Chronische Obstipation (Verstopfung) – Krankheitsbild und Ernährungstherapie

Die im Volksmund häufig als Verstopfung bezeichnete Obstipation ist keine eigenständige Krankheit, sondern beschreibt vielmehr ein Beschwerdebild, das durch eine niedrige Stuhlfrequenz gekennzeichnet ist. Typischerweise ist die Defäkation hier meist nur durch starkes Pressen möglich und die Stuhlkonsistenz ist durch die längere Verweildauer oftmals hart und klumpig. Hinzu kommen eine Reihe von subjektiven Symptomen wie das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung. Die Obstipation kann sowohl Symptom einer Erkrankung, Nebenwirkung eines Medikaments oder auch Begleiterscheinung einer primären oder sekundären Funktionsstörung des Dickdarms bzw. des Anorektums sein.

Krankheitsbild Obstipation im Überblick

Definition und Häufigkeit

Obwohl die Obstipation durch eine niedrige Stuhlfrequenz definiert ist, lässt sich diese nur schwer mit einem konkreten Zahlenwert belegen. Zwar wird allgemein eine Entleerungshäufigkeit von weniger als 3 Defäkationen pro Woche als krankhaft angesehen, als alleiniges Diagnosekriterium reicht dieses Anzeichen nicht aus. Da die Stuhlfrequenz in der gesunden Bevölkerung bereits einer starken Schwankungsbreite unterliegt (von 3 Stühlen pro Tag bis 3 Entleerungen pro Woche), können Obstipationspatienten auch eine häufigere Defäkation aufweisen. Im Umkehrschluss sind nicht alle Personen mit weniger als 3 Entleerungen pro Woche als obstipiert anzusehen.

Da sich eine „gesunde“ Stuhlfrequenz schwer festlegen lässt, ist die Feststellung einer tatsächlichen Obstipation besonders für den Laien schwierig. Besonders der weitverbreitete Mythos, wonach bei einer Stuhlfrequenz von weniger als einer Entleerung am Tag der Körper durch zurückgehaltenen Stuhl „vergiftet“, trägt zum Irrglauben vieler Patienten bei, an einer Verstopfung zu leiden. Auch eine gelegentlich erschwerte Stuhlentleerung mit der Notwendigkeit des Pressens darf nicht mit einem Obstipationsleiden verwechselt werden.

Viele Patienten, die wegen Verstopfung bei ihrem Hausarzt vorstellig werden, unterliegen lediglich einer übermäßigen Erwartungshaltung. Nur etwa ein Viertel der Patienten, die glauben unter Verstopfung zu leiden, erfüllen tatsächlich die in den Rom-Kriterien festgelegten Merkmale.

Einheitliche Angaben zur Häufigkeit der Obstipation in der Bevölkerung fehlen, da die Erfassung Betroffener schwierig ist. Zum einen fehlt eine allgemeingültige Definition, die einen Vergleich verschiedener Datenerhebungen ermöglicht. Zum anderen dürfte sich ein großer Teil der Betroffenen mit ihrem Schicksal abgefunden haben, so dass diese nicht beim Arzt vorstellig oder höchstens im Zusammenhang mit einer anderen Erkrankung erfasst werden. Unbestreitbar ist sicherlich auch die Tatsache, dass die Zahl der selbstdiagnostizierten Obstipation aufgrund der unterschiedlichen Auslegung des Begriffes „Verstopfung“ in der Bevölkerung deutlich von der tatsächlichen Häufigkeit abweichen dürfte. Für ein realitätsgetreues Bild der Obstipationshäufigkeit wären systemische Befragungen breiter Bevölkerungsteile mit einheitlichen Kriterien notwendig. Derartige Befragungen fehlen.

Da Obstipation in vielen Fällen ältere Menschen betrifft, ist anzunehmen, dass durch den demografischen Wandel und den steigenden Zuwachs an Senioren auch der Anteil Betroffener zukünftig weiter zunehmen wird. Sowohl die direkten Kosten wie Arztbesuche und Verschreibungen als auch indirekte Kosten durch Arbeitsausfälle werden in den nächsten Jahren folglich weiterhin steigen.

Ursachen und Risikofaktoren

Bei der Obstipation handelt es sich nicht, wie oftmals angenommen um eine Zivilisationskrankheit der Neuzeit, obwohl moderne Lebensstilveränderungen wie eine ballaststoffarme Ernährung und Bewegungsarmut auch hier als Ursache genannt werden. Aufzeichnungen zur Behandlung der Obstipation reichen bis in die Antike zurück und auch einige mittelalterliche Darstellungen weisen auf das Beschwerdebild hin.

Die Ursachen für Obstipation sind mannigfaltig, was die Diagnoseführung erschwert. Diese können von gut änderbaren Ernährungsgewohnheiten, über medikamentöse Nebenwirkungen bis hin zu schwerwiegenden Stoffwechselerkrankungen oder Gewebeveränderungen reichen.

Erkrankungen

Obstipation kann als Begleiterscheinung bei einer Reihe von Erkrankungen auftreten. In Abhängigkeit von der Grunderkrankung können hier verschiedene krankheitsbedingte Veränderungen ursächlich sein, wie Störungen der nervalen Reizübertragung, Hormonveränderungen, Elektrolytstörungen oder veränderte Ernährungsgewohnheiten.

  • Diabetes mellitus
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Nebenschilddrüsenüberfunktion
  • Niereninsuffizienz
  • Morbus Parkinson
  • Multiple Sklerose
  • Amyloidose
  • Anorexia nervosa
  • Depressionen
  • Psychosen
  • Trauma
Organische Ursachen

Angeborene Fehlbildungen und erworbene Veränderungen des Dickdarm bzw. des Anorektums können zu Funktionsstörungen oder Transportbehinderungen führen. Bereits leichte Verletzungen können zu einer Verkrampfung der schmerz- und druckempfindlichen Afterregion führen und den Entleerungsprozess stören. Hierbei spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  • Gewebewucherungen bei Tumoren und enteralen Krebserkrankungen
  • sklerotische Veränderungen der Darmwand mit Einengung des Lumens, z.B. infolge von chronischen Entzündungen
  • Läsionen im Afterbereich wie Abszesse, Ekzeme, Fissuren und/ oder Fisteln
  • Anismus (erhöhte Spannung der Beckenbodenmuskulatur und des Schließmuskels beim Entleerungsprozess, wodurch dieser stark beeinträchtigt ist)
  • Analprolaps (Herausrutschen der analen Schleimhaut aus dem After), z.B. infolge von Hämorrhoiden
  • Rektumprolaps (teilweises oder ganzes Herausrutschen des Mastdarms aus dem After)
  • Aussackung des Mastdarms in die Vagina (Rektozele)
  • Beckenbodenfehlbildungen
  • seltene Erkrankungen wie Morbus Hirschsprung oder Muskeldystrophien
Laxanzienmissbrauch

Menschen mit Verstopfung nehmen häufig Abführmittel ohne ärztliche Kontrolle ein, um die Beschwerden selbst zu mildern und eine erleichterte Entleerung zu erzielen. Hierbei kann es beim Dauergebrauch allerdings zu einer Reihe von Veränderungen im Elektrolythaushalt kommen, insbesondere zu:

  • Hypokaliämie
  • Hypomagnesiämie
  • Hyponatriämie
  • Hypokalziämie

Insbesondere die Hypokaliämie kann zu einer Muskelschwäche und einer gestörten Darmperistaltik führen, wodurch die Obstipation verstärkt wird. In der Folge sind weitere Abführmittel nötig. Mit der Zeit verringert sich die Ansprechbarkeit der Darmwand auf Dehnungsreize und ein Teufelskreis beginnt. Hinzu kommen bei dauerhafter Laxanzieneinnahme Nebenwirkungen wie Analveränderungen und Analfissuren, Verschlimmerung von Hämorrhoiden, Nervenveränderungen und eine Verdünnung der Darmschleimhaut.

Schwangerschaft

Während der Schwangerschaft kommt es durch veränderte Hormonspiegel zu einer Darmträgheit, die nicht selten mit Obstipation einhergeht. Verstärkt wird dies in den letzten Schwangerschaftsmonaten auch durch die zunehmende Einengung durch den heranwachsenden Fötus.

Medikamentöse Ursachen

Obstipation tritt als Nebenwirkung bei einer breiten Palette von Medikamenten auf.

Weitere habituelle Faktoren

Eine Umstellung der Ernährung wie etwa auf Reisen, bei Diäten oder beim Fasten kann zu einer „akuten Darmträgheit“ führen.

Stress, Hektik und psychische Probleme können eine Obstipation psychosomatisch begünstigen. Besonders Menschen mit wechselnden Tag-Nacht-Rhythmen oder die beruflich viel auf Reisen sind, klagen häufig über Verstopfung.

Risikofaktoren
  • weibliches Geschlecht (Frauen sind etwa zwei- bis dreimal so häufig betroffen)
  • Alter (das Risiko einer Obstipation steigt mit dem Lebensalter)
  • sozioökonomische Faktoren und Bildungsstand (Personen mit niedrigen Einkommen, kurzer Ausbildungsdauer und unterer sozialer Schichten leiden häufiger unter Obstipation)
  • neurologische und psychiatrische Erkrankungen
  • ballaststoffarme Ernährungsweise

Formen

Die Obstipation kann nach zeitlichen und nach ätiologischen Kriterien eingeteilt werden. Die chronische Verstopfung ist die häufigste Form der Obstipation. Von chronisch wird hierbei gesprochen, wenn die Darmentleerung über mindestens 3 Monate hinweg gestört ist. Je nach Ätiologie kann diese weiter unterteilt werden.

Chologene Obstipation

Bei der chologenen Obstipation liegt ein gestörter Transport des Darminhaltes vor, wodurch dem Stuhl durch eine längere Resorptionszeit mehr Wasser entzogen wird. Der verhärtete Stuhl verstärkt die geringe Darmbewegung und verlängert die Transitzeit zusätzlich, sodass ein Teufelskreis entsteht. Zudem fehlt durch das verringerte Stuhlvolumen der Entleerungsreiz.

Funktionelle Obstipation
  • habituelle Obstipation
  • neurologische Erkrankungen
  • psychiatrische Erkrankungen
  • endokrine Erkrankungen
  • metabolische Veränderungen
  • medikamentöse Einflüsse
Slow Transit Obstipation
  • Störungen des enterischen Nervensystems (z.B. Agangliosen wie Morbus Hirschsprung)
  • idiopathisches Megakolon/Megarektum
  • chronische intestinale Pseudoobstruktion
  • idiopathische Kolonträgheit (idiopathische lnertia coli)
Anorektale Obstipation bzw. Entleerungsstörungen (Outlet-Obstipation)

Bei der anorektalen Obstipation liegt eine Störung des Entleerungsprozesses vor, sodass die Betroffenen hier häufig über einen anhaltenden Stuhldrang und das Gefühl einer unvollständigen Entleerung klagen:

  • funktionelle Störung (z.B. Spasmen oder Fehlkoordination des Beckenbodens, Störungen der autonomen Innervation)
  • morphologisch-organische Störung
Akute Verstopfung

Eine akute Verstopfung tritt plötzlich auf. Es können verschiedene Ursachen zugrunde liegen. Die häufigsten sind:

  • Bettlägerigkeit nach Operationen oder bei Krankheit
  • mechanischer Darmverschluss
  • Beschwerden im Afterbereich, z.B. Hämorrhoiden
  • hormonelle Veränderungen, z.B. Eintreten der Wechseljahre oder Pubertät, Schwangerschaft
  • Medikamente, z.B. Schmerz- oder Hustenmittel
  • Reiseobstipation
  • Zustand nach Diarrhö

Symptome

Die Symptome der Obstipation sind größtenteils subjektiver Natur und hängen stark von den Eigenempfindungen des Patienten ab. Typisch sind:

  • seltenerer Stuhlgang als gewohnt (welche Stuhlfrequenz als krankhaft anzusehen ist, hängt aufgrund der hohen Schwankungsbreite vom Patienten ab)
  • Darmentleerung ist mit Schmerzen und Anstrengung verbunden und erfordert starkes Pressen
  • harter, klumpiger Stuhl
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung

In einigen Fällen können auch Blähungen, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen und ein Fröstelgefühl hinzukommen.

Häufige Begleit- und Folgeerkrankungen sowie Komplikationen

Eine Obstipation muss ernst genommen werden. Zum einen kann die Verstopfung Symptom einer organischen Erkrankung im Verdauungsbereich sein (z.B. ein Tumor). Zum anderen ist die Obstipation meist von einer Reihe unangenehmer und das Wohlbefinden sowie die Gesundheit beeinträchtigender Begleiterscheinungen begleitet.

Mögliche Komplikationen
  • Blähungen
  • seelische Belastungen
  • Schmerzen im Unterbauch
  • Hautprobleme
  • Bildung von Kotsteinen (Koprolith)
Mögliche Folgeerkrankungen
  • Divertikulose/ Divertikulitis
  • Hämorrhoiden
  • Karzinome (Krebsgeschwulste) im Dickdarmbereich
  • Vorfall des Mastdarms (Rektumprolaps)
  • Stuhlinkontinenz
  • ungewolltes Einkoten bei Kindern (Retentive Enkopresis)
  • mechanischer Ileus durch Bildung von Kotballen (Skybala)
  • Megakolon

Diagnose und Diagnostik

Um eine möglichst einheitliche Diagnose der Obstipation zu ermöglichen, haben sich in der Praxis mittlerweile die Rom-Kriterien etabliert. Für die Diagnose müssen 2 bis 6 der folgenden Kriterien innerhalb eines Jahres über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen vorliegen.

Kriterien
  • weniger als 3 Stuhlentleerungen pro Woche
  • Pressen bei mindestens 25 % der Defäkationen nötig
  • klumpiger oder harter Stuhl bei mindestens 25 % der Stuhlentleerungen
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung bei mindestens 25 % der Defäkationen
  • Gefühl der anorektalen Blockierung bei mindestens 25 % der Stuhlentleerungen
  • manuelle Unterstützung der Stuhlentleerungen bei mindestens 25 % der Defäkationen

Als Ausschlusskriterien gelten weicher bzw. dünner Stuhl während dieses Zeitraums (ohne vorherige Laxanzieneinnahme) oder das gleichzeitige Vorhandensein von Symptomen, die auf einen Reizdarm schließen lassen [Lon 2006].

Anamnese

Da sich der Arzt bei der Obstipation nicht auf feste Zahlen wie etwa Laborwerte oder eigene Beobachtungen stützen kann, ist eine gezielte Befragung des Patienten notwendig, um eine möglichst objektive Diagnose stellen zu können. Da viele Patienten mit der Vermutung beim Arzt vorstellig werden, unter einer Verstopfung zu leiden, ist es zunächst notwendig, ihre Definition genau zu hinterfragen. Nicht selten treten Missverständnisse zwischen Patient und Arzt auf, die aus der unterschiedlichen Auslegung der Begriffe Verstopfung und Obstipation entstehen.

Im Weiteren sollte der Patient zu seinen Ernährungsgewohnheiten, zur Medikamenteneinnahme, zu bereits bekannten Erkrankungen und zu Beschwerden befragt werden, die auf eine häufig mit Obstipation verbundene Erkrankung hindeuten.

Stechende Schmerzen während der Stuhlentleerung können auf Fissuren im Analbereich hindeuten. Dumpfe Schmerzen sprechen hingegen für eine Entzündung. Bestehende Schmerzen im Bauchbereich, die sich durch den Stuhlgang bessern, können mit einem Reizdarmsyndrom verbunden sein.

Blutbeimengungen im Stuhl können Anzeichen einer Divertikulose, eines Tumors, von Polypen, einer enteralen Durchblutungsstörung oder einer anatomischen Fehlbildung mit Schleimhautläsionen sein.

Körperliche Untersuchung
  • Rektale Austastung mit dem Finger
  • Ultraschalluntersuchung des Bauchraums zur Diagnose von Darmverengungen oder übermäßigen Gasansammlungen
  • Bestimmung des Elektrolytstatus in Blut- und Urin zur Klärung von Stoffwechselstörungen oder eines Laxanzienmissbrauchs
  • rektale Untersuchung mittels Rektoskopie bzw. enterale Untersuchung mittels Koloskopie
Spezialuntersuchungen

Defäkographie zur radiologischen Untersuchung der Darmentleerung

  • Rektale Verabreichung eines Kontrastmittels; Darstellung des Defäkationsprozesses mittels MRT

Kolontransit-Test zur Geschwindigkeitsmessung der Kolonpassage

  • Einnahme von Biomarkern über 6 Tage; im Anschluss radiologische Bestimmung der Verteilung der Marker im Dickdarm

Therapie

Eine erfolgreiche Therapie ist nur möglich, wenn die zugrundeliegende Ursache bekannt ist. Gerade Darmverengungen, anorektale Fehlbildungen oder nervale Störungen sprechen kaum auf diätetische Maßnahmen an. Bevor dem Patienten folglich wahllos Empfehlungen unterbreitet werden, ist zunächst zu überprüfen, ob tatsächlich Ernährungsfehler vorliegen.

Ernährungsziele und diätetische Prinzipien

Ernährungsziele

Das Ziel der Ernährungstherapie bei chronisch funktioneller Obstipation ist es, die Darmentleerung so weit wie möglich mit natürlichen Mitteln zu unterstützen, um den Gebrauch von Laxanzien nach Möglichkeit zu vermeiden.

Nutzen einer Ernährungstherapie

Eine erfolgreiche Therapie ist nur möglich, wenn die zugrundeliegende Ursache bekannt ist. Gerade Darmverengungen, anorektale Fehlbildungen oder nervale Störungen sprechen kaum auf diätetische Maßnahmen an. Bevor dem Patienten folglich wahllos Empfehlungen unterbreitet werden, ist zunächst zu überprüfen, ob tatsächlich Ernährungsfehler vorliegen.

Diätetische Prinzipien

Hierzu eignet sich vorzugsweise ein Ernährungstagebuch über mindestens 7 Tage, in dem zusätzliche Angaben zu Beschwerden und zum Stuhlverhalten notiert werden. Gleichzeitig sollten sämtliche Medikamente erfasst werden, die der Patient einnimmt, um mögliche obstipationsfördernde Wirkstoffe zu identifizieren.

Nährstoffe und Nahrungsinhaltsstoffe

Eine ballaststoffarme Ernährung spielt bei einem großen Teil der Patienten mit chronisch funktioneller Obstipation eine entscheidende Rolle. Eine Steigerung der Ballaststoffzufuhr auf das allgemein empfohlene Maß kann bei diesen Patienten zu einer Linderung der Beschwerden beitragen. Hierbei sind allerdings zwei Punkte zu beachten:

Wenn Patienten bereits eine ausreichende Ballaststoffzufuhr vorweisen (etwa 30 bis zu 50 g täglich), sollte diese nicht weiter erhöht werden, da hiervon keine Symptomverbesserung zu erwarten ist.

Lösliche und unlösliche Ballaststoffe unterscheiden sich in ihrer Wirkung auf den Darm, was bei der Ernährungstherapie zu beachten ist. Besteht bereits eine ausreichend hohe Ballaststoffzufuhr, kann unter Umständen eine Umstellung der Quellen mit Bevorzugung von löslichen Ballaststoffen hilfreich sein.

Unlösliche Ballaststoffe wie Zellulose, Hemizellulosen und Lignine finden sich vor allem in Vollkornprodukten und Weizenkleie. Diese binden Wasser und erhöhen hierdurch das Stuhlvolumen. Da unlösliche Ballaststoffe von der Darmflora nur geringfügig abgebaut werden, bewahren diese ihre Quelleigenschaften und das Stuhlvolumen bleibt bis zum Rektum hoch. Bei Patienten mit geringer Ballaststoffzufuhr können diese in Kombination mit einer ausreichenden Trinkmenge bereits Linderung verschaffen. Bei Patienten, die beispielsweise infolge von Darmentzündungen, Tumorerkrankungen und Darmoperationen Darmverengungen vorweisen oder bei denen sich Kotsteine festgesetzt haben, kann ein hohes Stuhlvolumen hingegen zu einer Verschlechterung der Obstipation führen. Hier sind lösliche Ballaststoffe besser geeignet.

Lösliche Ballaststoffe wie Pektin kommen vor allem in Gemüse, Obst und der Samenschale von Lein- sowie Psylliumsamen vor. Diese binden weitaus mehr Wasser als unlösliche Ballaststoffe und bilden Gele, die dem Stuhl eine gute Gleitfähigkeit verleihen. Lösliche Ballaststoffe werden von der Darmflora allerdings fast vollständig abgebaut, verlieren dabei die Wasserbindungsfähigkeit und das Stuhlvolumen nimmt beim Durchlaufen des Dickdarms langsam wieder ab. Als Präbiotikum fördern diese das Wachstum der Darmflora, sodass sich das Stuhlvolumen ausgleichend durch eine vermehrte Biomasse erhöht. Zudem entstehen beim Abbau niedermolekulare Substanzen wie Essig- und Milchsäure sowie Kohlendioxid. Durch die Senkung des Darm-pH-Wertes wird die Darmtätigkeit angeregt und die Bildung von Fäulniserregern unterdrückt. Ferner erhöht sich hierdurch der osmotische Druck, Wasser strömt vermehrt in das Darmlumen ein und der Stuhl wird voluminöser.

Neben einem vermehrten Konsum von Gemüse (2-3 Portionen) und Obst (1-2 Portionen) können zur Unterstützung der Zufuhr löslicher Ballaststoffe bei Bedarf auch Präparate mit Flohsamenschalen oder Leinsamen eingesetzt werden, die einen hohen Anteil an Pektinen vorweisen. Hierbei ist allerdings dringend auf die notwendige Trinkmenge zu achten. Zudem besteht bei der Verwendung ballaststoffreicher Präparate wie Flohsamenschalen, Leinsamen, Weizen- oder Haferkleie durch die guten Bindungseigenschaften die Gefahr einer gestörten Resorption von Vitaminen und Mineralstoffen. Ballaststoffpräparate sollten folglich sparsam, mit einigen Stunden Abstand zu anderen Mahlzeiten und nach Möglichkeit nicht im Dauergebrauch eingenommen werden.

Wurden bisher regelmäßig Abführmittel verwendet, sollte die Umstellung auf eine ballaststoffreiche Ernährung langsam erfolgen, da es zu Blähungen und Völlegefühl kommen kann. Mit der Zeit bessern sich diese Beschwerden wieder. Um die Akzeptanz der Ernährungsumstellung zu erhöhen, ist es ratsam, den Patienten vorher aufzuklären, dass der Darm Wochen bis Monate brauchen kann, bis er wieder zu einer normalen Tätigkeit übergeht und die anfänglichen Beschwerden mit der Zeit nachlassen.

Eine geringe Trinkmenge wird neben einer ballaststoffarmen Kost insbesondere bei älteren Menschen als häufige Ursache für eine anhaltende Verstopfung angesehen. Welchen Einfluss die Flüssigkeitszufuhr als Ursache tatsächlich ausübt, ist allerdings unklar. Durch eine Steigerung der Trinkmenge kann eine bestehende Obstipation nicht beseitigt werden, wohl aber kann eine hohe Ballaststoffzufuhr bei gleichzeitig niedriger Trinkmenge eine Verstopfung begünstigen.

Eine hohe Trinkmenge ist insbesondere bei der Verwendung von ballaststoffreichen Präparaten wie Leinsamen, Flohsamenschalen oder Weizenkleie erforderlich. Ohne ausreichende Flüssigkeitsmenge entziehen diese der Darmschleimhaut Wasser, die Gleitfähigkeit der Darmwand sinkt und die Obstipation wird gefördert. Zudem wird durch die Flüssigkeitsbindung weniger Wasser vom Körper resorbiert, wodurch bei geringer Trinkmenge die Gefahr einer Austrocknung besteht.

Um ihre Quelleigenschaften zu entfalten, benötigen Ballaststoffe eine entsprechend hohe Flüssigkeitsmenge. Falls diese noch nicht ausreichend ist, ist eine Trinkmenge von mindestens 1,5 bis 2 Litern anzustreben. Hierfür eignen sich besonders Mineralwasser, ungesüßte Tees und stark verdünnte Saftschorlen. Gerade ältere Patienten trinken aufgrund eines verminderten Durstgefühls und aus Angst vor nächtlichem Harndrang nur wenig. Hier kann es hilfreich sein, die gesamte Trinkmenge morgens bereitzustellen und diese in kleinen Mengen über den Tag zu sich zu nehmen.

Eine Trinkmenge über 3 Liter hat allerdings keinen weiteren Effekt auf die Stuhlkonsistenz und ist folglich auch nicht notwendig. Zudem gibt es keine Hinweise, dass durch alleinige Erhöhung der Trinkmenge eine bestehende Obstipation beseitigt werden kann.

Lebensmittel, spezielle Produkte und Mahlzeitenmanagement

Milchsauer vergorene Lebensmittel

Milchsauer vergorene Lebensmittel können unter Umständen die Obstipationsbehandlung unterstützen. Sauermilchprodukte wie Naturjoghurt, Buttermilch und Kefir sowie Sauerkraut fördern die Ansiedlung von Milchsäure- und Bifidobakterien im Dickdarm. Hierdurch wird einerseits die Biomasse und folglich das Stuhlvolumen erhöht. Andererseits bilden diese die Grundlage zum Abbau löslicher Ballaststoffe.

Die enthaltene Milchsäure senkt den Darm-pH-Wert. Ein saurer pH-Wert fördert das Wachstum nützlicher Darmbakterien, unterdrückt die Vermehrung pathologischer Keime und stimuliert die Darmperistaltik.

Darüber hinaus enthalten Milchprodukte Laktose, die eine leicht abführende Wirkung hat. Für Patienten mit Laktoseintoleranz sind diese allerdings weniger geeignet.

Ob der Verzehr von milchsauer vergorenen Produkten ausreichend ist oder zusätzlich ein probiotisches Präparat aus der Apotheke sinnvoll ist, muss für den Einzelfall individuell entschieden werden. Von der Verwendung probiotischer Joghurts oder Drinks ist eher abzuraten, da diese neben hohen Zuckermengen häufig auch eine Reihe von Zusatzstoffen enthalten.

Stopfende und abführende Lebensmittel

Im Volkswissen ist eine Reihe von Lebensmitteln bekannt, die eine stopfende Wirkung haben. Diese können unter Umständen eine funktionelle Obstipation begünstigen, so dass deren sparsamer Verzehr ratsam ist. Im Gegenzug sind auch Lebensmittel bekannt, die als natürliche Abführmittel bereits in der Volksheilkunde eingesetzt wurden. Obwohl deren Wirkung nur spärlich wissenschaftlich untersucht ist, können diese möglicherweise zu einer Besserung der Beschwerden beitragen. Da bei Lebensmitteln unter gebräuchlicher Dosierung kaum mit Nebenwirkungen zu rechnen ist, dürfte sich zumindest ein Versuch durchaus lohnen.

Pflaumen gelten als altes Hausmittel gegen Verstopfung. Zu Beginn sollte der Patient möglichst nur ein halbes Glas naturtrüben Pflaumensaft zum Frühstück trinken, da die Wirkung nicht sofort eintritt. Zeigt sich auch am nächsten Tag keine Verbesserung, kann die Menge erhöht werden.

Noch besser geeignet als Saft sind eingeweichte getrocknete Pflaumen. Hierfür werden 5 Dörrpflaumen über Nacht in Wasser eingeweicht. Am nächsten Morgen können die Pflaumen gegessen, das Einweichwasser getrunken oder alles zu einem Mus püriert zu sich genommen werden.

Getrocknete Feigen können ebenso wie Dörrpflaumen abführend wirken. Aufgrund des hohen Zuckergehaltes sollten allerdings nicht mehr als 5 Pflaumen am Tag gegessen werden.

Weintrauben mitsamt der Schale verzehrt wirken in Mengen ab etwa 300 Gramm ebenfalls abführend. Hierbei sollten möglichst Sorten mit Kernen gewählt werden, da kernlose Sorten auf einen hohen Zuckergehalt gezüchtet wurden.

Mischungen aus Tomaten-, Sauerkraut- und Karottensaft liefern Ballaststoffe, Milchsäure sowie Flüssigkeit und wirken sich folglich positiv auf die Darmtätigkeit aus.

Lebensstil und weitere Therapieoptionen

Körperliche Immobilität infolge von Unfällen oder Erkrankungen, die einer Bettruhe bedürfen, führen zu einer „akuten Darmruhe“. Welchen Einfluss ein Bewegungsmangel auf das Obstipationsrisiko hat, ist hingegen strittig. Obstipierten Patienten wird häufig eine vermehrte körperliche Bewegung nahegelegt, da diese bekanntermaßen beim gesunden Menschen die Darmentleerung fördert. Belege für die Wirksamkeit dieser Empfehlung bei chronischer Obstipation fehlen allerdings. Vielmehr unterscheiden sich ambulant behandelte Patienten in ihrem Bewegungsumfang oftmals nicht von gesunden Personen, sodass ihre Verstopfung nicht auf einen Bewegungsmangel zurückzuführen ist [Mül 2005].

Bei einigen Patienten kann auch eine gesteigerte Aktivität die Behandlung unterstützen, vor allem, wenn sich diese bisher im Alltag eher wenig bewegten. Besonders empfehlenswert sind gymnastische Übungen zur Stärkung der Bauchmuskulatur, um den physiologischen Spannungszustand der Bauchdecke aufrechtzuerhalten.

Akuter und chronischer Stress

Eine Umstellung der Ernährung wie etwa auf Reisen, bei Diäten oder beim Fasten kann zu einer „akuten Darmträgheit“ führen. Stress, Hektik und psychische Probleme können eine Obstipation psychosomatisch begünstigen. Besonders Menschen mit wechselnden Tag-Nacht-Rhythmen oder die beruflich viel auf Reisen sind, klagen häufig über Verstopfung.

Psychologische Betreuung

In einigen Fällen wird eine Obstipation psychosomatisch durch problematische Lebensumstände, Stress und Hektik begünstigt oder gar ausgelöst. Hier kann eine psychologische Beratung zur Problemlösung bzw. zum besseren Umgang mit Stressoren hilfreich sein.

Bauchmassagen

Bauchmassagen können den Weitertransport des Stuhls unterstützen. Hierbei sollte vor dem Aufstehen der Bauch am äußeren Rand entlang im Uhrzeigersinn etwa 10 Minuten lang massiert werden.

Stuhltraining

Bei vielen Patienten ist es hilfreich, einen regelmäßigen Stuhlrhythmus zu erlernen, um den Stuhlgang anzukurbeln. Hierbei kann zum Beispiel direkt nach dem Frühstück die Toilette aufgesucht werden, um den Darm an diese feste Uhrzeit zu gewöhnen. Bei ausbleibender Entleerung sollte aber nicht länger als 5 Minuten gewartet werden. Wichtig ist zudem, einen einsetzenden Stuhldrang nicht über längere Zeit zu unterdrücken und möglichst zeitnah eine Toilette aufzusuchen.

Einläufe

Einläufe erfolgen meist vor rektalen Untersuchungen. Dabei wird mit einem Klistier Flüssigkeit (Salz- oder Zuckerlösung) über den After in den Dickdarm eingeführt. Der Dickdarm erweitert sich und es kommt rasch zum Stuhlgang (nach 5 bis 20 Minuten). Diese Methode kann eine Reizung der Analschleimhaut und Fissuren (= Risse in der Analschleimhaut oder im Afterkranz) sowie bei häufiger Anwendung eine Darmträgheit zur Folge haben.

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