Das Lymphsystem – ein unterschätzter Reinigungsapparat

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Das Lymphsystem durchzieht den menschlichen Körper wie ein feingesponnenes Netz. Es arbeitet dabei vergleichsweise wie eine Kläranlage mit angeschlossener Müllabfuhr. Etwa 2 bis 3 Liter Lymphe fließen täglich durch dieses Gefäßsystem, das mehr oder weniger parallel zum Blutgefäßsystem verläuft. Damit ist es das zweitwichtigste Transportsystem im Körper. Störungen des Lymphsystems machen sich vor allem durch Flüssigkeitsansammlungen in Form von Lymph- und Lipödemen bemerkbar, wobei wir letztere in einem nächsten Beitrag gesondert darstellen.

Die Lymphe, das ist das allerfeinste, intimste und zarteste in den ganzen Körperbetrieben. (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Begriffsklärungen

Viele wissen, was das Blutgefäßsystem ist. Aber nur wenige können sich unter dem Begriff Lymphsystem etwas vorstellen. Verwirrend sind in diesem Zusammenhang weitere Begrifflichkeiten wie Lymphe und Lymphflüssigkeit, Lymphgefäßsystem und Lymphbahnen oder Lymphknoten und lymphatische Organe.

Das Lymphsystem oder lymphatische System ist die Gesamtheit aller lymphatischen Organe und Gefäße und schließt auch die Lymphflüssigkeit mit ein. Hauptaufgabe ist die Immunabwehr und die Entwässerung des Gewebes bzw. der Abtransport der Lymphe.

Die lymphatischen Organe unterteilen sich in primäre (Knochenmark, Thymus) und sekundäre (Lymphknoten, MALT, Milz) Organe, denen jeweils unterschiedliche Funktionen und Aufgaben zukommen.

Das Lymphgefäßsystem wiederum ist die Gesamtheit aller lymphatischen Gefäße bzw. „Bahnen„, die aus Lymphkapillaren, Lymphgefäßen, Lymphstämmen sowie Lymphgängen bestehen und mit den Lymphknoten verbunden sind.

Die Lymphe oder Lymphflüssigkeit bildet sich aus der Gewebsflüssigkeit (interstitielle oder auch Interzellularflüssigkeit) in den Kapillaren und gelangt über die Lymphgefäße durch den gesamten Körper.

 

 

Lymphsystem – lymphatisches System

Aus den Blutgefäßen drängt beständig Flüssigkeit in die Gewebe. Das Lymphgefäßsystem sorgt dafür, dass es wieder „abfließen“ kann. Mit der Rückführung der Gewebsflüssigkeit in den Blutkreislauf werden zudem Nährstoffe transportiert und Stoffwechsel- bzw. Ausscheidungsprodukte entsorgt.

Die lymphatischen Organe indes sind hauptsächlich an der Immunabwehr beteiligt. Die hierzu zählenden Lymphknoten sind in das Lymphgefäßsystem zwischengeschaltet, filtern die durchfließende Lymphe und befreien diese von Fremdkörpern und Mikroorganismen.

Lymphatische Organe

Die lymphatischen Organe bestehen aus den primären und sekundären lymphatischen Organen. Zu ersteren gehören das Knochenmark und die Thymusdrüse, in denen die Bildung, Entwicklung und Reifung der Immunzellen stattfindet.

Das Knochenmark befindet sich im Knocheninneren. Es ist der zentrale Ort der Blutbildung und darüber hinaus wichtig für das Immunsystem. Hier bilden sich die Immunzellen. Während die B-Lymphozyten im Knochenmark heranreifen, wandern die noch unreifen T-Lymphozyten in den Thymus.

Der Thymus liegt hinter dem Brustbein und erreicht beim Kind ein Gewicht zwischen 30 und 40 g. Hauptaufgabe ist die Immunabwehr und die Bildung des Hormons Thymopoetin, das die Reifung von Immunzellen steuert. Das Organ bildet spezielle T-Lymphozyten, die für die Abwehr fremdartiger Zellen (Tumorzellen, Fremdkörperzellen) nötig sind. Die T-Lymphozyten wachsen und differenzieren beim Erwachsenen in den Lymphknoten. Dann ist der Thymus nicht mehr erforderlich und bildet sich zurück. Der Erwachsene besitzt daher nur noch einen von Thymusfett umgebenen Thymusrest.

Die Lymphknoten, das Mukosa-assoziierte lymphatische Gewebe (MALT) und die Milz sind als sekundäre lymphatische Organe Bestandteil der Immunabwehr. Hier nehmen die reifen Lymphozyten Kontakt zu Antigenen auf und leiten die Immunreaktion ein.

Die Abkürzung MALT steht für Mucosa Associated Lymphoid Tissue und heißt übersetzt Schleimhaut-assoziiertes lymphatisches Gewebe. Es handelt sich dabei um dichte, knotenförmige Ansammlungen von Lymphozyten. Diese liegen unter der Schleimhaut verschiedener Organe und fungieren als Eintrittspforten für Krankheitserreger. Derartige Lymphstrukturen mit wichtigen Abwehrfunktionen sind in allen Schleimhäuten zu finden und besonders in denen der Atmungsorgane und des Verdauungstraktes.

Die 150 bis 200 g schwere Milz liegt indes im linken Oberbauch. Das Organ ist von einer Bindegewebskapsel mit eingelagerten Muskelfasern umgeben und enthält nebst Bindegewebe auch lymphatisches Gewebe, Lymphfollikel sowie abführende Lymphbahnen. Die Milz ist unter anderem an der Bildung von Lymphozyten, der Immunabwehr, der Speicherung von Eisen aus abgebauten roten Blutzellen, der Speicherung und dem Abbau von Blutplättchen sowie der Blutbildung beim Ungeborenen beteiligt.

Die Lymphknoten wiederum sind zur Aufnahme von Fremdstoffen (Phagozytose) und zur Bildung von Lymphozyten befähigt. Für jede Körperregion ist eine Gruppe von Lymphknoten zuständig. In jeden großen Lymphknoten münden mehrere Lymphgefäße, während ein oder zwei heraustreten.

Der Mensch besitzt schätzungsweise zwischen 600 und 800 Lymphknoten, die gruppenweise in das Lymphgefäßsystem eingeschaltet sind und mit Ausnahme des zentralen Nervensystems im gesamten Körper vorkommen. Sie treten gehäuft im Hals, der Achsel und in der Leistengegend auf, wo sie als Sammelstellen für die Lymphgefäße aus den Gliedmaßen und dem Kopf- und Halsbereich dienen.

Lymphknoten sind etwa 5 bis 20 mm groß und oval bis bohnenförmig. Umgeben von einer bindegewebshaltigen Kapsel mit äußerer Rinde (Cortex) und innerem Mark (Medulla) finden sich im Inneren dichte Ansammlungen von Lymphozyten und Fresszellen. Hier wird die Lymphe auf schädliche Stoffe untersucht und gefiltert. Bei einer Infektion gelangen Antigene mit der Lymphe in den für dieses Gebiet zuständigen Lymphknoten. Hier treffen die Antigene auf spezifische Lymphozyten. Diese vermehren sich daraufhin, was zu einer Schwellung des Lymphknotens führen kann. Die so gebildeten Lymphozyten werden zur Bekämpfung der Infektion im gesamten Körper verteilt.

Gut zu wissen
Der Hals gilt als Haupteintrittspforte für Erreger aus der Umwelt. Daher befinden sich im Halsbereich neben den Lymphknoten noch weitere lymphatische Strukturen wie die Mandeln und Schleimhäute. Die Mandeln (Tonsillen) sind im hinteren Mund- und Nasenraum am Übergang zum Rachen lokalisiert. Umgeben von einer Bindegewebskapsel enthalten diese zahlreiche Lymphozyten. Im Halsbereich oft auftretende geschwollene Lymphknoten und/oder geschwollene Mandeln zeigen eine hohe Aktivität bzw. vorübergehende Überforderung des Lymphsystems durch erhöhten Antigeneinstrom an.

 

 

Lymphgefäße – Lymphbahnen – Lymphgefäßsystem

Das Lymphgefäßsystem führt die im Gewebe aufgenommene Lymphe wieder dem Blutkreislauf zu. Das Lymphgefäßsystem besteht aus Lymphkapillaren, Lymphgefäßen, Lymphstämmen und Lymphgängen. Anders als beim Blutgefäßsystem handelt es sich hier aber nicht um einen geschlossenen Kreislauf.

Beginnend als Lymphkapillaren zwischen den Zellen des Gewebes wird hier die Gewebsflüssigkeit in Lymphe umgewandelt. Die feinen Gefäße bestehen aus einer einfachen Schicht Endothel. Es ist durch Zellverbindungen miteinander verbunden und hat kleine Öffnungen zum Einströmen der Gewebsflüssigkeit. Der Gefäßdurchmesser ist etwas größer als der von Blutkapillaren, um Eiweißmoleküle und geronnenes Blut bei Verletzungen abzutransportieren. Mehrere Lymphkapillaren vereinigen sich zu größeren Lymphgefäßen.

Die Lymphgefäße transportieren die Lymphe zu den Lymphknoten, die als Sammelstelle und Filter für die Lymphe dienen. Die Lymphgefäße sind zudem in kleine Abschnitte (Lymphangione) unterteilt. Diese sind jeweils durch zwei Klappen begrenzt. Die Klappen werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert und lassen sich durch Muskelaktivität oder durch die Atmung stimulieren. Jedes Angion hat somit einen eigenen Antrieb, in dessen Folge sich der Gefäßabschnitt zusammenzieht. Durch den so entstandenen Druck wird die Lymphflüssigkeit in das nächste Lymphangion gepumpt. Die Kontraktionen erfolgen in Abhängigkeit der zu transportierenden Flüssigkeitsmenge relativ langsam. Der Rhythmus von etwa 1 bis 20 Kontraktionen pro Minute lässt sich beispielsweise durch sportliche Betätigung deutlich steigern.

Über abführende Gefäße verlässt die Lymphe die Lymphknoten wieder. Mehrere Lymphgefäße fließen in einem großen Lymphstamm zusammen, in denen die Lymphe einer Körperregion gesammelt wird.

Es gibt mehrere Lymphstämme, die jeweils einen bestimmten Körperpart reinigen. Diese vereinigen sich in den Lymphgängen (Ductus thoracicus und Ductus lymphaticus dexter), die als letzter Abschnitt der Lymphstrombahn in den Venenwinkel münden. Von hier aus wird die gereinigte Flüssigkeit dem Blutkreislauf wieder zugeführt.

 

 

Lymphe – Lymphflüssigkeit

Als Lymphe wird jener Teil der interzellularen Flüssigkeit bezeichnet, der über das Lymphsystem wieder dem Blutkreislauf zugeführt wird. Dabei handelt es sich um eine weißgelbe Flüssigkeit, die je nach Fett- und Proteingehalt klar oder trüb ist. Durch die vom Darm aufgenommenen Fette (Glyzerin und Fettsäuren) färbt sich die erst klare Flüssigkeit milchig weiß.

Täglich durchlaufen etwa 2 bis 3 Liter den menschlichen Körper. Unter anderem sind Harnstoff, Kreatinin, Glucose, Enzyme (Amylase, Katalase, Dipeptidase, Lipase), Hormone, Eiweiße, Fette, Blutserum, Mineralien (Natrium, Kalium, Phosphat, Calcium), Fibrinogen und Fibrinvorstufen, Bakterien, Fremdkörper, Viren, Zelltrümmerteile sowie Lymphozyten enthalten. Der Proteingehalt beträgt durchschnittlich 3 bis 5 g. In den Lymphgefäßen des Verdauungstraktes sind es bis 4 g; in denen der Leber bis zu 6 g pro Liter. Der Fettgehalt liegt bei durchschnittlich 1 bis 2 %.

Die Lymphe dient der Ernährung der umliegenden Zellen, der Entwässerung des Gewebes, der Immunabwehr und dem Abtransport von Stoffwechselprodukten.

Zusammenfassung der wichtigsten Funktionen
  • Ernährung der umliegenden Zellen: Die Lymphflüssigkeit enthält unter anderem Eiweiße, Fette und Mineralien.
  • Entwässerung des Gewebes: Ein Großteil der Gewebsflüssigkeit wird dem Blutkreislauf zurückgeführt.
  • Immunabwehr: Mikroorganismen und Fremdkörper gelangen mit der Lymphflüssigkeit zu den Lymphknoten, wo diese auf Abwehrzellen treffen. Eine Immunreaktion wird eingeleitet. Spezifische Lymphozyten vermehren sich und werden im gesamten Körper verteilt.
  • Abtransport von Stoffwechselprodukten: Abfallprodukte der Zellen werden zur Leber und zu den Nieren abtransportiert, die diese dann endgültig ausscheiden.

 

 

Störungen des Lymphsystems

Es gibt verschiedene Störungen des Lymphsystems, die sich in unterschiedlichen und teilweise sehr unspezifischen Symptomen bemerkbar machen. Bereits eine Abwehrschwäche kann auf eine Fehlfunktion deuten.

Bei einer Störung des Lymphabflusses durch Verstopfung der Lymphgefäße kommt es zu Lymphödemen. Dabei handelt es sich um Flüssigkeitsansammlungen im Zwischenzellraum (Interstitium). Der Lymphstau tritt anfangs meist nur tagsüber auf und die Schwellungen bleiben weich. Im weiteren Verlauf lassen die Schwellungen auch über Nacht nicht nach und fühlen sich zunehmend härter an. Die nicht mehr abtransportierten Abfallstoffe reichern sich immer weiter an und lösen teilweise Entzündungen im Gewebe aus. Die Ursachen für Lymphödeme sind vielfältig und können durch operative Entfernung von Lymphknoten (z. B. bei Tumorerkrankungen), Bestrahlung, OP-Narben oder Verletzungen im Gewebe (Unterbrechung der Lymphgefäße), bakterielle Infektionen (Lymphangitis) mit anschließender Entzündung (Lymphadenitis) oder Wurminfektionen (Elephantiasis) auftreten. Häufig ist jedoch eine Überforderung des Immunsystems durch eine erhöhte Flüssigkeitsmenge in Geweben der Grund für ein Lymphödem.

Eine weitere Störung ist das Lipödem. Dieses stellen wir gesondert in einem nächsten Beitrag dar. Es weist wesentliche Unterschiede zum Lymphödem auf.

 

 

Therapeutische Möglichkeiten

Der eigene Körper unterstützt den Lymphfluss durch die Atmung sowie Muskelkontraktionen und den Pulsschlag. Der regelmäßigen Bewegung kommt also ein hoher Stellenwert zu. Kann die Lymphflüssigkeit dennoch nicht mehr ausreichend abtransportiert werden, gibt es spezielle manuelle Therapien. Hierzu zählen beispielsweise im Rahmen der Entstauungstherapie die manuelle Lymphdrainage, die Kompressionsbandagierung, Kompressionsstrumpfversorgungen sowie Sport bzw. Bewegung in Kompression.

Bei leichten Beschwerden helfen zudem sanfte Massagen, regelmäßiges Beine hochlegen und ein Verbleib im Schatten bei sonnigem Wetter und hohen Außentemperaturen sowie ausreichendes Trinken.

Bei bestehendem Übergewicht ist eine Gewichtsabnahme Bestandteil der Therapiemaßnahmen. Des Weiteren können verschiedene Ernährungsfaktoren den Lymphfluss beeinflussen. Demnach empfiehlt es sich, den Salz- und Kohlenhydratkonsum testweise einzuschränken. Salz und Kohlenhydrate binden viel Wasser und können Beschwerden verstärken. MCT-Produkte werden in der Ernährungstherapie zur Entlastung der Lymphgefäße bei stauender Lymphe eingesetzt.

Eine gezielte Entwässerung hingegen ist nicht immer sinnvoll. Werden sehr eiweißreiche Lymphödeme entwässert, können sich die enthaltenen Eiweiße verstärkt im Gewebe ablagern und Entzündungen fördern. Eiweißarme Lymphödeme können davon durchaus profitieren. Dann können entwässernde Kräuter unterstützend wirken.