Das Krankheitsbild der Laktoseintoleranz

Die Laktoseintoleranz basiert auf einer Unverträglichkeit von Milchzucker (Laktose) aufgrund der ungenügenden Fähigkeit, diesen zu verdauen. Infolgedessen treten Beschwerden des Darms wie Blähungen und Durchfall auf. In der englischsprachigen Literatur wird stellenweise zusätzlich die Laktosemaldigestion unterschieden, also ein Unvermögen, Milchzucker zu verdauen, ohne jedoch entsprechende Symptome, etwa nach Milchkonsum, zu zeigen. Die Laktoseintoleranz ist zudem nicht zu verwechseln mit einer Nahrungsmittelallergie, da der Milchzucker keine Immunreaktion im Körper auslöst.

Die Unverträglichkeit von Milchzucker ist die weltweit häufigste Nahrungsmittelunverträglichkeit. Rund drei Viertel der Weltbevölkerung sind hiervon betroffen. Dabei zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. In skandinavischen Ländern sind etwa 3 bis 8% der Bevölkerung laktoseintolerant, in Deutschland rund 13 bis 14%.

Mangel an Enzym Laktase verhindert Spaltung von Laktose im Dünndarm

Die primäre Form der Milchzuckerunverträglichkeit beruht auf einer verminderten Aktivität des Enzyms Laktase. Am häufigsten ist dabei die endemische Form, bei der die Aktivität des milchzuckerspaltenden Enzyms Laktase nach dem Säuglingsalter langsam abnimmt. Mit dem Alter nimmt die Verträglichkeit von Laktose weiter ab. Seltener tritt bei Frühgeborenen die entwicklungsbedingte Form auf, da das Enzym erst in den letzten Schwangerschaftswochen gebildet wird. Dieser Mangel bildet sich meist zurück.

In ausgesprochen seltenen Fällen ist ein Laktasemangel angeboren. Dieser Gendefekt führt bereits bei Säuglingen zu Durchfallerkrankungen und Erbrechen. Zudem kann es zur Ausscheidung von Laktose über die Nieren kommen, da der Milchzucker im Darm krankheitsbedingt ungespalten aufgenommen wird. Ohne milchzuckerfreie Diät kann es hier zu schweren Entwicklungsstörungen des Kindes kommen [Har 2008]. Bisher wurden jedoch nur 40 Fälle dieser seltenen Krankheit beschrieben [Lom 2008].

Ein sekundärer Laktasemangel kann als Folge einer anderen Grunderkrankung auftreten. Entzündungen, Infektionen und andere Belastungen des Dünndarms sind häufig mit einer Störung der hier angesiedelten Verdauungsenzyme und Transportsysteme sowie einer Beschädigung der Oberfläche der Dünndarmschleimhaut verbunden. Da das Enzym Laktase in der Membran der Dünndarmzellen lokalisiert ist, führt jede Beschädigung zwangsläufig auch zu einer Abnahme der Laktaseaktivität. Wird die zugrundeliegende Grunderkrankung behoben, erholt sich der Darm häufig wieder und die Enzymaktivität der Laktase regeneriert sich. Zu diesen Erkrankungen zählen unter anderem:

  • Glutenunverträglichkeit (Zöliakie)
  • bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms
  • chronische Darmentzündungen (Morbus Crohn, Colitis ulzerosa)
  • infektiöse Darmentzündungen z.B. durch Enterokokken wie E. coli
  • Besiedlung des Dünndarms mit Gardia lamblia (Gardiasis)
  • Kurzdarmsyndrom
  • nach Magenresektion

Durch Enzymmangel gelangt Laktose in den Dickdarm und verursacht die typischen Beschwerden

Durch den Mangel am Enzym Laktase wird die aufgenommene Laktose (Milchzucker) nur unzureichend oder gar nicht gespalten und gelangt unverdaut weiter in die tieferen Darmabschnitte. Besonders im Dickdarm spalten die dort ansässigen Bakterien den Zweifachzucker in dessen Bestandteile Glukose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker).

Die Einfachzucker können in diesem Darmabschnitt jedoch nicht mehr aufgenommen werden und wirken hier – wie auch die  Laktose selbst – osmotisch (ziehen Wasser in den Darm). Dies bedingt eine Verflüssigung des Stuhls sowie wässrige Durchfälle. Einige Bakterien verwerten die Einfachzucker weiter, wobei Milchsäure und Gase wie Kohlendioxid, Methan sowie Wasserstoff anfallen. Die Milchsäure wird weiter zu organischen Säuren (bzw. kurzkettigen Fettsäuren [He 2008] umgewandelt.

Die Symptome der Milchzuckerunverträglichkeit sind meist unspezifisch und hängen von der individuellen Darmflora und anderen individuellen Faktoren ab. Je nach Bakterienart führen die unterschiedlichen Stoffwechselprodukte zu verschiedenen Symptomen. Kohlendioxid kann Blähungen, Bauchschmerzen und einen aufgedunsenen Bauch verursachen. Insbesondere wenn eine gestörte Darmmotilität und somit eine verminderte Gasausscheidung sowie ein erhöhtes Schmerzempfinden vorliegen, kann die Gasbildung zu Dehnungsschmerzen führen. Das Vorhandensein von methanproduzierenden Bakterien bewirkt besonders starke Blähungen. Einige organische Säuren verursachen eine gesteigerte Darmbewegung und fördern so Durchfälle. Weiterhin können Übelkeit, Völlegefühl und Erbrechen auftreten.

Entstehen große Mengen toxischer Stoffwechselprodukte, tritt ein Teil in die Blutbahn über und verursacht zusätzlich Muskel- und Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit sowie Herzrasen. Wasserstoff selbst verursacht keine Beschwerden, dient aber als Diagnoseparameter.

Bei entsprechender Darmbesiedlung und kurzer Transitzeit treten bei einigen Patienten keine Symptome auf. Je nach Umweltbedingungen verändert sich die Darmflora und Symptome können plötzlich auftreten oder auch wieder verschwinden. Die Symptome sind abhängig von der Zusammensetzung der Darmflora, der Transitzeit im Darm und von der individuellen Reaktion auf Schmerzsignale.

Andere Darmerkrankungen und Laktoseintoleranz bedingen sich gegenseitig

Eine Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker tritt häufig in Kombination mit weiteren Unverträglichkeiten wie der Fruktoseintoleranz oder einer Zöliakie auf. Grund hierfür ist vermutlich die Schädigung der Darmschleimhaut. Auch andere Darmerkrankungen wie der Reizdarm oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen können mit einer Laktoseintoleranz einhergehen.

Bei Laktoseintoleranz mit anhaltenden Beschwerden kann es zu einer Vermehrung krankhafter Darmbakterien kommen, die zusätzlich die Darmschleimhaut schädigen. Hierdurch bedingte Entzündungsreaktionen schädigen die Darmschleimhaut und erhöhen die Durchlässigkeit der Darmwand (Leaky Gut Syndrom). Größere Nahrungsbestandteile wie etwa Bruchstücke von Milcheiweiß (Kasein) oder Getreideeiweiß (Gluten) können die Darmbarriere leichter überwinden und treten in einer höheren Anzahl in die Darmschleimhaut ein. Die hier lokalisierten Immunzellen sind somit vermehrt mit Allergenen konfrontiert, welche auf Dauer die Wahrscheinlichkeit erhöhen, echte Nahrungsmittelallergien zu entwickeln.

Die verminderte Kalziumaufnahme führt bei laktoseintoleranten Patienten zu einem erhöhten Risiko für Osteoporose. Betroffene Frauen zeigten bei Untersuchungen im Vergleich zu ihren Altersgenossen eine deutlich geringere Knochendichte [Fin 1986]. Liegt die Milchzuckerunverträglichkeit bereits im Kindesalter vor, ist ebenfalls mit einer geringeren Kalziumzufuhr und somit einer reduzierten Knochendichte zu rechnen.

Wasserstoffatemtest ist Goldstandard zur Diagnose einer Laktoseintoleranz

Die Laktoseintoleranz wird mithilfe des Wasserstoffatemtests diagnostiziert. Dieses Verfahren ist der Goldstandard in der Diagnosestellung der Milchzuckerunverträglichkeit. Zudem ist ein Laktoseintoleranz-Gentest möglich. Dieser ist für die Betroffenen bequemer, da keine Belastung mit Milchzucker erfolgt. Der Test ist aber auch deutlich teurer und aufwendiger. Heute kaum noch durchgeführt wird der Laktose-Toleranztest.

Die Möglichkeiten der Feststellung einer Laktoseintoleranz werden demnächst in einem separaten Beitrag umfassend beschrieben.

Laktosearme Ernährung ist Mittel der Wahl

Milch und Milchprodukte lösen bei laktoseintoleranten Personen Beschwerden aus und sind daher nur begrenzt zu verzehren. Da diese jedoch wichtige Kalziumquellen darstellen, sollte wenn möglich nicht völlig darauf verzichtet werden bzw. Kalzium-reiche Alternativen vermehrt in den Speiseplan aufgenommen werden.

Inwieweit Laktose noch vertragen wird bzw. wie streng die laktosearme Diät sein sollte, hängt von Schweregrad und Form der Milchzuckerunverträglichkeit ab.

Zudem können bei andauernden Beschwerden und bereits vorhandenen Schädigungen der Darmschleimhaut Unterversorgungen mit einigen Nährstoffen sowie Malabsorptionssyndrome auftreten.

In eigener Sache
Viele Menschen mit unspezifischen, aber belastenden Darmproblemen verzichten kategorisch auf sämtliche Lebensmittel und Produkte, die Laktose enthalten (könnten). Diese Übervorsicht reicht mitunter bis hin zum Verzicht auf laktosehaltige Zahnpasta, obwohl sie diese gar nicht essen. Ein penibler Verzicht auf alle laktosehaltigen Lebensmittel ist aber meist unnötig. Je nachdem, wie belastend die Beschwerden für den Darm sind, kann es zwar durchaus hilfreich sein, vorübergehend auf laktosereiche Produkte zu verzichten. Hat sich der Darm erholt, können sich Betroffene jedoch langsam an die für sie verträgliche Laktosemenge wieder herantesten. In der Regel sind mäßige Mengen Milchzucker dann wieder unproblematisch und gut verträglich.

Einen umfassenden Überblick dazu bietet der Beitrag “Ernährungstherapie bei Laktoseintoleranz“.

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