Hyperurikämie und Gicht – Ernährungstherapie

Lange Zeit wurde Hyperurikämie- und Gichtpatienten eine moderat bis streng purinarme Diät verordnet. Die Diät wurde von vielen Patienten jedoch nicht lange durchgehalten. Zudem war der Erfolg nur mäßig. Heute wird die Ernährung bei Gicht auf den einzelnen Patienten zugeschnitten und in Abhängigkeit der Ursachen und Ernährungsmuster individuell gestaltet.

Anamnese und Ernährungsassessment

Anthropometrische Daten

Wichtig ist die Erfassung und Beurteilung des Körpergewichts.

  • Körpergewicht, BMI
  • ggf. Körperzusammensetzung
  • ggf. Bauchumfang
  • bei Übergewicht: ergänzendes Assessment

Krankheitsbild und Klinik

Diagnose, Stadium und Symptome entscheiden maßgeblich über die Therapieoptionen.

  • Diagnose (Hyperurikämie, Gicht) und Nebendiagnosen (Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, Insulinresistenz, Metabolisches Syndrom, Hypertonie)
  • Stadium und Schübe (Anzahl und Häufigkeit)
  • Symptome, Verlauf und Komplikationen
  • Therapie (bisher, geplant)

Labordaten und medizinische Untersuchungen

Neben Harnsäure und Blutbild ist auch die Bestimmung von CRP und BSG hilfreich.

  • Harnsäure
  • Blutbild
  • CRP
  • BSG

Klientenanamnese

Schmerzen, Bewegungsverhalten und Stress beeinflussen Symptomschwere, Häufigkeit und den Therapieerfolg.

  • Bewegungsverhalten
  • Stress und Stressverhalten
  • Art, Häufigkeit und Intensität der Schmerzen

Ernährung

Bei der Ernährung spielen Purin- und Fettzufuhr sowie die Alkohol- und Fruktoseaufnahme eine große Rolle.

  • Purinzufuhr, insbesondere aus tierischen Quellen
  • Vitamin C
  • Fruktose
  • Alkohol
  • Kaffee

Anhand der erfassten Parameter können zutreffende Ernährungsdiagnosen gestellt werden. Diese wiederum sind die Ausgangsbasis für Ernährungsziele, diätetische Prinzipien und Ernährungsinterventionen.

Ernährungsziele bei Gicht

kurzfristig

  • Schmerzlinderung
  • Entzündungshemmung
  • Senkung der akuten Harnsäurelast

mittelfristig

  • Verlängern des Zeitintervalls zwischen zwei Gichtanfällen oder besser
  • Vorbeugen künftiger Gichtanfälle
  • Reduzieren/ Absetzen von Medikamenten
  • bei Übergewicht: Gewichtsabnahme

langfristig

  • dauerhafte Senkung des Harnsäurebestandes im Körper (<6,0 mg/dl [Eng 2017])
  • Verhindern der Entstehung von Tophi (Gichtknoten), Nierensteinen und anderen Nierenerkrankungen bzw. Komplikationen
  • bei Übergewicht: weitere Gewichtsabnahme mit anschließender Gewichtsstabilisierung

Diätetische Prinzipien

  1. purinreduzierte Zufuhr (tierische Quellen)
  2. ausreichend Flüssigkeit
  3. eingeschränkter Alkohol- und Fruktosekonsum

Aspekte zu Energie, Nährstoffen und Flüssigkeit

Die hier vorgestellten Aspekte fokussieren nicht die Gewichtsabnahme, sondern eine reduzierte Harnsäurelast im Körper bzw. eine erhöhte Ausscheidung von Harnsäure. Maßnahmen bei Übergewicht sind unter → Adipositas und Übergewicht – Ernährungstherapie nachzulesen.

Purine

Sehr purinreiche Nahrung aus tierischen Quellen erhöht das Risiko für Hyperurikämie und Gichtanfälle.

  • Die Harnsäurebildung im Körper kann durch eine Senkung der Nahrungs-Purinzufuhr verringert werden. Eine streng purinarme Diät (>100 mg Purin bzw. 240 mg Harnsäure pro Tag) gilt jedoch als überholt. Eine Risikosenkung wird über das Meiden bestimmter Nahrungsmittel/-gruppen erreicht.
  • Als Risikofaktoren für die Entstehung von Gicht spielen nur diejenigen Purine eine Rolle, die zu Harnsäure abgebaut werden (Adenin, Guanin, Xanthin und Hypoxanthin).
  • Purine aus Fleisch, Fisch und Schalentieren erhöhen die Harnsäurelast.
  • Pflanzliche Purine verhalten sich neutral und solche aus Milchprodukten senken den Harnsäurewert leicht.
  • Andere Purine, wie z. B. Koffein, Theobromin und Theophyllin in Kaffee, Tee und Kakao, sind diesbezüglich ohne Bedeutung.

Vitamin C (→ Vitamin C)

Sehr purinreiche Nahrung aus tierischen Quellen erhöht das Risiko für Hyperurikämie und Gichtanfälle.

  • In einigen Studien zeigte sich, dass hoch dosiertes Vitamin C das relative Risiko für Gicht bei Männern um bis zu 45 % senken kann. Bereits 500 mg senkten bei Männern das Risiko, an Gicht zu erkranken, um 17 % [Joh 2009].

Alkohol (→ Alkohol)

Alkohol gilt als Auslöser für akute Gichtanfälle.

  • Beim Abbau von Alkohol entsteht vermehrt Milchsäure. Der Anstieg der Blutlaktatkonzentration hemmt die Harnsäureausscheidung empfindlich. Zudem stimuliert Alkohol die Harnsäurebildung in der Leber.
  • Alkohol fördert nachweislich die Bildung von Harnsäure und verschlechtert deren Ausscheidung.
  • Alkohol sollte nach Möglichkeit gemieden bzw. nur maximal ein alkoholisches Getränk am Tag genossen werden. Leitlinien sprechen sich für mindestens 3 alkoholfreie Tage pro Woche aus. Auf Biergetränke sollte verzichtet werden.

Fruktose (→ Fruktose)

Fruktose (Fruchtzucker) ist der einzige Zucker, der den Harnsäurespiegel im Plasma erhöht.

  • In Tierstudien an Ratten erhöhte Fruktose deutlich den Harnsäurespiegel, was im Weiteren zu typischen Erscheinungen des Metabolischen Syndroms wie Gewichtszunahme, Bluthochdruck, erhöhte Insulin- und Triglyzeridspiegel sowie Insulinresistenz führte. Gruppen, die mit vergleichbaren Mengen Glukose gefüttert wurden, entwickelten diese typischen Merkmale nicht [Joh 2009].
  • Fruktose wird zu ADP umgebaut, das dann in Purin und Harnsäure zerfällt. Die Studiengruppe Choi et al. bewies, dass ein fruktosehaltiges Süßgetränk das Risiko, Gicht zu bekommen, um bis zu 45 %steigern kann [Cho 2007].
  • Einige Untersuchungen am Menschen zeigten einen dosisabhängigen Anstieg des Harnsäurespiegels nach fruktosereichen Softdrinks verbunden mit einem erhöhten Gichtrisiko. Andere fanden diesen Zusammenhang lediglich bei Männern [Joh 2009]. Dabei stieg der Harnsäurespiegel nach Fruktoseaufnahme um etwa 2 mg/ dl innerhalb einer Stunde. Zwar war dieser Anstieg anfangs nur vorrübergehend, nach einigen Wochen erhöhte sich jedoch der Nüchternspiegel [Joh 2009].
  • Die erhöhten intrazellulären AMP-Spiegel aktivieren den Abbau zu Harnsäure. Je höher die aufgenommene Fruktosemenge, umso mehr Harnsäure entsteht. Bereits Dosen unterhalb von 0,5 g Fruktose/ kg Körpergewicht können diesen Stoffwechselweg auslösen, insbesondere bei Kindern [Seg 2007].

Kohlenhydrate (→ Kohlenhydrate)

Eine hochglykämische Ernährungsweise kann das Gichtrisiko erhöhen.

  • Insulin hemmt die renale Harnsäureausscheidung [Qui 1995].
  • Lebensmittel, die zu einer hohen Insulinausschüttung führen, sollten daher nur in geringem Umfang verzehrt werden. Besonders Speisen mit reichlich Zucker oder wenig ausgemahlenem Mehl sollten nicht täglich auf dem Speiseplan stehen.

Flüssigkeit

Um Harnsäure ausscheiden zu können, benötigen die Nieren ausreichend Flüssigkeit.

  • Harnsäure wird hauptsächlich über den Harn ausgeschieden. Bei höherer Flüssigkeitszufuhr steigt die Harnmenge und in der Folge die Ausscheidung von Harnsäure.
  • Gichtpatienten wird eine Flüssigkeitsaufnahme von >2 Liter pro Tag empfohlen. Insbesondere hydrogenkarbonatreiche (alkalisierende) Mineralwässer erhöhen den pH-Wert des Urins und verbessern die Harnsäureausscheidung.

Aspekte zu Lebensmittel/-gruppen

Fleisch/-erzeugnisse

Purin- und fettreiche Fleischerzeugnisse erhöhen die Harnsäurelast im Körper.

  • Auf Innereien sowie Fleischstücke mit Haut sollte verzichtet werden.
  • Mageres Fleisch sollte max. 3-4 x pro Woche in den Speiseplan eingebaut werden.

Fische und Meeresfrüchte

Einige Fischsorten sowie Meeresfrüchte steigern die Harnsäurebildung.

  • Auf Krustentiere sollte verzichtet werden.
  • Fischsorten mit nennenswerten Mengen an Omega-3-Fettsäuren sind zu bevorzugen.

Kaffee

Kaffee kann unabhängig vom Koffeingehalt den Harnsäurespiegel senken.

  • Personen, die 4–6 Tassen Kaffee am Tag tranken, hatten um durchschnittlich 0,26 mg/dl niedrigere Harnsäurewerte [Cho 2010].
  • Die zugrundeliegenden Mechanismen sind noch unklar. Möglicherweise wirken verschiedene Inhaltsstoffe hemmend auf das Enzym Xanthinoxidase und reduzieren hierdurch die Harnsäurebildung. Ein regelmäßiger Kaffeekonsum geht zudem mit einem niedrigeren Insulinspiegel einher [Wu 2005], wodurch die Harnsäureausscheidung steigt [Qui 1995]. Auch kann die entwässernde Wirkung von Kaffee von Vorteil sein, um exzessive Harnsäure auszuscheiden.

Milchprodukte

Milchprodukte können den Harnsäurespiegel nachweislich senken.

  • Milchprodukte führen sowohl akut [Dal 2010] als auch langfristig zu einer Senkung der Harnsäurewerte und zu einem geringeren Gichtrisiko [Cho 2004].
  • Zudem tragen diese maßgeblich zur Deckung des Eiweißbedarfs bei, da durch die Meidung größerer Fleisch- und Fischmengen wichtige Eiweißlieferanten fehlen. Gichtpatienten sollten daher 2 Portionen Milch und Milchprodukte zu sich nehmen.

Lebensmittelzusatzstoffe

Bestimmte Zusatzstoffe werden im Körper zu Harnsäure abgebaut, was bei Gichtpatienten bei regelmäßigem hohen Verzehr dieser Zusatzstoffe zu einer Verschlimmerung der Symptome führen kann.

  • Verfügbare Studien wie [Bel 2014] sind von der Qualität her bislang jedoch nicht überzeugend. Eine generelle Empfehlung über der üblichen Verzehrsmenge kann daher nicht gegeben werden.

Kirschen

Kirschen tauchten 2014 als wirksames Mittel zur natürlichen Vorbeugung von Gichtanfällen und zur Senkung des Harnsäurewertes in den Medien auf.

  • Diskutierte Zusatzstoffe sind die Geschmacksverstärker E626-E735.
  • Gichtpatienten sollten daher weitgehend auf den Verzehr von Fertiggerichten und die Verwendung von Würzmischungen sowie Hefe besser verzichten.

Sonstige Aspekte

Übergewicht wird als wesentlicher Risikofaktor der Gicht [Cho 2005]. Eine Gewichtsabnahme ist dann integraler Bestandteil der Therapiemepfehlungen.

  • Neben der Senkung der Harnsäurewerte wirkt sich eine Gewichtsreduktion auch auf das Risiko von Komorbiditäten und Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen positiv aus.
  • Eine Ernährungsumstellung mit moderater Gewichtsreduktion senkt die Anzahl der Gichtanfälle [Cho 2005].
  • Die Gewichtsabnahme sollte langsam erfolgen (max. 2 kg/Monat).

Diäten und Fasten

Strenge Diäten sowie Fasten gelten als Auslöser von akuten Gichtanfällen.

  • Von strengen Diäten und Fastenkuren ist abzuraten, da hier in erster Linie Muskelmasse und damit Eiweiß abgebaut wird, was zu einer zusätzlichen Harnsäurebildung führt.
  • Zudem entwickelt sich während der Hungerphasen häufig eine Ketoazidose. Der verminderte pH-Wert fördert zusätzlich die Ablagerung von Uratkristallen.
  • Zusätzlich zur Ernährungsumstellung unterstützt eine Steigerung der körperlichen Aktivität die Gewichtsreduktion und senkt das Gichtrisiko [Wil 2008]. 2 kg/Monat).

Medikamente

Sofern möglich, sollten Arzneimittel, welche nachweislich zur Entstehung einer Hyperurikämie beitragen, vermieden oder in der Dosierung reduziert werden.

  • Hierzu zählen Entwässerungsmittel (Diuretika), Aspirin in geringer Dosis, Niacin (ein Vitamin), L-Dopa sowie Tuberkulose-Medikamente.
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