Leidensdruck bei Reizdarm besser erfassen

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Patienten mit Reizdarmsyndrom (RDS) erleben ihre Erkrankung häufig als sehr belastend und fühlen sich durch die wiederkehrenden Bauchschmerzen, Blähungen und/ oder Stuhlunregelmäßigkeiten in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Leider wird die Bedeutung dieser „Last“ in der Praxis häufig unterschätzt, obwohl diese den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflusst.

In den letzten 20 Jahren wurden verschiedene RDS-spezifische Messinstrumente entwickelt, um dieses Empfinden messbar zu machen und den Behandlungserfolg der untersuchten Intervention zu überprüfen. Zwei bekannte und häufig zum Einsatz kommende Scores stellen wir hier vor.

Krankheitsschwere bei Reizdarmsyndrom erfassen

Das Irritable bowel syndrome – Severity Scoring System (kurz: IBS-SSS) ist ein Fragebogen, der zur Erfassung bzw. Beurteilung des Schweregrads der Erkrankung – insbesondere in Studien – zum Einsatz kommt. Dieser wurde von Francis et al. 1997 erstmalig validiert [Fra 1997].

Der Fragebogen besteht aus zwei Teilen:

  • Teil 1 umfasst 5 Fragen, in denen die Patienten auf einer Skala von 0 bis 100 die Schwere und Frequenz der Schmerzen, das Ausmaß der Blähungen sowie die Zufriedenheit mit dem Stuhlgang und die empfundene Beeinträchtigung der Lebensqualität in den letzten 10 Tagen bewerten. Die Punktzahl der einzelnen Fragen wird addiert, so dass theoretisch ein Maximalwert von 500 erreicht werden kann. Die Gesamtpunktzahl stellt das Testergebnis (Score) dar und soll den Schweregrad der Erkrankung wiedergeben.
  • Teil 2 enthält Fragen zum Stuhlgang, zur Lokalisation des empfundenen Schmerzes und der Anzahl krankheitsbedingter Fehltage, wird jedoch nicht in die Berechnung des Testergebnisses einbezogen.

Interpretation des RDS-Schweregrades (nach [Fra 1997])

 Score Schweregrad
 75 bis <175  mild
 175 bis 300  mittelschwer
 >300  schwer

Einschränkung der Lebensqualität bei Reizdarmsyndrom erfassen

Wie sehr die Lebensqualität beim Reizdarmsyndrom durch die Erkrankung bzw. die damit einhergehenden Symptome beeinträchtigt ist, wird mit Hilfe des Irritable Bowel Syndrome Quality of Life (kurz: IBS-QOL) Fragebogens bewertet. Auch dieses Messinstrument kommt vorrangig in Studien zum Einsatz und gilt als sehr zuverlässig. Entwickelt wurde der IBS-QOL in den 1990er Jahren von einem amerikanischen Forscherteam in Zusammenarbeit mit Novartis Pharmaceuticals Corporation und Novartis Pharma AG.

Der Test besteht aus insgesamt 34 Fragen. Der Patient gibt darin beispielsweise Auskunft über das selbst erlebte körperliche, emotionale bzw. seelische Empfinden, soziale Beziehungen und Interaktionen sowie die Funktionsfähigkeit im Alltag.

Anhand der erreichten Punktzahl wird die Lebensqualität des Patienten bewertet. Je mehr Punkte der Antwortgeber erreicht, desto höher wird die Lebensqualität eingeschätzt.

Kritik

Am IBS-SSS wird kritisiert, dass die Fragen zu sehr die „Arzt-Sicht“ der einzelnen Faktoren widerspiegeln und weniger die vom Patienten selbst empfundene Schwere der Symptome. Diese scheint doch viel mehr damit zusammenzuhängen, wie sehr die Symptome das tägliche Leben beeinflussen. Tatsächlich ist in der Praxis zu beobachten, dass Betroffene ihre Symptome und die Einbußen in der Lebensqualität als gravierender einschätzen als ihr Umfeld oder die behandelnden Ärzte. Allerdings gibt es bisher auch keine allgemeingültige Definition des RDS-Schweregrads.

Relevanz für die Ernährungstherapie

Wenn Reizdarmpatienten in die Beratung kommen, haben sie mitunter einen langen Leidensweg hinter sich. Nicht selten erleben sie, dass ihre Beschwerden nicht ernst genug genommen werden und sind enttäuscht oder gar frustriert. Die Aufgabe des Beraters könnte an dieser Stelle also nicht nur sein, die Ernährungsumstellung zu begleiten und mögliche Symptomauslöser zu finden. Es kann ebenso von Vorteil sein, das subjektive Empfinden des Patienten zu berücksichtigen. Ergänzend zu einer ausführlichen Anamnese können gezielte Fragestellungen Einblick in die vom Patienten empfundene Krankheitslast geben.

Die vorgestellten Fragebögen lassen sich zwar nicht ohne Weiteres in die Praxis übernehmen, liefern aber wertvolle Anregungen für die Ernährungstherapie.

 

Aktuelles Anamnese und Untersuchungen Leidensdruck bei Reizdarm besser erfassen Exklusiv für FET-Mitglieder
Für unsere Mitglieder stehen Beraterkarten mit einigen auserwählten Fragen zum Download bereit. Diese können Sie ergänzend in der Anamnese und zur Verlaufskontrolle nutzen, um den Behandlungserfolg gemeinsam mit dem Patienten zu dokumentieren und mögliche Verbesserung/ Verschlimmerungen abzubilden.

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2 thoughts on “Leidensdruck bei Reizdarm besser erfassen”

  1. Sehr geehrte Frau Milz-Fleißner, als FET-Mitglied stehen Ihnen aufbereitete Beraterkarten zur Verfügung, die Sie unterhalb des Textes herunterladen können. Dafür ist es notwendig, dass Sie sich zunächst einloggen. Einen Fragebogen in dem Sinne gibt es nicht. Wenn Sie die Originalbögen einsehen wollen – folgen Sie bitte den Links im Text:

    IBS-QOL: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3895767/
    IBS-SSS: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9146781

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr FET-Team

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