foodpunk GmbH – stellte die ketogene Ernährung und deren Wirkung auf den Gehirnstoffwechsel vor. Sie erläuterte zunächst das Prinzip der ketogenen Ernährung und ging auf grundlegende Zusammenhänge ein. Dabei hob sie insbesondere die Wirkungen der Ketonkörper im Gehirnstoffwechsel und bei Entzündungsprozessen hervor und verdeutlichte deren Bedeutung als alternativen Energieträger.

Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Leistungsfähigkeit und ketogener Ernährung bisher zwar nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht ist, es aber zahlreiche Erfahrungsberichte und Selbstversuche gibt, die Effekte zeigen.

Zum Schluss gibt sie den Zuhörern eine kleine Anleitung, wie eine ketogene Ernährung in der Praxis umgesetzt werden kann. Dabei macht sie ebenfalls auf mögliche Schwierigkeiten und Nebenwirkungen aufmerksam und betont, wie wichtig es deshalb sei, sich vorab ausreichend zu informieren oder professionelle Unterstützung zu suchen.

Sarah Tschernigow: 'Psychologie von gesundem Essen'
Wie schwierig eine Ernährungsumstellung sein kann und wie unsere Umgebung uns dabei beeinflusst, war das Thema von Sarah Tschernigow. In ihrem Vortrag beschreibt sie ihren Weg von einer unzufriedenen jungen Frau, die zahllose Versuche startete ihr Leben, ihre Ernährung und ihre Gewohnheiten zu verändern und immer wieder an sich selbst scheiterte.

Die Qualität deiner Gewohnheiten bestimmt die Qualität deines Lebens” – für Sarah Tschernigow ist Achtsamkeit der Schlüssel zum Erfolg, denn nur wer achtsam is(s)t, kann etwas verändern. Und so gibt sie dem Publikum mit auf den Weg: “Wenn ihr euch optimieren wollt, müsst ihr erst einmal achtsam sein”.

Temmu Arina: 'How to biohack your day'
Für viele Besucher war der Vortrag von Teemu Arina ein Highlight der Veranstaltung. Der Finne zählt zu den bekanntesten Biohackern weltweit und ist wie Kasper van der Meulen extra aus dem Ausland angereist, um auf dem FlowFest zu sprechen. Gemeinsam mit dem Ernährungsexperten Jaakko Halmetoja und dem Arzt Olli Sovijärvi gibt er das Biohacker’s Handbook heraus, welches in mehreren Kapiteln neuartige Perspektiven zu Technik, Natur und Selbstentwicklung zusammenfasst.

In seinem Vortrag widmete sich Teemu Arina zunächst dem Ethos des Biohackings und der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens. Anschließend stellte er verschiedene Tools vor, mit denen er alle möglichen Körperfunktionen misst, dokumentiert und optimiert. Es war nicht zu übersehen, dass die Überwindung von Grenzen des Geistes und des Körpers durch Technologie zu seinen großen Leidenschaften gehört.

Seine Ausführungen lassen erahnen, welche Richtung diese Forschung nimmt und dass die Verschmelzung menschlicher Biologie mit Technologie zumindest für einen Teil der Szene eine Art Zukunftsvision ist. So manches Tech-Herz dürfte während seines Vortrages höher geschlagen haben. Uns erinnert das alles an Science-Fiction und ist ebenso faszinierend wie erschreckend.

Moritz von der Borch: 'EMF - Ekstase menschlichen Fortschritts?'
Danach referierte Moritz von der Borch – Gründer von YourFunctionalMedicine.com. Sein Leitsatz lautet: “Menschen helfen, Ursachen erkennen und sinnvolle Veränderungen umsetzen”. Er ist der Meinung, dass Wissen geteilt werden muss. Deshalb hat er es sich zur Aufgabe gemacht, fundierte wissenschaftliche Ergebnisse und Informationen in verständlicher Form leicht zugänglich und möglichst umfassend weiterzugeben und zu verbreiten.

In seinem Vortrag ging er insbesondere auf das Thema elektromagnetische Strahlung ein und zeigte auf, inwiefern sich diese auf unsere Gesundheit, unseren Schlaf und unsere Leistung auswirkt. Gleichzeitig bemühte er sich dem Publikum zu vermitteln, dass wir durch das Erkennen von Zusammenhängen in die Lage versetzt werden, mögliche Belastungen durch die genannten Faktoren selbst zu bestimmen und Maßnahmen ergreifen können, diese zu regulieren.

Carsten Wölfing: 'Biohacking & Paleo-Lifestyle - Der Weg der artgerechten Lebensführung des Menschen'
Carsten Wölfing, der in der Szene als barfüßiger Sporttherapeut und Coach bekannt ist, stellte in seinem Vortrag die Frage: “Wie artgerecht lebst du?” und ging unter anderem auf die Bedeutung der natürlichen Rhythmen wie beispielsweise Tageszeiten und Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Bewegung, Mobilität und Saisonalität ein. Er plädiert für eine möglichst natürliche Lebensweise und provozierte so manches Mal mit seinen Aussagen. Beispielsweise rät er Angestellten, im Schicht- oder Nachtdienst ihre Arbeitgeber nach einer Entschädigungszahlung zu fragen, da die Auswirkungen der Arbeitszeiten auf die Gesundheit erheblich unterschätzt werden.

Insgesamt ist der Appell für mehr Bewegung und Saisonalität, die Besinnung auf alte Küchentechniken wie dem Fermentieren sowie der Hinwendung zur Natur schlüssig. Im krassen Gegensatz zu der Forderung nach einer möglichst “natürlichen und artgerechten Lebensweise” steht unserer Ansicht nach jedoch die feste Verankerung von Nahrungsergänzungen in der von Carsten Wölfing vorgestellten Ernährungspyramide.

Fabian Foelsch: 'Nerven wie Drahtseile: Effektiv mit Stress umgehen'
Der nächste Redner war Fabian Foelsch – Gründer von BRAINEFFECT. Sein Vortrag galt dem Thema Stress. Als ehemaliger Leistungssportler weiß er, wie wichtig ausreichende Ruhephasen für die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit sind.

Gleichzeitig regte er dazu an, das negative Image von Stress zu überdenken. Nicht immer sind Stressreaktionen als schlecht anzusehen und es gehe vor allem darum, die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, um mit dem zum Teil unvermeidbaren Stress unserer Zeit besser umgehen zu können.

Alexander Wunsch: 'Light & Color Hacks for a better life - Lichthygiene und Lichtdiät im Jahrhundert des Photons'
Den Abschlussvortrag hielt Alexander Wunsch. Der Arzt, Forscher und Referent in den Bereichen Lichttherapie, Photobiologie und Biophysik erforscht Chancen und Risiken natürlicher und künstlicher optischer Strahlung auf Mensch und Umwelt. Er berät Politik, Medienvertreter und Industrie bei lichtbiologischen Fragen und entwickelt darüber hinaus Konzepte für die Lichttherapie und Lichthygiene beim Menschen.

Er präsentierte dem Publikum neben zahlreichen wissenschaftlichen Hintergründen auch praxistaugliche “Light- und Colorhacks”. Darunter fand sich zum Beispiel die Empfehlung, flimmernde Lichtquellen zu meiden, sich mittels Blaulichtfilter oder Blueblocker-Brillen vor den negativen Wirkungen des künstlichen Blaulichts zu schützen und sich die Wirkung von Farben zunutze zu machen.

 

Die Workshops – kurze Meditationspause

 

Am Nachmittag hatten die Besucher zudem die Gelegenheit, an verschiedenen Workshops teilzunehmen. Angeboten wurden AcroYoga, Kettlebell-Flow, Calisthenics, ein Breathing Workshop und Meditation. Wir entschlossen uns für letzteres. Der Platz neben der Bühne wurde kurzerhand mit Matten ausgelegt und unsere Trainerin Josephine erzählte zunächst, wie sie zur Meditation kam und welche positiven Veränderungen sie dadurch erlebte. Im Anschluss vermittelte die aufgeschlossene Trainerin grundlegende Techniken und ging ebenfalls auf die Bedeutung der Atmung ein. Die geführte Meditation und die anschließende Atemübung machten uns wieder fit für den nächsten Vortragsblock.

 

Unser Fazit zum FlowFest 2017

 

Alles in allem gratulieren wir Maximilian Gotzler und seinem Team zu seinem erfolgreichen ersten Kongress. Wer selbst einmal mit der Organisation einer solchen Veranstaltung vertraut war weiß, wie viel Arbeit im Vorfeld, währenddessen und danach anfällt. Der Veranstaltungsort bot den Besuchern ein intimes Setting mit Berliner Flair und genügend Raum für den Austausch untereinander. Das engagierte Team und die freiwilligen Helfer ermöglichten dem Veranstalter, mit dem FlowFest erstmalig eine Plattform für die wachsende deutsche Biohacker-Community zu realisieren und machten das Event zu einem Treffpunkt für Menschen, die dieselben Interessen teilen.

Das Wissen und die Methoden wurden leicht verständlich zugänglich gemacht und ermöglichten es, einen Einblick in die verschiedenen Bereiche zu erlangen. Wir hätten uns an mancher Stelle etwas mehr Tiefgang gewünscht, finden dennoch, dass die Fülle der Information mehr als ausreichend für einen Veranstaltungstag war. Der starke Fokus auf Nahrungsergänzungen ist unserer Ansicht nach immer mit besonderer Vorsicht zu betrachten, war aber im Hinblick auf die Zielgruppe zu erwarten.

Wer Interesse an den Themen der Biohacking-Konferenz hat, findet in den verlinkten Seiten zahlreiche Informationen und sollte sich das  FlowFest 2018 vormerken, welches am 07. Juli 2018 in Berlin stattfinden soll. Für den ein oder anderen sind sicherlich hilfreiche Methoden dabei. Wir erinnern an dieser Stelle gerne nochmal an die Worte von Kasper van der Meulen: bei all dem Optimieren – bitte nicht vergessen das Leben zu genießen!