Das Krankheitsbild der Hyperthyreose

Die Hyperthyreose bezeichnet eine Überfunktion der Schilddrüse, die zu einer übermäßigen Produktion der Hormone Thyroxin und Trijodthyronin führt. Streng genommen handelt es sich um kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern um ein Symptom, das vor allem im Rahmen eines Morbus Basedows oder einer Schilddrüsenautonomie auftritt.

Durch eine zu hohe Jodaufnahme bedingte Hyperthyreosen sind in der Regel selten und nicht zu befürchten, da zwischen der bedarfsdeckenden und der schädlich wirkenden Jodmenge eine weite Sicherheitsspanne liegt.

Bei einer Untersuchung der Universität Greifswald wiesen 1,8% der Bevölkerung in der Region Pommern eine subklinische Hyperthyreose und 0,4% eine manifeste Hyperthyreose auf. Die Häufigkeit der Schilddrüsenfehlfunktion nimmt in den höheren Altersgruppen zu [Völ 2003].

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Überangebot an Schilddrüsenhormonen kann Ausdruck verschiedener Krankheitsbilder sein, vorrübergehend aber auch im Rahmen endogener Ursachen auftreten. In den meisten Fällen liegt der Hyperthyreose ein autoimmunologisch-bedingter Morbus Basedow oder eine Autonomie von Schilddrüsengewebe zugrunde. In beiden Fällen kommt es zu einer vermehrten Bildung von Schilddrüsenhormonen.

Entzündungsprozesse, insbesondere im akuten Stadium einer Hashimoto-Thyreoiditis, können eine vorrübergehende Hyperthyreose hervorrufen, da durch den Untergang von Schilddrüsenzellen auch gespeicherte Hormone freigesetzt werden. Andere krankheitsbedingte Ursachen wie TSH-produzierende Hypophysentumore, endokrinologische Paraneoplasien oder Mutationen des TSH-Rezeptors sind hingegen sehr selten.

Daneben kann eine Hyperthyreose auch durch exogene Ursachen hervorgerufen werden, wie etwa durch eine Überdosierung von Schilddrüsenhormon (iatrogene Hyperthyreose oder Hyperthyreosis factitia) oder eine exzessive Zufuhr an Jod beispielsweise über Kontrastmittel.

Genetische Veranlagung

Autoimmunologische Ursachen treten familiär gehäuft auf. Interessanterweise kommen in einigen betroffenen Familien sowohl Fälle von Morbus Basedow als auch Fälle mit Hashimoto-Thyreoiditis vor, was auf eine gemeinsame genetische Grundlage schließen lässt [Str 2003].

Jodangebot

Bei einer entsprechenden genetischen Veranlagung kann ein Überangebot von Jod den Krankheitsausbruch begünstigen, weswegen z.B. ein Morbus Basedow in Regionen mit guter Jodversorgung häufiger die Ursache für eine Hyperthyreose ist. Vor allem jodhaltige Medikamente, überdosierte Nahrungsergänzungsmittel, der regelmäßige Verzehr von jodreichen Nahrungsmitteln wie Meeresalgen oder auch jodhaltige Röntgenkontrastmittel tragen zu einer erhöhten Jodaufnahme bei [Lau 2010]. Im Gegensatz hierzu fördert ein Jodmangel die Ausbildung von Schilddrüsenautonomien, die in Jodmangelgebieten wie Deutschland die überwiegende Ursache von Hyperthyreosen sind [Lau 2010].

Welchen Einfluss die Jodversorgung einer Bevölkerung auf die Häufigkeit von Schilddrüsenerkrankungen ausübt, verdeutlicht eine langjährige Beobachtungsstudie aus Slowenien. Da etwa 80% der Bevölkerung ein Struma vorwiesen, wurde von der Regierung Anfang der 50er Jahre eine allgemeine Jodierung des Speisesalzes angeordnet. Hierdurch ging die Häufigkeit von Jodmangelstrumen auf 11% zurück. Da das Land nach den WHO-Kriterien dennoch als Region mit einem leichten Jodmangel galt, erhöhte die Regierung 1999 die vorgeschriebene Jodmenge im Speisesalz. In den folgenden 10 Jahren verzeichneten die Autoren der Studie einen deutlichen Rückgang von diffusen Strumen und von Schilddrüsenautonomien in der Bevölkerung. Die Prävalenz von Morbus Basedow blieb unbeeinflusst von der höheren Jodierung. Im Gegensatz dazu registrierten die Autoren jedoch einen deutlichen Anstieg der Fälle von Hashimoto-Thyreoiditis [Zal 2011].

Hormone

Bei Menschen mit einer erblichen Veranlagung für autoimmunologische Schilddrüsenerkrankungen scheint die Einnahme von Östrogenen das Risiko für eine Hyperthyreose zu verringern, während Schwangerschaften das Risiko erhöhen [Str 2003].

Krankheitsentstehung

Wie es zur Hyperthyreose kommt, hängt vordergründig von der der zugrundeliegenden Ursache ab. Allerdings lassen sich bislang nur die Prozesse nachvollziehen, die letztlich zur Überproduktion an Schilddrüsenhormonen führen. Welche pathologischen Schritte das jeweilige Krankheitsbild auslösen, ist weder für den Morbus Basedow noch für Autonomien bekannt.

Funktionelle Autonomie

Eine Autonomie bedeutet, dass ein oder mehrere Zellverbände innerhalb der Schilddrüse

unabhängig eines TSH-Signals Schilddrüsenhormone bilden und freisetzen. Die Sekretion entzieht sich folglich der hypothalamisch-hypophysären Kontrolle und läuft autonom ab. Grundlage hierfür sind Mutationen, die die Signalketten innerhalb der Drüsenzellen von äußeren Signalen abkoppeln.

Verstärkt wird die Ausprägung solcher autonomer Zellverbünde durch einen Jodmangel, wodurch Autonomien in Regionen mit schlechter Jodversorgung gehäuft auftreten. Ausgangspunkt hierbei ist oftmals ein Jodmangelstruma. Bei anhaltendem Jodmangel sinkt die Konzentration an T3 und T4 im Blut, wodurch kompensatorisch vermehrt TSH freigesetzt wird. Dieses regt u.a. das Zellwachstum und die Zellteilung innerhalb der Schilddrüse an, um mehr Gewebe zu Hormonbildung bereitzustellen. Da durch den Jodmangel dennoch kein nennenswerter Anstieg der Hormonspiegel erreicht wird, bleibt der Regulationsweg aktiv, das Schilddrüsengewebe vermehrt sich weiter, wodurch es zur Kropfbildung kommt.

Gleichzeitig nimmt der Anteil an autonomen Arealen in der vergrößerten Schilddrüse zu. Übersteigt deren Hormonproduktion den Hormonbedarf  entsteht eine Hyperthyreose.

Autonome, mehrspeichernde Zellen können als einzelne (unilokale) bzw. mehrere (multilokale) Knoten auftreten oder diffus (disseminiert) über die Schilddrüse verteilt sein.

Morbus Basedow

Aufgrund eines Immundefekts werden Autoantikörper gebildet, die offensichtlich strukturelle Ähnlichkeiten mit TSH aufweisen. Diese besetzen und aktivieren den TSH-Rezeptor an den Schilddrüsenzellen, wodurch permanent und unabhängig jeglicher Kontrolle Hormone freigesetzt werden. Eine genetische Veranlagung als Grundlage gilt mittlerweile als sicher. Welche Faktoren (z.B. hoher Stress, Infektionen) die Krankheit letztlich auslösen, ist jedoch unbekannt. Da Morbus Basedow verstärkt in Regionen mit guter Jodversorgung auftritt, scheint auch eine Jodüberdosierung am  Krankheitsgeschehen beteiligt zu sein.

Pathogenese des klinischen Bildes

Bei beiden Krankheitsbildern wird das klinische Bild in erster Linie durch den weit über den Bedarf erhöhten Hormonspiegel hervorgerufen. Da Schilddrüsenhormone zahlreiche Gewebe und Stoffwechselwege beeinflussen, führt eine Steigerung aller hormonabhängigen Prozesse zu weitreichenden Veränderungen im Körper.

Wichtige metabolische Auswirkungen sind:

  • Gesamtstoffwechsel: verstärkte Aktivierung oxidativer Prozesse, gesteigerter Grundumsatz, erhöhte Thermogenese
  • Kohlenhydratstoffwechsel: gesteigerter Glykogenabbau und gesteigerte Glukoseneusynthese mit Anstieg des Blutzuckerspiegels; gesteigerter Glukoseabbau
  • Fettstoffwechsel: erhöhter Abbau von Fett (mit erhöhter Konzentration an freien Fettsäuren im Blut), Cholesterin, VLDL- und LDL-Cholesterin sowie verstärkte Ausscheidung von Gallensäuren
  • Proteinstoffwechsel: erhöhter Proteinabbau mit Anstieg der Harnstoffbildung und -ausscheidung
  • Blutkreislauf: erhöhter Sauerstoffbedarf mit Hyperventilation und verstärkter Erythrozytenneubildung
  • Organe: erhöhte Sensitivität verschiedener Gewebe für Katecholamine mit verstärkter Erregbarkeit von Muskelfasern u.a. im Herz, im Darm und in der Skelettmuskulatur

Beim Morbus Basedow kommt es zusätzlich zu immunologischen Reaktionen im Bereich der Augen, infolgedessen Ödeme und Ablagerungen von Glukosaminglykanen auftreten können.

Formen und Symptome

Hyperthyreosen lassen sich nach dem klinischen Bild oder nach den zugrundeliegenden Ursachen einteilen. Da zahlreiche biologische Prozesse durch das Überangebot an Schilddrüsenhormonen überaktiv sind, wirkt sich eine Hyperthyreose auf viele Bereiche des Körpers aus. Die Symptomatik ist folglich unspezifisch und nicht bei jedem Patienten gleichermaßen ausgeprägt.

Einteilung nach der klinischen Relevanz

  • subklinische/ latente Hyperthyreose
  • manifeste Hyperthyreose

Einteilung nach der Ursache

  • funktionelle Schilddrüsenautonomie: unilokale, multilokale oder disseminierte Autonomien
  • immunologisch bedingte Hyperthyreose (Immunthyreopathien): z.B. Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis im Anfangsstadium
  • entzündungsbedingte Hyperthyreose: z. B. subakute Thyreoiditis de Quervain, Strahlenthyreoiditis
  • tumorbedingte Hyperthyreose: Schilddrüsenkarzinom
  • sekundäre Hyperthyreosen: z.B. Hyperthyreosis factitia (Hormonüberdosierung), Jodexzess (z.B. durch Kontrastmittel), TSH-Überproduktion durch Hypophysentumor

Symptome

Eine unerkannte oder schlecht behandelte Hyperthyreose kann zu verschiedenen Komplikationen führen:

  • thyreotoxische Krise = rasche Verschlechterung des Beschwerdebildes mit teilweise lebensbedrohlichem Ausmaß mit stark verschlechterter Bewusstseinslage bis hin zur Bewusstlosigkeit, Apathie, Herzrasen bis hin zu Herzinsuffizienz, Fieber, Erbrechen, starkem Durchfall mit Dehydrierung
  • thyreotoxische Myopathie = hochgradige Schwächung der Muskulatur

Diagnostik

Erste Hinweise auf eine Schilddrüsenüberfunktion sind das Vorhandensein von Leitsymptomen: ungeklärte Gewichtsabnahme, Herzrasen, erhöhte Wärmeempfindlichkeit mit vermehrtem Schwitzen, psychische Veränderungen wie Nervosität und Unruhe, Tremor, Haarausfall und Hautveränderungen, Anzeichen auf Kropfbildung und Veränderungen an den Augen.

Untersuchungen:

  • Anamnese
  • körperliche Untersuchungen
  • Hormondiagnostik
  • Antikörperbestimmung
  • Apparative Untersuchung

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Behandlung der Hyperthyreose konzentriert sich auf den Zustand der Schilddrüse und variiert in Abhängigkeit der Form der Schilddrüsenüberfunktion. Bei der autonomen Form werden so mitunter andere Wirkstoffe verschrieben als bei Morbus Basedow.

Downloads

Für unsere Mitglieder stehen zu diesem Thema ein paar Downloads zur Verfügung. Diese sind auch in unserem Medienshop erhältlich.

  Fachinfo Hyperthyreose
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  Wissenskarten Schilddrüsendiagnostik
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  Präsentation Schilddrüse und Erkrankungen
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