FETeV Newsletter 2025-28

18.08.2025

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Der Newsletter erscheint bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich.


Studie: Eiweißqualität neu gedacht

Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass die Verwertung von Eiweiß weit mehr vom Kontext abhängt als bisher angenommen. Nicht nur die Menge, sondern vor allem Zusammensetzung, Verarbeitung und Zubereitung entscheiden darüber, wie viel vom mit der Nahrung aufgenommenen Eiweiß tatsächlich für den Körper verfügbar ist. Besonders kritisch ist der Anteil bestimmter Bausteine, die das Signal zur Muskelbildung geben, allen voran die Aminosäure Leucin.

Spannend ist der Befund, dass zwei Lebensmittel mit gleichem Eiweißwert völlig unterschiedlich wirken können. So zeigt die Studie, dass Rindfleisch einen deutlich stärkeren Muskelaufbau-Effekt auslöst als ein pflanzlicher Burger. Und das trotz identischem Eiweißgehalt und nahezu gleichem Qualitätswert (DIAAS). Auch Verarbeitung und Kaubarkeit verändern die Aufnahme: Gekochtes Hackfleisch wirkt anaboler als ein Steak, bei älteren Menschen sogar deutlich [Mat 2025].

Der Körper kann dabei kurzfristig fehlende Bausteine ausgleichen. Langfristig drohen jedoch Abbauprozesse. Besonders kritisch sind Eiweißverluste durch Hitze, Lagerung oder chemische Prozesse bei der Verarbeitung. Neue Bewertungssysteme wie MPQS (Meal Protein Quality Score) oder EAA-9 (essential amino acids 9) versuchen erstmals, die Qualität über ganze Mahlzeiten hinweg zu erfassen. Dabei berücksichtigen sie aber bisher weder Zubereitung noch individuelle Bedürfnisse.

Relevanz: Die Analyse unterstreicht, dass klassische Eiweißbewertungen zu kurz greifen. Wer berät oder bewusst essen will, sollte den Fokus auf Verdaulichkeit, Verwertung und Kombination legen. Gerade bei älteren Menschen, veganer Ernährung oder Proteinmangel ist das entscheidend für Funktion, Regeneration und Prävention.


App: Too good to go – Lebensmittel retten und nachhaltig genießen

Too Good To Go ist eine App, die einwandfreie, übrig gebliebene Speisen aus Cafés, Bäckereien, Supermärkten und Restaurants oder Tankstellen vor der Entsorgung bewahrt. Statt weggeworfen zu werden, landen sie in sogenannten „Überraschungstüten“, die zu einem deutlich reduzierten Preis angeboten werden. Die Nutzung ist einfach: In der App wird ein Betrieb ausgewählt, die Tüte online bezahlt und im angegebenen Zeitfenster abgeholt. Auf diese Weise wird Lebensmittelverschwendung verringert.

Seit der Gründung 2015 in Dänemark hat sich die Idee schnell in vielen Ländern etabliert. In Deutschland ist Too Good To Go seit 2016 aktiv und hat viele Mahlzeiten gerettet. Mittlerweile beteiligen sich weltweit über 100 Millionen Menschen an der Initiative, sodass bereits hunderte Millionen Portionen vor dem Verderb bewahrt werden konnten. Das zeigt, wie stark das Interesse daran ist, Lebensmittel bewusster zu nutzen und gleichzeitig nachhaltiger zu handeln.

Das Konzept ist ein klassisches „Drei-Gewinner-Modell“: Betriebe sparen Entsorgungskosten, Verbraucherinnen und Verbraucher erhalten gutes Essen zum kleinen Preis und die Umwelt profitiert durch eine deutlich geringere Belastung. Jede gerettete Mahlzeit spart wertvolle Ressourcen ein. Das geht vom Wasser über die Anbauflächen bis hin zu Energie und CO₂. Damit verbindet die App ökonomische Vorteile mit einem klaren Beitrag zum Klimaschutz.

Relevanz: Die Idee unterstützt einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln. Für die Ernährungsberatung eröffnet sie die Möglichkeit, Nachhaltigkeit ganz praktisch im Alltag zu verankern. Für gesundheitsbewusste Menschen bietet sie die Chance, abwechslungsreich und günstig zu essen und zugleich Ressourcen zu schonen.

Umfrage: Digitalisierung des G-NCP in der Ernährungstherapie

Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Sektion „Ernährung und Diätetik“ der Hochschule Neubrandenburg werden die Einstellungen und Erfahrungen von Ernährungsfachkräften im Hinblick auf die Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen in der G-NCP-basierten Ernährungstherapie untersucht. Die Umfrage ist anonym und dauert ca. 8 Minuten. 


Pro und kontra: Empfehlung/ Einsatz von Probiotika

Probiotika werden häufig als begleitende Maßnahme bei gastrointestinalen Beschwerden oder während einer Antibiotikatherapie empfohlen. Sie sollen die Darmflora stabilisieren und das Risiko von Durchfällen senken. Gleichzeitig weisen neue Studien auf potenzielle Risiken hin, insbesondere auf die mögliche Förderung von Antibiotikaresistenzen. Die Datenlage ist heterogen, Leitlinienempfehlungen sind teils zurückhaltend.

Pro Probiotika


  • Können bei akuter Gastroenteritis bestimmte Symptome lindern (z. B. L. rhamnosus GG, S. boulardii); Evidenz ist allerdings schwach.
  • Sind während einer Antibiotikatherapie in Risikogruppen (ältere Menschen, Komorbiditäten) potenziell sinnvoll; insbesondere hochdosiertes S. boulardii oder L. rhamnosus GG.
  • Es gibt eine moderate Evidenz für die Prävention nosokomialer* Diarrhö (L. rhamnosus GG).
  • Sind allgemein gut verträglich; Nebenwirkungen sind selten.
  • Haben teilweise positive Effekte auf Dauer und Schwere von Durchfällen.

Kontra Probiotika


  • Große randomisierte Studien finden bei akuter Gastroenteritis keinen klaren Vorteil gegenüber Placebo.
  • Es besteht ein Risiko der Vermehrung von Antibiotikaresistenzgenen (ARG) bei gleichzeitiger Einnahme mit Antibiotika.
  • Kommerzielle Präparate können bereits Resistenzgene enthalten.
  • Nutzen ist bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Zöliakie, Pankreatitis oder SIBO nicht belegt.
  • Evidenzlage ist insgesamt schwach und heterogen; Ergebnisse sind nicht einheitlich.

*Nosokomial ist ein Fachbegriff aus dem Gesundheitswesen und bezieht sich auf Krankenhausinfektionen oder Infektionen, die im Zusammenhang mit medizinischen Behandlungen in Einrichtungen wie Krankenhäusern oder Pflegeheimen erworben werden.

Praxisempfehlungen

Probiotika gelten grundsätzlich als sicher, wenn sie gezielt und kurzfristig eingesetzt werden. Sinnvoll erscheinen sie:

  • bei Antibiotikatherapie, wenn Risikofaktoren vorliegen (Alter, Komorbiditäten)
  • bei stationären Patienten zur Prävention nosokomialer Diarrhö
  • in Einzelfällen bei akuter Gastroenteritis (unter Berücksichtigung der schwachen Evidenz).

Nicht sicher bzw. nicht sinnvoll sind Probiotika:

  • bei gleichzeitiger Antibiotikatherapie ohne klare Indikation (Gefahr erhöhter Resistenzgene)
  • bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen und anderen Indikationen mit unzureichender Evidenz.

☞ Probiotika nur gezielt, evidenzbasiert und zeitlich begrenzt einsetzen; nicht als Routinepräparat.


Blogbeitrag: Ernährungsapps – Digital getrackt, besser ernährt?

Immer mehr Menschen nutzen Ernährungsapps zur Analyse, Kalorienkontrolle oder Rezeptplanung. Digitale Tools versprechen einfache Selbstkontrolle, personalisierte Empfehlungen und motivierendes Feedback. Gleichzeitig steigt die Zahl der Anwendungen unüberschaubar an und mit ihr die Unsicherheit: Welche App ist sinnvoll? Wie steht es um Datenschutz, Qualität oder Langzeiteffekte? Der Beitrag beleuchtet Nutzen und Grenzen digitaler Ernährungstools aus fachlicher Sicht – differenziert, praxisnah und mit Blick auf das, was wirklich zählt: alltagstaugliche, individuelle Lösungen zwischen Technik und Mensch.


Online-Seminar: Ernährungspsychologie des Reizdarms

Kategorie: Webinar/ Online-Seminar
Datum: 05.09.2025
Veranstaltet von: freiraum Seminare
Referierende: Beatrice Schilling
Kosten/ Ermäßigung für Mitglieder: 190 EUR statt 220 EUR
Kurzbeschreibung laut Veranstaltung:

Wenn Menschen an Reizdarm erkranken, ist oft auch die Psyche beteiligt: Es gilt als erwiesen, dass psychische Einflussfaktoren die Symptome eines Reizdarms verstärken oder sogar auslösen können. So können z. B. Stress, Angst und psychische Erkrankungen die Entstehung eines Reizdarmsyndroms (RDS) begünstigen. Essverhaltensprobleme, Essstörungen und psychiatrische Diagnosen kommen bei Menschen mit Reizdarmsyndrom gehäuft vor. Es ist darum wichtig, nicht nur individuelle Ernährungsempfehlungen zu geben, sondern auch emotionale und psychologische Aspekte in die Beratung einzubeziehen – wie etwa das Meiden der verschiedensten Nahrungsmittel aus Angst vor Beschwerden. Die Referentin zeigt, wie Ernährungsfachkräfte psychische Aspekte in ihre Arbeit integrieren und therapeutisch nutzen können und vermittelt u.a., welche methodischen Ansätze und Interventionen (nach NCP) bei komplexen Beratungssituationen hilfreich sind.

Inhalte:

  • Zusammenhang Psyche und Reizdarmsyndrom
  • Essverhalten, Psyche und Mikrobiom
  • Emotionales (Nicht-) Essen
  • Abgrenzung zu Essstörungen, Avoidant Restrictive Food Intake Disorder ARFID
  • Komplexe Situationen in der Ernährungsberatung
  • Fallbeispiele (Bearbeitung in Gruppenarbeit).