Hyperurikämie und Gicht – Krankheitsbild

Die Gicht ist eine schmerzhafte Erkrankung, die durch die Ablagerung von Harnsäurekristallen an Gelenken, Geweben und Organen infolge erhöhter Harnsäurespiegel (Hyperurikämie) verursacht wird. Die Erkrankung tritt oft zusammen mit mit Adipositas, Diabetes mellitus oder Fettstoffwechselstörungen auf und zählt daher auch zu den Kennzeichen des metabolischen Syndroms.

Definition und Häufigkeit

Kurzdefinition

Die Gicht ist eine in Schüben auftretende sehr schmerzhafte Erkrankung, die durch die Ablagerung von Harnsäurekristallen an Gelenken, Geweben und Organen infolge erhöhter Harnsäurespiegel (Hyperurikämie) verursacht wird.

  • Hyperurikämie = asymptomatisch erhöhter Harnsäurespiegel
  • Gicht = erhöhter Harnsäurespiegel und Beschwerden wie Tophi und/oder Schmerz in Form eines Gichtanfalls

Synonyme

Zipperlein, Arthitis urica

Häufigkeit

Die Prävalenz der Hyperurikämie wird auf ca. 15 % und der manifesten Gicht auf etwa 1-2 % geschätzt (Quelle).

Formen/Ursachen sowie Risikofaktoren

Primäre Gicht (95 %)

Bei der primären Gicht handelt es sich um einen angeborenen Fehler im Harnsäurestoffwechsel aufgrund einer

  • verminderten Harnsäureausscheidung oder
  • gesteigerten Harnsäurebildung (Enzymdefekte wie Lesch-Nyhan-Syndrom oder Kelley-Seegmiller-Syndrom)

Die Gicht manifestiert sich durch bestimmte Risikofaktoren (siehe Risikofaktoren).

Sekundäre Gicht (5 %)

Die sekundäre Gicht tritt infolge einer Grunderkrankung auf, aufgrund einer

  • verminderten Harnsäureausscheidung (chronische Niereninsuffizienz, Azidosen) oder
  • gesteigerten Harnsäurebildung (durch einen vermehrten Zelluntergang (starke Verbrennungen oder Verletzungen, Leukämien, Polyzythämien, Tumoren unter Zytostatika-/ Strahlentherapie, Psoriasis, hämolytische Anämie) oder
  • Ketozidose (Fasten, dekompensierter/ entgleisender Diabetes mellitus) oder
  • Vergiftung (Blei, Kohlenmonoxid)

Risikofaktoren

Erkrankungen, Medikamente, Ernährung, Lebensstil- und Umweltfaktoren erhöhen das Gichtrisiko und/oder können zu einer Manifestation führen.

  • Erkrankungen: Übergewicht, Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus
  • Medikamente: Laxanzien, Diuretika, NSAR, Zytostatika
  • Ernährung: purinreiche tierische Lebensmittel, hoher Alkoholkonsum, unzureichende Vitamin C-Zufuhr (Männer), Fasten
  • Lebenstil: Stress, extreme körperliche Belastung
  • Umweltfaktoren: Alter, männliches Geschlecht, Frauen in der Menopause

Pathogenese, Stadien und Symptome

Pathogenese

Der grundlegende Mechanismus einer Gichterkrankung ist ein Ungleichgewicht im Purinstoffwechsel, das zu einer Erhöhung der Harnsäurekonzentration im Blut führt. Erhöhte Harnsäurespiegel führen zur Ablagerung von Uratkristallen in Gelenken, Geweben und Organen, was zu starken Schmerzen und Entzündungen führt.

  1. Durch Nahrung und Zellabbau anfallende Purine werden in der Leber in Harnsäure umgewandelt, um anschließend über die Nieren ausgeschieden zu werden.
  2. Bis zu einem Harnsäurespiegel von etwa 6,8 mg/dl im Blut liegt Harnsäure in gelöster Form vor. Wird dieser Wert durch eine gesteigerte Harnsäurebildung oder eine verminderte Ausscheidung überschritten, fällt die Harnsäure in kristalliner Form aus. Die Löslichkeit ist zudem temperatur- und pH-Wert-abhängig. Stoffwechselvorgänge, die zu einer Senkung des pH-Wertes führen, können die Ablagerung von Uratkristallen begünstigen. Besonders eine alkoholbedingte Laktatazidose führt in vielen Fällen zu einem akuten Gichtanfall.
  3. Ist die Synovialflüssigkeit der Gelenke mit Harnsäure übersättigt, fallen scharfkantige Kristalle aus, die das Gewebe reizen. Dabei werden Entzündungsvorgänge in Gang gesetzt, die zu heftigen Schmerzen führen. Diese Uratkristalle können sich in Gelenken (Gelenkspalt/-knorpel, Synovia, Sehnenscheiden, Schleimbeutel), Geweben und Organen (Nieren, Subkutis) ablagern.
  4. Die Harnsäurekristalle werden vom Immunsystem als Fremdkörper erkannt und phagozytiert, wodurch es zur Freisetzung von Entzündungsmediatoren kommt.

Stadien und Symptome

Stadium 1: Hyperurikämie

Die asymptomatische Hyperurikämie zeichnet sich durch einen erhöhten Harnsäurespiegel aus und ist ansonsten unauffällig. Veränderungen der Harnsäurekonzentration werden in diesem Stadium in der Regel nur zufällig entdeckt.

Stadium 2: Akuter Gichtanfall

Ein akuter Gichtanfall tritt meist nachts oder frühmorgens auf und macht sich durch plötzliche, starke Schmerzen in einem Gelenk bemerkbar. Das betroffene Gelenk ist geschwollen, stark gerötet, heiß und druckempfindlich. Auslöser sind häufig vorangegangene üppige Mahlzeiten mit Alkoholgenuss, aber auch Fasten oder Stress. Aufgrund des Entzündungsprozesses wird der Anfall von Fieber begleitet und zeigt sich im Blutbild, neben hohen Harnsäurekonzentrationen, durch vermehrte Bildung weißer Blutkörperchen. In einigen Fällen kommt es zu Herzrasen, Erbrechen und Kopfschmerzen. Ein akuter Gichtanfall erreicht meist nach etwa 2 bis 3 Tagen seinen Höhepunkt und klingt innerhalb von 7 bis 10 Tagen von selbst aus [Wor 2005].

Stadium 3: Interkritische Phase (Intervallphase)

Hierbei handelt es sich um die Zeitspanne zwischen zwei Gichtanfällen, die wiederum symptomfrei verläuft. Es kann Monate bis Jahre dauern, bis ein neuer Gichtfall auftritt. Der Harnsäurespiegel ist meist erhöht.

Stadium 4: Chronische Gicht

Bleibt der Harnsäurespiegel aufgrund unzureichender Behandlung weiterhin hoch, lagern sich massiv Harnsäurekristalle ab und führen anfangs zur eingeschränkten Beweglichkeit und mit der Zeit zur Deformation sowie Zerstörung der betroffenen Gelenke. Charakteristisch ist zudem das Auftreten sogenannter Gichtknoten (Tophi), beispielsweise am Außenrand der Ohrmuschel, den Ellenbogen, den Knien, den Händen und den Füßen. Diese schmerzlosen Knoten entstehen durch Ablagerung von Harnsäurekristallen in gelenkumgebendes Weich- und Knochengewebe.

Diagnostik

Anamnese

Zu Beginn ist eine umfassende Anamnese notwendig.

  • Risikofaktoren
  • Familienanamnese
  • Ernährung
  • Medikamente
  • Symptome

Körperliche Untersuchung

Die körperliche Begutachtung schließt äußerliche Symptome ein.

  • Schwellung
  • Rötung
  • Gichttophi
  • Gelenkdeformitäten

Labordiagnostik

Im Labor werden neben Blutbild und Harnsäure auch BSG und CRP erfasst.

  • Harnsäure ↑
  • BSG ↑
  • CRP ↑
  • Blutbild (Leukozyten ↑)
  • pH-Urin ↓

Apparative Diagnostik

Zur apparativen Diagnostik zählen vor allem das Röntgen der Knochen, Gelenke und ggf. Nieren sowie die Gelenkspunktion.

  • Röntgen (Knochen-/Knorpeldestruktionen)
  • Gelenkspunktion

Komplikationen und Folgen

Allgemeines

Gichtpatienten sind einem erhöhten Mortalitätsrisiko ausgesetzt.

Gicht-Patienten haben zu über 50 % zusätzlich eine Hypertonie und zu 40 % ein metabolisches Syndrom oder einen Diabetes mellitus.

Insgesamt haben Gicht-Patienten ein um etwa 25 % höheres Mortalitätsrisiko als Menschen ohne erhöhte Harnsäurewerte. Harnsäure aktiviert das Inflammasom und entzündliche Prozesse [Lot 2012].

Nierenerkrankungen

Das größte Risiko besteht für zum Teil schwerwiegende Erkrankungen der Nieren.

  • Harnsäurenephrolithiasis (Nierensteine)
  • Gichtniere
  • akute Harnsäurenephropathie

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Es besteht ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.

Unter erhöhten Harnsäurewerten sinkt die Konzentration am gefäßschützenden Stickstoffmonoxid (NO) ab. Damit schädigen die pathologischen Gichtprozesse die Gefäße direkt. Eine harnsäuresenkende Therapie wirkt sich positiv auf den Gefäßstatus, das kardiovaskuläre Risiko und den Blutdruck aus [Joh 2005].

Therapie

Die Therapie unterscheidet sich zwischen der Hyperurikämie und der Gicht. Lebensstilfaktoren und Ernährung sind bereits bei der Hyperurikämie sinnvoll und können das Stadium der Gicht verhindern bzw. hinauszögern. Die akute und chronische Gicht wird zudem medikamentös therapiert.

Erkrankungen

  • Therapie der Grunderkrankung bei sekundärer Gicht und Begleiterkrankungen

Medikamente

  • Medikamentöse Therapie bei akutem Gichtanfall sowie der chronischen Gicht.im akuten Anfall: nichtsteroidale Antirheumatika, Colchicin, Glukokortikoide, Antiphlogistika
  • Dauerbehandlung: Allopurinol, Benzbromaron, Urikosurika, Urikostatika
  • – Purine, Fruktose, Alkohol
  • + Vitamin C, Kaffee, Milchprodukte, Flüssigkeit
  • bei Übergewicht: Gewichtsabnahme

Lebensstil

  • Stressreduktion
  • moderate körperliche Bewegung

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