FETeV Newsletter 2024-38

21.10.2024

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Der Newsletter erscheint bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich.


Studienanalyse: Bariatrische OP – Proteine allein zum Muskulaturerhalt nicht ausreichend

Nach bariatrischen Operationen ist nicht nur eine ausreichende Proteinzufuhr wichtig, sondern auch der Erhalt der Muskelmasse, um Sarkopenie (Muskelschwund) zu verhindern. Rund 25 % der Patientinnen und Patienten entwickeln nach solchen Eingriffen eine Sarkopenie, unabhängig davon, ob ein Schlauchmagen oder ein Roux-en-Y-Bypass gewählt wurde [Baa 2022].

Auch bei einer täglichen Proteinzufuhr von 60 bis 100 Gramm, je nach Operationsart, reicht die alleinige Eiweißversorgung nicht aus, um den Muskelschwund zu verhindern [Sal 2024].

Neben der Proteinzufuhr ist vor allem körperliche Aktivität, wie Krafttraining, entscheidend für den Erhalt der Muskelmasse [Opp 2018].

Trotz Empfehlungen von Fachgesellschaften und vorhandenen Trainingsprogrammen mangelt es häufig an der Compliance der Patientinnen und Patienten, was die Umsetzung erschwert. Studien zeigen, dass der Erfolg solcher Maßnahmen eng mit der Motivation und Teilnahme am Training verknüpft ist [Buz 2023].

Die Kombination aus Eiweißsupplementierung und gezieltem Sportprogramm bleibt dennoch ein zentraler Bestandteil der Nachsorge. Eine umfassende Aufklärung und Motivation der Betroffenen sind unerlässlich, um langfristig den Erhalt der Muskelmasse nach bariatrischen Eingriffen zu gewährleisten.


Leitlinie: S3-Leitlinie Adipositas aktualisiert

Die S3-Leitlinie zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ wurde nach umfassender Auswertung der letzten 10 Jahre wissenschaftlicher Studien aktualisiert. Die Deutsche Adipositas Gesellschaft (DAG) führte das Projekt unter der Leitung von Prof. Martina de Zwaan und Prof. Hans Hauner, unterstützt von 16 Fachgesellschaften und zwei Selbsthilfeorganisationen. Die AWMF und die Clinical Guideline Service GmbH waren an der Erstellung beteiligt.

Die Leitlinie betont weiterhin die multimodale Basistherapie, bestehend aus Ernährungsumstellung, Bewegung und Verhaltensmodifikation. Neu ist die stärkere Berücksichtigung individueller Lebensumstände der Betroffenen. Ergänzende Therapien, wie der Einsatz von GLP-1-basierten Medikamenten und bariatrische Chirurgie, werden bei Bedarf empfohlen. Zudem rücken digitale Gesundheitsanwendungen stärker in den Fokus, die als eHealth-Optionen im Praxisalltag integriert werden können.

Ein weiteres wichtiges Thema der Leitlinie ist die Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas. Diese tritt sowohl im Alltag als auch im Gesundheitssystem auf und trägt maßgeblich zum Leidensdruck bei. Die vollständige Leitlinie ist auf der Website der AWMF abrufbar.


Ernährungsintervention: Das Konzept des Scheinfastens

Das Konzept des Scheinfastens, auch als „Fasting Mimicking Diet“ (FMD) bekannt, ist eine spezielle Diätstrategie, die den biologischen Zustand des Fastens im Körper nachahmt, ohne tatsächlich auf Nahrung zu verzichten. Das Konzept wurde vor allem durch die Forschung von Dr. Valter Longo und seinem Team an der University of Southern California populär gemacht.

Die Grundidee

Das Ziel des Scheinfastens ist es, die gesundheitlichen Vorteile des traditionellen Fastens (z.B. Gewichtsverlust, Zellreparatur, Verlängerung der Lebensdauer) zu erzielen, ohne die Belastung eines vollständigen Nahrungsverzichts. Dies wird erreicht, indem die Kalorienzufuhr für einige Tage auf ein Minimum reduziert wird und gleichzeitig bestimmte Nährstoffe bereitgestellt werden, die dem Körper das Signal geben, dass er sich in einem Fastenzustand befindet.

Typische Merkmale

  1. Niedrige Kalorienzufuhr: Die Kalorienzufuhr wird für eine bestimmte Anzahl von Tagen (meistens 5 Tage) stark eingeschränkt, üblicherweise auf 30-50% des normalen Tagesbedarfs.
  2. Zusammensetzung der Nährstoffe: Es werden bestimmte Verhältnisse von Makronährstoffen (Proteine, Fette und Kohlenhydrate) eingehalten, die dem Körper helfen sollen, in einem „fastenähnlichen“ Zustand zu bleiben.
  3. Periodische Durchführung: Die FMD wird oft in Zyklen durchgeführt, zum Beispiel einmal im Monat oder alle paar Monate.

Potenzielle Vorteile

Laut verschiedenen Studien kann das Scheinfasten gesundheitliche Vorteile bieten.

  • Förderung der Zellregeneration: Scheinfasten fördert den Prozess der Autophagie (”Selbstverdauung”), bei dem der Körper beschädigte Zellen abbaut und repariert [Wei 2017].
  • Reduzierung von Entzündungen: Es kann chronische Entzündungen reduzieren, was mit einer verringerten Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten verbunden ist [Ven 2019] [van 2020].
  • Gewichtsmanagement: Studien haben gezeigt, dass FMD zu einer Verbesserung des Stoffwechsels und einer Reduktion des Körperfetts führen kann [Sad 2021].
  • Verbesserung der kardiovaskulären Gesundheit: Regelmäßiges Scheinfasten wurde mit einer Verringerung des Blutdrucks, des Cholesterinspiegels und anderer Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht [Wei 2017].
  • Verbesserung der Insulinsensitivität: Es kann zudem die Insulinsensitivität verbessern, was besonders für Menschen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes oder metabolische Erkrankungen von Bedeutung ist. Eine verbesserte Insulinsensitivität kann zu einer besseren Kontrolle des Blutzuckerspiegels führen [Wei 2018] [van 2020].
  • Schutz vor altersbedingten Krankheiten: Das Scheinfasten kann die Alterungsprozesse verlangsamen. Dies wird teilweise durch die Reduktion von Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und die Aktivierung von Zellreparaturmechanismen erreicht [Bra 2015].
  • Kognitive Leistungssteigerung: Es gibt Hinweise darauf, dass das Scheinfasten nicht nur körperliche Vorteile bietet, sondern auch die kognitiven Funktionen verbessern kann, insbesondere im Alter. Es wurde beobachtet, dass regelmäßige Zyklen des Scheinfastens die Gehirnregeneration fördern und die Gedächtnisleistung steigern können [Lon 2016].
  • Erhalt von Muskelmasse und Verbesserung des Stoffwechsels: Das Scheinfasten kann auch dazu beitragen, die Muskelmasse zu erhalten, während es gleichzeitig das Fett reduziert und den Stoffwechsel verbessert. Dies wurde insbesondere bei übergewichtigen Frauen nachgewiesen [Sad 2021].
  • Schutz der Bauchspeicheldrüse und Rekonstruktion des Mikrobioms: Studien an Mausmodellen haben gezeigt, dass intermittierende Zyklen des Scheinfastens den Diabetesverlauf verlangsamen, die Bauchspeicheldrüse schützen und das Mikrobiom positiv verändern können [Wei 2018].

Potenzielle Nachteile

Es gibt jedoch auch mögliche Risiken und Nebenwirkungen, die zu berücksichtigen sind.

  1. Einschränkung der Nährstoffzufuhr: Es besteht das Risiko einer unzureichenden Nährstoffzufuhr, insbesondere bei unsachgemäßer Durchführung. Da die Diät kalorienarm ist, könnte dies bei einigen Menschen zu einer Mangelernährung führen, insbesondere wenn sie langfristig oder ohne ärztliche Überwachung angewendet wird [Wei 2017].
  2. Schwäche und Schwindel: Während der Fastenperioden können einige Menschen über Symptome wie Schwäche, Schwindel oder Konzentrationsschwierigkeiten berichten. Dies ist vor allem auf den niedrigen Blutzuckerspiegel und die reduzierte Kalorienaufnahme zurückzuführen [Sad 2021].
  3. Nicht geeignet für alle: Bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Schwangere, Stillende, Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sollten auf das Scheinfasten verzichten oder es nur unter fachlicher Anleitung durchführen [Nen 2018].
  4. Beeinträchtigung der sportlichen Leistungsfähigkeit: Da das Scheinfasten eine reduzierte Energieaufnahme beinhaltet, kann es die körperliche Leistungsfähigkeit während sportlicher Aktivitäten oder intensiver körperlicher Anstrengung beeinträchtigen [Mis 2021].
  5. Unzureichende Langzeitstudien: Trotz der positiven Ergebnisse in klinischen Studien ist die langfristige Sicherheit und Wirksamkeit des Scheinfastens noch nicht ausreichend erforscht. Größere und langfristigere Studien sind erforderlich, um die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen vollständig zu verstehen [Sof 2020].

Fazit

Das Konzept des Scheinfastens bietet eine interessante Alternative zu traditionellen Fastenmethoden und könnte vor allem für Menschen geeignet sein, die aus gesundheitlichen Gründen nicht vollständig fasten können oder möchten. Die positiven Auswirkungen auf die Zellgesundheit, den Stoffwechsel und das allgemeine Wohlbefinden werden durch eine zunehmende Anzahl von Studien gestützt. Es birgt jedoch auch Risiken, insbesondere bei unsachgemäßer Anwendung oder bei bestimmten Personengruppen. Es sollte idealerweise unter fachlicher Anleitung durchgeführt werden.


Recherchetool: Nährwerte und Nährwerteigenschaften von Lebensmitteln

Unsere Datenbank mit den Nährwerten von 1000 Lebensmitteln bietet eine umfassende Übersicht zu den Makronährstoffen wie Energie, Kohlenhydraten, Fett, Protein und Ballaststoffen. Die Werte sind sowohl pro 100 g als auch pro Portion verfügbar. Zusätzlich stehen Nährwerteigenschaften zu Makro- und Mikronährstoffen für jedes Lebensmittel zur Verfügung, womit kombinierte Lebensmittelabfragen (z.B. proteinreiche UND kalziumreiche Lebensmittel) möglich sind.

Das Recherchetool ermöglicht die gezielte Suche und Filterung nach spezifischen Nährstoffwerten. Mithilfe von Sortierfunktion und Zahlenfilter können Lebensmittel zum Beispiel nach bestimmten Nährwertgehalten angezeigt werden. Alle Ansichten lassen sich zudem durchsuchen.


Vortrag: Epigenetik – Gesundheit ist kein Zufall

Kategorie: Vortrag
Datum: 07.11.2024
Veranstaltet von: UGB (Unabhängige Gesundheitsberatung)
Referierende: Dr. rer. nat. Peter Spork
Kosten/ Rabatt für Mitglieder: 35 EUR (UGB-Mitglieder: 25 EUR)
Kurzbeschreibung laut Veranstalter:

Die Epigenetik, ein neuer, revolutionärer Zweig der Molekularbiologie, macht deutlich: Gesundheit und Persönlichkeit sind immer ein gemeinsames Produkt aus Erbe, Umwelt und Vergangenheit. Gesundheit ist unsere Fähigkeit, sich widrigen Einflüssen zu widersetzen. Sie ist letztlich die Folge unserer Prägung. Wie wir unser Erkrankungsrisiko beeinflussen können, darüber spricht der Neurobiologe Dr. Peter Spork in der Online-Votragsreihe Das biopsychosoziale Frühstück der UGB-Akademie am 7. November 2024.

  • Was sagt uns die Epigenetik über die Entstehung und Vererbung von Gesundheit?
  • Wie prägen das Leben und die Umwelt unsere Gene?
  • Haben wir Macht über unser Erbgut?

Dr. rer. nat. Peter Spork ist Autor und Herausgeber des Newsletter Epigenetik. Er studierte in Marburg und Hamburg Biologie, Anthropologie und Psychologie und promovierte im Bereich der Neurobiologie/Biokybernetik am Zoologischen Institut in Hamburg.