Gallensäureverlustsyndrom – Symptombild und Ernährungstherapie

Für das Gallensäureverlustsyndrom gibt es (bislang) keine wissenschaftlich überprüfte und gesicherte Ernährungstherapie. Dennoch kann aufgrund der bekannten pathophysiologischen Vorgänge eine Umstellung der Ernährung durchaus angeraten sein. Diese gestaltet sich in Abhängigkeit der Schwere der Symptomatik, der Kompensationsfähigkeit des Gallensäurestoffwechsels sowie des Ernährungszustandes und -verhaltens der Betroffenen.

Symptombild Gallensäureverlustsyndrom im Überblick

Definition und Häufigkeit

Beim Gallensäureverlustsyndrom kommt es durch die beeinträchtigte Reabsorption (Wiederaufnahme) von Gallensäuren im Dünndarm zu einer Funktionsstörung mit chologener Diarrhoe, Blähungen und Fettstühlen mit der Folge möglicher Vitamin- und Fettsäuremängel. Während die Diagnose häufig erst sehr spät gestellt wird (hoher Leidensdruck der Betroffenen), ist das Syndrom aber verhältnismäßig gut und schnell therapierbar.

Ursachen und Risikofaktoren

Es kommen mehrere Ursachen in Betracht.

Dünndarmresektion

Operationen mit einer Entfernung von unteren Teilen des Dünndarms (terminales Ileum) auf <100 cm führen zu einem Verlust der resorptiven Fläche.

Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Kurzdarmsnydrom)

Eine Entzündung der Schleimhaut des terminalen Ileums beeinträchtigt die Reabsorption von Gallensäuren.

Strahlenbehandlungen (Strahlenkolitis)

Eine Schädigung des terminalen Ileums, z. B. bei Krebstherapien, beeinträchtigt die Reabsorption von Gallensäuren.

Blindsack-Syndrom (Blind-Loop-Syndrom)

Bilden sich z. B. infolge von Operationen ausgesackte Darmabschnitte, können sich hier Essensreste etc. ansammeln. Die folgende bakterielle Fehlbesiedlung führt zur bakteriellen Zersetzung unter anderem von Gallensäuren.

Entstehung und Stadien

Gallensäuren unterliegen dem enterohepatischen Kreislauf (siehe Gallenblase und Gallensaft). Diese werden nach einer Mahlzeit mit der Galle in den Dünndarm abgegeben, dort zu einem Großteil (ca. 90 %) nach „Gebrauch“ reabsorbiert (wiederaufgenommen) und stehen dem Körper anschließend erneut zur Verfügung. Mit dem Stuhl wird nur ein kleiner Teil ausgeschieden. Diese Menge wird durch Synthese neuer Gallensäuren in der Leber ausgeglichen.

Gelangen Gallensäuren durch die fehlende Reabsorption (z. B. durch Entfernen oder Erkrankungen des terminalen Ileums) in den Dickdarm, lösen diese infolge der resultierenden osmotischen Wirkung Durchfälle (chologene Diarrhö) aus. Dort ansässige Darmbakterien verstoffwechseln die Gallensäuren, was zur Bildung von Karzinogenen führen kann. Die Darmschleimhaut wird gereizt.

Der Gallensäuremangel in der Gallenflüssigkeit wiederum resultiert in der unzureichenden Bildung von Mizellen im Darm und damit in Störungen der Resorption von Fetten und fettlöslichen Vitaminen. Die Fettresorptionsstörung äußert sich in Fettstühlen (Steatorrhö). Des Weiteren kommt es in der Folge zu Gewichtsverlust, einer Unterversorgung an Vitamin B12, fettlöslichen Vitaminen sowie Analekzemen (Reizung der Analregion).

Es können 2 Stadien unterschieden werden.

Stadium 1: kompensiertes Gallensäureverlustsyndrom

In diesem Stadium ist die Leber in der Lage den Gallensäureverlust auszugleichen (Verlust geringer als Neusynthese). Charakteristikum ist eine chologene Diarrhoe.

Stadium 2: dekompensiertes Gallensäureverlustsyndrom

Die Leber ist nicht länger in der Lage, den Gallensäureverlust auszugleichen (Verlust größer als Neusynthese). Charakteristikum sind Fettstühle (Steatorrhoe) mit >7 g pro Tag.

Diagnostik

Die Diagnostik ist mitunter schwierig und zeitintensiv.

Colestyramintest

Liegt eine erhöhte Gallensäureausscheidung vor und sinkt diese nach Gabe des Anionenaustauschers, gilt die Diagnose als gesichert.

4C-Glykocholat-Atemtest

Nach oraler Gabe von 14C-Glykocholat erfolgt eine vermehrte Abatmung von radioaktivem Kohlendioxid. Dieses wird durch das erhöhte bakterielle Verstoffwechseln der Gallensäuren im Dickdarm (Kolon) verursacht. Das Verfahren wird selten angewandt.

15SeHCAT-Test

Es wird die Gallensäureresorption nach oraler Einnahme einer radioaktiv markierten Gallensäure (15-Selenohomocholsäure-Taurin) gemessen. Das Verfahren ist ziemlich genau (Goldstandard).

Stuhlprobe

Es wird die Fett- und Gallensäureausscheidung mit dem Stuhl ermittelt. Die Gallensäureausscheidung kann zwar die Wiederaufnahmekapazität im Darm, nicht aber die Sekretionsleistung der Leber/Galle darstellen. Dies kann für die Differenzialdiagnose jedoch wichtig sein.

Komplikationen und Folgeerkrankungen

Zu den häufigsten Komplikationen zählen Gallen- und Oxalatsteine sowie Malabsorptionssyndrome.

Gallensteine

Bei der Verdauung fehlen die emulgierenden Gallensäuren in der Leber/Galle, was zu einer vermehrten Bildung von Gallensteinen führen kann.

Oxalatsteine

Unter physiologischen Bedingungen bindet Kalzium im Darm an Oxalsäure, die auf diesem Weg ausgeschieden wird. Bei Fettstühlen jedoch bindet Kalzium an Fett, indessen Folge Oxalsäure im Dünn- und Dickdarm vermehrt aufgenommen wird. Es kann zur Bildung von Oxalatsteinen im Bereich der ableitenden Harnwege kommen.

Malabsorptionssyndrom

Infolge der Symptomatik kann es zu einer Unterversorgung an Vitaminen, Eiweißen und essenziellen Fettsäuren kommen.

Medizinische Therapie

Es sollte immer versucht werden, die Ursache zu behandeln. Ist dies nicht möglich, kann eine ernährungstherapeutische und/oder medikamentöse Therapie Abhilfe schaffen.

Als medikamentöse Therapie steht derzeit nur Colestyramin zur Verfügung. Dieses zählt zu den sogenannten Anionenaustauscherharzen und bindet die Gallensäuren im Darm.

Das Arznei-Telegramm bewertet es als Mittel der Wahl bei akuter chologener Diarrhoe. Wichtig: Es senkt zudem den Cholesterinspiegel im Blut.

Häufige Nebenwirkungen (>10 %) sind vor allem Verstopfungen. Des Weiteren können Blähungen, Übelkeit, Völlegefühl, Sodbrennen und Appetitlosigkeit auftreten.

Ernährungsziele und diätetische Prinzipien

Ernährungsziele

Oberstes Ziel ist eine Reduktion der Beschwerden und/oder Beschwerdefreiheit. Beim dekompensierten Gallensäureverlustsyndrom sollten Fettstühle weitestgehend vermindert werden. Zudem steht die bedarfsdeckende Zufuhr an Vitamin B12 und fettlöslichen Vitaminen im Fokus. Langfristig wird angestrebt, das Entstehen von Oxalatsteinen zu verhindern.

Diätetische Prinzipien

Bei Steatorrhoe wird die Fettzufuhr begrenzt bzw. modifiziert. Gleichzeitig gilt es, für eine bedarfsdeckende Zufuhr an fettlöslichen Vitaminen und Vitamin B12 zu sorgen. Gegebenenfalls ist es notwendig, Präparate mit MCT (mittelkettigen Fettsäuren) und/oder Multivitaminen (Vitamine A, D, E und K) einzusetzen. Um das Risiko für Oxalatsteine zu minimieren, wird zudem die Zufuhr an Oxalsäure reduziert.

Relevante Nährstoffe und Nahrungsinhaltsstoffe

Energie

Es ist auf eine bedarfsgerechte Energiezufuhr zu achten. Auf Wunsch bzw. Bedarf kann die Energiezufuhr gedrosselt (z. B. zur Gewichtsabnahme bei bestehendem Übergewicht) oder erhöht (z. B. zur Gewichtszunahme bei bestehendem Untergewicht) werden.

Fette

Aufgrund des Gallensäuremangels im Gallensaft können mit der Nahrung aufgenommene Fette im Darm nicht ausreichend emulgiert und aufgenommen werden. Infolgedessen treten sogenannte Fettstühle (Steatorrhoe) auf, die ein Begrenzen der täglichen Fettzufuhr auf weniger als 40 g nötig machen. Auch können mittelkettige Fettsäuren die Symptomatik verbessern, da diese nicht auf die Anwesenheit von Gallensäuren und Gallensaft angewiesen sind.

Fettlösliche Vitamine: A, D, E und K

Im Zuge der Steatorrhoe werden nicht nur Fette, sondern auch fettlösliche Vitamine mit dem Stuhl ausgeschieden. Infolgedessen kann es zu einer Unterversorgung kommen. Eine Substitution mit einem Multivitaminpräparat kann dann angezeigt sein.

Vitamin B12

Vitamin B12 wird im terminalen Ileum aufgenommen. Bei einer Funktionsstörung dieses Darmabschnitts kann es zu einer Unterversorgung kommen. Eventuell ist eine Substitution notwendig.

Oxalsäure

Infolge einer Steatorrhoe gehen vermehrt Kalziumionen infolge der Bindung des Kalziums an die Fettsäuren im Darm verloren. Diese stehen zur Bindung von Oxalsäure nicht mehr zur Verfügung. In der Folge steigt die Oxalsäureaufnahme und -ausscheidung mit dem Harn (Hyperoxalurie). Das wiederum fördert die Bildung von Harnsteinen [Medizin Wissen].

Aspekte zu speziellen Lebensmitteln/Produkten

Flohsamenschalen

Flohsamenschalen sind gegen die chologene Diarrhoe (leichte Beschwerden/ geringfügige Erhöhung der Gallensäuren im Stuhl) wirksam. Begonnen wird mit 1 Teelöffel nach den Mahlzeiten. Die Zufuhr kann bei bleibenden Beschwerden auf 2 Teelöffel erhöht werden. Nach dem Anrühren sollte die Flüssigkeit zügig getrunken werden. Es ist unbedingt auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten (siehe Packungsbeilage).

Heilerde

Auch Heilerde kann gegen eine chologene Diarrhoe (leichte Beschwerden/ geringfügige Erhöhung der Gallensäuren im Stuhl) helfen. Meistens reicht die Einnahme von 1 Teelöffel nach den Mahlzeiten. Heilerde sollte nicht in Kombination mit Colestyramin eingenommen werden.

Artischockenextrakt

Artischockenextrakt wirkt unterstützend zur Stimulation der Leber- bzw. Galleproduktion. Dies sollte individuell ausgetestet werden, da Betroffene hier von unterschiedlichen Erfolgen berichten.

MCT-Präparate können als Ersatz für Fette in der Zubereitung von Speisen verwendet werden. Die Fette sind nicht auf die Anwesenheit von Gallensaft angewiesen und können ohne Umweg über die Lymphe direkt zur Leber transportiert werden. Der Einsatz sollte schleichend beginnen.

Die Prognose ist insgesamt relativ günstig. Die Stuhlfrequenz normalisiert sich zwar häufig nicht. Jedoch können eine Symptomfreiheit sowie eine ausreichende Zufuhr an essenziellen Nährstoffen erzielt werden.

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