Der German Nutrition Care Process (G-NCP)

Das Prinzip des Nutrition Care Process (NCP) stammt ursprünglich aus der Feder der  Academy of Nutrition and Dietetics in den USA. Dieser wurde aufgrund der Besonderheiten des Gesundheitssystems in Deutschland an die Verhältnisse hier angepasst.  Die European Federation of the Associations of Dietitians (EFAD) empfiehlt den NCP als Modell für alle europäischen Mitgliedstaaten. In Deutschland hat sich der Verband der Diätassistenten der Implementierung und Umsetzung des Modells angenommen. Damit werden erstmals die Rahmenbedingungen für eine individuelle Diättherapie und Ernährungsberatung definiert.

Entstehung, Nutzen und Vorteile

Diese Methode der systemischen Problemlösung soll von qualifizierten Ernährungsfachkräften in der Prävention und Therapie selbstständig und eigenverantwortlich angewendet werden. So wird eine laufende Qualitätskontrolle möglich. Zudem kann genau dokumentiert werden, welche Maßnahmen zu welchen Erfolgen führen, sodass einerseits eine standardisierte Beratung ermöglicht wird, andererseits aber auch genügend Raum für individuelle Maßnahmen bleibt.

Als übergeordnetes Ziel ist somit das Generieren von Daten definiert, die den Nutzen von Interventionsmaßnahmen von Ernährungsproblemen belegen. Für den Berater ergibt sich daraus der Vorteil eines definierten und strukturierten Handlungsrahmens. Der Fokus liegt dabei auf Ressourcen statt wie häufig praktiziert auf Defiziten. Das Modell berücksichtigt zudem Arbeitsprozesse und Modelle verwandter Berufsgruppen und bezieht ebenso Angehörige und das Lebensumfeld der Nutzer (Patienten, Kunden, Klienten) mit ein.

Aufbau und Struktur Modell

Im Zentrum des Modells steht die Verbindung zwischen dem Nutzer (Patient, Klient) und dem Berater (Ernährungsfachkraft). In das Modell fließen die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Beraters. Hierzu gehören neben dem diätetischen Fachwissen auf das kritische Denken, die kommunikativen Fähigkeiten oder die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Des Weiteren werden als eine Art äußerer Ring die Rahmenbedingungen und äußeren Faktoren sowie Ressourcen des Nutzers einbezogen.

 

 

Aufbauend auf diese Faktoren gliedert sich das Modell im inneren Ring in verschiedene Prozessstufen. Das sogenannte Screening bzw. die Überweisung des Nutzers ist diesen Stufen vorgeschaltet, da hier auch anderes Fachpersonal (z. B. in Kliniken) involviert sein kann. Es stellt damit keinen zentralen Bestandteil des NCP dar. In Abhängigkeit des Settings kommen hier verschiedene Screeningmethoden zum Einsatz (z. B. Mini Nutritional Assessment [MNA], Nutritional Risk Screening [NRS], Subjective Global Assessment [SGA]), Short Nutritional Assessment Questionnaire [SNAQ]). Der Prozess selbst beginnt mit der Kontaktaufnahme zwischen Nutzer und Berater. oder durch die ärztliche Überweisung

Prozessstufen

Das Ernährungsassessment (Nutrition Assessment und Re-Assessment)

Beim Ernährungsassessment werden systematisch Daten vom Patienten und seinem Umfeld (beruflicher Kontext, Familie, Freunde, Ärzte und Trainer sowie Pfleger etc.) gesammelt und interpretiert. Es fallen insbesondere Daten an aus

  • der Ernährungsanamnese
  • Labordiagnostik
  • körperlichen Untersuchungen (physiologische Parameter, anthropometrische Daten)
  • weiteren Anamnesezweigen (u. a. Krankengeschichte, Eigen- und Sozialanamnese).

Anschließend werden diese Daten strukturiert analysiert und bewertet bzw. für die weiteren Prozessstufen als Verlaufsparameter ausgewählt.

Ernährungsdiagnose bzw. Ernährungsbefund (Nutrition Diagnosis)

Die Ernährungsdiagnosen (auch Nutrition Diagnosis, Ernährungsbefund) stellt den elementaren Schritt zwischen Nutrition Assessment und Nutrition Intervention dar. Auf Grundlage der erhobenen Daten kann festgestellt werden, ob Ernährungsprobleme bestehen und ob diesen durch eine entsprechende Intervention begegnet werden kann. Dieser Schritt obliegt eigenverantwortlich dem Berater. Die Ernährungsdiagnosen (z. B. zu geringe Aufnahme an Eiweiß) sind demnach nicht mit den medizinischen Befunden bzw. Diagnosen (Multiple Sklerose) zu verwechseln und von diesen unabhängig.

Ein weiteres einprägsames Unterscheidungsmerkmal zur medizinischen Diagnose ist die Tatsache, dass sich Ernährungsdiagnosen nach der Intervention verändern bzw. lösen sollten, während medizinische Diagnosen eher bestehen bleiben.

Die Ernährungsdiagnosen fußen auf der Problemerkennung P (Unterversorgung Eiweiß durch Ernährungsprotokoll erkannt), dem Grund bzw. der Ursache E (ausgelöst durch Appetitverlust, Schmerzen, Übelkeit) sowie den objektiven Zeichen bzw. Symptomen S (Blutwerte, Körperzusammensetzung, Muskelatrophie). Eine Ernährungsdiagnose ist damit einfach, klar und präzise sowie spezifisch und baut auf Ursachen sowie Symptomen auf. Lediglich die fehlende Handlungseinsicht bzw. der fehlende Wille des Nutzers zur Verhaltensänderung stellt einen limitierenden Faktor im Handlungsfeld dar.

Nutrition Intervention

Die Nutrition Intervention beinhaltet sowohl die Planung (3. Schritt) als auch die Umsetzung (4. Schritt) einer ernährungsbezogenen Intervention und zielt darauf ab, das identifizierte die Ernährungsprobleme zu lösen (z. B. durch eine Diätberatung mit dem Ziel, Wissensdefizite beim Patienten zu beheben). Als fünfter und letzter Schritt zählt die Evaluation bzw. das Monitoring.

Die Planung und Umsetzung ernährungsbezogener Maßnahmen setzt voraus, dass eine Nutrition Diagnosis gestellt wurde, eine Zieldefinition erfolgte, die Entwicklung einer Strategie zur Umsetzung der notwendigen Maßnahmen stattgefunden hat, aktuelle Empfehlungen und Leitlinien (evidence based practice) berücksichtigt wurden und mit den involvierten Personen (-gruppen), wie dem Patienten (Klienten/Gruppe), dessen Angehörigen einerseits oder mit weiteren Berufsgruppen wie Ernährungsmediziner, Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger, Medizinische Fachangestellte, Sozialarbeiter sowie Dienstleistern andererseits Rücksprache gehalten wurde.

Die Umsetzung der Nutrition Intervention beinhaltet weiterhin die Durchführung und Kommunikation aller ernährungsbezogenen Maßnahmen, das kontinuierliche Sammeln und die Dokumentation relevanter Daten, sowie ggf. die Modifikation der festgelegten Maßnahmen in Abhängigkeit von deren Wirksamkeit.

Die Intervention umfasst laut VDD vier Hauptbereiche, denen die einzelnen Maßnahmen zugeordnet werden können:

  • Lebensmittel und/oder Nährstoffaufnahme: beinhaltet den Zugang zu einem bestimmten Nahrungsangebot und dessen Verfügbarkeit, die orale Aufnahme einzelner Nährstoffe, Supplemente oder die Zufuhr von Nährstoffen durch parenterale und enterale Ernährung sowie die Assistenz bei der Nahrungsaufnahme (z. B. Anreichen der Nahrung), die Umgebung, in der gegessen und getrunken wird (z. B. Pflegeeinrichtungen) oder die pharmakologische Therapie und alternative Maßnahmen, die dazu dienen, den Ernährungsstatus des Patienten zu verbessern
  • Anleitung und Schulung: zielen darauf ab, bestimmte nicht individualisierte ernährungsbezogene Maßnahmen umsetzen zu können (z. B. zur Handhabung eines Blutzuckermessgerätes)
  • Diät- und Ernährungsberatung: individuelle Maßnahme (i. d. R. zwischen Patient/Klient und Diätassistent), welche die Vereinbarung von Zielen, die Erarbeitung kreativer und personen- und umweltbezogener Umsetzungsmöglichkeiten und Eigenverantwortlichkeit des Patienten/Klienten zum Gegenstand hat, um eine bestehende Ernährungssituation zu verbessern
  • Koordination der Ernährungsversorgung: Beratung oder Koordination der Ernährungsversorgung mit Personen, Institutionen oder Dienstleistern, die dazu beitragen können, ein Ernährungsproblem zu lösen, z. B. Krankenhausküche, Anbieter von Essen auf Rädern, Pflegedienst, versorgende Angehörige

Die Nutrition Evaluation und das Monitoring sollen die Veränderungen beim Patienten/Klienten oder der Gruppe, die auf die Nutrition Intervention zurückzuführen sind, messen und dokumentieren. Hierunter fällt ebenso die kritische Selbstreflexion des Beraters bzw. der Ernährungsfachkraft, in der beurteilt werden kann, ob die angewendeten Maßnahmen zielführend waren und korrekt umgesetzt wurden.

Die Ergebnisse werden evaluiert und verdeutlichen somit, welchen Beitrag die ernährungsbezogene Intervention zur Verbesserung eines Ernährungsproblems bzw. von Ernährungsproblemen geleistet hat. Je nachdem, ob das Ernährungsproblem weiterhin besteht, nicht mehr besteht oder sich verändert hat, kann der NCP erneut beginnen.

Die Parameter, die zur Evaluation des Erfolges der Nutrition Intervention herangezogen werden, werden im Vorfeld bzw. während des Nutrition Assessment festgelegt. Hierbei handelt es sich um Indikatoren, die relevant für die Bedürfnisse und Ziele des Nutzers, der Nutrition Diagnosis, die Therapieziele oder das Krankheitsstadium sind (qualitative UND quantitative Indikatoren).

Idealerweise münden Monitoring und Evaluation in ein Outcome Management System, in dem die Effektivität und Effizienz der Nutrition Intervention evaluiert werden. Dieses ist jedoch kein direkter Bestandteil des NCP.

Literatur

  • Daniel Buchholz; Nicole Erickson; Marleen Meteling-Eeken; Sabine Ohlrich: Der Nutrition Care Process und eine standardisierte Sprache in der Diätetik; Ernährungs Umschau | 10/2012: 586-593
  • Quelle: Mitteilung VDD: Einsatz von Skalen im German-Nutrition Care Prozess (G-NCP); ErnährungsUmschau 2016:M664-M665