Laktoseintoleranz – Therapierelevante Aspekte des Krankheitsbildes

Kurzbeschreibung/Definition

Bedingt durch einen primären oder sekundären Mangel an dem Verdauungsenzym Lactase ist der Abbau von Laktose (Milchzucker) in die Einfachzucker Glukose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker) herabgesetzt. Infolgedessen treten Beschwerden des Darms wie Blähungen und Durchfall auf.

Häufigkeit

Inzidenz (Häufigkeit)

Die Unverträglichkeit von Milchzucker ist die weltweit häufigste Nahrungsmittelunverträglichkeit. Diese ist abhängig von der ethnischen Herkunft (Skandinavien und Mitteleuropa: 5-20 %; Indien: 60-80 %; Mexikaner und Afro-Amerikaner: 70 %, Südostasiaten: >90 %). Dabei zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle.

Besonderheiten

Die Unverträglichkeit gegen Milchzucker tritt vorwiegend bei Völkern ohne traditionelle Milchviehwirtschaft auf.

Formen

primär angeborener Lactasemangel

Die Ursache ist genetisch. Das Enzym Lactase wird nicht gebildet. Dieser Gendefekt führt bereits bei Säuglingen zu Durchfallerkrankungen und Erbrechen. Zudem kann es zur Ausscheidung von Laktose über die Nieren kommen, da der Milchzucker im Darm krankheitsbedingt ungespalten aufgenommen wird. Ohne milchzuckerfreie Diät kann es hier zu schweren Entwicklungsstörungen des Kindes kommen [Har 2008]. Bisher wurden jedoch nur 40 Fälle dieser seltenen Krankheit beschrieben [Lom 2008].

primär erworbener Lactasemangel

Am häufigsten ist dabei die endemische Form, bei der die Aktivität des milchzuckerspaltenden Enzyms Lactase nach dem Säuglingsalter langsam abnimmt. Mit dem Alter nimmt die Verträglichkeit von Laktose weiter ab.

sekundär erworbener Lactasemangel

Ein sekundärer Lactasemangel kann als Folge einer anderen Grunderkrankung auftreten. Entzündungen, Infektionen und andere Belastungen des Dünndarms sind häufig mit einer Störung der hier angesiedelten Verdauungsenzyme und Transportsysteme sowie einer Beschädigung der Oberfläche der Dünndarmschleimhaut verbunden. Da das Enzym Lactase in der Membran der Dünndarmzellen lokalisiert ist, führt jede Beschädigung zwangsläufig auch zu einer Abnahme der Lactaseaktivität. Wird die zugrunde liegende Grunderkrankung behoben, erholt sich der Darm häufig wieder und die Enzymaktivität der Lactase regeneriert sich.

Überblick: Ursachen und Risikofaktoren

genetische Ursache: Mutation im LCT-Gen

Die Mutation führt zu einer unzureichenden Bildung und/oder Aktivität des Enzyms Lactase.

Fehlfunktionen im Körper: Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts (Zöliakie, Dünndarmfehlbesiedlung, Morbus Crohn/Colitis ulzerosa, infektiöse Darmerkrankungen, Kurzdarmsyndrom)

Erkrankungen des Darms können die Darmschleimhaut schädigen, was zu einer unzureichenden Aktivität des Enzyms Lactase führt.

Krafteinwirkung von außen: Therapien (z.B. Strahlentherapie bei Krebs)

Auch verschiedene Therapien können die Darmschleimhaut schädigen und zu einer verminderten Aktivität des Enzyms Lactase führen.

Erreger/Toxine: Noxen/Parasiten (z. B. Gardiasis)

Das Gleiche gilt für Noxen und Parasiten.

Fehlernährung: chronischer Alkoholmissbrauch

Chronischer Alkoholmissbrauch schädigt die Schleimhäute des gesamten Magen-Darm-Trakts. Dies beeinträchtigt somit auch die Enzymbildung und -aktivität von Lactase.

Aspekte zur Pathophysiologie

Durch den Mangel am Enzym Lactase wird die aufgenommene Laktose (Milchzucker) nur unzureichend oder gar nicht gespalten und gelangt unverdaut weiter in die tieferen Darmabschnitte. Besonders im Dickdarm spalten die dort ansässigen Bakterien den Zweifachzucker in dessen Bestandteile Glukose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker).

Die Einfachzucker können in diesem Darmabschnitt jedoch nicht mehr aufgenommen werden und wirken hier – wie auch die  Laktose selbst – osmotisch (ziehen Wasser in den Darm). Dies bedingt eine Verflüssigung des Stuhls sowie wässrige Durchfälle. Einige Bakterien verwerten die Einfachzucker weiter, wobei Milchsäure und Gase wie Kohlendioxid, Methan sowie Wasserstoff anfallen. Die Milchsäure wird weiter zu organischen Säuren (bzw. kurzkettigen Fettsäuren umgewandelt.

Die entstandenen Zwischenprodukte lösen verschiedene Symptome aus. Die Symptome der Milchzuckerunverträglichkeit sind meist unspezifisch und hängen von der individuellen Darmflora und anderen individuellen Faktoren ab. Je nach Bakterienart führen die unterschiedlichen Stoffwechselprodukte zu verschiedenen Symptomen. Kohlendioxid kann Blähungen, Bauchschmerzen und einen aufgedunsenen Bauch verursachen. Insbesondere wenn eine gestörte Darmmotilität und somit eine verminderte Gasausscheidung sowie ein erhöhtes Schmerzempfinden vorliegen, kann die Gasbildung zu Dehnungsschmerzen führen. Das Vorhandensein von methanproduzierenden Bakterien bewirkt besonders starke Blähungen. Einige organische Säuren verursachen eine gesteigerte Darmbewegung und fördern so Durchfälle. Weiterhin können Übelkeit, Völlegefühl und Erbrechen auftreten.

Entstehen große Mengen toxischer Stoffwechselprodukte, tritt ein Teil in die Blutbahn über und verursacht zusätzlich Muskel- und Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit sowie Herzrasen. Wasserstoff selbst verursacht keine Beschwerden, dient aber als Diagnoseparameter.

Bei entsprechender Darmbesiedlung und kurzer Transitzeit treten bei einigen Patienten keine Symptome auf. Je nach Umweltbedingungen verändert sich die Darmflora und Symptome können plötzlich auftreten oder auch wieder verschwinden. Die Symptome sind abhängig von der Zusammensetzung der Darmflora, der Transitzeit im Darm und von der individuellen Reaktion auf Schmerzsignale.

Hinweis für Mitglieder: Therapeutisch relevante Symptome sind im Handout „Laktoseintoleranz-Krankheitsbild“ zusammengefasst (kostenfreier Download im Medienshop).

Diagnose

Die Laktoseintoleranz wird mithilfe des Wasserstoffatemtests diagnostiziert. Dieses Verfahren ist der Goldstandard in der Diagnosestellung der Milchzuckerunverträglichkeit. Zudem ist ein Laktoseintoleranz-Gentest möglich. Dieser ist für die Betroffenen bequemer, da keine Belastung mit Milchzucker erfolgt. Der Test ist aber auch deutlich teurer und aufwendiger. Heute kaum noch durchgeführt wird der Laktose-Toleranztest.

Häufige Begleit- (BE) und Folgeerkrankungen (FE) sowie Komplikationen (K)

Fruktosemalabsorption, Zöliakie (BE)

Eine Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker tritt häufig in Kombination mit weiteren Unverträglichkeiten auf. Grund hierfür ist vermutlich die Schädigung der Darmschleimhaut. Auch andere Darmerkrankungen wie der Reizdarm oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen können mit einer Laktoseintoleranz einhergehen.

Osteoporose (FE)

Durch eine fehlerhafte laktosearme Kost wird Kalzium nur unzureichend aufgenommen, in dessen Folge die Knochendichte abnimmt. Das führt bei laktoseintoleranten Patienten zu einem erhöhten Risiko für Osteoporose. Betroffene Frauen zeigten bei Untersuchungen im Vergleich zu ihren Altersgenossen eine deutlich geringere Knochendichte [Fin 1986]. Liegt die Milchzuckerunverträglichkeit bereits im Kindesalter vor, ist ebenfalls mit einer geringeren Kalziumzufuhr und somit einer reduzierten Knochendichte zu rechnen.

Nahrungsmittelallergien (FE)

Bei Laktoseintoleranz mit anhaltenden Beschwerden kann es zu einer Vermehrung krankhafter Darmbakterien kommen, die zusätzlich die Darmschleimhaut schädigen. Hierdurch bedingte Entzündungsreaktionen schädigen die Darmschleimhaut und erhöhen die Durchlässigkeit der Darmwand (Leaky Gut Syndrom). Größere Nahrungsbestandteile wie etwa Bruchstücke von Milcheiweiß (Kasein) oder Getreideeiweiß (Gluten) können die Darmbarriere leichter überwinden und treten in einer höheren Anzahl in die Darmschleimhaut ein. Die hier lokalisierten Immunzellen sind somit vermehrt mit Allergenen konfrontiert, welche auf Dauer die Wahrscheinlichkeit erhöhen, echte Nahrungsmittelallergien zu entwickeln.

Prävention und Therapiemöglichkeiten

Ernährungstherapie

  • laktosearme oder -freie Ernährung (siehe Ernährungstherapie)

Medikamentöse Therapie

  • in der Regel keine medikamentöse Behandlung (Medikament Tilactase aus Aspergillus oryzae laut Arzneimittel-Telegramm umstrittenes Therapieprinzip)

Primärprävention

  • Stillen von Säuglingen reduzierte Risiko für spätere Laktoseintoleranz

Tertiärprävention

  • kalziumreiche Ernährung, um die Entwicklung einer Osteoporose zu vermeiden