Ernährung beim Reizdarmsyndrom

Da über die Ursachen und pathologischen Hintergründe des Reizdarmsyndroms nur wenig bekannt ist, ist es schwer abzuschätzen, inwiefern Ernährungsfaktoren ursächlich an der Symptomatik beteiligt sind oder diese lediglich verstärken. Die gesamte Therapie konzentriert sich daher in erster Linie auf die Behandlung und Minimierung der Symptome. Vor der Gabe von Medikamenten sollte versucht werden, die Beschwerden über eine Optimierung der Ernährung und eventuelle psychotherapeutische Maßnahmen zu verbessern.

Auch bei einer vorangegangenen guten Diagnostik sind einfache Ernährungsfehler oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten als Ursache nicht auszuschließen. Der erste Schritt bei der Ernährungstherapie ist folglich eine vollständige Erfassung der Ernährungsgewohnheiten, um bereits Essgewohnheiten, die Durchfall bzw. Verstopfung begünstigen, zu erkennen. Im Zusammenhang mit einer obstipations-prädominanten Form sollte an dieser Stelle auch nach den Stuhlgewohnheiten gefragt werden und ob der Patient sich ausreichend Zeit für die Defäkation nimmt oder diese möglicherweise oft unterdrückt.

Empfehlenswert ist ebenso das Führen eines Symptom-Ernährungs-Tagebuchs, in dem idealerweise ebenso das Stuhlverhalten dokumentiert wird. Auch wenn der Arzt bereits über entsprechende Tests Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Zöliakie nahezu ausgeschlossen hat, kann die Gegenüberstellung von Speisen und Beschwerden mögliche Zusammenhänge aufzeigen.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Nahrungsmittelunverträglichkeiten – seien es Allergien, definierte Intoleranzen oder unspezifische Unverträglichkeiten gegenüber bestimmten Speisen – können beim Reizdarmsyndrom eine Rolle spielen. Dabei ist es nicht einfach festzustellen, ob eine begleitende Unverträglichkeit vorliegt, die die Reizdarmsymptomatik nur verstärkt oder, ob die Beschwerden allein auf eine Unverträglichkeit zurückzuführen sind und die Diagnose Reizdarmsyndrom revidiert werden muss.

Auch hier hilft das Symptom-Ernährungs-Tagebuch, da mögliche Überempfindlichkeitsreaktionen für eine Vielzahl von Nahrungsinhaltsstoffen möglich sind, sich die diagnostischen Testverfahren allerdings in Grenzen halten. In vielen Fällen ist die Suche nach Auslösern schwierig und langwierig. Sind diese aber erst einmal gefunden, lassen sich mit einer anschließenden Ausschlussdiät gute Therapieergebnisse erzielen. Nahrungsmittel, die von Patienten häufig als symptomfördernd angegeben werden:

  • Milchprodukte
  • Getreideprodukte
  • koffeinhaltiger/ koffeinfreier Kaffee, koffeinhaltige Getränke
  • alkoholische Getränke
  • fettige/ gebratene Speisen
  • Süßungsmittel wie Sorbit und Xylit

Intoleranzen sind aufgrund schlecht resorbierter Kohlenhydrate, insbesondere von Laktose und Fruktose, häufige Ursachen von unspezifischen Darmbeschwerden. Vor allem bei Patienten mit diarrhö-prädominantem Reizdarmsyndrom liegt oft eine Nahrungsmittelintoleranz vor.

Laktoseintoleranz und Fruktosemalabsorption

Die Untersuchung auf eine Laktoseintoleranz bei Darmbeschwerden ist mittlerweile gängige Praxis und kann mithilfe eines Wasserstoffatemtests durchgeführt werden. Zur Diagnose einer Fruktosemalabsorption kann die gleiche Methode angewandt werden. Das Bewusstsein und Wissen um eine Fruchtzuckerintoleranz ist in der ärztlichen Praxis allerdings weit weniger etabliert als die Laktoseintoleranz, so dass ein solcher Zusammenhang häufig übersehen wird. In Studien war die Häufigkeit einer Laktose- oder Fruktoseintoleranz unter Reizdarmpatienten vergleichbar mit der Häufigkeit bei nicht betroffenen Patienten. Während sich bei den Patienten ohne Reizdarmsyndrom die Beschwerden durch eine laktose- bzw. fruktosearme Diät deutlich besserten oder gänzlich verschwanden, verspürten die Reizdarmpatienten nur geringfügige Verbesserungen durch eine solche Diät. Es ist folglich annehmbar, dass neben der Nahrungsmittelintoleranz noch weitere Faktoren für die Symptome verantwortlich sind [Cor 2009].

Glutenüberempfindlichkeit

Auch wenn eine Zöliakie ausgeschlossen wurde, verbessern sich in der Praxis bei einer Vielzahl der Reizdarmpatienten die Symptome unter einer glutenarmen Diät. Einige Patienten verspüren bereits durch das Meiden von Back- und Teigwaren eine deutliche Besserung der Beschwerden. Entsprechende Ergebnisse konnten auch in einer kleinen placebokontrollierten, doppelverblindeten, randomisierten Studie nachgewiesen werden. Hierbei hielten die Teilnehmer über 6 Wochen eine glutenfreie Diät ein und bekamen zusätzlich eine Scheibe glutenhaltiges oder glutenfreies Brot und einen entsprechenden Muffin [Bie 2011]. Die zugrundeliegenden pathologischen Prozesse sind allerdings weitgehend unbekannt.

Histaminintoleranz

Ebenso kann sich eine Überempfindlichkeit auf histaminreiche Nahrungsmittel in entsprechenden Magen-Darm-Beschwerden äußern. Daneben spielen mitunter auch pharmakologisch wirksame Nahrungsmittelinhaltsstoffe wie Koffein, Tyramin oder verschiedene Zusatzstoffe eine Rolle. Hinweise hierauf können bestimmte Ernährungsgewohnheiten liefern wie beispielsweise ein hoher Kaffeekonsum oder die häufige Verwendung von Fertig- und Instantprodukten.

Nahrungsmittelallergien

Echte Nahrungsmittelallergien sind insbesondere im Erwachsenenalter selten und meist mit einer bestehenden Pollenallergie assoziiert. Im Kindesalter dominieren vor allem Allergien gegenüber Kuhmilch und Hühnerei, die durch entsprechende Allergietests ausgeschlossen werden können. Neben Anzeichen auf der Haut, an den Schleimhäuten und im Respirationstrakt können sich diese auch in einer darmassoziierten Symptomatik wiederspiegeln. Beschränken sich die Beschwerden vordergründig auf unspezifische Magen-Darm-Symptome, kann eine Allergie leicht mit einem Reizdarmsyndrom verwechselt werden bzw. unter Umständen mit diesem einhergehen.

Besonders problematisch sind verzögerte Reaktionen (Typ 4 Allergie), bei denen der Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln und körperlicher Reaktion schwer erkennbar ist. Während IgE-vermittelte Sofortreaktionen (Typ 1 Allergie) beim Reizdarmsyndrom vermutlich keine Rolle spielen, wäre ein Einfluss allergischer Spätreaktionen durchaus plausibel [Hei 2009]. Hierbei sind in erster Linie T-Lymphozyten, Mastzellen, Eosinophile und andere mukosale Immunzellen beteiligt, deren Auswirkungen erst Stunden bis Tage nach dem Allergenkontakt spürbar sind. Bezeichnenderweise findet sich bei Reizdarmpatienten in der Darmschleimhaut oft eine erhöhte Mastzell- und Eosinophilendichte [Bis 2005].

Reizdarmpatienten zeigen zudem häufiger atopische Zustände oder reagieren oft positiv im Metacholin-Provokationstest (Test zur Messung bronchialer Verengungen wie beim Asthma bronchiale) (Literatur in [Par 2006]). Zeigt ein Patient weitere Anzeichen auf eine Allergie wie Asthma bronchiale, allergische Ekzeme oder Heuschnupfen, könnten allergische Spätreaktionen für die intestinalen Beschwerden durchaus eine Rolle spielen.

Ballaststoffe

Speziell Patienten mit einem obstipations-prädominanten Reizdarmsyndrom können von einer erhöhten Ballaststoffzufuhr profitieren. Allerdings sollte der aktuelle Ballaststoffkonsum zuvor abgeklärt werden. Liegt dieser bereits zwischen 30 und 50 g Ballaststoffen täglich, ist durch eine weitere Steigerung keine nennenswerte Verbesserung zu erwarten. Unter Umständen kann auch eine Modifikation der Ballaststoffart hilfreich sein.

Unlösliche Ballaststoffe wie Zellulose, Hemizellulosen und Lignine binden Wasser und erhöhen hierdurch das Stuhlvolumen. Da diese für die Darmflora nur geringfügig verwertbar sind, bleibt die Quellfähigkeit bis zum Rektum erhalten. Bei Patienten mit einer geringen Zufuhrmenge können unlösliche Ballaststoffe in Kombination mit einer ausreichenden Trinkmenge bereits Linderung verschaffen. Wichtige Quellen sind vor allem Vollkornprodukte und Weizenkleie.

Lösliche Ballaststoffe wie Pektin binden weitaus mehr Wasser als unlösliche Ballaststoffe und bilden Gele, die dem Stuhl eine gute Gleitfähigkeit verleihen. Durch den bakteriellen Abbau geht die Quellfähigkeit beim Darmtransit allerdings bis zum Rektum verloren. Als Präbiotikum fördern lösliche Ballaststoffe das Wachstum der Darmflora, so dass sich das Stuhlvolumen ausgleichend durch eine vermehrte Biomasse erhöht. Zudem entstehen beim Abbau niedermolekulare Substanzen wie Essig- und Milchsäure oder Kohlendioxid. Durch die Senkung des Darm-pH-Wertes wird die Darmtätigkeit angeregt und die Bildung von Fäulniserregern unterdrückt. Ferner erhöht sich hierdurch der osmotische Druck, Wasser strömt vermehrt in das Darmlumen ein und der Stuhl wird voluminöser. Neben einem höheren Gemüse- (2-3 Portionen) und Obstkonsum (1-2 Portionen) können zur Unterstützung der Zufuhr löslicher Ballaststoffe auch Präparate mit Flohsamenschalen oder Leinsamen eingesetzt werden, die einen hohen Pektinanteil vorweisen. Hierbei ist allerdings dringend auf die notwendige Trinkmenge zu achten.

Zur Verwendung von Ballaststoffpräparaten und Quellstoffen wurden verschiedene Übersichtsartikel und Metaanalysen veröffentlicht, die allesamt die schlechte Studienqualität bemängelten. Die ausgeprägte Heterogenität der Studienteilnehmer und die meist fehlende Placebokontrolle lassen kaum gesicherte Ableitungen aus den Ergebnissen zu. Einige Autoren konnten keine Wirksamkeit erkennen, andere schlussfolgerten einen leichten Nutzen. Lösliche Ballaststoffe scheinen die Symptomatik tendenziell mehr zu verbessern (Literatur in [Hei 2009]). Die Anwendung von Weizenkleie führte in einigen Untersuchungen bei zahlreichen Patienten sogar zu einer Verschlechterung der Beschwerden [Mil 2006].

Probiotika

Aufgrund des vermuteten Einflusses einer gestörten Darmflora bzw. einer bakteriellen Fehlbesiedlung auf das Erkrankungsbild werden vielfach auch probiotische Präparate empfohlen. Mehrere Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass Probiotika die Gesamtsymptomatik und im Speziellen abdominelle Schmerzen verbessern können [Hov 2009]; [McF 2008]; [Nik 2008]. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Untersuchungen im Studiendesign oft derart, dass gesicherte Aussagen zu Bakterienstamm, Dosis und Darreichungsform kaum möglich sind.

Weitere Ernährungsfaktoren

Pfefferminzöl

Pfefferminzöl entspannt die glatte Muskulatur des Darmtraktes. Zwei Übersichtsartikeln zur Wirksamkeit des Öles bei Reizdarmpatienten zufolge verbesserte es in der überwiegenden Zahl der Studien die Symptomatik deutlicher als ein Placebo [Gri 2005]; [For 2008]. Die Autoren schlussfolgern, dass Pfefferminzöl vor allem bei Patienten mit leichten Beschwerden vor einer Medikation getestet werden kann [Gri 2005]. In einer aktuellen randomisierten, doppelblinden Placebo- kontrollierten Studie wird Pfefferminzöl als sicheres und effektives Mittel zur Linderung der gastrointestinalen Beschwerden bei einem Reizdarmsyndrom beschrieben [Cas2016].

Nahrungsfette

Auch wenn viele Patienten berichten, dass sich ihre Beschwerden nach fettigem Essen verschlechtern, konnte ein solcher Zusammenhang wissenschaftlich bislang nicht bestätigt werden. Die direkte Applikation von Lipiden in den Dünndarm verlangsamte jedoch bei Reizdarmpatienten den Weitertransport von Gas, was das Auftreten von Blähungen begünstigt [Ser 2002].

Kaffee

Kaffee fördert die Darmbewegung und kann auf diesem Wege Durchfälle verstärken. Reizdarmpatienten konsumieren allerdings im Durchschnitt nicht mehr Kaffee als die restliche Bevölkerung [Sai 2005]. Dennoch sollten Patienten zu ihrem Kaffeekonsum befragt werden, um einen übermäßigen Konsum auszuschließen.

Blähende Nahrungsmittel

Bislang gibt es keine aussagekräftigen Hinweise, dass Reizdarmpatienten nach blähenden Nahrungsmitteln wie Bohnen, Zwiebeln, Sellerie oder Linsen mehr Gas bilden als gesunde Personen. Einige Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass der Gastransport bei Betroffenen häufig gestört ist und eine erhöhte gastrointestinale Sensitivität vorliegt [Ser 2001].

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