Ernährung bei Hyperurikämie und Gicht

Das Ziel der Langzeittherapie ist eine dauerhafte Senkung des Harnsäurebestandes im Körper, um einerseits erneute akute Anfälle zu vermeiden bzw. die Langzeitschäden einer chronischen Gichterkrankung einzuschränken. Die Ernährungstherapie gilt dabei als Basis der Behandlung, da diese auch ohne medikamentöse Behandlung die Harnsäurekonzentration bereits zu senken vermag und die Wahrscheinlichkeit erneuter akuter Gichtanfälle minimiert.

Dabei muss die Gesamtzufuhr der Purine, die sich sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln als Bausteine der RNS, DNS und der Nukleotide befinden, eingeschränkt werden. Daneben spielt besonders die Einschränkung der Alkoholzufuhr als häufiger Anfallsauslöser eine wichtige Rolle.

Zur Unterstützung der Ernährungstherapie werden Medikamente eingesetzt, die zum einen die Bildung der Harnsäure hemmen (Urikostatika) und zum anderen die Ausscheidung über die Niere erhöhen (Urikosurika). Zudem sind auch weitere durch den Lebensstil begünstigte Risikofaktoren wie Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 zu beachten, da eine medikamentöse Behandlung ohne Änderung der Lebensgewohnheiten langfristig kaum Erfolg verspricht. Hierzu bedarf es insbesondere einer umfassenden Aufklärung und Schulung des Patienten.

Da in den meisten Fällen eine gestörte Harnsäureausscheidung vorliegt, sind die Eckpfeiler der Ernährungstherapie sowohl die Verminderung der Purinzufuhr sowie die Vermeidung eines unnötigen Purinabbaus.

Eine konsequente Ernährungsumstellung hilft, Medikamente einzusparen oder macht diese überflüssig. Diese verfolgt folgende Ziele:

  • Einschränkung der Purinzufuhr mit der Nahrung
  • Normalisierung des Körpergewichts bei vorhandenem Übergewicht
  • Zufuhr ausreichender Flüssigkeitsmengen
  • Einschränkung des Alkoholkonsums

Purinarme Kost

Zwar kann die Harnsäurebildung im Körper durch eine Senkung der exogenen Purinzufuhr verringert werden. Eine streng limitierte Zufuhr von maximal 100 mg Purinen täglich ist allerdings in der Praxis nur schwer über längere Zeit vom Patienten umsetzbar. Dieser sollte daher angehalten werden, zu mindestens eine Maximalzufuhr von 165 mg Purinen am Tag zu erreichen.

Umsetzung in der Praxis

  • Fleisch- und Fischprodukte sind die Hauptpurinquellen. Bei Gicht ist daher ein sparsamer Verzehr empfehlenswert. Gichtpatienten sollten sich wöchentlich auf etwa 1 bis 2 Portionen Fleisch bzw. Fisch zu je 100 g pro Portion beschränken. Um das Eiweiß- sowie Vitamin- und Mineralstoffangebot dieser Lebensmittelgruppen trotz geringer Zufuhr optimal zu nutzen, sollten nach Möglichkeit Fleisch- und Fischprodukte von hoher Qualität bevorzugt werden. Mageres Muskelfleisch idealerweise von Bioqualität sowie wenig verarbeitetes Fischfilet liefern die höchste Nährstoffdichte. Die purinreiche Haut von Geflügel bzw. Fisch sollte vorher entfernt werden. Innereien wie Leber, Bries, Herz und Nieren sind besonders purinreich. Auf diese sollten Gichtpatienten möglichst verzichten. Purinreiche Fischsorten wie Forelle, Sardine und Sprotte sollten eher vermieden werden. Thunfisch, Lachs und Makrele liefern zwar ebenfalls hohe Purinmengen, enthalten jedoch auch reichlich Omega-3-Fettsäuren, die sich positiv auf häufig mit Gicht assoziierte Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauferkrankungen auswirken und entzündungshemmend wirken.
  • Statt Fleischbouillon sollte lieber auf Gemüsebrühe zurückgegriffen werden.
  • Instantgerichte mit Hefeextrakt wie Tütensuppen und -soßen sollten vermieden werden. Zusätzlich ist zu beachten, dass Fertiggerichte und Würzmischungen Purinverbindungen als Geschmacksverstärker enthalten können. Gichtpatienten sollten daher motiviert werden, viele Gerichte möglichst selbst aus frischen Zutaten zuzubereiten.
  • Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen und Linsen enthalten ebenfalls höhere Gehalte und sollten möglichst nicht zu Fleisch- bzw. Fischgerichten kombiniert werden. Nach neueren Untersuchungen erhöhen diese allerdings trotz hohem Puringehalt nicht das Gichtrisiko und können ansonsten in moderaten Mengen in den Speiseplan eingebaut werden [Cho 2004].
  • Zur Deckung des Eiweißbedarfs eignen sich vor allem Milchprodukte und Eier.
  • Bier enthält nicht nur Alkohol, sondern aufgrund der Hefe auch Purine. Eine kleine Flasche (330 ml) führt bereits zu einer Harnsäureproduktion von 50 bis 80 mg. Wenn nicht darauf verzichtet werden kann, sollte die tägliche Zufuhr auf ein Glas beschränkt werden.
  • Tee, Kakao und Kaffee sind erlaubt.
  • Purine gehen beim Kochen in das Kochwasser über, so dass sich der Puringehalt beispielsweise von gekochtem Fleisch gegenüber der Rohware verringert. Beim Braten hingegen geht Wasser verloren und der Puringehalt konzentriert sich auf.
  • Frische Lebensmittel belasten den Harnsäurespiegel weniger als lang gelagerte, da während der Lagerung purinhaltige Verbindungen aufgeschlossen werden und so für den Körper besser verwertbar sind.
  • Ein vorweg aufgestellter, grober Wochenplan kann hilfreich sein, den Überblick über die aufgenommenen Gerichte zu behalten: z.B. Montag: Gemüsegericht, Dienstag: Fischgericht, Mittwoch: Gemüsegericht usw.
  • Nahrungs- und Alkoholexzesse etwa zu Feiertagen oder Feierlichkeiten wie Weihnachten, Geburtstage oder Grillabende sollten von Gichtpatienten möglichst gemieden werden.

Reduktion des Körpergewichts

Übergewicht wird als wesentlicher Risikofaktor der Gicht angesehen und sollte möglichst abgebaut werden [Cho 2005]. Von strengen Diäten und Fastenkuren ist allerdings dringend abzuraten, da hier in erster Linie Muskelmasse und damit Eiweiß abgebaut wird, was zu einer zusätzlichen Harnsäurebildung führt. Zudem entwickelt sich während Hungerphasen häufig eine Ketoazidose. Der verminderte pH-Wert fördert zusätzlich die Ablagerung von Uratkristallen. Erstrebenswert ist ein Gewichtsverlust von maximal 2 kg pro Monat. Zusätzlich zur Ernährungsumstellung unterstützt eine Steigerung der körperlichen Aktivität die Gewichtsreduktion und senkt das Gichtrisiko [Wil 2008].

Neben der Senkung der Harnsäurewerte wirkt sich eine Gewichtsreduktion auch auf das Risiko von Komorbiditäten und Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen positiv aus.

Trinkmenge

Um Harnsäure ausscheiden zu können, benötigen die Nieren ausreichend Flüssigkeit. Trinken (etwa 2 bis 2,5 Liter) ist daher für Gichtpatienten sehr wichtig. Geeignet sind vor allem Wasser, ungesüßter Tee und stark verdünnte Fruchtsaftschorlen. Insbesondere hydrogenkarbonatreiche (alkalisierende) Mineralwässer erhöhen den pH-Wert des Urins und verbessern die Harnsäureausscheidung. Auf zuckerreiche Erfrischungsgetränke, insbesondere solche mit hohem Fruktosegehalt, sollte verzichtet werden.

Beim Abbau von Alkohol entsteht vermehrt Milchsäure. Der Anstieg der Blutlaktatkonzentration hemmt die Harnsäureausscheidung empfindlich. Zudem stimuliert Alkohol die Harnsäurebildung in der Leber.

Alkohol sollte daher nach Möglichkeit gemieden bzw. nur maximal ein alkoholisches Getränk am Tag genossen werden. Besonders problematisch ist der Alkoholkonsum zu ohnehin schon purinreichen Mahlzeiten.

Weitere diätetische Aspekte

Konsum von Zucker und stärkereichen Lebensmitteln einschränken

Insulin hemmt die renale Harnsäureausscheidung [Qui 1995]. Lebensmittel, die zu einer hohen Insulinausschüttung führen, sollten daher nur in geringem Umfang verzehrt werden. Besonders Speisen mit reichlich Zucker oder wenig ausgemahlenem Mehl sollten nicht täglich auf dem Speiseplan stehen.

Kaffee

Der Konsum von Kaffee, unabhängig ob in herkömmlicher oder entkoffeinierter Form, senkt den Harnsäurespiegel und vermindert das Gichtrisiko [Cho 2010]. Der genaue Mechanismus ist bislang nicht bekannt. Möglicherweise wirkt Koffein, ein Alkaloid aus der Stoffgruppe der Xanthine, hemmend auf das Enzym Xanthinoxidase und hat hierdurch einen ähnlichen Effekt auf die Harnsäurebildung wie das Urikostatikum Allopurinol. Allerdings lässt die Tatsache, dass auch entkoffeinierter Kaffee eine leicht harnsäuresenkende Wirkung hatte, während diese bei Tee nicht auftrat, vermuten, dass andere Inhaltsstoffe als Koffein für diese Wirkung verantwortlich sind. Ein regelmäßiger Kaffeekonsum geht mit einem niedrigeren Insulinspiegel einher [Wu 2005], wodurch die insulinvermittelte Hemmung der Harnsäureausscheidung vermindert wird [Qui 1995].

Milchprodukte

Milchprodukte führen sowohl akut [Dal 2010] als auch langfristig zu einer Senkung der Harnsäurewerte und zu einem geringeren Gichtrisiko [Cho 2004]. Zudem tragen diese maßgeblich zur Deckung des Eiweißbedarfs bei, da durch die Meidung größerer Fleisch- und Fischmengen wichtige Eiweißlieferanten fehlen. Gichtpatienten sollten daher 2 Portionen Milch und Milchprodukte zu sich nehmen.

Zusatzstoffe

Bestimmte Zusatzstoffe werden im Körper zu Harnsäure abgebaut, was bei Gichtpatienten bei regelmäßigem hohen Verzehr dieser Zusatzstoffe zu einer Verschlimmerung der Symptome führen kann.

Diskutierte Zusatzstoffe sind die Geschmacksverstärker:

  • E626 – Guanylat
  • E627 – Dinatriumguanylat
  • E628 – Dikaliumguanylat
  • E629 – Kalziumguanylat
  • E630 – Inosinat
  • E631 – Dinatriuminosinat
  • E632 – Dikaliuminosinat
  • E633 – Kalziuminosinat
  • E634 – Kalzium-5-ribonukleotid
  • E635 – Dinatrium-5-ribonukleotid

Gichtpatienten sollten daher weitgehend auf den Verzehr von Fertiggerichten und die Verwendung von Würzmischungen verzichten.

Fruktose

Fruktose (Fruchtzucker) ist der einzige Zucker, der den Harnsäurespiegel im Plasma erhöht. Bei der dauerhaften Aufnahme hoher Mengen entwickelt sich eine Hyperurikämie, welche die Entstehung des Metabolischen Syndroms und damit verbundene Erkrankungen begünstigt.

In Tierstudien an Ratten erhöhte Fruktose deutlich den Harnsäurespiegel, was im Weiteren zu typischen Erscheinungen des Metabolischen Syndroms wie Gewichtszunahme, Bluthochdruck, erhöhte Insulin- und Triglyzeridspiegel sowie Insulinresistenz führte. Gruppen, die mit vergleichbaren Mengen Glukose gefüttert wurden, entwickelten diese typischen Merkmale nicht [Joh 2009].

Einige Untersuchungen am Menschen zeigten einen dosisabhängigen Anstieg des Harnsäurespiegels nach fruktosereichen Softdrinks verbunden mit einem erhöhten Gichtrisiko. Andere fanden diesen Zusammenhang lediglich bei Männern [Joh 2009]. Dabei stieg der Harnsäurespiegel nach Fruktoseaufnahme um etwa 2 mg/ dl innerhalb einer Stunde. Zwar war dieser Anstieg anfangs nur vorrübergehend, nach einigen Wochen erhöhte sich jedoch der Nüchternspiegel [Joh 2009].

Der erste Reaktionsschritt im Fruktosestoffwechsel ist energieabhängig und verbraucht ATP. Da das verantwortliche Enzym Fruktokinase nicht reguliert ist, wird dieser Weg bei hoher Fruchtzuckeraufnahme entsprechend häufiger beschritten. Die Zelle verarmt somit zunehmend an ATP, während sich dessen die Abbauprodukte ADP bzw. AMP anreichern.

Die erhöhten intrazellulären AMP-Spiegel aktivieren den Abbau zu Harnsäure. Je höher die aufgenommene Fruktosemenge, umso mehr Harnsäure entsteht. Bereits Dosen unterhalb von 0,5 g Fruktose/ kg Körpergewicht können diesen Stoffwechselweg auslösen, insbesondere bei Kindern [Seg 2007].

Downloads

Unseren Mitgliedern stehen PDF-Downloads zum Thema kostenfrei als Download zur Verfügung. Diese sind auch in unserem Medienshop erhältlich.

  Miniposter Lebensmittelliste Hyperurikämie und Gicht
Bitte loggen Sie sich mit Ihren Zugangsdaten ein, um die Datei herunterzuladen.

  Miniposter Ernährungstherapie Hyperurikämie und Gicht
Bitte loggen Sie sich mit Ihren Zugangsdaten ein, um die Datei herunterzuladen.

  Fachinfo Hyperurikämie und Gicht
Bitte loggen Sie sich mit Ihren Zugangsdaten ein, um die Datei herunterzuladen.

  Vortrag Hyperurikämie und Gicht
Bitte loggen Sie sich mit Ihren Zugangsdaten ein, um die Datei herunterzuladen.