Inhaltstyp: Kurzprofil Unsere Kurzprofile beinhalten übersichtliche Steckbriefe, Checklisten oder auch Kurzportraits zu Ernährungsberatungs- und -Ernährungstherapie-relevanten Aspekten.
Die Sellerieallergie ist eine IgE-vermittelte Reaktion auf Proteine von Knollen- oder Staudensellerie und bleibt nach der Manifestation in der Regel lebenslang bestehen. Der Steckbrief erklärt die Allergenkomponenten, versteckte Quellen und das Vorgehen bei der Meidung. Er zeigt außerdem, wann Selleriegewürz gemieden werden muss und wann das Notfallset eingesetzt wird.
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Zur Einordnung: Karenzentscheidungen, Wiedereinführungen und Notfallkompetenz gehören in ein ärztlich abgesichertes Vorgehen. Erhitzen entschärft nicht zuverlässig, schwere Reaktionen sind auch auf gekochten Sellerie möglich. Grundlegende Informationen sowie Literaturhinweise sind hier nachzulesen.
Definition und Verbreitung
- Definition: Die Sellerieallergie ist eine antigenspezifische, durch Immunglobulin E vermittelte Überempfindlichkeit gegen Proteine von Knollen- oder Staudensellerie. Je nach Sensibilisierungsweg richtet sie sich gegen hitzelabile PR-10-Proteine oder Profiline sowie gegen hitze- und säurestabile Lipid-Transfer-Proteine.
- Verbreitung: Die Allergie betrifft vor allem Jugendliche und Erwachsene und tritt im Kindesalter eher selten auf.
Allergene und Mechanismus
- Hauptallergene: Api g 1 ist ein hitzelabiles PR-10-Protein und der wichtigste Marker für die birkenpollenassoziierte Kreuzallergie. Api g 4 ist ein Profilin. Die Lipid-Transfer-Proteine Api g 2 im Staudensellerie und Api g 6 in der Sellerieknolle gelten als hochstabile Risikoallergene und können schwere systemische Symptome begünstigen. Neu beschrieben ist Api g 7, ein mit dem Beifuß-Hauptallergen verwandtes Protein, das die häufig schweren Reaktionen bei beifußpollenassoziierter Sellerieallergie erklärt.
- Stabilität: Api g 1 verliert nach zehn Minuten bei 100 °C die Allergenität, Api g 4 nach 30 Minuten, während Lipid-Transfer-Proteine und Selleriegewürz auch in erhitzten und getrockneten Produkten allergen bleiben.
- Sensibilisierungsweg: Die Sensibilisierung erfolgt meist inhalativ über Birken- oder Beifußpollen und nur selten primär über den Magen-Darm-Trakt.
- Schwellenmenge: Auslöseschwellen liegen im Milligrammbereich, mit 0,05 Milligramm Sellerieprotein für eine von hundert betroffenen Personen (ED01) und 1,3 Milligramm für fünf von hundert (ED05).
Symptome und Schweregrade
- Häufige Symptome: Typisch sind Kribbeln, Jucken und Schwellungen im Mund-Rachen-Raum, Urtikaria, Angioödeme, Kontakturtikaria beim Verarbeiten von rohem Sellerie sowie Übelkeit, Bauchschmerzen und Erbrechen.
- Schwere Verläufe: Wegen der hitze- und verdauungsstabilen Allergene können bereits Spuren schwere systemische Reaktionen bis zur lebensbedrohlichen Anaphylaxie auslösen. Rund die Hälfte der Betroffenen mit einer durch Provokation nachgewiesenen Sellerieallergie reagiert mit schweren systemischen Symptomen.
- Zeitverlauf: IgE-vermittelte Reaktionen treten meist innerhalb von Minuten bis zwei Stunden nach dem Verzehr auf.
Verlauf und Prognose
- Erstmanifestation: Die Sellerieallergie kann in jedem Lebensalter auftreten, beginnt bei der pollenassoziierten Form aber meist im Jugend- oder Erwachsenenalter, nachdem sich zuvor eine saisonale Pollenallergie manifestiert hat.
- Toleranzentwicklung: Eine spontane Toleranzentwicklung tritt im Jugend- und Erwachsenenalter so gut wie nie auf und die Intensität kann saisonal, etwa während des Pollenflugs, schwanken.
- Persistenz: Sensibilisierungen gegen hitze- und verdauungsstabile Allergene, insbesondere Lipid-Transfer-Proteine (Api g 2, Api g 6) oder Selleriegewürz, sowie Reaktionen im Rahmen einer beifußpollenassoziierten Allergie sprechen für einen dauerhaften, risikoreichen Verlauf.
Diagnostik
- Anamnese: Wichtig sind der zeitliche Zusammenhang, die Zubereitungsform, die Sellerieform (roh, gekocht oder als Gewürz) und Kofaktoren wie Sport, Alkohol, Infekte oder Schmerzmittel.
- Labor und Hauttest: Spezifisches Immunglobulin E im Serum zeigt eine Sensibilisierung. Der Pricktest fällt mit kommerziellen Extrakten oft falsch negativ aus, der Prick-zu-Prick-Test mit nativem Sellerie ist deshalb aussagekräftiger. Die Komponentendiagnostik unterscheidet über Api g 1 meist mildere birkenpollenassoziierte Reaktionen von einem höheren Risiko bei Api g 2 und Api g 6.
- Provokation: Eine ärztlich überwachte orale Provokation (der doppelblinde, placebokontrollierte Provokationstest gilt als Goldstandard) klärt die klinische Relevanz, die individuelle Reaktionsschwelle und eine mögliche Toleranz.
- Was nicht weiterhilft: Tests auf Immunglobulin G oder Immunglobulin G4 eignen sich nicht zur Diagnose.
Kreuzreaktionen
- Verwandte Auslöser: Kreuzsensibilisierungen bestehen unter anderem zu Karotte, Fenchel, Petersilie, Anis, Koriander, Kümmel, Dill, weiteren Kräutern und Gewürzen wie Senfsaat sowie zu Mango und Kiwi.
- Pollenassoziation: Nachgewiesene Sensibilisierungen führen bei rund zwei von fünf Personen mit Beifußpollenallergie und bei bis zu einer von fünf Personen mit Birkenpollenallergie zu klinischen Symptomen, typischerweise im Sellerie-Beifuß-Gewürz-Syndrom oder Birken-Beifuß-Sellerie-Syndrom.
- Einordnung: Eine nachgewiesene Sensibilisierung gegen andere Doldenblütler, Gewürze oder Pollen bedeutet nicht automatisch eine klinische Unverträglichkeit im Alltag.
Vorkommen und versteckte Quellen
- Eindeutige Quellen: Sellerie ist erwartbar enthalten in Knollensellerie, Staudensellerie, Sellerieblättern, Selleriesaft, Suppengemüse, Gemüsebrühe, Bouillon, Eintöpfen, Suppen, Soßen und Fertiggerichten.
- Versteckte Quellen: Sellerie kann in Gewürzmischungen, Fleischwaren, Salatdressings, Fertigsoßen und Ketchup vorkommen und als Kreuzkontamination auf loser Ware, in der Gastronomie und an Imbissen auftreten.
- Kennzeichnung: Sellerie und Sellerieerzeugnisse gehören zu den 14 deklarationspflichtigen Hauptallergenen und müssen unabhängig von der Menge namentlich genannt werden, während Spurenhinweise freiwillig bleiben und keine sichere Aussage über das Risiko erlauben.
- Außerhalb von Lebensmitteln: Beim Schälen und Verarbeiten von rohem Sellerie kann eine Kontakturtikaria auftreten, und beruflich ist Sellerie in Gastronomie, Lebensmittelverarbeitung und Gemüseanbau als Kontakt- und Inhalationsallergen relevant.
Ernährungstherapie
- Eliminationsumfang: Bei gesicherter Sellerieallergie werden Knollen- und Staudensellerie, Selleriesaft sowie selleriehaltige Lebensmittel konsequent gemieden. Manche Personen mit Birkenpollenallergie tolerieren gekochten Sellerie, während Personen mit Beifußpollenallergie sowie alle Betroffenen mit Reaktionen auf hitzestabile Allergene auch Selleriegewürz und Selleriesalz meiden müssen.
- Ersatzprodukte: Als geschmacklicher Ersatz eignen sich Kräuter aus anderen Pflanzenfamilien, etwa Schnittlauch, Bärlauch, Rosmarin, Kresse, Zitronenmelisse oder Piment. Petersilienwurzel und Liebstöckel sind trotz ihres ähnlichen Aromas ungeeignet, weil sie wie Sellerie zu den Doldenblütlern zählen und kreuzreagieren können. Fertige Mischgewürze scheiden ebenfalls aus, weil sie versteckte, hitzestabile Selleriebestandteile enthalten können.
- Wiedereinführung: Nach negativer Provokation wird das verträgliche Sellerieprodukt regelmäßig verzehrt, weil längere Pausen die nachgewiesene Toleranz gefährden können.
- Ärztliche Begleitung: Diagnostische orale Provokationen und eine Wiedereinführung bei Anaphylaxierisiko erfolgen ausschließlich unter ärztlicher, bei hohem Risiko stationärer Überwachung mit liegendem venösen Zugang und sofort einsatzbereiter Notfallmedikation.
Nährstoffsicherung
- Kritische Nährstoffe: Bei ausgewogener Mischkost führt der Sellerieverzicht allein meist nicht zu Nährstoffdefiziten. Bei einer weitreichenden Meidung von Gemüse und Kräutern aus Angst vor Kreuzreaktionen können Defizite bei Folsäure und Vitamin C auftreten oder die Ballaststoffzufuhr zu gering werden.
- Wachstum und Energie: Bei Kindern mit kombinierter Milch- und Selleriekarenz müssen Wachstum, Energiezufuhr, Protein und Calcium engmaschig kontrolliert werden, da jede zusätzliche Einschränkung des Speiseplans das Risiko für Gedeihstörungen erhöht.
- Supplementierung: Supplemente wie Vitamin C oder Folsäurepräparate werden nur bei nachgewiesenem Bedarf eingesetzt, Menge und Auswahl gehören in ärztliche und ernährungstherapeutische Begleitung.
Notfallmanagement und Sicherheit
- Notfallset: Bei Reaktivität auf stabile Allergene oder bei schwerer beifußpollenassoziierter Sellerieallergie gehört zum Notfallset ein Adrenalin-Autoinjektor, ein flüssiges Antihistaminikum und ein flüssiges Glukokortikoid. Adrenalin ist bei systemischen anaphylaktischen Reaktionen das Mittel der ersten Wahl.
- Augmentationsfaktoren: Körperliche Anstrengung, Alkohol, akute Infekte, Stress und Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure können die Reaktionsschwelle senken und allergische Reaktionen verstärken. Die Kombination aus Sellerieverzehr und körperlicher Belastung kann eine anstrengungsinduzierte Anaphylaxie auslösen.
- Umfeld: Kita, Schule, Familie, Gastronomie und bei beruflicher Exposition der Arbeitsplatz brauchen Informationen zu Allergenvermeidung, Symptomen und Notfallset sowie eine Schulung am Autoinjektor.