Das Erscheinungsbild des Reizdarmsyndroms

Der Begriff Reizdarmsyndrom beschreibt eine diffuse funktionelle Darmerkrankung, die sich durch wiederkehrende Beschwerden mit abdominellen Schmerzen, Blähungen und/ oder Veränderungen des Stuhlgangs auszeichnet. Die Diagnose wird charakteristischerweise gestellt, wenn die Symptome keiner anderen organischen oder pathologischen Ursache zugeordnet werden können, aber dennoch so ausgeprägt sind, dass diese die Lebensqualität des Patienten wesentlich beeinträchtigen.

Da über die zugrundeliegenden pathologischen Prozesse wenig bekannt ist und sich zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse auf diesem Gebiet oft nur bei einem Teil der Patienten bestätigen lassen, steht weiterhin die Frage im Raum, inwieweit es sich tatsächlich um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt oder ob sich hinter dem Reizdarmsyndrom verschiedene noch nicht näher definierte Krankheitsbilder verbergen.

Repräsentativen Befragungen zufolge geben in den westlichen Industriestaaten etwa 10-15% der Bevölkerung an, an einem Beschwerdebild zu leiden, das dem Reizdarmsyndrom zugeordnet werden kann. Ausgehend von den Patientendaten konsultieren tatsächlich nur etwa 5% der Bevölkerung aufgrund von Reizdarmbeschwerden den Arzt. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer [Mül 2001]. Da es sich bei dem Reizdarmsyndrom um kein klar abgrenzbares Krankheitsbild handelt, das nur aufgrund des Ausschlusses anderer Erkrankungen diagnostiziert wird, sind aussagekräftige Daten allerdings schwer zu ermitteln.

Ursachen und Risikofaktoren

Über die Ursachen und Risikofaktoren eines Reizdarmsyndroms ist wenig bekannt. Einige Erklärungsansätze beruhen auf Spekulationen, die wissenschaftlich nicht validiert sind. Möglicherweise entwickelt sich ein Reizdarmsyndrom bei entsprechender genetischer Veranlagung aus einer vorangegangenen Darminfektion.

Auch ängstliche, zu Depressionen tendierende Menschen leiden oft unter einem Reizdarmsyndrom. Diskutiert werden mehrere Faktoren als Ursachen oder Risikofaktoren [Rey 2009].

Nahrungsfette

Insbesondere bei bereits vorliegenden Darmsymptomatiken wie Durchfällen und Verstopfungen können bestimmte fettreiche Speisen das Risiko für die Entwicklung eines chronischen Reizdarms erhöhen. Hierzu zählen insbesondere stark verarbeitete Fette und Transfettsäuren, die sich negativ auf die Darmmotilität auswirken können [Kel 1988].

Zucker

Zucker erhöht die bakterielle Gärungsaktivität im Darm und kann bestehende Symptomatiken noch verstärken. In experimentellen Studien erhöhte die orale Gabe von 120 g Zucker das Krankheitsrisiko für einen Reizdarm. Als zugrunde liegende Mechanismen werden die erhöhte Gärungsaktivität, der Anstieg an Gallensäuren im Colon und Aktivitätsänderungen im Darm diskutiert [Kru 1991].

Raffinierte Kohlenhydrate

Starke Spasmen der glatten Darmmuskulatur, ein hoher Darminnendruck und eine gestörte Darmflora gelten als wichtige pathophysiologische Vorgänge bei der Entwicklung eines Reizdarms. Da raffinierte Kohlenhydrate die Spasmen im Darm verstärken können, gelten diese als mögliche Mitauslöser [Gri 1976].

Krankheitsentstehung

Zu den zugrundeliegenden pathologischen Prozessen gibt es bislang nur Vermutungen sowie vereinzelte Erklärungsansätze. Viele Hinweise aus wissenschaftlichen Experimenten und Studien sind lediglich Puzzleteile, die nach wie vor zu keinem ausreichend belegbarem Gesamtbild zusammengesetzt werden können.

Nach Meinung einiger Wissenschaftler lässt sich das Reizdarmsyndrom nicht durch einen einzelnen Pathogenesemechanismus beschreiben. Vielmehr handelt es sich um ein kumulatives Zusammenspiel aus physiologischen, psychosozialen, Verhaltens- und Umweltfaktoren [Cha 2011]. Faktoren, die vermutlich an der Entstehung des Krankheitsbildes beteiligt sind, sind [Cha 2011]:

  • leichtgradige Entzündungsprozesse mit einer erhöhten Mastzelldichte in der Darmschleimhaut und vermehrter Histaminfreisetzung
  • abnorme Serotoninspiegel im Magen-Darm-Trakt, die zu einer gestörten zentralnervösen Regulation, einer erhöhten Stressreaktion sowie einer gesteigerten Schmerzwahrnehmung im Bauchbereich beitragen
  • Störungen der Darmflora und bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms
  • erhöhte Darmdurchlässigkeit
  • veränderte Darmbeweglichkeit
  • psychosomatische Faktoren
  • verstärkte Gärungsprozesse im Darmlumen
  • gesteigerte spasmolytische Aktivität der Darmmuskulatur

Betroffene haben im Vergleich zu Gesunden häufig eine höhere Schmerzwahrnehmung im Darm. So können auch die Nahrungsaufnahme und höherer Druck bei ihnen die Dünndarmperistaltik deutlich schneller erhöhen. Völlegefühl und Blähungen werden stärker wahrgenommen. So verwundert es auch nicht, dass bei ihnen Fibromyalgie, Chronic fatigue Syndrom oder Temporomandibulargelenks-Syndrome und andere funktionelle Störungen häufiger auftreten. Ursache hierfür ist die unentwegte nervale Reizung des Darms. Psychischer Stress in Form von ständigem Gedankenkreisen, Ängsten, Sorgen und Nöten setzt eine Spirale in Gang, in dessen Folge Muskelverkrampfungen im Darrm zunehmen und die Schmerzwahrnehmung steigt.

Formen und Symptome

In Abhängigkeit der vorherrschenden Symptome werden beim Reizdarmsyndrom 4 Formen unterschieden: das Diarrhö-prädominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie verbunden mit Durchfällen), das Obstipations-prädominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie verbunden mit Verstopfung), das Reizdarmsyndrom mit Diarrhö und Obstipation im Wechsel sowie das Meteorismus-/ schmerzdominante Reizdarmsyndrom (in erster Linie vermehrte Gasbildung ohne wesentlichen Abgang, verbunden mit verstärkten Krämpfen).

Symptome

Die Symptome eines Reizdarmsyndroms sind unspezifisch, was insbesondere die Abgrenzung zu anderen ernsthaften Darmerkrankungen erschwert. Je nach Form herrschen einzelne Beschwerden vor. Die häufigsten Symptome im Rahmen eines Reizdarmsyndroms können sein:

  • intermittierende, häufig krampfartige Schmerzen im Bauchbereich, teilweise mit wechselnder Intensität und Lokalisation (insbesondere wenige Stunden nach den Mahlzeiten oder in Stresssituationen)
  • Stuhlunregelmäßigkeiten; je nach Form des Syndroms: Diarrhö, Obstipation oder beide Beschwerden im Wechsel
  • Blähungen, Meteorismus, Völlegefühl
  • Unverträglichkeiten gegenüber verschiedenen Nahrungsmitteln (oft gegenüber Oligo- und Polysacchariden trotz Fehlen einer diagnostizierbaren Laktoseintoleranz oder Zöliakie)
  • Schleimbeimengungen im Stuhl, unter Umständen auch reine Schleimstühle

Begleitend können hinzukommen:

  • Migräne, Kopfschmerzen
  • Becken- und Rückenschmerzen
  • allgemeine Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Leistungsschwäche, Schlafstörungen
  • psychische Beschwerden wie Depressionen
  • Menstruationsbeschwerden

Komplikationen und Folgen

Einige Patienten mit Reizdarmsyndrom weisen entweder ursächlich oder als Folge des Reizdarms Nahrungsmittelunverträglichkeiten auf [Mul 1991]. Hierzu können zählen:

  • Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit)
  • Glutenunverträglichkeit bzw. -überempfindlichkeit
  • Fruktosemalabsorption (Fruchtzuckerunverträglichkeit)
  • Unverträglichkeit auf Zuckeralkohole (Sorbit etc.)
  • Unverträglichkeit auf Süßungsmittel (Aspartam etc.)

Weiterhin möglich sind Nahrungsmittelallergien. Diese treten jedoch selten auf und betreffen meist:

  • Kuhmilch
  • Huhn
  • Soja
  • Nüsse

Eingeschränkte Lebensqualität

In Abhängigkeit der Schwere, Häufigkeit und Dauer der Beschwerden kann die Lebensqualität von Betroffenen deutlich eingeschränkt sein. Nicht selten werden längere Reisen mit Auto, Bus, Bahn oder Flugzeug, Restaurantbesuche und Außer-Haus-Verzehr oder Essen/ Treffen mit Freunden vollständig vermieden. Gerade deshalb ist es wichtig, die Betroffenen mit ihren Beschwerden ernst zu nehmen und sie zu ermutigen, sich auch weiterhin scheinbar problematischen Situationen zu stellen.

Depressionen und Angststörungen

Häufig treten in Kombination mit einem Reizdarmsyndrom auch depressive Verstimmungen, Depressionen und Angststörungen auf. Diese Krankheitsbilder verstärken sich gegenseitig: die psychischen Symptome verstärken die Reizdarmproblematik, die Symptome im Verdauungstrakt wiederum steigern die psychische Belastung. Für die Beschwerden selbst ist ausschlaggebend, wie diese durch das Bewusstsein verarbeitet werden.

Diagnostik

Zu Beginn der Diagnostik erfolgt eine ausführliche Anamnese, die das vom Patienten geschilderte Beschwerdebild mit den möglichen Symptomen eines Reizdarmsyndroms abgleicht. Es werden unter anderem die Dauer, Art und Ausprägung der Beschwerden erfasst sowie mögliche Auslöser erfasst.

Hierzu zählen z.B.

  • Symptome nach Genuss bestimmter Nahrungsmittel
  • Medikamenteneinnahme
  • vorausgegangene Erkrankungen bzw. Operationen
  • Begleiterkrankungen

Entscheidend für die Diagnose eines Reizdarmsyndroms ist der Ausschluss aller sonstigen für die Symptome in Frage kommenden Erkrankungen. Neben den für die einzelnen Erkrankungen notwendigen Diagnoseverfahren empfiehlt sich auch das Führen eines Symptomtagebuchs. Aus diesem können neben der Art und der Dynamik der Beschwerden auch mögliche Anhaltspunkte (Alarmsignale) auf anderweitige Ursachen abgelesen werden, die im Weiteren eine gezielte Diagnostik ermöglichen.

Im Anschluss sollten eine körperliche sowie eine laborchemische Basisdiagnostik durchgeführt werden. Hierzu zählen Ultraschall, Blutbild, Leber- und Nierenwerte, Entzündungsmarker sowie eine rektale Untersuchung. Die Basisdiagnostik dient weitestgehend dem Ausschluss anderer Erkrankungen, da es diesbezüglich keinerlei Auffälligkeiten gibt, die für ein Reizdarmsyndrom sprechen.

Therapie

Aufgrund der weitgehend unbekannten pathologischen Mechanismen beschränkt sich die medikamentöse Therapie auf die Behandlung der Symptomatik. Da diese beim Reizdarmsyndrom stark variiert, können keine allgemeingültigen Strategien festgelegt werden.

Bei vielen Reizdarmpatienten scheinen psychosomatische Ursachen beim Beschwerdebild eine Rolle zu spielen. Faktoren wie sozioökonomischer Stress, Angstzustände, Depressionen bis hin zu schwerwiegenden psychischen Traumata können bei entsprechender Veranlagung einen erheblichen Einfluss auf die Magen-Darm-Funktion ausüben.

Neben medikamentösen und diätetischen Behandlungsansätzen empfiehlt sich für Reizdarmpatienten eine psychologische Beratung. Auch ohne behandlungsbedürftige, psychische Beschwerden kann der Patient unter Umständen von Stressbewältigungsmaßnahmen profitieren. Hierzu zählen beispielswiese:

  • Entspannungsübungen: Autogenes Training, Meditation, Yoga, Tai-Chi
  • Ausdauertraining: Joggen, Schwimmen, Radfahren
  • Managementstrategien: Selbstmanagement, Zeitmanagement, Konfliktmanagement

Regelmäßige Bewegung und körperliche Entspannungsübungen unterstützen die Darmtätigkeit und helfen, Blähungen und Verstopfungen zu reduzieren. Zudem fördert stetige körperliche Aktivität den Abbau von Angstzuständen und Depressionen.

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