Therapie des Lipödems mit Ernährungsbegleitkonzept

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

 

Eine kausale Therapie des Lipödems ist nicht bekannt. Ebenso wenig gibt es eine ernährungstherapeutische Intervention, die bei allen Betroffenen gleichermaßen anzuwenden ist. Die Beschwerden zu lindern und das Risiko für Komplikationen zu minimieren stehen im Fokus der Therapie. Auf diese Weise können Infektionen, schwere Gewebeschäden sowie orthopädische Folgen verhindert werden. Als wesentliche Therapiesäulen gelten die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE), operative Maßnahmen wie die Liposuktion und ein ernährungstherapeutisches Begleitkonzept in Abhängigkeit der Symptomatik und vorliegenden Begleiterkrankungen.

Zudem gibt es keine Medikamente. Bei einem isolierten Lipödem ohne Lymphödem ist eine Entwässerungstherapie mit Diuretika sogar kontraindiziert. Bei Eiweißablagerungen kommt es durch den Flüssigkeitsentzug zu einer höheren Konzentration an Eiweiß. Beim Absetzen der Diuretika wird verstärkt Wasser angezogen, was die Symptome und die Beschwerden zusätzlich verstärkt.

Komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE)

Die konservative Therapie des Lipödems fußt auf der kombinierten physikalischen Entstauungstherapie (KPE) mit ausreichend Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung. Diese setzt sich aus der manuellen Lymphdrainage, der Kompressionsbandagierung, der Hautpflege sowie der Bewegungstherapie zusammen. Das kombinierte Verfahren wurde zur Behandlung des chronischen Lymphödems entwickelt und ist als Indikation beim reinen Lipödem nicht indiziert und durchaus umstritten.

Kontroverse
Befürworter argumentieren, dass mit der KPE eine Zunahme des Lipödems verhindert oder verlangsamt werden und Schmerzen eingedämmt werden können. Flüssigkeitseinlagerungen sollen sich so deutlich reduzieren lassen. Gegner wiederum sind der Überzeugung, dass die Lymphdrainage und Kompressionsbandagierung ohne Vorliegen eines sekundären Lymphödems nicht erfolgreich ist.

Die manuelle Lymphdrainage wird beim reinen Lipödem zumindest zur Reduktion der Schmerzen eingesetzt und gilt als vorbeugende Maßnahme eines sekundären Lymphödems. Eine Verringerung des Fettgewebes ist nicht möglich. Es gilt aber: Je früher das Verfahren angewendet wird, desto bessere Ergebnisse können erzielt werden.

Im Rahmen der Bewegungstherapie sind vor allem Schwimmen, Aqua-Jogging, Aqua-Aerobic oder auch Aqua-Cycling geeignet. Die Gelenke werden im Wasser entlastet und der Wasserdruck wirkt wie eine milde Lymphdrainage. Bewegung gegen den Wasserwiderstand erhöht so auf einfache Weise auch den Kalorienverbrauch. Krafttraining hingegen scheint allein wenig effektiv; Ausdauertraining zeigte in Studien bessere Erfolge.

Liposuktion

Ist die konservative Therapie nicht ausreichend erfolgreich, kann zusätzlich die Reduktion der Fettablagerungen durch operative Verfahren wie der Liposuktion in Betracht gezogen werden. Mit dieser Methode kann gegenüber kosmetischen Eingriffen mehr Fettgewebe entfernt werden. Häufig ist dennoch ein mehrfacher und/oder wiederholter Eingriff notwendig.

Lange Zeit wurde die Methode aufgrund hoher Risiken wie beispielsweise der Verletzung von Lymphgefäßen und damit verbunden der Verschlechterung der Symptomatik stark kritisiert. Dies begründet zumindest teilweise auch die Tatsache, dass die Liposuktion keine Kassenleistung ist und von den Patienten selbst zu zahlen ist. Anfang des Jahres 2019 machten jedoch Schlagzeilen von Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) die Runde, dass die „Liposuktion bei Lipödem für Patientinnen im Stadium drei ab dem 1. Januar 2020 zunächst befristet bis 2024 zulasten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) verordnet werden kann“ (Quelle). In den letzten Jahren verbesserten sich zudem Verfahren und Technik, sodass die Risiken heute minimiert werden können.

Unabhängig davon sollte der operative Eingriff immer sorgfältig abgewogen und Ausschlussfaktoren überprüft werden. Führende Experten sprechen sich dafür aus, dass die Liposuktion nur im Zusammenwirken mit der konservativen Therapie aus der komplexen physikalischen Entstauungstherapie, der Bewegungstherapie und einer psychologischen Unterstützung angewendet wird.

 

 

Ernährungstherapeutisches Begleitkonzept

Es gibt keine therapeutisch oder ursächlich wirksame Ernährungsform. Die Ernährungstherapie folgt daher dem Grundsatz gewichtsstabilisierender Maßnahmen. Liegt ein sekundäres Lymphödem vor, kann eine fettmodifizierende Kost mit MCT-Produkten integriert werden. Auch eine kohlenhydrat- und salzreduzierte Kost kann angezeigt sein. Bei Entzündungen und Infektionen ist eine entzündungshemmende Ernährung hilfreich.

Bei Übergewicht und Insulinresistenz empfiehlt sich ebenfalls das Austesten einer kohlenhydratmodifizierten Kost. Bei einer schweren Adipositas können ebenfalls operative Maßnahmen wie in der bariatrischen Chirurgie in die Überlegungen mit einbezogen werden.

Ist die psychische Gesundheit beeinträchtigt bzw. liegen Essstörungen vor, empfiehlt sich eine psychologische/ psychotherapeutische Begleitung.

Therapie bei Übergewicht und Adipositas

Vorab: Der Body-Mass-Index (BMI) fällt beim Lipödem grundsätzlich zu hoch aus. Dieser Parameter ist nicht zur Einstufung einer Adipositas geeignet. Aussagekräftiger sind hier der Waist-Hip-Ratio (WHR, Taille-Hüft-Verhältnis), der Waist-Height-Ratio (WTR, Taille-zu-Größe-Verhältnis) und die Umfangs- und Volumenmessungen der Extremitäten.

Eine Umstellung der Ernährung kann nicht die Lipödem-bedingte Fettgewebsvermehrung an den Gliedmaßen reduzieren. Vor allem Diäten bergen ein nicht zu unterschätzendes Risikopotenzial. Eine stark reduzierte Kalorienzufuhr kann zwar dazu beitragen, Gewicht zu verlieren. Die Fettgewebsablagerungen aber bleiben stabil. Das verstärkt mitunter die Diskrepanz zwischen Rumpf und Gliedmaßen. Selbst extreme Abmagerungskuren führen zu keiner Abnahme des Lipödems.

Die Ernährung kann jedoch dazu beitragen, bestehendes Übergewicht langsam abzubauen bzw. das Gewicht zu stabilisieren, Entzündungsprozesse abzuschwächen und weitere Fetteinlagerungen zu minimieren oder sogar zu verhindern. Die Gewichtsreduktion sollte nicht zu Lasten der Muskelmasse, sondern der Fettmasse erfolgen.

Hohe Insulin- und Blutzuckerspiegel bzw. eine bereits bestehende Insulinresistenz verstärken indes die Bildung von Ödemen. Daher ist eine kohlenhydratmodifizierte und entzündungshemmende Ernährung angezeigt, bei der häufige Blutzuckerspitzen vermieden werden.

Therapie bei Entzündungen

Entzündungsprozesse spielen beim Lipödem mitunter eine große Rolle. Besonders in den Hautfalten, die durch die Fettgewebsvermehrung entstehen, können sich Entzündungen und Infektionen bilden. Zudem wird eine entzündliche Fehlfunktion der Gefäße im Unterhautgewebe vermutet. Somit kann eine antientzündliche Ernährungsweise unterstützend wirken bzw. das Entzündungsgeschehen nicht zusätzlich triggern.

Therapie des sekundären Lymphödems

Liegt ein sekundäres Lymphödem vor, sollte immer eine Kombination aus Bewegung und Ernährungsumstellung, optimalerweise inklusive Maßnahmen einer Verhaltensumstellung und/oder psychologischer Betreuung angestrebt werden.

Ist der Lymphabfluss behindert, können MCT-Produkte unterstützend wirken. Mittelkettige Fettsäuren werden von den Blutkapillaren der Darmwand direkt aufgenommen und müssen nicht über die Lymphgefäße transportiert werden. Das entlastet den Lymphabfluss unterstützt damit die Entstauung eines bestehenden Lymphödems.

Ferner ist auf eine ausreichende Eiweiß- und Flüssigkeitsversorgung zu achten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass eine unzureichende Eiweißzufuhr die Flüssigkeitsansammlungen verstärken kann. Durch den Eiweißmangel reicht der (onkotische) Druck in den Kapillaren nicht aus, um die Flüssigkeit im Gefäßsystem zu halten. Es reichert sich mehr Flüssigkeit im Gewebe an. Der Extremfall ist bei Leberzirrhose oder auch bei Hunger als Eiweißmangelödem bekannt. In der Regel ist eine Unterversorgung mit Eiweiß eher selten. Diese tritt vor allem beim längeren Fasten bzw. Hungern und Crashdiäten auf. Derartige Kuren sind zu vermeiden. Beim intermittierenden Fasten bzw. einer leicht reduzierten Kalorienzufuhr ist auf einen ausreichenden Eiweißgehalt der Speisen zu achten.

Auch Salz gilt als wasserbindend bzw. -ziehend. Es empfiehlt sich, mit Kräutermischungen statt mit Salz zu würzen und salzreiche Knabbereien sowie Brot und Fastfood auf dem Speiseplan zu reduzieren.

Therapie bei Essstörungen

Bei Patienten mit Lipödem treten überdurchschnittlich häufig Essstörungen auf. Angesichts der psychischen Belastung und der eingeschränkten Lebensqualität ist das nachvollziehbar. Da Diäten die Fettgewebsvermehrung nicht reduzieren können, mündet die Frustration der Betroffenen in extremen Essverhaltensweisen. In diesen Fällen empfiehlt sich dringend eine psychotherapeutische Unterstützung. Diese ist generell bei psychischen Folgen wie einem verminderten Selbstbewusstsein oder depressiven Schüben/ Episoden zu empfehlen.