Reizdarmsyndrom (Colon irritabile) – Krankheitsbild und Ernährungstherapie

Der Begriff Reizdarmsyndrom beschreibt eine diffuse funktionelle Darmerkrankung, die sich durch wiederkehrende Beschwerden mit abdominellen Schmerzen, Blähungen und/ oder Veränderungen des Stuhlgangs auszeichnet. Die Diagnose wird charakteristischerweise gestellt, wenn die Symptome keiner anderen organischen oder pathologischen Ursache zugeordnet werden können, aber dennoch so ausgeprägt sind, dass diese die Lebensqualität des Patienten wesentlich beeinträchtigen.

Bislang gibt es keine einheitlichen evidenzbasierten Ernährungsempfehlungen beim Reizdarmsyndrom. Das heißt aber nicht, dass individuelle Ernährungstherapien wie beispielsweise auf Unverträglichkeiten basierende Eliminationsdiäten erfolgreich sein können. So beschreiben PatientInnen beispielsweise eine persönlich angepasste FODMAP-Diät als durchaus hilfreich und symptomlindernd. Laut Leitlinie (derzeit in Überarbeitung) gibt es 11 allgemeine Empfehlungen.

Krankheitsbild Reizdarmsyndrom im Überblick

Definition und Häufigkeit

Der Begriff Reizdarmsyndrom beschreibt eine diffuse funktionelle Darmerkrankung, die sich durch wiederkehrende Beschwerden mit abdominellen Schmerzen, Blähungen und/ oder Veränderungen des Stuhlgangs auszeichnet.

Nach der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM) ist das Reizdarmsyndrom wie folgt definiert:

  • Es handelt sich um chronische, d.h. länger als 3 Monate anhaltende Beschwerden (z.B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen einhergehen.
  • Die Beschwerden sind der Grund, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/ oder sich sorgt und diese sind so stark, dass die Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird.
  • Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristische Veränderungen vorliegen, welche wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind [Lay 2011].

Da über die zugrundeliegenden pathologischen Prozesse wenig bekannt ist und sich zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse auf diesem Gebiet oft nur bei einem Teil der Patienten bestätigen lassen, steht weiterhin die Frage im Raum, inwieweit es sich tatsächlich um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt oder ob sich hinter dem Reizdarmsyndrom verschiedene noch nicht näher definierte Krankheitsbilder verbergen.

Wichtig: Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Störung des Darms, die nicht auf Einbildung der Betroffenen beruht, auch wenn häufig eine psychische Belastung Mitauslöser oder Symptom der Erkrankung ist.

Repräsentativen Erhebungen zufolge sind in den westlichen Industriestaaten etwa 7-25 % der Bevölkerung betroffen [Quelle]. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer [Mül 2001]. Da es sich bei dem Reizdarmsyndrom um kein klar abgrenzbares Krankheitsbild handelt, das nur aufgrund des Ausschlusses anderer Erkrankungen diagnostiziert wird, sind aussagekräftige Daten allerdings schwer zu ermitteln.

Ursachen und Risikofaktoren

Über die Ursachen und Risikofaktoren eines Reizdarmsyndroms ist wenig bekannt. Einige Erklärungsansätze beruhen auf Spekulationen, die wissenschaftlich nicht validiert sind. Möglicherweise entwickelt sich ein Reizdarmsyndrom bei entsprechender genetischer Veranlagung aus einer vorangegangenen Darminfektion.

Auch ängstliche, zu Depressionen tendierende Menschen leiden oft unter einem Reizdarmsyndrom. Diskutiert werden mehrere Faktoren als Ursachen oder Risikofaktoren [Rey 2009].

Merke: Der Ernährung kommt ein hoher Stellenwert zu, ist meist aber nicht alleiniger Auslöser der Erkrankung. Häufig sind eine genetische Vorbelastung, falsche Ernährungsgewohnheiten und eine psychische Stresssituation gemeinsam beteiligt.

  • Ernährung: Ernährung: zu viele Kohlenhydrate und Zucker, zu wenig Ballaststoffe, zu viel Alkohol
  • Erkrankungen: Darmerkrankungen (Leaky Gut Syndrome); Infektionen (Die RDS-Symptomatik kann durch einen enteralen Infekt ausgelöst werden und kann über Wochen, Monate und Jahre persistieren.); Depressionen und Ängste; Panikstörung; funktionelle Dyspepsie; Chronic-Fatigue-Syndrom; Fibromyalgie-Syndrom; Chemo- und Strahlentherapie bei Krebserkrankungen; posttraumatische Belastungsstörungen/ Traumata; Essstörungen
  • Umwelt- und soziale Faktoren: Stress
  • Genetische Faktoren: Es existiert eine genetische Prädisposition für RDS.

Formen

In Abhängigkeit der vorherrschenden Symptome werden beim Reizdarmsyndrom 4 Formen unterschieden:

  • RDS-D: Reizdarmsyndrom mit führendem Durchfall (diarrhoedominantes Reizdarmsyndrom)
  • RDS-O: Reizdarmsyndrom mit führender Verstopfung (obstipationsdominantes Reizdarmsyndrom)
  • RDS-S: Reizdarmsyndrom mit führenden Schmerzen (schmerzdominantes Reizdarmsyndrom)
  • RDS-M: Reizdarmsyndrom mit führenden Schmerzen (schmerzdominantes Reizdarmsyndrom)

Häufig treten diese in Kombination auf.

Entstehung

Zu den zugrundeliegenden pathologischen Prozessen gibt es bislang nur Vermutungen sowie vereinzelte Erklärungsansätze. Viele Hinweise aus wissenschaftlichen Experimenten und Studien sind lediglich Puzzleteile, die nach wie vor zu keinem ausreichend belegbarem Gesamtbild zusammengesetzt werden können.

Psychische Faktoren: Betroffene haben im Vergleich zu Gesunden häufig eine höhere Schmerzwahrnehmung im Darm. So können auch die Nahrungsaufnahme und höherer Druck bei ihnen die Dünndarmperistaltik deutlich schneller erhöhen. Völlegefühl und Blähungen werden stärker wahrgenommen. So verwundert es auch nicht, dass bei ihnen Fibromyalgie, Chronic fatigue Syndrom oder Temporomandibulargelenks-Syndrome und andere funktionelle Störungen häufiger auftreten. Ursache hierfür ist die unentwegte nervale Reizung des Darms. Psychischer Stress in Form von ständigem Gedankenkreisen, Ängsten, Sorgen und Nöten setzt eine Spirale in Gang, in dessen Folge Muskelverkrampfungen im Darrm zunehmen und die Schmerzwahrnehmung steigt.

Wichtig: Auffällig und daher nicht zu unterschätzen ist die meist deutlich erhöhte Schmerzempfindlichkeit der Betroffenen. In der Therapie liegt das Augenmerk daher besonders auf der Abschwächung und Vermeidung der Schmerzen.

kumulatives Zusammenspiel mehrerer Faktoren

Nach Meinung einiger Wissenschaftler lässt sich das Reizdarmsyndrom nicht durch einen einzelnen Pathogenesemechanismus beschreiben. Vielmehr handelt es sich um ein kumulatives Zusammenspiel aus physiologischen, psychosozialen, Verhaltens- und Umweltfaktoren [Cha 2011]. Faktoren, die vermutlich an der Entstehung des Krankheitsbildes beteiligt sind, sind [Cha 2011]:

  • leichtgradige Entzündungsprozesse mit einer erhöhten Mastzelldichte in der Darmschleimhaut und vermehrter Histaminfreisetzung
  • abnorme Serotoninspiegel im Magen-Darm-Trakt, die zu einer gestörten zentralnervösen Regulation, einer erhöhten Stressreaktion sowie einer gesteigerten Schmerzwahrnehmung im Bauchbereich beitragen
  • Störungen der Darmflora und bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms
  • erhöhte Darmdurchlässigkeit
  • veränderte Darmbeweglichkeit
  • psychosomatische Faktoren
  • verstärkte Gärungsprozesse im Darmlumen
  • gesteigerte spasmolytische Aktivität der Darmmuskulatur
Störung des Immungleichgewichts

RDS ist oft mit einer Störung des enteralen Immungleichgewichts assoziiert. Die mikroinflammatorischen oder neuroimmunologischen Prozesse in der Darmmukosa sind assoziiert mit einer lokalen Zunahme von Immunzellen (Mastzellen, T-Lymphozyten) und/ oder EC-Zellen.

höhere Schmerzwahrnehmung im Darm durch andauernde nervale Reizung

Betroffene haben im Vergleich zu Gesunden häufig eine höhere Schmerzwahrnehmung im Darm. So können auch die Nahrungsaufnahme und höherer Druck bei ihnen die Dünndarmperistaltik deutlich schneller erhöhen. Völlegefühl und Blähungen werden stärker wahrgenommen. So verwundert es auch nicht, dass bei ihnen Fibromyalgie, Chronic fatigue Syndrom oder Temporomandibulargelenks-Syndrome und andere funktionelle Störungen häufiger auftreten. Ursache hierfür ist die unentwegte nervale Reizung des Darms. Psychischer Stress in Form von ständigem Gedankenkreisen, Ängsten, Sorgen und Nöten setzt eine Spirale in Gang, in dessen Folge Muskelverkrampfungen im Darrm zunehmen und die Schmerzwahrnehmung steigt.

Psychische Faktoren

Betroffene haben im Vergleich zu Gesunden häufig eine höhere Schmerzwahrnehmung im Darm. So können auch die Nahrungsaufnahme und höherer Druck bei ihnen die Dünndarmperistaltik deutlich schneller erhöhen. Völlegefühl und Blähungen werden stärker wahrgenommen. So verwundert es auch nicht, dass bei ihnen Fibromyalgie, Chronic fatigue Syndrom oder Temporomandibulargelenks-Syndrome und andere funktionelle Störungen häufiger auftreten. Ursache hierfür ist die unentwegte nervale Reizung des Darms. Psychischer Stress in Form von ständigem Gedankenkreisen, Ängsten, Sorgen und Nöten setzt eine Spirale in Gang, in dessen Folge Muskelverkrampfungen im Darrm zunehmen und die Schmerzwahrnehmung steigt.

Das Reizdarmsyndrom ist bei einem Teil der Patienten spontan rückläufig, häufig aber auch chronisch verlaufend.

Symptome

In Abhängigkeit der vorherrschenden Symptome werden beim Reizdarmsyndrom 4 Formen unterschieden: das Diarrhö-prädominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie verbunden mit Durchfällen), das Obstipations-prädominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie verbunden mit Verstopfung), das Reizdarmsyndrom mit Diarrhö und Obstipation im Wechsel sowie das Meteorismus-/ schmerzdominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie vermehrte Gasbildung ohne wesentlichen Abgang, verbunden mit verstärkten Krämpfen).

Die Symptome eines Reizdarmsyndroms sind unspezifisch, was insbesondere die Abgrenzung zu anderen ernsthaften Darmerkrankungen erschwert. Je nach Form herrschen einzelne Beschwerden vor.

häufige, charakteristische Symptome
  • intermittierende, häufig krampfartige Schmerzen im Bauchbereich, teilweise mit wechselnder Intensität und Lokalisation (insbesondere wenige Stunden nach den Mahlzeiten oder in Stresssituationen)
  • Stuhlunregelmäßigkeiten; je nach Form des Syndroms: Diarrhö, Obstipation oder beide Beschwerden im Wechsel
  • Blähungen, Meteorismus, Völlegefühl
  • Unverträglichkeiten gegenüber verschiedenen Nahrungsmitteln (oft gegenüber Oligo- und Polysacchariden trotz Fehlen einer diagnostizierbaren Laktoseintoleranz oder Zöliakie)
  • Schleimbeimengungen im Stuhl, unter Umständen auch reine Schleimstühle
Begleitsymptome
  • Migräne, Kopfschmerzen
  • Becken- und Rückenschmerzen
  • allgemeine Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Leistungsschwäche, Schlafstörungen
  • psychische Beschwerden wie Depressionen
  • Menstruationsbeschwerden

Wichtig: Ein Reizdarmsyndrom ist bei ausreichendem Ausschluss anderer Erkrankungen nicht lebensbedrohlich und in der Regel gesundheitlich unbedenklich für den Patienten. Dennoch ist das Krankheitsbild behandlungsbedürftig, da es mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität verbunden ist. Nicht nur die Beschwerden selbst, sondern auch die zahlreichen Arztkonsultationen zur Ausschlussdiagnostik und Therapiefindung sowie häufige Ausfälle am Arbeitsplatz belasten den Patienten erheblich.

Diagnostik

Zu Beginn der Diagnostik erfolgt eine ausführliche Anamnese, die das vom Patienten geschilderte Beschwerdebild mit den möglichen Symptomen eines Reizdarmsyndroms abgleicht. Es werden unter anderem die Dauer, Art und Ausprägung der Beschwerden erfasst sowie mögliche Auslöser erfasst. Hierzu zählen z. B.:

  • Symptome nach Genuss bestimmter Nahrungsmittel
  • Medikamenteneinnahme
  • vorausgegangene Erkrankungen bzw. Operationen
  • Begleiterkrankungen

Entscheidend für die Diagnose eines Reizdarmsyndroms ist der Ausschluss aller sonstigen für die Symptome infrage kommenden Erkrankungen. Neben den für die einzelnen Erkrankungen notwendigen Diagnoseverfahren empfiehlt sich auch das Führen eines Symptomtagebuchs. Aus diesem können neben der Art und der Dynamik der Beschwerden auch mögliche Anhaltspunkte (Alarmsignale) auf anderweitige Ursachen abgelesen werden, die im Weiteren eine gezielte Diagnostik ermöglichen.

Im Anschluss sollten eine körperliche sowie eine laborchemische Basisdiagnostik durchgeführt werden. Hierzu zählen Ultraschall, Blutbild, Leber- und Nierenwerte, Entzündungsmarker sowie eine rektale Untersuchung. Die Basisdiagnostik dient weitestgehend dem Ausschluss anderer Erkrankungen, da es diesbezüglich keinerlei Auffälligkeiten gibt, die für ein Reizdarmsyndrom sprechen.

Häufige Begleit- und Folgeerkrankungen sowie Komplikationen

Da über die Ursachen und pathologischen Hintergründe des Reizdarmsyndroms nur wenig bekannt ist, ist es schwer abzuschätzen, inwiefern Ernährungsfaktoren ursächlich an der Symptomatik beteiligt sind oder diese lediglich verstärken. Die gesamte Therapie konzentriert sich daher in erster Linie auf die Behandlung und Minimierung der Symptome. Vor der Gabe von Medikamenten sollte versucht werden, die Beschwerden über eine Optimierung der Ernährung und eventuelle psychotherapeutische Maßnahmen zu verbessern.

Depressionen und Angststörungen

Häufig treten in Kombination mit einem Reizdarmsyndrom auch depressive Verstimmungen, Depressionen und Angststörungen auf. Diese Krankheitsbilder verstärken sich gegenseitig: die psychischen Symptome verstärken die Reizdarmproblematik, die Symptome im Verdauungstrakt wiederum steigern die psychische Belastung. Für die Beschwerden selbst ist ausschlaggebend, wie diese durch das Bewusstsein verarbeitet werden.

Eingeschränkte Lebensqualität

In Abhängigkeit der Schwere, Häufigkeit und Dauer der Beschwerden kann die Lebensqualität von Betroffenen deutlich eingeschränkt sein. Nicht selten werden längere Reisen mit Auto, Bus, Bahn oder Flugzeug, Restaurantbesuche und Außer-Haus-Verzehr oder Essen/ Treffen mit Freunden vollständig vermieden. Gerade deshalb ist es wichtig, die Betroffenen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen und sie zu ermutigen, sich auch weiterhin scheinbar problematischen Situationen zu stellen.

Nahrungsmittelallergien

Echte Nahrungsmittelallergien sind insbesondere im Erwachsenenalter selten und meist mit einer bestehenden Pollenallergie assoziiert. Im Kindesalter dominieren vor allem Allergien gegenüber Kuhmilch und Hühnerei, die durch entsprechende Allergietests ausgeschlossen werden können. Neben Anzeichen auf der Haut, an den Schleimhäuten und im Respirationstrakt können sich diese auch in einer Darm-assoziierten Symptomatik widerspiegeln. Beschränken sich die Beschwerden vordergründig auf unspezifische Magen-Darm-Symptome, kann eine Allergie leicht mit einem Reizdarmsyndrom verwechselt werden bzw. unter Umständen mit diesem einhergehen.

Besonders problematisch sind verzögerte Reaktionen (Typ 4 Allergie), bei denen der Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln und körperlicher Reaktion schwer erkennbar ist. Während IgE-vermittelte Sofortreaktionen (Typ 1 Allergie) beim Reizdarmsyndrom vermutlich keine Rolle spielen, wäre ein Einfluss allergischer Spätreaktionen durchaus plausibel [Hei 2009]. Hierbei sind in erster Linie T-Lymphozyten, Mastzellen, Eosinophile und andere Immunzellen der Schleimhaut beteiligt, deren Auswirkungen erst Stunden bis Tage nach dem Allergenkontakt spürbar sind. Bezeichnenderweise findet sich bei Reizdarmpatienten in der Darmschleimhaut oft eine erhöhte Mastzell- und Eosinophilendichte [Bis 2005].

Reizdarmpatienten zeigen zudem häufiger atopische Zustände oder reagieren oft positiv im Metacholin-Provokationstest (Test zur Messung bronchialer Verengungen wie beim Asthma bronchiale) (Literatur in [Par 2006]). Zeigt ein Patient weitere Anzeichen auf eine Allergie wie Asthma bronchiale, allergische Ekzeme oder Heuschnupfen, könnten allergische Spätreaktionen für die intestinalen Beschwerden durchaus eine Rolle spielen.

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Die Untersuchung auf eine Laktoseintoleranz bei Darmbeschwerden ist mittlerweile gängige Praxis und kann mithilfe eines Wasserstoffatemtests durchgeführt werden. Zur Diagnose einer Fruktosemalabsorption kann die gleiche Methode angewandt werden. Das Bewusstsein und Wissen um eine Fruchtzuckerintoleranz ist in der ärztlichen Praxis allerdings weit weniger etabliert als die Laktoseintoleranz, sodass ein solcher Zusammenhang häufig übersehen wird. In Studien war die Häufigkeit einer Laktose- oder Fruktoseintoleranz unter Reizdarmpatienten vergleichbar mit der Häufigkeit bei nicht betroffenen Patienten. Während sich bei den Patienten ohne Reizdarmsyndrom die Beschwerden durch eine laktose- bzw. fruktosearme Diät deutlich besserten oder gänzlich verschwanden, verspürten die Reizdarmpatienten nur geringfügige Verbesserungen durch eine solche Diät. Es ist folglich annehmbar, dass neben der Nahrungsmittelintoleranz noch weitere Faktoren für die Symptome verantwortlich sind [Cor 2009].

Therapie

Aufgrund der weitgehend unbekannten pathologischen Mechanismen beschränkt sich die medikamentöse Therapie auf die Behandlung der Symptomatik. Da diese beim Reizdarmsyndrom stark variiert, können keine allgemeingültigen Strategien festgelegt werden.

Bei vielen Reizdarmpatienten scheinen psychosomatische Ursachen beim Beschwerdebild eine Rolle zu spielen. Faktoren wie sozioökonomischer Stress, Angstzustände, Depressionen bis hin zu schwerwiegenden psychischen Traumata können bei entsprechender Veranlagung einen erheblichen Einfluss auf die Magen-Darm-Funktion ausüben.

Neben medikamentösen und diätetischen Behandlungsansätzen empfiehlt sich für Reizdarmpatienten eine psychologische Beratung. Auch ohne behandlungsbedürftige, psychische Beschwerden kann der Patient unter Umständen von Stressbewältigungsmaßnahmen profitieren. Hierzu zählen beispielsweise:

  • Entspannungsübungen: Autogenes Training, Meditation, Yoga, Tai-Chi
  • Ausdauertraining: Joggen, Schwimmen, Radfahren
  • Managementstrategien: Selbstmanagement, Zeitmanagement, Konfliktmanagement

Regelmäßige Bewegung und körperliche Entspannungsübungen unterstützen die Darmtätigkeit und helfen, Blähungen und Verstopfungen zu reduzieren. Zudem fördert stetige körperliche Aktivität den Abbau von Angstzuständen und Depressionen.

Ernährungsziele und diätetische Prinzipien

Ernährungsziele

Da über die Ursachen und pathologischen Hintergründe des Reizdarmsyndroms nur wenig bekannt ist, ist es schwer abzuschätzen, inwiefern Ernährungsfaktoren ursächlich an der Symptomatik beteiligt sind oder diese lediglich verstärken. Die gesamte Therapie konzentriert sich daher in erster Linie auf die Behandlung und Minimierung der Symptome. Vor der Gabe von Medikamenten sollte versucht werden, die Beschwerden über eine Optimierung der Ernährung und eventuelle psychotherapeutische Maßnahmen zu verbessern.

Diätetische Prinzipien

Reizdarmsyndrom mit Dominanz von Blähungen: ballaststoffreiche Kost (lösliche Ballaststoffe); ggf. Probiotika in Abhängigkeit der Symptomatik

Reizdarmsyndrom mit Dominanz von Durchfällen: ballaststoffreiche Kost (lösliche Ballaststoffe); Symptomkontrolle ggf. kurzfristig mittels geeigneter Kostformen

Empfehlenswert ist das Führen eines Ernährungs-Symptom-Tagebuchs, in dem idealerweise auch das Stuhlverhalten dokumentiert wird. Selbst wenn bereits Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Zöliakie nahezu ausgeschlossen wurden, kann die Gegenüberstellung von Speisen und Beschwerden mögliche Zusammenhänge aufzeigen.

Mögliche Kostformen

Allgemeines

PatientInnen können die für sie infrage kommende Kostform im Grunde frei wählen. Diese sollte dabei aber die unverträglichen Kohlenhydrate (Laktose, Fruktose, Sorbitol) sowie vorliegende Symptome (z. B. mit FODMAP) berücksichtigen.

Diese Form der Ernährung kann bei Betroffenen zu einer Linderung der Schmerzen und einer Abnahme von Blähungen führen [Alt 2017]. Aufgrund der starken Einschränkung von Lebensmitteln sollte diese aber nur begrenzt (4-6 Wochen) angewendet werden [Bar 2017].

Nährstoffe und Nahrungsinhaltsstoffe

Ballaststoffe

Speziell Patienten mit dominanten Beschwerden in Form von Blähungen können von einer erhöhten Ballaststoffzufuhr profitieren. Allerdings sollte der aktuelle Ballaststoffkonsum zuvor abgeklärt werden. Liegt dieser bereits zwischen 30 und 50 g Ballaststoffen täglich, ist durch eine weitere Steigerung keine nennenswerte Verbesserung zu erwarten. Unter Umständen kann auch eine Modifikation der Ballaststoffart hilfreich sein.

Lösliche Ballaststoffe wie Pektin binden weitaus mehr Wasser als unlösliche Ballaststoffe und bilden Gele, die dem Stuhl eine gute Gleitfähigkeit verleihen. Durch den bakteriellen Abbau geht die Quellfähigkeit beim Darmtransit allerdings bis zum Rektum verloren. Als Präbiotikum fördern lösliche Ballaststoffe das Wachstum der Darmflora, sodass sich das Stuhlvolumen ausgleichend durch eine vermehrte Biomasse erhöht. Zudem entstehen beim Abbau niedermolekulare Substanzen wie Essig- und Milchsäure oder Kohlendioxid. Durch die Senkung des Darm-pH-Wertes wird die Darmtätigkeit angeregt und die Bildung von Fäulniserregern unterdrückt. Ferner erhöht sich hierdurch der osmotische Druck, Wasser strömt vermehrt in das Darmlumen ein und der Stuhl wird voluminöser. Neben einem höheren Gemüse- (2-3 Portionen) und Obstkonsum (1-2 Portionen) können zur Unterstützung der Zufuhr löslicher Ballaststoffe auch Präparate mit Flohsamenschalen oder Leinsamen eingesetzt werden, die einen hohen Pektinanteil vorweisen. Hierbei ist allerdings dringend auf die notwendige Trinkmenge zu achten.

Zur Verwendung von Ballaststoffpräparaten und Quellstoffen wurden verschiedene Übersichtsartikel und Metaanalysen veröffentlicht, die allesamt die schlechte Studienqualität bemängelten. Die ausgeprägte Heterogenität der Studienteilnehmer und die meist fehlende Placebo-Kontrolle lassen kaum gesicherte Ableitungen aus den Ergebnissen zu. Einige Autoren konnten keine Wirksamkeit erkennen, andere schlussfolgerten einen leichten Nutzen. Lösliche Ballaststoffe scheinen die Symptomatik tendenziell mehr zu verbessern (Literatur in [Hei 2009]). Die Anwendung von Weizenkleie führte in einigen Untersuchungen bei zahlreichen Patienten sogar zu einer Verschlechterung der Beschwerden [Mil 2006].

Fette (gesamt)

Auch wenn viele PatientInnen berichten, dass sich ihre Beschwerden nach fettigem Essen verschlechtern, konnte ein solcher Zusammenhang wissenschaftlich bislang nicht bestätigt werden. Die direkte Gabe von Fetten in den Dünndarm verlangsamte jedoch bei ReizdarmpatientInnen den Weitertransport von Gas, was das Auftreten von Blähungen begünstigt [Ser 2002].

Insbesondere bei bereits vorliegenden Darmsymptomatiken wie Durchfällen und Verstopfungen können bestimmte fettreiche Speisen jedoch das Risiko für die Entwicklung eines chronischen Reizdarms erhöhen. Hierzu zählen insbesondere stark verarbeitete Fette und Transfettsäuren, die sich negativ auf die Darmmotilität auswirken können [Kel 1988].

Gluten

Auch wenn eine Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) ausgeschlossen wurde, verbessern sich bei einer nennenswerten Anzahl der PatientInnen die Symptome unter einer glutenarmen Diät. Einige verspüren bereits durch das Meiden von Back- und Teigwaren auf Weizenbasis eine deutliche Besserung der Beschwerden. Entsprechende Ergebnisse konnten auch in kleineren placebokontrollierten, doppelverblindeten, randomisierten Studien nachgewiesen werden [Bie 2011]. Bislang ist allerdings noch nicht ausreichend geklärt, welche Mechanismen für die Effekte verantwortlich sind und ob es (noch) andere Weizeninhaltsstoffe sind, die die Beschwerden auslösen [Rey 2018].

Histamin

Eine Überempfindlichkeit auf histaminreiche Nahrungsmittel kann sich in entsprechenden Magen-Darm-Beschwerden äußern. Daneben spielen mitunter pharmakologisch wirksame Nahrungsmittelinhaltsstoffe wie Koffein, Tyramin oder verschiedene Zusatzstoffe eine Rolle. Untersuchungen des Darms von Reizdarmpatienten konnten zeigen, dass diese mehr Histaminrezeptoren im Verdauungstrakt haben als gesunde Vergleichsgruppen. Inwiefern das Beschwerden durch histaminreiche Nahrungsmittel auslösen oder verstärken kann, wird derzeit noch diskutiert [Fab 2017].

Kohlenhydrate

Starke Spasmen der glatten Darmmuskulatur, ein hoher Darminnendruck und eine gestörte Darmflora gelten als wichtige pathophysiologische Vorgänge bei der Entwicklung eines Reizdarms. Da raffinierte Kohlenhydrate die Spasmen im Darm verstärken können, gelten diese als mögliche Mitauslöser [Gri 1976].

Probiotika

Aufgrund des vermuteten Einflusses einer gestörten Darmflora bzw. einer bakteriellen Fehlbesiedlung auf das Erkrankungsbild werden bei ReizdarmpatientInnen vielfach probiotische Präparate empfohlen. Mehrere Metaanalysen kommen zu dem Schluss, dass Probiotika die Gesamtsymptomatik und im Speziellen abdominelle Schmerzen durchaus verbessern können [Hov 2009]; [McF 2008]; [Nik 2008]. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Untersuchungen im Studiendesign oft derart, dass gesicherte Aussagen zu Bakterienstamm, Dosis und Darreichungsform kaum möglich sind.

Eine im Lancet erschienene Studie zeigte, dass auch nicht lebensfähige Kulturen zu einer Verbesserung der Symptomatik beitragen können. Nach 4 Wochen mit 1-2 Kapseln B. bifidum HI-MIMBb75 täglich waren abdominale Schmerzen sowie die Beschwerden insgesamt niedriger als in der Vergleichsgruppe Die Effekte waren signifikant, wenn auch nicht sehr stark ausgeprägt [And 2020]. Durch Hitze inaktivierte Bakterien weisen oftmals eine höhere Produktstabilität, Verträglichkeit und Standardisierbarkeit auf [Aktuelle Ernährungsmedizin 2021].

Laut Leitlinie (derzeit in Überarbeitung) gibt es je nach Dominanz der Beschwerden unterschiedliche Stämme, die sich zur Anwendung eignen.

Bakterienstämme
  • Bifidobacterium infantis 35624 (Schmerz-Bläh-Typ)
  • Bifidobacterium animalis ssp. lactis DN-173 010 (Schmerz-Bläh-Typ, Obstipationstyp)
  • Lactobacillus casei Shirota (Schmerz-Bläh-Typ, Obstipationstyp)
  • Lactobacillus plantarum (Schmerz-Bläh-Typ)
  • Lactobacillus rhamnosus GG (Schmerz-Typ)
  • E. coli Nissle 1917 (Obstipationstyp)
  • Kombinationspräparate (Schmerz-Typ)

Zucker

Zucker erhöht die bakterielle Gärungsaktivität im Darm und kann bestehende Symptomatiken noch verstärken. In experimentellen Studien erhöhte die orale Gabe von 120 g Zucker das Krankheitsrisiko für einen Reizdarm. Als zugrunde liegende Mechanismen werden die erhöhte Gärungsaktivität, der Anstieg an Gallensäuren im Colon und Aktivitätsänderungen im Darm diskutiert [Kru 1991].

Lebensmittel und spezielle Produkte

Blähende Lebensmittel

Bislang gibt es keine aussagekräftigen Hinweise, dass Reizdarmpatienten nach blähenden Nahrungsmitteln wie Bohnen, Zwiebeln, Sellerie oder Linsen mehr Gas bilden als gesunde Personen. Einige Hinweise deuten allerdings darauf hin, dass der Gastransport bei Betroffenen häufig gestört ist und eine erhöhte gastrointestinale Sensitivität vorliegt [Ser 2001]. Dies kann bei Betroffenen Schmerzen auslösen bzw. verstärken..

Kaffee und Koffein

Kaffee zählt zu den Nahrungsmitteln, die von PatientInnen häufig als symptomfördernd bezeichnet werden. Vermutlich ist ein Darmperistaltik-stimulierender Effekt hierfür verantwortlich.

Pfefferminzöl

Pfefferminzöl entspannt die glatte Muskulatur des Darmtraktes. Zwei Übersichtsartikeln zur Wirksamkeit des Öles bei Reizdarmpatienten zufolge verbesserte es in der überwiegenden Zahl der Studien die Symptomatik deutlicher als ein Placebo [Gri 2005]; [For 2008]. Die Autoren schlussfolgern, dass Pfefferminzöl vor allem bei Patienten mit leichten Beschwerden vor einer Medikation getestet werden kann [Gri 2005]. In einer aktuellen randomisierten, doppelblinden Placebo- kontrollierten Studie wird Pfefferminzöl als sicheres und effektives Mittel zur Linderung der gastrointestinalen Beschwerden bei einem Reizdarmsyndrom beschrieben [Cas 2016].

Unverträgliche Lebensmittel

Nahrungsmittel, die von Betroffenen häufig als symptomfördernd angegeben werden, sind Milchprodukte, Getreideprodukte, koffeinhaltiger/ koffeinfreier Kaffee, koffeinhaltige Getränke, alkoholische Getränke, fettige/ gebratene Speisen oder auch Süßungsmittel wie Sorbit und Xylit (siehe Leitlinie).

Mahlzeitenmanagement

Sind die Beschwerden nur gering, sind 3 Hauptmahlzeiten pro Tag mit einer dazwischen liegenden Nahrungskarenz von mindestens 3 Stunden empfehlenswert. Liegen akute Beschwerden vor, sind kleinere Mahlzeiten (3 kleinere Hauptmahlzeiten mit ca. 2-3 Zwischenmahlzeiten) über den Tag verteilt besser. Hierdurch wird der Darm pro Mahlzeit weniger belastet.

Zubereitungsmethoden

Bei der Zubereitung der Speisen sollten möglichst schonende Verfahren wie Garen, Dünsten oder Blanchieren gewählt werden, um einerseits die Inhaltsstoffe zu erhalten und andererseits die Verdaulichkeit der Mahlzeit zu verbessern. Naturvarianten von Fleisch und Fisch sind gegenüber panierten Produkten zu bevorzugen. Besonders fettige Zubereitungsarten wie Frittieren oder langes Braten in viel Fett, sind zu vermeiden.

Unterstützung im Alltag

Podcast Reizdarm

Im Podcast spricht Prof. Joachim Labenz* über neue Erkenntnisse zu Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Reizdarms. So sind individuelle ernährungstherapeutische Ansätze wie die FODMAP-Diät mittlerweile als wirksam eingestuft. Auch für die Anwendung verschiedener Phytotherapeutika gibt es nun belegbare Argumente.

„Wir gehen heute davon aus, dass es sich beim Reizdarmsyndrom primär um eine Darmerkrankung handelt.“ (und nicht um eine psychische Erkrankung, Anm. der Redaktion)

Zwar besteht eine enge Verbindung zwischen Nervensystem und Darmgesundheit. Den Reizdarm als psychosomatische Störung anzusehen, greift aber zu kurz. Vielmehr wirken Stress und psychische Belastungszustände – ebenso wie bestimmte Nahrungsmittel und andere Lebensstilfaktoren – als Trigger für das Auftreten von Symptomen.

Die knapp 30-minütige Podcast-Episode ist auf der Website von Spinger Medizin verfügbar.

*Prof. Joachim Labenz ist Direktor und Chefarzt der Inneren Medizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling in Siegen und Facharzt für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Gastroenterologie und Hepatologie.

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