Erscheinungsbilder von Nahrungsmittelallergien

Der Begriff Allergie im Allgemeinen bezeichnet eine krankhafte, überschießende Reaktion des Immunsystems bei Kontakt mit einer körperfremden, aber an sich unschädlichen Substanz (Allergen). Im Falle der Nahrungsmittelallergien reagiert der Körper auf bestimmte Proteine in den Nahrungsmitteln.

Patienten verwenden den Begriff Allergie mitunter auch synonym für andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Insbesondere für die Ernährungstherapie ist es wichtig, die Unverträglichkeit zu Beginn richtig einzuordnen. Ein Patient, der sich beispielsweise mit einer „Allergie gegen Milch“ vorstellt, kann an einer echten Kuhmilchallergie, aber auch an einer Laktoseintoleranz leiden. Beide Beschwerdeformen erfordern völlig unterschiedliche Therapiestrategien.

Allergien sind Immunreaktionen nach Kontakt mit einem exogenen Allergen (hiervon abzugrenzen sind auch Autoimmunreaktionen nach Kontakt mit einer körpereigenen Substanz). Intoleranzen verlaufen hingegen ohne Beteiligung des Immunsystems. Hierbei kann es sich um Resorptionsstörungen im Darm, Stoffwechselstörungen infolge von Enzymdefekten oder um allergieähnliche Reaktionen auf pharmakologisch wirksame Substanzen handeln.

Häufigkeit

Wie verbreitet Nahrungsmittelallergien in Deutschland sind, lässt sich wissenschaftlich schwer ermitteln. Das Hauptproblem liegt in der bereits erwähnten fehlerhaften Begriffsabgrenzung. Großangelegte epidemiologische Erhebungen nutzen in der Regel Fragebögen, um den Gesundheitszustand von einer großen Personenzahl zu ermitteln. Hierbei kann angenommen werden, dass viele der angegebenen Nahrungsmittelallergien vom Befragten fehlgedeutete Unverträglichkeiten sind und die ermittelte Allergiehäufigkeit zu hoch ausfällt.

Für realistische Zahlen müsste die Datenerhebung von diagnostischen Tests begleitet werden, um die Unverträglichkeit eindeutig als Allergie zu identifizieren. Ein solch aufwändiges Vorgehen ist allerdings nur an kleinen Personengruppen realisierbar. Ein solches wurde beispielsweise im Zeitraum 1999/ 2000 in Berlin durchgeführt. Von den knapp 4.000 ausgewerteten Probanden gaben 35% an, Unverträglichkeitsreaktionen auf Nahrungsmittel zu zeigen. Anschließende Tests ergaben allerdings lediglich eine Allergiehäufigkeit von 2,5% [Zub 2004]. Diese deckt sich in etwa mit den Ergebnissen einer europaweiten Telefonbefragung, die für Deutschland eine Prävalenz für Nahrungsmittelallergien von 3% angibt [Ste 2007].

Ursachen und Risikofaktoren

Allergien treten oft familiär gehäuft auf. Ein Kind hat beispielsweise ein 7-fach erhöhtes Risiko, eine Erdnussallergie zu entwickeln, wenn ein Eltern- oder Geschwisterteil eine solche hat [Hou 1996]. Bei eineiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 64%, dass der zweite Zwilling eine Erdnussallergie ausbildet, wenn der erste Zwilling bereits erkrankt ist. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese nur bei 7% [Sic 2000].

Ursächlich hierfür könnten genetische Besonderheiten sein, die das Immunsystem sensitiver gegenüber Hypersensibilisierungen macht. Auch ererbte Defekte der Barrierefunktion von Haut- und Schleimhaut kommen als Ursache in Betracht. Obwohl eine genetische Prädisposition sicherlich eine Rolle spielt, kann diese allein jedoch nicht das zunehmende Auftreten von Nahrungsmittelallergien in unserer Gesellschaft erklären.

Allergenexposition

Obwohl dem Einfluss einer frühzeitigen Allergenexposition während der Schwangerschaft, Stillzeit und frühen Kindheit eine große Rolle zugesprochen wird, ist die tatsächliche Relevanz dieser Faktoren nach wie vor umstritten. Studien, in denen konsequent alle Nahrungsmittelallergene während dieser drei Phasen eliminiert wurden, konnten keine deutliche Risikosenkung erreichen [Lac 2012].

Eine andere Hypothese geht davon aus, dass der sensibilisierende Erstkontakt oft nicht über die orale Aufnahme, sondern über den Kontakt mit der Haut stattfindet. Demnach führen kleinste Mengen des Allergens auf der Haut zur Allergie (ausgehend von einer gestörten Barrierefunktion), während die frühe Zufütterung zu einer Toleranz beiträgt [Lac 2012].

Darüber hinaus gehen Mediziner davon aus, dass die Menschen industrialisierter Länder aufgrund verschiedener Faktoren heutzutage verstärkt Allergenen ausgesetzt sind:

  • Vermehrte Schadstoffbelastung (z.B. Anheftung von Pollen an Abgaspartikel, die tiefer in die Lungen gelangen)
  • Verbreitung exotischer/ neuartiger Nahrungsmitteln in der täglichen Kost (z.B. Zitrusfrüchte, Sojaprodukte)
  • Möglicherweise erhöhtes Risiko durch gentechnisch veränderte Pflanzenproteine
  • Veränderungen der hiesigen Vegetation durch Klimaveränderungen mit Ausbreitung neuartiger, hochallergener Pflanzen (z.B. Ambrosia artemisiifolia)
  • Bessere Vermehrung von Hausstaubmilben in klimatisierten Räume

Hygiene Hypothese

Die Hygiene Hypothese entwickelte sich aus der Beobachtung, dass Kinder, die unter weniger hygienischen Bedingungen aufgewachsen sind (z.B. Kinder von Bauernhöfen, der ehemaligen DDR, aus Migrantenfamilien), seltener zu Allergien neigen. Vor allem Parasiteninfektionen treten heutzutage in der Kindheit nur noch selten auf. Gründe hierfür sind u.a.:

  • Verbesserter hygienischer Standard
  • Möglichkeit zur Antibiotikatherapie
  • Geringeres Infektionsrisiko durch hinausgezögerten Kontakt mit anderen Kindern (spätere Kindergarteneinführung) bzw. Trend zu Familien mit Einzelkindern

Da IgE-Antikörper insbesondere zur Abwehr von Parasiten wie Würmern gebildet werden, vermuten Wissenschaftler, dass durch die fehlenden Infektionen in der Kindheit das Risiko für eine fehlerhafte IgE-Produktion erhöht wird.

Weitere Faktoren

  • Vitamin D
  • Fettsäuren
  • Übergewicht

Krankheitsentstehung

In den meisten Fällen handelt es sich bei Nahrungsmittelallergien um Allergien des Soforttyps, sprich um IgE-vermittelte Reaktionen, die sich innerhalb von Sekunden bis Minuten nach dem Allergenkontakt mit Symptomen äußern. Die Grundvoraussetzung für eine solche Allergie ist ein Erstkontakt mit dem Allergen und einer damit verbundenen Sensibilisierung.

Eine solche Sensibilisierung kann allerdings auch für Allergene eintreten, mit denen der Körper bereits häufiger in Berührung gekommen ist. Im Jugend- oder Erwachsenenalter können plötzlich Allergien auf Nahrungsmittel auftreten, die bislang problemlos vertragen wurden.

Sensibilisierungsphase

Die Sensibilisierungsphase verläuft symptomlos und vermittelt vorab die fehlerhafte Prägung des spezifischen Immunsystems auf das Allergen. Hierbei führt das normalerweise als harmlos eingestufte Antigen zur Weiterentwicklung (Differenzierung) von B-Lymphozyten zu IgE-bildenden Plasmazellen. Die auf das Allergen spezialisierten IgE-Antikörper heften sich an die Zelloberfläche von Mastzellen und ändern Zellen des unspezifischen Immunsystems (Granulozyten), wodurch die Antikörper über Jahrzehnte hinweg im Körper verweilen können. Folglich können zwischen der Sensibilisierung und dem Zweitkontakt mit dem Auftreten einer allergischen Reaktion unter Umständen auch Jahre vergehen.

Allergische Reaktion

Beim erneuten Kontakt bindet das Allergen direkt an die IgE-Antikörper auf den Immunzellen. Durch die Kreuzvernetzung zweier IgE-Moleküle erhalten die Mastzellen bzw. Granulozyten ein Signal, gespeicherte Entzündungsmediatoren freizusetzen. Diese Botenstoffe –allen voran Histamin – vermitteln innerhalb kürzester Zeit das typische klinische Bild einer Allergie.

Kreuzallergien

Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene leiden häufig unter Kreuzallergien. Obwohl IgE-Antikörper spezifisch auf ein Allergen reagieren, können botanisch bzw. zoologisch nahe verwandte Arten Eiweiße enthalten, die dem ursprünglich auslösenden Antigen in Struktur und Aminosäuresequenz ähneln. So können bei bereits bestehender Sensibilisierung gegen chemisch ähnliche Allergene Nahrungsmittel auch beim erstmaligen Kontakt allergische Reaktionen auslösen. Auf der anderen Seite können sich auf diesem Wege auf dem Boden einer bestehenden Allergie weitere Allergien gegen bislang gut vertragene Lebensmittel ausbilden. Allerdings muss nicht jeder Pollenallergiker eine damit verbundene Kreuzallergie entwickeln. Ebenso müssen im Falle einer Kreuzreaktion nicht alle damit in Verbindung stehenden Nahrungsmittel eine Allergie auslösen. So kann ein Birkenpollenallergiker beispielsweise eine Apfelallergie entwickeln, Karotten aber problemlos vertragen.

Symptome

Die mit einer allergischen Reaktion verbundenen Symptome erstrecken sich in der Regel auf verschiedene Organsysteme. Hierzu zähen in erster Linie der Kopfbereich, der Respirationstrakt, die Haut und die Schleimhäute, der Magen-Darm-Trakt sowie die Mundhöhle, die durch das orale Allergiesyndrom beschrieben wird.

Hautsymptomatik

Die Haut ist eines der Organe, das sehr häufig im Zusammenhang mit allergischen Reaktionen steht. Klinische Zeichen äußern sich innerhalb weniger Stunden nach der Nahrungsaufnahme in atopischer Dermatitis, Urtikaria und Schwellungen von Haut und Schleimhäuten mit Ödembildung (Angioödem).

Die atopische Dermatitis (auch atopisches Ekzem oder Neurodermitis) ist häufig die Erstmanifestation einer allergischen Erkrankung. Sie tritt in der frühen Kindheit mit juckenden, ekzematösen Hautveränderungen auf und kann bis ins Erwachsenenalter fortdauern.

Die Urtikaria ist eine stark juckende Quaddelbildung, die sowohl akut als auch chronisch auftreten kann. Bei der akuten Form klingen die Symptome innerhalb von maximal sechs Wochen ab. Quaddeln entstehen ähnlich wie die ödematösen Schwellungen durch eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Hautgewebe, die auf eine erhöhte Durchlässigkeit der kleinen Blutgefäße zurückzuführen ist. Die Anhäufung und damit die verstärkte Wirkung des Botenstoffs Histamin sowie anderen Substanzen führt zu starkem Juckreiz.

Magen-Darm-Beschwerden

Im Magen-Darm-Trakt zeigen sich die Symptome schon wenige Minuten nach Verzehr des betreffenden Lebensmittels und äußern sich in Übelkeit, Bauchschmerzen, Koliken, Erbrechen und/ oder Diarrhö. Diese treten meist in Verbindung mit Symptomen von anderen Organsystemen auf. Häufig verursachen Lebensmittel wie Kuhmilch, Hühnerei, Erdnüsse, Meeresfrüchte und Fisch solche Reaktionen. An dieser Stelle sind andere Nahrungsmittelintoleranzen auszuschließen, da Unverträglichkeiten wie etwa auf Milchzucker, Fruchtzucker oder das Getreideklebereiweis Gluten ähnliche Beschwerden im Magen-Darm-Trakt auslösen, jedoch nicht den echten Allergien zuzuordnen sind.

Zeichnen sich Symptome im oberen Teil des Verdauungstraktes (Mundhöhle, Rachen, Kehlkopf) ab, spricht man vom oralen Allergiesyndrom. Charakteristische Symptome sind Juckreiz und Kribbeln an Gaumen und Rachen, sowie Ödembildung (Schwellung) an Lippen, Zunge, Gaumen und Rachen. Klassisch ist auch ein Engegefühl im Halsbereich. Die Symptome können letztlich zu Atemnot führen.

Die sogenannte allergische eosinophile Ösophagitis ist charakterisiert durch starkes Sodbrennen, heftiges Erbrechen, Schluckstörungen (Dysphagie) und wiederkehrende Bauchschmerzen. Am häufigsten treten dieses Symptombild im Kindes- und Jugendalter auf.

Die allergische eosinophile Gastroenteritis wiederum betrifft vorzugsweise Erwachsene und äußert sich in wiederkehrendem Erbrechen und abdominalen Schmerzen, früher Sättigung, Blutverlust über den Stuhl sowie Blutarmut infolge eines Eisenmangels.

Atemwegsbeschwerden

Lebensmittel können ebenso zu Reaktionen in den Atemwegen führen. Allerdings treten diese Symptome selten isoliert auf, sondern sind Begleiterscheinungen von Haut- oder Magen-Darm-Beschwerden.

Das Symptombild Asthma bronchiale beschreibt das anfallsartige Auftreten von Atemnot infolge eines vorrübergehenden Verschlusses der Bronchien. Die Erkrankung ist verbunden mit einer Verengung der Atemwege, einer vermehrten Schleimproduktion sowie Entzündungserscheinungen. Die allergische Rhinokonjunktivitis (Heuschnupfen) betrifft die Bindeschleimhäute von Nase und Augen und äußert sich durch eine vermehrte Sekretabsonderung, Niesreiz und eingeschränkte Nasenatmung. Diese tritt meist in Verbindung mit Haut- oder Magen-Darm-Beschwerden auf.

Systemische Symptomatik

Systemische, durch Lebensmittel ausgelöste allergische Reaktionen werden als Anaphylaxien bezeichnet. Zusätzlich zu den Symptomen von Haut, Magen-Darm-Trakt und Atemwegen treten kardiovaskuläre Erscheinungen wie Blutdruckabfall, Blaufärbungen von Haut und Schleimhäuten (Zyanose), Gefäßkollaps, Herzrhythmusstörungen sowie Verkrampfungen der Atemwegsmuskulatur (Bronchospasmen) auf.

Assoziierte Erkrankungen

Der anaphylaktische Schock stellt die schwerwiegendste Form einer allergischen Reaktion dar. Dieser geht einher mit Blutdruckabfall, Herz-Kreislauf-Versagen sowie Herzrhythmusstörungen und führt unbehandelt im schlimmsten Fall durch einen Herz-Kreislauf-Stillstand zum Tod.

Ein allergischer Notfall tritt bei Nahrungsmittelallergien seltener auf als bei anderen Allergieformen. Allerdings kann nahezu jedes nutritive Allergen einen solchen auslösen.

Patienten, die zu heftigen Reaktionen neigen und bei denen die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks besteht, sollten immer ein Notfallset bei sich tragen, um schnellstmöglich reagieren zu können. Dieses besteht aus folgenden Medikamenten:

  • Antihistaminikum in Saft- oder Tropfenform
  • Kortison in Saft- oder Tropfenform
  • Adrenalin-Pen
  • Asthma-Spray (Beta-Sympathomimetikum)

Das Antihistaminikum und das Kortisonpräparat minimieren die allergischen Reaktionen. Adrenalin steigert den Blutdruck, normalisiert die Herzfunktion und stabilisiert den Kreislauf. Das Asthma-Spray erweitert die Bronchien und erleichtert das Atmen.

Auch das Umfeld des Risikopatienten (Familie, Freunde, Schule, Arbeitsplatz) sollte genauestens über die Situation aufgeklärt sein und in der Lage sein, im Akutfall das Notfallset anwenden zu können. Zudem sollten Betroffene stets einen Allergiepass bei sich tragen, der im Falle einer Bewusstlosigkeit die Umgebung und den Notarzt über bestehende Allergien informiert.

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