Probiotika: Nutzen und Wirksamkeit (Update)

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Sogenannte Probiotika begegnen uns schon seit über 20 Jahren als Joghurt und Drink in den Supermarktregalen, als Nahrungsergänzungsmittel in Drogerien oder als Arzneimittel in der Apotheke. Dabei ist nur schwer zu unterscheiden, welche Produkte für wen und in welchen Situationen wirklich geeignet sowie unbedenklich sind.

Definition und Verwendung

»Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die dem Menschen einen gesundheitlichen Vorteil bringen, wenn sie in ausreichender Menge aufgenommen werden« (Definition der WHO/FHO 2001)

Laut Definition handelt es sich bei probiotischen Kulturen also um besonders geeignete, gesundheitlich unbedenkliche Vertreter von Bakterienarten, die seit Jahrhunderten zur Herstellung von fermentierten Produkten eingesetzt werden und bei oraler Aufnahme in ausreichender Menge einen positiven Effekt ausüben. Besitzen Bakterienarten den sogenannten GRAS-Status (generally recognized as save), gelten sie als gesundheitlich unbedenklich und sicher. Hierzu gehören zum Beispiel die meisten in Lebensmitteln eingesetzten Milchsäure- und Bifidobakterien.

Bei der gesundheitlichen Beurteilung ist jedoch zwischen verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten zu unterscheiden.

Einsatz in Lebensmitteln

Mit Kulturen angereicherte Milchprodukte sollen als funktionelle Lebensmittel die Verdauung unterstützen sowie die Abwehr aktivieren und werden präventiv eingesetzt. Für probiotische Lebensmittel sind jedoch keine Health Claims zugelassen, da die Wirkungen wissenschaftlich nicht belegt werden konnten. Die Produkte dürfen somit auch nicht mit gesundheitsbezogenen Aussagen beworben werden.

Rechtlich ist selbst der Begriff „Probiotika“ eine nicht zugelassene gesundheitsbezogene Angabe und darf nicht verwendet werden. Die Bezeichnungen probiotisch oder Probiotika sind daher auf den meisten Produkten nicht mehr zu finden. Laut der Verbraucherzentrale Bundesverband werden die Produkte aber mittlerweile mit Vitamin C, Vitamin D und/oder Vitamin B6 angereichert und mit „tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“ beworben, da dieser Health Claim für die genannten Vitamine zugelassen ist.

Probiotische Kulturen kommen aber auch ganz natürlich in Lebensmitteln vor. Fermentierte Milchprodukte wie Joghurt, Quark, Molke, Käse, Butter oder Sahne sowie fermentierte Gemüse wie Sauerkraut und Kimchi oder aber fermentierter Tee wie Kombucha enthalten die wertvollen Bakterien im Zuge der bakteriellen Herstellung. Die Konzentrationen dieser Bakterien reichen für nachweisbare Wirkungen, zum Beispiel bei Krankheiten, zwar nicht aus. Präventiv aber ist der regelmäßige Konsum durchaus zu empfehlen.

 

 

Einsatz in Nahrungsergänzungsmitteln

Auch Probiotika in Nahrungsergänzungsmitteln werden von den Herstellern gern zur Unterstützung der Verdauung empfohlen. Beworben werden diese auch gern zur Verwendung bei Verdauungsbeschwerden. Rechtlich gesehen werden Nahrungsergänzungsmittel aber den Lebensmitteln zugeordnet. Die Produkte unterliegen damit den gleichen Anfordernissen an gesundheitsbezogene Aussagen und dürfen nur mit wissenschaftlich erwiesenen Wirkungen beworben werden, die es derzeit nicht gibt.

Die Produkte sind in Drogerien und Apotheken zu finden oder werden über das Internet angeboten.

Einsatz in Arzneimitteln

Probiotische Arzneimittel werden therapeutisch bei bestimmten Krankheitsbildern eingesetzt. Diese Wirkungen müssen wissenschaftlich gesichert sein. Einsatzfelder sind beispielsweise chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Antibiotika-induzierte Durchfallerkrankungen oder Allergien. Die Zahl der Studien nimmt unaufhaltsam zu, doch stichhaltige Belege sind aufgrund der Stammspezifität und hoch komplexen Reaktionen bislang schwer abzuleiten.

Probiotika als funktionelle Lebensmittel (Beispiele)

Probiotika als Nahrungs-ergänzungsmittel (Beispiele)

Probiotika als Arzneimittel

Activia mit Bifiduskultur ActiRegularis® (>4 Milliarden pro Joghurtbecher)

Flora-20 Kulturenkomplex mit über 20 Kulturen

Bioflorin mit Enterococcus faecium SF68®

Yakult mit Shirota Milchsäurebakterien (>6,5 Milliarden pro Fläschchen)

Vegavero Pro-Bio Kulturenkomplex (4 Bifidobakterien- und 6 Milchsäurebakterien-Stämme)

Antibiophilus mit Lactobacillus casei, var. rhamnosus

Actimel mit Lactobacillus casei und bulgaricus sowie Streptococcus thermophilus

Probiona Plus mit 18 bekannten Bakterienkulturen

Captain Kombucha (Gemisch aus verschiedenen Bakterienarten und Hefen)

Darmflora plus select Dr. Wolz mit 8 Milchsäurebakterien-Arten, Bifidusbakterien und Streptococcus thermophilus

EXVital Lactobacillus Komplex

Flora Bifido Lacto+ – Kulturen Komplex

Nupure Probaflor mit 11 Kulturen

DarmPlus Biotik Komplex

Anforderungen

Im Lebensmittelbereich werden überwiegend Milchsäurebakterien (Lactobacillen und Bifidobakterien) eingesetzt. Im medizinischen Bereich gibt es spezielle Gemische aus verschiedenen Kulturen. Dabei sind nicht alle Kulturen gleichermaßen für alle Anwendungsgebiete einsetzbar. Die verschiedenen Spezies haben mitunter sehr unterschiedliche Wirkungen. Diese hängen dabei nicht nur von der Spezies (z. B. Bifidum), sondern auch vom Stamm (z. B. Bifidobacterium breve) ab.

Im Magen sind Magensäure und Pepsin (niedriger pH-Wert); im oberen Dünndarm Gallensalze und Pankreasenzyme zu überwinden und zu überleben. In den unteren Dünndarmabschnitten angekommen sind bakterielle Fähigkeiten zur Ansiedlung oder die Bildung von Defensinen (antimikrobiell wirksame Substanzen) weitere Qualitätsmerkmale.

Zudem sollten Resistenzen ausgeschlossen werden können und keine oder nur geringe Nebenwirkungen auftreten.

Letztendlich ist auch die Menge der Bakterien, die den Dickdarm lebend erreicht, entscheidend. Denn zur Ansiedlung und Vermehrung (Kolonisation) ist das Erreichen einer bestimmten Keimanzahl ausschlaggebend. Die genaue Menge, die zur Wirksamkeit notwendig ist, ist jedoch nicht bekannt und wurde einst mehr oder weniger willkürlich auf mindestens 1 Million koloniebildende Einheiten festgesetzt [Mar 2003]. Das gleichzeitige Vorhandensein von Prebiotika wie Inulin und Oligofruktose wirkt sich günstig auf die Kolonisation aus, da diese als Wachstumsförderer und Nährsubstratlieferanten dienen.

Da einige probiotische Kulturen nach dem Konsum nur einige Tage (in Ausnahmefällen einige Wochen) lebensfähig sind, sich nur begrenzt vermehren und nicht dauerhaft ansiedeln, wird der regelmäßige Konsum für eine nachhaltige Wirkung empfohlen. Bei fehlender Zufuhr werden probiotische Keime durch andere (pathogene) Keime schnell wieder verdrängt. Tatsächlich erkranken Bevölkerungen, bei denen täglich fermentierte Produkte auf dem Speiseplan stehen, weniger an darmassoziierten Erkrankungen.

 

 

Wirkungsweisen

In der Literatur findet sich eine Vielzahl postulierter Gesundheitseffekte. Dabei ist zwischen direkten und indirekten Wirkungen zu unterscheiden. Die gezielte Zufuhr der Bakterienkulturen soll im Darm die Funktion der natürlichen Darmbakterien nachahmen und/oder wiederherstellen. Medizinische Produkte können zudem Bakterienstämme enthalten, die die natürliche Diversität und damit Funktion der menschlichen Mikrobiota erweitern und/oder ergänzen.

Lesetipp: Mikrobiom

Regulation der Verdauung und Förderung der Darmgesundheit

Ballaststoffe der Nahrung dienen Probiotika als Nahrungsgrundlage. Im Zuge dessen entstehen kurzkettige Fettsäuren, die die Darmschleimhaut mit Energie versorgen. Auch sollen Probiotika die Beweglichkeit des Darmes und Regeneration der Darmzellen stimulieren.

Unterstützung des Immunsystems und Verstärkung der Darmbarriere

Die Darmschleimhaut agiert als wichtige Barriere zwischen den Bakterien im Darm und dem Immunsystem. Krankmachende Keime (z. B. Yersinien, Shigellen, Listerien oder Salmonellen) werden beispielsweise über spezialisierte Zellen in der Darmwand aufgenommen. Probiotika verhindern das, indem sie diese Bindungsstellen besetzen und damit den Durchtritt durch die Darmschleimhaut verhindern. Gleichzeitig können die schädlichen Bakterien durch die Bildung eigener Bakteriocine bzw. Mikrocine (hemmen das Wachstum anderer Bakterienstämme) an ihrer Ausbreitung gehindert werden. Probiotika stimulieren auch die Bildung von Defensinen durch die eigene Immunabwehr. Zudem wird verhindert, dass weitere unerwünschte Substanzen (z. B. Toxine) aus dem Darm aufgenommen werden.

Sekundäre (indirekte) Effekte

Auch wenn die genauen Mechanismen noch nicht vollständig aufgeklärt sind, lassen sich bereits positive Sekundäreffekte ableiten. So sollen durch die gezielte Beeinflussung des Immunsystems das Wachstum und die Differenzierung von Krebszellen sowie die Bildung schädlicher Stoffwechselprodukte unterdrückt werden [Gua 2003]. Die Fähigkeit probiotischer Kulturen, die Aufnahme schädlicher Substanzen aus dem Darm zu verhindern, soll auch für die indirekten cholesterinsenkenden Eigenschaften mit verantwortlich sein. In einigen Studien zeigte sich jedoch, dass diese Effekte nur bei gleichzeitigem Vorhandensein von Ballaststoffen in der Nahrung auftreten [Möl 1994]. Daraus lässt sich zumindest schlussfolgern, dass probiotische Kulturen und Ballaststoffe nur zusammen optimal wirken.

Klinische Relevanz

Angesichts der vielfältigen Effekte haben mikrobielle Therapien ein hohes therapeutisches Potenzial bei Dysbiosen aller Art. Eine Dysbiose geht mit einer reduzierten Diversität der Mikrobiota im Darm und damit bedingten metabolischen Veränderungen einher. Das betrifft eine ganze Reihe von Krankheitsbildern. Die möglichen Anwendungsfelder reichen daher von infektiösen (Durchfallerkrankungen), allergischen (Asthma, Allergien) und entzündlichen (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) bis zu degenerativen (Alzheimer, Multiple Sklerose) und Stoffwechselerkrankungen (Diabetes mellitus, Adipositas). Aufgrund der hohen Spezifität der Bakterien lassen sich trotz erster Erfolge in experimentellen Untersuchungen keine konkreten Therapieempfehlungen ableiten.

 

 

Im Folgenden zeigen wir beispielhaft einige therapeutische Erfolge bei verschiedenen Krankheitsbildern auf.

AllergienChronisch-entzündliche DarmerkrankungenDurchfallerkrankungenFettleberHelicobacter-InfektionenInfektionen des UrogenitaltraktsKrebserkrankungenNeurodermitisReizdarmsyndrom

Es gibt einige Therapieerfolge mit Probiotika bei der atopischen Dermatitis [Kal 2003], [Kal 2001] [Pel 2012]. Lactobacillus rhamnosus wirkt sich bei allergischen Reaktionen auf Kuhmilchproteine positiv aus [Gol 2008]. 

Während in Tierversuchen mit der Gabe von Lactobacillus reuteri und Lactobacillus plantarum Entzündungen verhindert werden konnten, sind die Daten in Humanstudien widersprüchlich. Einige doppelblind durchgeführte Versuche mit Saccharomyces boulardii zeigten einen messbaren Rückgang der Stuhlfrequenz und der Entzündungsaktivität [Ple 1993]. In anderen Untersuchungen konnte eine Verbesserung der Symptomatik und des Verlaufs sowie eine verminderte Schubhäufigkeit beobachtet werden, indem entzündliche Gewebereaktionen vermindert und die lokale Immunität gesteigert wurde [Mei 2007]. Mehrere Reviews fassen die verschiedenen Erfolge mit verschiedenen Bakterienspezies auf [Hov 2009] [For 2018]. 

Gute präventive und therapeutische Erfolge bei Durchfallerkrankungen konnten mit Lactobacillen (hier insbesondere L. rhamnosus, L. lactis und L. reuteri), Bifidobakterien und Enterokokken erzielt werden [Sza 2001]. In erster Linie gelten diese Beobachtungen für durch Rotaviren ausgelöste Durchfälle [Goo 2003] sowie akute Durchfälle bei Kindern. Drei Meta-Analysen konnten einen insgesamt positiven Effekt von Probiotika auf Durchfallerkrankungen nachweisen [Hua 2002], [All 2004], [Van 2002]. Gute Erfolge konnten auch bei der Antibiotika-assoziierten Diarrhoe bzw. der durch Clostridium difficile induzierten Diarrhoe verzeichnet werden [Cre 2002], [D´S 2002].

Eine Meta-Analyse zeigte durch die Behandlung mit Probiotika eine Verbesserung des Fettstoffwechsels und eine Abnahme von Entzündungsmediatoren sowie eine Normalisierung der Leberenzyme [MaY 2013].

Ziel einer Probiotikatherapie wäre eine Verbesserung der Symptomatik während der Behandlung, die häufig mit Durchfall, Geschmacksstörungen und Übelkeit verbunden ist. Trotz erster positiver Ergebnisse verschiedener Studien ist die Datenlage für eine ausreichende Beurteilung noch nicht möglich [Gup 2009].

Bei verschiedenen Lactobacillus-Arten konnte ein stärkender Effekt auf die Schleimhäute im Urogenitaltrakt aufgezeigt werden. Laut einer Metaanalyse kann das Infektionsrisiko bei Konsum probiotischer Joghurts mit Lactobacillen sinken. Es werden jedoch noch Studien höherer Qualität benötigt [Sen 2009].

Auf wissenschaftlicher Basis konnte man feststellen, dass Probiotika eine Veränderung der metabolischen Darmaktivität, eine Bindung krebserregender Stoffe, die Förderung des Immunsystems und die Herstellung von krebshemmenden Stoffen bewirken können [Fot 2008]. Bei Patienten mit Harnblasenkrebs wurde die Zeit bis zum Wiederauftreten der Krankheit verlängert. Die Rate der Rückfälle wurde nicht beeinflusst [Aso 1995]. Andererseits konnte eine offene randomisierte Studie zeigen, dass die Gabe des probiotischen Gemisches VSL#3 die Nebenwirkungen der Strahlentherapie verminderten [Del 2002]. Für Patienten mit geschwächtem Immunsystem (z. B. nach einer Transplantation oder Hochdosis-Chemotherapie) sind diese Präparate jedoch nicht geeignet.

Eine Metaanalyse belegt einen mäßigen Effekt bei Kindern mit stark ausgeprägtem Krankheitsbild [Mic 2008]. Eine Metaanalyse aus dem gleichen Jahr konnte dies nicht bestätigen, schreibt der Behandlung mit Probiotika während der Schwangerschaft jedoch eine vorbeugende Wirkung zu [Lee 2008].

In Abhängigkeit der verwendeten Bakterienspezies konnte eine signifikante Verbesserung der Symptomatik bereits nach 4 Wochen Behandlungsdauer nachgewiesen werden, die auch nach einem Jahr noch anhielt. Nach der Gabe von Lactobacillen und Bifidobakterien berichteten die Probanden über eine Besserung der Lebensqualität [Gus 2007].

Risiken und Nebenwirkungen

Probiotische Kulturen finden schon seit langer Zeit praktische Anwendung, ohne dass schwerwiegende Nebenwirkungen bekannt geworden sind. Als lebende Organismen können die Keime zumindest theoretisch Nebenwirkungen auslösen: Infektionen, Überstimulation des Immunsystems oder pathologische Stoffwechselreaktionen.

Kaum erforscht sind mögliche Interaktionen mit Medikamenten. Aus der Stoffwechselphysiologie ist bekannt, dass Bakterien an der Entgiftung von Medikamenten beteiligt sind. Diese Reaktionen werden von einer Reihe von Enzymen katalysiert, deren Aktivität und Expression von Bakterienspezies zu Bakterienspezies verschieden ist.

Einige Bakterienspezies wie beispielsweise Enterokokken sind häufig an klinischen Infektionen beteiligt und empfänglich für Resistenzen [Lun 2001]. Bei der Gattung Saccharomyces kam es in der Vergangenheit zu einigen Zwischenfällen [Bor 2003].

Die Überlebensdauer und -rate sowie die fäkale Elimination unterliegen verschiedenen schwer messbaren Einflüssen wie Darmmotilität, der physiologischen Darmflora, Verdauungssekreten, Darreichungsform, der Ernährung oder dem Immunstatus [Mar 2003]. Für die Zukunft wären daher ein speziesspezifischer Stammpass sowie empfindliche Nachweismethoden für die Beurteilung der Sicherheit von probiotischen Keimen wünschenswert.

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  Infokarten Probiotika
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