Das Erscheinungsbild der Histaminintoleranz

Die Histaminintoleranz ist charakterisiert durch eine Unverträglichkeit gegenüber dem biogenen Amin Histamin, in dessen Folge mit der Nahrung aufgenommenes oder endogen aus den Zellen freigesetztes Histamin nicht oder nur unzureichend abgebaut werden kann. Diese Erkrankung ist nicht angeboren, sondern wird erworben. Nach neueren Erkenntnissen sind etwa 1% der europäischen Bevölkerung von einer Histaminintoleranz betroffen [Mai 2007], wovon etwa 80% Frauen mittleren Alters sind.

Gestörte Bildung Histamin-abbauender Enzyme führt zur Symptomatik

Histamin ist an vielen biologischen Reaktionen beteiligt. Bei allergischen Reaktionen beispielsweise binden Allergene auf der Oberfläche von Immunzellen sogenannte IgE-Antikörper, was zur Histaminausschüttung führt. Die Freisetzung von Histamin kann jedoch auch IgE-unabhängig erfolgen. Solche „nichtallergischen“ Stimuli können verschiedene Medikamente, Nahrungsmittel, chemische und physikalische Reize, Unterversorgung von Geweben mit Sauerstoff, Neuropeptide oder Enzyme sein.

Das beim gesunden Menschen permanent gebildete Histamin-abbauende Enzym Diaminooxigenase (DAO) neutralisiert bereits im Dünndarm mit der Nahrung aufgenommenes Histamin, während das Enzym Histamin-N-Methyl-Transferase (HNMT) in der Zelle befindliches Histamin abbaut.

In den Schleimhäuten und nach Durchtritt durch die Darmschleimhaut wird Histamin zu einer unwirksamen Substanz abgebaut. Hierzu werden Kupfer, Vitamin C und Vitamin B6 benötigt. Die Kapazität zur DAO-Bildung im Menschen ist jedoch limitiert. Die größten Mengen werden in Dünndarm und Kolon freigesetzt, gefolgt von Plazenta und Nieren [Sch 1998].

Ist die Produktion dieser Enzyme gestört, reichert sich Histamin in Dünndarm und Plasma an. Infolgedessen können nach Aufnahme histaminreicher Nahrungsmittel [Sat 1988], von Alkohol [Wan 1994] oder DAO-blockierenden Medikamenten [Sat 1990] vielfältige Symptome auftreten.

Ursachen können jedoch vielfältiger sein: Erkrankungen und Medikamente haben Einfluss

Eine Reihe von Mechanismen werden als Ursache der Histaminintoleranz diskutiert. Die Histaminausschüttung wird durch Allergene und nicht-immunlogische Mechanismen, wie beispielsweise Neuropeptide, Komplementfaktoren, durch Zytokine, Hyperosmolarität, Lipoproteine, Adenosin, Superoxidasen [Vli 2005] sowie durch chemische und physikalische Faktoren (z.B. Trauma) ausgelöst.

Hauptursache für die typischen Beschwerden ist jedoch ein Mangel an DAO bzw. ein Missverhältnis zwischen der Konzentration an Histamin und DAO. Die Bildung des Enzyms DAO kann beispielsweise durch eine Schädigung der Darmzellen bei gastrointestinalen Erkrankungen vermindert sein [Sch 1990]; [Rai 1999]. In letzter Zeit konnten in wissenschaftlichen Untersuchungen auch vermehrt genetische Ursachen eines verminderte Abbaus von Histamin bei verschiedenen Erkrankungen wie Nahrungsmittelallergien, Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulzerosa und Kolonadenomen festgestellt werden [Pet 2003]; [Pet 2002].

Durch die Freisetzung von Histamin oder eine Hemmung der DAO können Medikamente verschiedenster Substanzgruppen schwere Intoleranzen hervorrufen oder eine Histaminintoleranz auslösen [Sat 1990]. Insbesondere Langzeitmedikationen sollten bei der Interpretation von Symptomen einer Intoleranz berücksichtigt werden. Einige Medikamente erhöhen die Darmpermeabilität für Histamin. Dies ist bei der Medikamenteneinnahme vor oder während der Mahlzeiteneinnahme zu berücksichtigen.

Eine erworbene Histaminintoleranz kann nach dem Wegfall der Ursachen wie Absetzen DAO-blockierender Medikamente reversibel sein.

Symptome sind äußerst vielfältig

Erste Symptome treten meist 1 Stunde nach dem Verzehr histaminhaltiger Speisen und Getränke auf. Diese sind unspezifisch und sehr unterschiedlich ausgeprägt. Hierzu zählen beispielsweise:

  • Kopfdruck, Nackenschmerzen
  • drückendes Gefühl in den Augen, Augenbrennen
  • Halsschmerzen, Tinnitus, Ohrensausen
  • Mundaphten, Zahn- und Kieferschmerzen
  • Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen

In seltenen Fällen kann es zum anaphylaktischen Schock kommen. Es sind mehrere Organe betroffen:

  • Haut: z.B. Hautrötungen, Juckreiz, Quaddelbildung, Flush (Gesichtsrötung), Quinckeödem
  • Magen-Darm-Trakt: z.B. Durchfall, Magenkrämpfe, Blähungen, Übelkeit, Erbrechen
  • Herz-Kreislaufsystem: z.B. Herzrasen, Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen, Hitzegefühl
  • Atmung: z.B. rinnende Nase, Reizung der Nasenschleimhaut, Schleimhautschwellung, Niesen, Atembeschwerden, Asthma bronchiale
  • Zentralnervensystem: z.B. Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Schlafstörungen
  • Genitaltrakt: z.B. Dysmenorrhoe (Schmerzen während der Periode)

Die häufigsten Auslöser der Symptome durch Nahrungsmittel sind Rotwein, Weißwein und andere alkoholische Getränke, gereifter Käse, Schokolade, Nüsse und Fisch- sowie Fleischkonserven.

Einige Erkrankungen können durch Histaminintoleranz gefördert werden

So wurde eine erniedrigte Aktivität des für den Histaminabbau im bronchialen Epithel entscheidenden Enzyms HNMT auch bei Asthma bronchiale gefunden [Yan 2000]. Als gemeinsames Symptom tritt insbesondere Fließschnupfen auf. Asthmaanfälle können durch eine Belastung mit Histamin ausgelöst werden.

Im weiblichen Genitaltrakt wird Histamin vor allem im Uterus und Ovar produziert. Frauen mit einer Histaminintoleranz leiden häufig unter zyklusabhängigen Kopfschmerzen sowie Dysmenorrhoe.

Auch Herzrhythmusstörungen können histaminbedingt sein [End 1995]. Insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollte auf eine Histaminintoleranz untersucht werden. Hauptauslöser sind häufig Rotweine, Bier und andere histaminhaltige alkoholische Getränke.

Zahlreiche Studien zeigen zudem einen Zusammenhang histaminvermittelter Reaktionen und der Anfallshäufigkeit sowie -stärke von Migränepatienten [Jan 2003]. So wurden bei diesen erhöhte Histaminkonzentrationen sowohl während der Anfälle als auch in der symptomfreien Zeit gemessen. Ähnliche Beobachtungen ergaben sich bei Multiple Sklerose- und Clusterkopfschmerz-Patienten [Fre 2004]. Interessanterweise trat eine verstärkte Symptomatik nach dem Verzehr histaminreicher Lebensmittel auf, während diese bei histaminfreier Diät bzw. dem Einsatz von Antihistaminika ausblieb. Dosisabhängig können sowohl bei Gesunden als auch bei Migränepatienten durch Histamin Kopfschmerzen ausgelöst werden.

Bei Reizdarmpatienten können sich unspezifische Nahrungsmittelintoleranzen, wie gegen Histamin, entwickeln [Wüt 2009]. Vermutet wird, dass bei Reizdarm die Fähigkeit zum Histaminabbau gestört ist.

Diagnose ist aufgrund unspezifischer Symptomatik schwierig

Klagen Patienten über Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Durchfall, Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen, die vornehmlich nach dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel auftreten, werden die entsprechenden allergologischen diagnostischen Tests durchgeführt. Diese zeigen jedoch häufig ein negatives Ergebnis, so dass keine IgE-vermittelte allergische Reaktion als Ursache der Beschwerden nachgewiesen werden kann. In diesen Fällen sollte an eine Histaminintoleranz gedacht werden. Eine gute Kenntnis der Histaminintoleranz ist in der klinischen Praxis wichtig, weil diese Störung aufgrund ihrer vielfältigen Symptomatik für verschiedene Fachbereiche als Differenzialdiagnose relevant ist.

Die DAO- und die Histaminspiegel-Bestimmung werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen und nur von wenigen Laboren durchgeführt. Daher fokussiert sich die Diagnosestellung in der Praxis im Hinblick auf wirtschaftliche Aspekte meist auf die für die Histaminintoleranz typische Klinik. Goldstandard der Diagnostik ist eine doppelblinde placebokontrollierte Provokationstestung im Anschluss an eine histaminarme Diät.

Medikamentöse Therapie ist umstritten

Verschiedene Antihistaminika kommen bei allergischen Reaktionen zum Einsatz. Diese verhindern bzw. blockieren die Histaminfreisetzung. In Abhängigkeit vom klinischen Bild ist die vorübergehende Einnahme von H1-Rezeptor-Blockern zu empfehlen, um die Wirkung des Histamins zu vermindern.

Antihistaminika besitzen jedoch auch mehr oder weniger stark ausgeprägte antiemetische, zentral dämpfende und anticholinerge Eigenschaften mit Folge z.B. von Müdigkeit, Benommenheit, trockenem Mund, Übelkeit und Verstopfung.

Seit 2005 ist zudem ein Produkt auf dem Markt, welches das Enzym DAO enthält und damit Beschwerden lindern kann. Allerdings liegen nur unzureichend klinische Studien vor, die den praktischen Einsatz als unbedenklich einstufen können. Bei einer konsequenten Diät scheinen Antihistaminika keinen wesentlichen zusätzlichen Nutzen zu erzielen.

Ernährungstherapie: Histaminarme Diät ist Mittel der Wahl

Das Führen eines Symptomtagebuchs und eine Ernährungsberatung haben sich bei vielen Patienten als sinnvoll erwiesen. Hier kann bei einer Histaminintoleranz durch Einhalten einer histaminarmen Diät eine deutliche Reduktion oder ein Wiederauftreten der Symptome bei Diätfehlern dokumentiert werden.

Ist eine Histaminintoleranz diagnostiziert, sollten histaminreiche Lebensmittel streng gemieden werden. Histamin in Nahrungsmitteln kann weder durch Tiefkühlung, noch durch Backen, Grillen oder Kochen der Speisen inaktiviert werden. Lang gelagerte Speisen indes enthalten im Zuge des vermehrten bakteriellen Verderbs vermehrt Histamin. Insbesondere proteinreiche Lebensmittel wie Käse, Fleisch und Fisch sowie fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Käse und Wein enthalten daher große Histaminmengen. In Abhängigkeit von Herstellung, Zubereitung und Lagerung der Lebensmittel schwanken die Histamingehalte enorm.

In eigener Sache
In eigener Sache: Ungeachtet anderer möglicher Ursachen verzichten viele Betroffene aus reiner Vorsicht auf eine ganze Palette an Lebensmitteln, die als mögliche Histaminquellen in Frage kommen. Mitunter nimmt die Einschränkung der Lebensmittelauswahl Ausmaße an, die kaum noch eine genussvolle und an Nährstoffen bedarfsdeckende Ernährung ermöglichen. Doch ob Histamin wirklich der ausschlaggebende Faktor für die Unverträglichkeit ist, ist meist unklar. Möglicherweise ist die wahre Ursache woanders zu finden. So können andere Ernährungsfaktoren den Darm reizen und dessen Durchlässigkeit erhöhen. Dabei steigt einerseits die Aufnahme von Histamin aus dem Essen, andererseits wird die Immunabwehr verstärkt mit Fremdstoffen konfrontiert, wobei körpereigenes Histamin freigesetzt wird. Wer äußerst empfindlich auf histaminhaltige Lebensmittel reagiert und nur mit einer einschneidenden Diät von Beschwerden verschont bleibt, sollte auch auf seine Darmgesundheit achten.

Lesen Sie auch eine umfassende Übersicht zur Ernährungstherapie der Histaminintoleranz.

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