Das Krankheitsbild der Neurodermitis

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Neurodermitis ist eine chronische, nicht ansteckende, entzündliche Hauterkrankung, die wie Asthma und Heuschnupfen zu den atopischen (allergieanfälligen) Erkrankungen gezählt wird. Dabei treten schubweise Entzündungen der Haut auf, die durch genetische Faktoren begünstigt sowie durch Lebensgewohnheiten und Umweltfaktoren beeinflusst werden. Die Krankheit gilt als nicht heilbar, lässt sich jedoch gut behandeln.

Neurodermitis ist in den Industrienationen weit verbreitet und stellt auch hierzulande eine der häufigsten Hauterkrankungen dar. Bis zum 6. Lebensjahr erkranken zwischen 8% und 16% aller Kinder an Neurodermitis. Oft nehmen die Symptome mit zunehmendem Alter ab. Bis zu 70% aller Betroffenen sind im Erwachsenenalter weitgehend beschwerdefrei. Dennoch lässt sich sagen, dass die Zahl der an Neurodermitis Erkrankten bis heute zugenommen hat. Ob dies mit veränderten Lebensbedingungen zusammenhängt oder andere Ursachen eine Rolle für den wachsenden Trend spielen, ist allerdings unklar.

Ursachen sind vielfältig und individuell

Die häufigste Ursache ist eine genetische Veranlagung. So weisen Kinder von Neurodermitis-Betroffenen ein deutlich höheres Risiko auf, ebenfalls daran zu erkranken. Die Schutzfunktion der Haut gegen Austrocknung und äußere Einflüsse, wie z.B. Bakterien, ist bei ihnen gestört. Zum Ausbruch oder zur Verschlechterung der Krankheit führen auch so genannte Provokationsfaktoren. Beispiele dafür sind Tierhaare, Nahrungsmittelallergene, Infekte, Umweltfaktoren oder Hausstaubmilben sowie Klimafaktoren, psychische Faktoren (z.B. emotionaler oder übermäßiger Stress), inhalative Allergene (z.B. Blütenpollen), Textilien (z.B. kratzende Wolle) und übermäßiges Schwitzen/ Temperaturwechsel.

Bei Neurodermitikern sind verschiedene Mechanismen gestört

Bei der Neurodermitis ist die Schutzfunktion der Haut gestört. Die gesunde Oberhaut bildet eine Barriere, um Mikroorganismen, toxische Substanzen oder Medikamente daran zu hindern, in die Haut einzudringen. Diese schützende Funktion hängt von der Dicke der Hornschicht ab. Bei Neurodermitikern ist aufgrund genetischer Defekte der Aufbau der Oberhaut gestört, wodurch der Weg zwischen Oberfläche und Immunsystem relativ kurz ist.

Erregerkeime und Allergene können so leichter eindringen und verstärkt die körpereigene Abwehr aktivieren. Ein bekannter Gendefekt geht mit einer gestörten Fettbildung der Haut einher. Die Fettschicht schützt normalerweise vor Wasserverlust und hält die Haut geschmeidig. Eine wichtige Fettsäure ist die Gamma-Linolensäure, welche im Körper aus Linolsäure gewonnen wird. Das hierfür benötigte Enzym Delta-6-Desaturase ist bei vielen Neurodermitikern defekt. Der damit verbundene Wasserverlust führt zur Austrocknung der Haut und erleichtert das Ausbreiten von Keimen.

Hornbildende Zellen bilden 90% der Zellen der Oberhaut. Ist die Haut geschädigt, setzen diese auch als Keratinozyten bezeichneten Zellen diverse Botenstoffe, so genannte Zytokine, frei und rufen so Entzündungsreaktionen hervor. Melanin-produzierende Zellen sitzen ebenfalls in der äußeren Schicht der Haut. Auch deren Funktion ist bei Neurodermitikern beeinträchtigt und kann zu einer verminderten Pigmentierung der Haut führen.

Zwar ist auch bekannt, dass das Immunsystem von Neurodermitis-Betroffenen fehlreguliert ist. Von den genauen Veränderungen sind jedoch bisher nur wenige bekannt. So lassen sich spezielle Formen der weißen Blutkörperchen besonders häufig im Blut nachweisen. Diese Zellen sind an der Bildung von Antikörpern beteiligt. Diese Antikörper sind maßgeblich für das Allergiegeschehen verantwortlich. Bindet ein solcher Antikörper an ein Allergen, aktiviert es die Freisetzung entzündungsfördernder Botenstoffe.

Juckende und brennende Ekzeme sowie Hautrötungen und trockene Haut sind charakteristisch

Das Hautbild Neurodermitis-Betroffener ist durch ein wechselndes, sehr unterschiedlich aussehendes Ekzem geprägt. Die Haut ist aufgrund der gestörten Barrierefunktion sehr empfindlich und reagiert stark auf äußere Reize. Durch die verminderte Talgproduktion erscheint diese zudem trocken. Auch die Haare von Neurodermitikern wirken oft glanzlos.

Je nach Alter sind unterschiedliche Hautpartien vorzugsweise betroffen. Zwischen dem 1. und 3. Lebensmonat beginnt sich Milchschorf auf Wangen, Stirn sowie dem behaarten Kopf auszubreiten und greift allmählich auf das ganze Gesicht, den Rumpf und den vorderen Bereich der Gliedmaßen über. Typisch in diesem Alter sind stark juckende Hautrötungen mit Bläschen und Papeln. Beginnen die Kleinkinder zu krabbeln, sind häufiger die Knie betroffen. Mit zunehmendem Alter zeigen sich Ekzeme bevorzugt im Nackenbereich, den Vorderseiten der Arme und den Beinrückseiten. Bei Erwachsenen hingegen sind meist die großen Gelenkbeugen (Ellenbeuge, Hand- und Kniegelenk) sowie der Nacken und das Gesicht betroffen.

Betroffene leiden unter einem starken Juckreiz, der besonders im Kindesalter zu massivem Kratzen führt. Hierdurch entstehen Entzündungen, die nässen oder zur Krustenbildung neigen und die Symptomatik zusätzlich verschlimmern. Bei anhaltendem Kratzen verdickt sich die Haut und wird gröber.

Typische Komplikationen sind Infektionen der Haut und Blasen

Betroffene sind häufig einem hohen Leidensdruck ausgesetzt. Insbesondere die Hautausschläge werden als kosmetisch störend empfunden und führen zur sozialen Abgrenzung. Der Juckreiz verschlimmert sich bei vielen Neurodermitikern besonders in der Nacht, was in manchen Phasen zu erheblichem Schlafmangel führt. Die Betroffenen leiden so tagsüber an Übermüdung und Leistungseinbußen.

Neurodermitiker leiden häufig unter einer sogenannten Impedigo contagiosa, einer Infektionskrankheit mit Flüssigkeits- oder Eiter-gefüllten Blasen. Ausgelöst wird die Erkrankung durch einen Keim (Staphylococcus aureus). Dieser gehört zwar auch zur Hautflora gesunder Menschen, kommt bei Betroffenen aufgrund der veränderten Hautbeschaffenheit jedoch in einer höheren Anzahl vor. Zudem erleichtert die ohnehin geschädigte Haut das Eindringen des Keims.

Besonders im Gesicht und an den Gliedmaßen bilden sich großflächige, juckende Blasen, die beim Aufkratzen nässende Wunden hinterlassen. Trocknet die Flüssigkeit, entstehen charakteristische gelbe Krusten. Die nässenden Wunden bilden zudem den idealen Nährboden für weitere Keime.

Der bei anderen Menschen lediglich zu kleinen Lippenbläschen führende Herpesvirus kann bei Neurodermitikern größere Hautareale befallen. Die etwa stecknadelkopfgroßen Bläschen platzen leicht und bieten Nährboden für andere Erreger. In schwereren Fällen kann die Infektion auch mit Fieber und einem allgemeinen Krankheitsgefühl einhergehen.

Durch Infektion mit dem Molluscipoxvirus entstehen vereinzelt stehende, glänzende Papeln. Diese sind an der Oberfläche leicht eingedellt. Meist treten nur einige wenige Papeln auf, welche sich nach einigen Wochen bis Monaten wieder zurückbilden. In einigen Fällen können sich jedoch auch mehrere hundert Papeln bilden.

Neurodermitis, Asthma bronchiale und Heuschnupfen sind allesamt atopische Erkrankungen und können sowohl allein, gleichzeitig oder nacheinander auftreten. Die drei Krankheitsbilder werden daher häufig als „Atopie-Syndrom“ bezeichnet. Ein möglicher Zusammenhang wurde von Burgess und seinen Kollegen beschrieben. Demnach führen sowohl Gendefekte wie auch Umweltfaktoren zum Ausbruch der Neurodermitis. Durch die gestörte Hautbarriere dringen Allergene in höherer Zahl in den Organismus ein und aktivieren das Immunsystem. Insbesondere Th2-Helferzellen gelangen vermehrt ins Lymphgewebe von Nase und Bronchien und reizen hier das Schleimhautgewebe [Bur 2009].

Diagnose wird mittels Anamnese, Untersuchung der Haut und/ oder Allergietests gestellt

Die Hautuntersuchung ist das wichtigste Diagnoseinstrument. Die Haut ist trocken und blass. Die Verteilung der Ekzeme ist charakteristisch und die Flechte sowie der Gewebeschwund der Haut können stark ausgeprägt sein. Nässende Ekzeme sind häufig mit Bakterien (Staphylokokken) infiziert. Auch die Lymphknoten im Bereich des Ekzems können geschwollen sein.

Bei Kindern werden zusätzlich die Körpergröße und das Gewicht gemessen, da sie als Folge der Erkrankung zu Wachstumsstörungen neigen. Liegen drei der folgenden Kriterien vor, kann Neurodermitis diagnostiziert werden:

  • Ekzeme an Ellenbeugen, Kniekehlen, im Nacken, am Hals und/ oder im Gesicht
  • starker Juckreiz
  • länger als 6 Monate bestehende Symptomatik
  • Neurodermitis, allergisches Asthma oder Heuschnupfen sind bereits in der Familie aufgetreten

Anhand von sogenannten Hautscores lässt sich der Schweregrad des atopischen Symptoms feststellen. In Europa wird hierfür meist der SCORAD (Scoring Atopic Dermatitis) verwendet.

Das Serum-IgE und die Anzahl der Eosinophilen können in der Labordiagnostik Aufschluss über den Schweregrad der Neurodermitis geben. Treten entzündliche Schübe auf, müssen zusätzliche Untersuchungen (Bakterienabstriche, Pilzkulturen) das Erregerspektrum abklären, um weitere medikamentöse Maßnahmen abzuleiten.

Zunächst wird mittels Anamnese und Allergietest versucht, mögliche Auslösefaktoren zu ermitteln. Mit Hilfe eines Ernährungsprotokolls können bereits selbst verschiedene Auslöser identifiziert werden. Beim Arzt können der Pricktest und der Epikutantest weitere Aufschlüsse geben.

Beim Pricktest werden Allergene auf die Haut aufgetragen und durch Anstechen mit einer Lanzette in die obere Hautschicht eingebracht. Bereits nach 20 Minuten ist sichtbar, ob der Körper auf das Allergen reagiert oder nicht. Dabei werden Hautrötung und Quaddelbildung beurteilt.

Beim Epikutantest werden die Allergene unter Testkammern auf die Haut aufgeklebt. Beurteilt wird der Reaktionsverlauf durch Ablesen nach 24, 48 und 72 Stunden.

Medikamentöse Therapie gegen Symptome, Ernährungsumstellung vermindert Schübe

Bei Neurodermitis steht eine Vielzahl an Medikamenten zur Verfügung. Diese sollen die Symptome lindern und Komplikationen verhindern.

Eine allgemeingültige Ernährungstherapie, die jedem Neurodermitiker gleichermaßen hilft, gibt es nicht. Ob es bestimmte auslösende Umweltfaktoren gibt und wenn ja, welche das sind, ist von Patient zu Patient verschieden. In Ratgebern sowie im Internet kursieren eine Reihe von mehr oder weniger plausiblen Ernährungstipps für Betroffene sowie zur Prävention im Mutterleib.

Einige hiervon haben sicherlich ihre Berechtigung, andere sind jedoch rein spekulativ. Wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit einzelner Empfehlungen fehlen zumeist. Teilweise ist dies jedoch auch der Tatsache geschuldet, dass die untersuchte Therapie nicht bei jedem Betroffenen anschlägt und die Studienergebnisse so zu keinem statistisch eindeutigen Rückschluss kommen. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Behandlungsmethode beim Einzelnen nicht zu Erfolgen führen kann. So muss jeder Betroffene oft selbst testen, welche ernährungstherapeutischen Mittel ihm Linderung verschaffen und welche nicht.

Im Wesentlichen empfiehlt sich bei Neurodermitis eine zuckerarme, entzündungshemmende Ernährung mit qualitativ hochwertigen Fetten. Viele Betroffene profitieren von möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln mit wenig künstlichen Zutaten. Es sollte immer viel Flüssigkeit aufgenommen werden. Einige Patienten können mit der Zufuhr von Probiotika Erfolge erzielen.

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  Fachinfo Neurodermitis
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