Plastikfreie Zukunft: Lösungen statt Probleme

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Das Thema Plastik ist in aller Munde. Darstellungen in der Öffentlichkeit beziehen sich meist auf die Problematik, weniger auf Lösungen. Doch der Wunsch nach Alternativen wird größer. Der Einzelhandel bestätigt eine immer größere Nachfrage nach plastikfreien Verpackungen und unverpackten Waren. Wir haben nach Lösungsideen recherchiert und waren selbst überrascht, was es schon alles auf dem Markt gibt. Am Ende des Beitrags geben wir ein paar kleine pragmatische Tipps für den Einkauf im Supermarkt.

Kurzer Überblick über Zahlen

In den Medien kursieren viele widersprüchliche Zahlen und Behauptungen. Um die Problematik dennoch kurz zu verdeutlichen, beschränken wir uns auf einige wenige Zahlen aus dem Plastikatlas 2019.

Zwischen 1950 und 2015 wurden weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Bei 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde entspricht das mehr als einer Tonne pro Mensch.

Ein Großteil davon sind Einwegprodukte und Verpackungen. Die Recyclingquote liegt bei weniger als 10 %.

2018 wurden für Essen und Getränke mehr als 1,13 Billionen Verpackungen verbraucht – meist in Kunststoff.

Bei gleichbleibender Plastikproduktion würden Kunststoffe bis 2050 rund 56 Gigatonnen Kohlendioxid-Emissionen verursacht haben.

Deutschland ist der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll nach Asien (hinter den USA und Japan).

2016 erzeugte jeder Deutsche rund 38 kg Plastikmüll. Nur in Luxemburg (50,5 kg), Irland (46,2 kg) und Estland (42,2 kg) ist der Verbrauch noch höher.

 

 

Interessante Lösungsansätze aus der Lebensmittel- und Verpackungsindustrie

Über Lösungsansätze wird vergleichsweise immer noch wenig berichtet. Dabei werden durch Bewusstsein und Nachfrage immer mehr plastikfreie Alternativen entwickelt.

In vielen Großstädten gibt es erste „Unverpackt“-Läden. Supermärkte und Discounter bieten zunehmend plastikfreie Einkaufstüten an. Plastiktüten hingegen sind mehr und mehr kostenpflichtig. Aldi wird zukünftig auch für die dünnen Plastiktüten an den Obst- und Gemüseregalen – wenn auch symbolisch – 1 Cent verlangen.

2016 gründete sich die Bewegung „Break Free From Plastic“ (BFFP). Bis heute konnte die Initiative mehr als 1.475 Organisationen und 6.100 Unterstützer auf sechs Kontinenten vereinen. Gefordert wird, dass Kunststoffe auf Basis fossiler Brennstoffe deutlich weniger produziert und eingesetzt werden.

Ab 2021 ist Einwegplastik in Form von Trinkhalmen, Besteck, Geschirr oder Trinkbechern verboten. Die seit dem 01.01.2019 gültige neue Verpackungsverordnung ermöglicht es Unternehmen finanziell zu profitieren, wenn sie ihre Waren plastikfrei anbieten. Jedes Unternehmen, das mit Ware befüllte Verpackungen in Verkehr bringt, muss für die Entsorgung seiner Verpackungen ein entsprechendes Entgelt bezahlen. Plastikverpackungen sind nun deutlich teurer als umweltverträgliche Verpackungen.

Doch es gibt noch eine ganze Reihe weiterer spannender Ansätze.

Stroh als bruchsichere und kühlende Verpackung

Jährlich fallen allein in Deutschland etwa 30 Millionen Tonnen Getreideabfälle bei der Getreideernte an. Ein Teil verbleibt auf den Feldern. Ein Teil wird als Viehfutter verwendet. Ein Großteil (vermutlich um die 10 Millionen Tonnen) bleibt jedoch ungenutzt und muss entsorgt werden.

Familie Eschenlohr aus Alling entwickelte daraus ein alternatives Verpackungsmaterial: die Landbox. Die Idee wurde aus der Notwendigkeit geboren, einen adäquaten Ersatz für Styroporkisten für den Lebensmittelversand zu finden. Die aus Stroh hergestellten Isolierboxen benötigen nur einen Bruchteil der Energie bei der Produktion. Das Stroh stammt von Vertragslandwirten aus der Umgebung. Das gewährleistet kurze Transportwege und schafft zusätzliche Einnahmequellen für die Landwirte.

Die Boxen ermöglichen den bruchsicheren Transport zum Beispiel von Weinflaschen und sind durch die ähnlichen Isoliereigenschaften wie Styropor perfekt für den Lebensmittelversand. Nach dem Gebrauch können die Verpackungen im Biomüll entsorgt oder aber für Haustiere weiter verwendet werden. Mittlerweile gibt es das Unternehmen seit 5 Jahren und weitere Produkte aus Hanf sowie Jute.

Verpackungen aus Gemüse- und Obstabfällen

Der Bundesstaat Karnataka in Indien hat auf das riesige Plastikproblem im eigenen Land mit einem Verbot für Einweg-Plastikartikel reagiert. Das Hamburger Unternehmen Bio-Lutions entwickelte vor Ort ein Verfahren, um aus lokalen Pflanzenabfällen Verpackungen und Einweggeschirr zu produzieren. Nach jahrelangem Tüfteln entstand ein sogenanntes Up-Cycling-Verfahren, das überall auf der Welt eingesetzt werden kann und aus ungenutzten Pflanzenresten wie Reisstroh, Bananenschalen und Ananasblättern feine Faserstückchen extrahiert und weiterverarbeitet.

Der Prozess ist energie- sowie wasserschonend und verzichtet auf Chemikalien bzw. Zusätze. Die Produkte sind ebenfalls kompostierbar oder können umweltschonend verbrannt werden. Heute plant der Geschäftsführer Eduardo Gordillo einen ersten Standort im brandenburgischen Schwedt.

Kompostierbare Kaffeekapseln

Gleich mehrere Unternehmer entwickelten plastikfreie Kaffeekapseln. Allein Nespresso-Kaffeemaschinen sollen in Deutschland 20.000 Tonnen Kapselmüll pro Jahr verursachen.

Die terracaps-Biokapsel besteht mindestens zu 62 % aus nachwachsenden Rohstoffen und kann auch zum Abfüllen von Tee, Nahrungsergänzungsmitteln und medizinischen Produkten verwendet werden. Form und Farbe sind frei gestaltbar. Die technischen Zusatzstoffe sind ebenfalls biologisch abbaubar und umweltverträglich. Die Biokapsel ist in Österreich gemäß TÜV Austria als kompostierbar zertifiziert. Hergestellt werden die Kapseln ausschließlich mit Energie aus Wasserkraft, Biogas, Sonne und Wind. terracaps lässt sich auch für Nespresso-Kaffeemaschinen herstellen.

Ein eigenes, nachhaltiges Kaffeekapselsystem inklusive Kaffeemaschine gibt es von beanarella. beanarella-Kapseln tragen das sogenannte Keimlingsiegel: eine Zertifizierung für nachweisliche Kompostierbarkeit nach EN13432. In einer Kompostierungsanlage bauen sich die Kapseln innerhalb von 4 bis 12 Wochen ab. Als Rohstoff in der Herstellung dient ein Biokunststoff, der größtenteils aus Polymilchsäure, Zellulose (Pflanzenfasern) und Calciumcarbonat (Kalk) besteht. Polymilchsäure wird dabei aus nachwachsenden Rohstoffen auf Zuckerbasis wie Zuckerrüben oder Mais gewonnen. Der Kaffee in den Kapseln stammt zu 100 % aus nachhaltigem Kaffeeanbau.

To-go Becher aus Kaffeesatz

Einen anderen Weg geht Kaffeeform. Schätzungen zufolge fallen bis zu 20 Millionen Tonnen Kaffeesatz jedes Jahr deutschlandweit in Cafés an. Grund genug für Julian Lechner, sich das Material mal genauer anzuschauen. Sein Unternehmen aus Berlin entwickelte ein nachhaltiges Material aus Kaffeesatz und Biopolymeren, um erdölbasierte Kunststoffe zu ersetzen. Aus dem Kaffeesatz wird ein Granulat gebildet und zu soliden Bechern sowie Untertassen weiter verarbeitet. Aktuell werden formschöne Kaffeetassen in verschiedenen Größen sowie der ausgezeichnete to go-Becher „Weducer“ über die Internetseite angeboten.

Nylonstrumpfhosen aus Chicorée

Rund 800.000 Tonnen Reststoffe fallen jährlich bei der Chicorée-Ernte in Europa an. Die Universität Hohenheim entdeckte eine Substanz in Chicorée-Wurzeln, die Erdöl in der Kunststoffherstellung ersetzen kann. Der Stoff Hydroxymethylfurfural (HMF) weist Eigenschaften auf, mit dem sich Nylon herstellen lässt und so in der Produktion von Strumpfhosen eingesetzt werden kann. Bisher werden Chicorée-Abfälle hauptsächlich für die (ineffiziente) Produktion von Biogas genutzt. Doch noch müssen offene Fragen wie die nach einer kontinuierlichen Produktion (Chicorée-Ernte ist ein Saisongeschäft) oder auch einer gleichbleibenden Qualität des Endproduktes geklärt werden, bevor das Material eine echte Alternative ist.

Verpackungen aus Pilzen und Leinsamen

Das Unternehmen Ecovative Design aus den USA hat indes ein Verfahren entwickelt, mit dem aus einem Pilzgeflecht Verpackungen wachsen. Das ökologische Verpackungsmaterial soll sich unter anderem für Kühlverpackungen eignen und könnte damit ebenfalls das problematische Styropor ersetzen. Mit dem Verfahren lassen sich aus biologischen Abfällen und Pilzen beliebige Verpackungsformen herstellen. Die Bioabfälle werden zunächst zerkleinert, genässt und mit speziellen Pilzkulturen (Myzel) vermischt. Das Myzel wächst durchschnittlich 7 Tage und ernährt sich dabei von den Bioabfällen. Anschließend wird die Mischung erneut zerkleinert und in die endgültige Form gebracht. Es entsteht eine klebrige, kompakte Masse, die nun noch getrocknet wird. Der damit verbundene Hitzeschub stoppt zudem das Wachstum der Pilze und macht das Material keimfrei. Mittlerweile bietet das Unternehmen auch Schuhe und Textilien sowie Designerprodukte aus den Materialien an. Es soll sogar möglich sein, sich seinen eigenen Pilz zu Hause zu „halten“.

Seetang als Flaschenrohstoff

Das britische Start-up Ohoo wiederum entwickelte eine Alternative für herkömmliche Plastikflaschen. Die USA verbrauchen 50 Milliarden Plastikflaschen pro Jahr. Dafür werden 17 Millionen Fässer Rohöl benötigt. Weltweit sollen jährlich 223 Milliarden Liter Wasser abgefüllt werden (Quelle).

Das biologisch abbaubare und essbare Material „Notpla“ stammt dabei von Seetang und anderen Pflanzen. Das Besondere der Erfindung liegt in der außergewöhnlichen Art der Verpackung, die der natürlichen Verpackung von Früchten – den Schalen – nachempfunden ist. Die Herstellung ist einfach und kostet nur etwa einen Cent pro Stück. Durch den Prozess der Spherifikation bildet sich eine wasserdichte Haut um die Flüssigkeit. Flüssige Lebensmittel könnten so in kleinen Portionen wie frisches Obst verkauft werden und die Produktion von Wegwerf-Wasserflaschen deutlich reduzieren.

Das Material ist biologisch abbaubar und verrottet innerhalb von 4 bis 6 Wochen. Das Unternehmen bietet aktuell verschiedene Verpackungen an und arbeitet an weiteren zukunftsfähigen Produkten.

Biokunststoff: Flaschen und Beutel aus Milchsäure

Die österreichische Firma „NaKu – Aus Natürlichem Kunststoff“ hat eine Flasche sowie einen atmungsaktiven Frischhaltebeutel aus Biokunststoff (PLA) auf den Markt gebracht. Das Material des Frischhaltebeutels besteht aus einem Maisstärkegranulat; das Flaschenmaterial aus Milchsäure, die wiederum aus Zucker und Stärke gewonnen wird. Seit kurzem werden zusätzlich auch Sonnenblumen als Rohstoff verwendet. In einem Upcycling-Prozess dienen die Schalen von Sonnenblumen als Rohstoff für natürlichen Kunststoff. In den Produkten sind keine Weichmacher wie Bisphenol A, Antimon oder andere hormonell wirksame Stoffe enthalten.

Laut Angaben des Unternehmens können bei der Herstellung bis zu 50 % der Kohlendioxid-Emissionen im Vergleich zur Herstellung von Plastikflaschen eingespart werden. Die Produkte sind gemäß EN13432 kompostierbar.

Verpackungsfolien aus Milchproteinen

Forschern aus den USA ist es gelungen, eine Verpackungsfolie aus Milch zu herzustellen. Die Folie ist essbar und biologisch abbaubar. Als Grundlage der neuen Verpackung dienen Caseine. Diese Milchproteine sind starke Sauerstoffblocker und lassen sich zu einem kompakten Material verbinden.

Während der Weiterentwicklung des Herstellungsprozesses offenbarten sich den Forschern noch weitere Anwendungsmöglichkeiten. So kann das essbare Material auch auf Cornflakes gesprüht werden, um diese knusprig zu halten. Das würde den oft kritisierten Zucker ersetzen, der bislang dafür verwendet wird. Wird indes eine Suppe in der Folie verpackt, kann sich diese beim Übergießen mit heißem Wasser auflösen und hinterlässt so weniger bis keinen Verpackungsmüll.

Die Folie ist noch nicht marktreif und bedarf einiger weiterer Entwicklungsschritte.

Folienverpackungen aus Zucker

Die Firma Bio4Pack hat Folienverpackungen auf Zuckerbasis bereits auf den Markt gebracht. In den Niederlanden sind Haferflocken, Sojabohnen, Leinsamen und Co schon vielfach in diesen Zuckerfolien verpackt und stehen in den Supermarktregalen. Nach Jahren der Tüftelei hat der Geschäftsführer Patrick Gerritsen die Formel gefunden, um dünne, reißfeste, durchsichtige und versiegelnde Verpackungen für Lebensmittel zu produzieren. Außerdem ist es möglich, nach einer vergleichsweise geringen Umstellung die gleichen Maschinen für die Produktion zu nutzen, die bislang für die Plastikverpackungen genutzt wurden.

Nach dem Gebrauch können die klaren Folien in der Biotonne entsorgt werden. In Deutschland ist das bislang nicht möglich, da der Abbauprozess etwas zu lang dauert.

Was jeder Einzelne heute schon tun kann

Neben diesen interessanten Ansätzen, die sich in der breiten Masse ja noch nicht durchgesetzt haben, kann schon heute jeder Einzelne etwas tun, um der Plastikflut im eigenen Haushalt und im eigenen Umfeld etwas Einhalt zu gebieten. Wir haben ein paar einfache, pragmatische Tipps für den Einkauf im Supermarkt gesammelt. Viele weitere Tipps gibt es unter anderem bei smarticular, Utopia oder auch CareElite.

Vor dem Einkauf:

  • Einkaufstaschen nicht vergessen
  • Obst- und Gemüsenetze einstecken (Suchergebnisse Amazon)
  • eventuell keimfreie Edelstahlboxen für die Frischetheke einpacken (noch nicht überall möglich)

Während des Einkaufs:

  • unverpackte Basislebensmittel bevorzugen (frisches Gemüse, Obst statt vorgeschnittenem und verpackt)
  • Wurst, Fleisch und Käse wenn möglich an der Frischetheke holen
  • Joghurt im Glas und Milch in der Flasche wählen
  • Verpackungen vergleichen: einige tiefgekühlte Fischprodukte (sogenannte Schlemmerfilets) sind mittlerweile ohne zusätzliche Plastikfolie um das Endprodukt verpackt
  • auf kleine Packungsgrößen wenn möglich verzichten (benötigt mehr Verpackungsmaterial)
  • auf doppelte Verpackungen verzichten (z. B. kleine Schokotäfelchen in großer Verpackung, extra verpackte Käseportionen in großer Verpackung, etc.)

Nach dem Einkauf:

  • für Angebrochenes: Wachstücher zum Verpacken und Abdecken (Suchergebnisse Amazon)
  • wiederverwendbare Boxen statt Frischhaltefolie verwenden
  • zur Aufbewahrung: benutzte Joghurtgläser spülen und wieder verwenden