Relatives Energiedefizit im Sport (REDs): Wenn Energiemangel krank macht

Die Spiele sind zu Ende. Noch sonnen sich die Sieger im Erfolg. Viele der unglücklichen Verlierer werden psychisch und physisch noch lange brauchen, um ihre seelischen und körperlichen Wunden zu heilen. Wer mit einer Verletzung nach Hause fährt, sieht die Ursache meist in zu hartem Training, einem Sturz, vorzeitiger Erschöpfung oder einfach in der Rubrik “Pech gehabt“. Speziell bei betroffenen Frauen liegt die Ursache jedoch oft tiefer: Im ‚relativen Energiedefizit im Sport‘ – kurz ‚REDs‘ oder ‚RED-S‘ genannt.

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Nur wenige kennen es, viele sind davon betroffen

REDs entsteht, wenn Sportlerinnen zu wenig und dabei oft das Falsche essen. Reicht die zugeführte Nahrungsenergie dauerhaft nicht aus, um sowohl den trainingsbedingten Mehrverbrauch als auch die grundlegenden physiologischen Funktionen des Körpers abzudecken, kann sich das Syndrom, meist schleichend, entwickeln. Im Kern geht es also um eine zu geringe Energieverfügbarkeit. Meist sind es dabei die Kohlenhydrate, die fehlen. Training und Bewegung verbrauchen so viel Energie, dass dem Organismus nicht genügend Reserven für essenzielle Prozesse wie Hormonregulation, Knochenstoffwechsel, Immunfunktion oder Regeneration bleiben. Darüber hinaus treten nicht selten auch gastrointestinale Beschwerden wie Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe und Blähungen, ein wiederkehrender Eisenmangel mit und ohne Anämie oder ein erhöhtes Gesamt- und LDL-Cholesterin auf. Stehen die Verdauungsbeschwerden im Vordergrund, ist auf der Suche der Betroffenen nach Hilfe die Ernährungsberatung oft erste Anlaufstelle.

Auch wenn eine manifeste Essstörung als zugrundeliegende Ursache sehr naheliegend ist: Sie ist keine Voraussetzung für REDs. Das tatsächliche Problem liegt in einer energiearmen Kost mit einer oft hohen Protein- und Ballaststoffzufuhr, aber zu wenig verwertbaren Kohlenhydraten. Die Folgen sind vielschichtig und können auf Dauer dramatisch sein: verringerte Knochendichte mit erhöhtem Risiko für Stressfrakturen, langfristig kann Osteoporose entstehen, Zyklusstörungen bis hin zur Amenorrhö, chronische Müdigkeit, Leistungsabfall, erhöhte Infektanfälligkeit, Konzentrationsprobleme, depressive Verstimmungen. Gehen die Betroffenen zum Arzt, werden häufig zunächst nur die Leitsymptome behandelt. Das Syndrom als Ganzes bleibt unerkannt.

Wie es zu dieser Gemengelage aus den verschiedensten Symptomen kommt, beschreibt die Münchner Oecotrophologin und Expertin für Sporternährung Prof. Dr. Claudia Osterkamp-Baerens: REDs führt offensichtlich dazu, „dass der Körper bei einer anhaltend negativen Energiebilanz, insbesondere in Kombination mit hoher körperlicher Aktivität, versucht, das Energiedefizit zu vermindern, indem er die Aktivität nicht lebenswichtiger Organsysteme drosselt.“ Neben dem reproduktiven System muss vor allem auch der Knochenstoffwechsel darunter leiden.

Wie Kohlenhydrat-Bashing in den Energiemangel treibt

Warum geraten Sportlerinnen in einer Gesellschaft, in der Nahrung jederzeit verfügbar ist, in ein Energiedefizit? Schließlich gelten sie gemeinhin als überdurchschnittlich körper- und ernährungsbewusst. Prof. Osterkamp – ehemals Leistungssportlerin und danach über mehr als 30 Jahre Ernährungsberaterin an Olympiastützpunkten – führt das auf zwei wesentliche Ursachen zurück.

Eine davon dürfte auf einem unter Sportlerinnen verbreiteten Missverständnis beruhen: Im Irrglauben, „gesunde“ Kohlenhydrate zu sich zu nehmen, verzehren sie raue Mengen von Gemüse und Obst. Andere leichtverdauliche, energiereichere Kohlenhydratträger wie z.B. Brot, Backwaren, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Couscous meiden die Betroffenen vor dem Hintergrund von Kohlenhydrat-Bashing in den Medien und LowCarb-Hysterie.

Ein zweites Motiv, das Sportlerinnen dazu bringt, weniger zu essen und dabei vor allem an Kohlenhydraten zu sparen, ist im Wunsch nach einem sportlichen und/ oder definierten Aussehen begründet. Sie treibt dabei häufig die Frage um, ob sie für ihren Sport noch zu viele Fettröllchen am Bauch haben oder durch das Training zu muskulös und männlich aussehen könnten, und versuchen, dieser Entwicklung mit einem entsprechenden Diätregime gegenzusteuern.

REDs ist kein rein sportmedizinisches Problem, sondern sollte bei frühzeitiger Diagnose zunächst vor allem ernährungstherapeutisch behandelt werden. In fortgeschrittenen Stadien ist ein multidisziplinärer Ansatz sinnvoll, mit medizinischer, physiotherapeutischer, sportphysiologischer und eventuell psychologischer Begleitung. In der Ernährungstherapie sollte der Fokus vor allem auf folgende Aspekte gerichtet sein: die ausreichende Gesamtenergiezufuhr, gezielte Kohlenhydratzufuhr rund ums Training, die bedarfsdeckende Versorgung mit Mikronährstoffen (insbesondere Eisen, Vitamin D, Calcium) und die grundsätzliche Reflexion bzw. Anpassung des Essverhaltens.

Der blinde Fleck: REDs im Breitensport

Inzwischen belegt eine Reihe von Studien: Zwischen 20 % und über 50 % aller sportlich aktiven Frauen (in manchen Studien sogar deutlich mehr) zeigen Anzeichen oder ein erhöhtes Risiko für das Syndrom des Relativen Energiedefizits im Sport, vor allem im Leistungssport.

Doch auch im ambitionierten Freizeitsport ist ein erheblicher Anteil von Sportlerinnen von REDs betroffen. Während im Profisport inzwischen zumindest ein Problembewusstsein entsteht, ist REDs im Freizeitsport ein nahezu unsichtbares Phänomen. Dort mischen sich Fitness-Apps, Social-Media-Ideale, Ernährungs-Trends und Leistungsdruck zu einem gefährlichen Cocktail. Trainingspläne werden minutiös verfolgt, Kalorien akribisch getrackt und die Eiweißzufuhr wird auf’s Gramm genau errechnet. Was fehlt, ist die einfache Frage: Reicht die Gesamtenergie überhaupt aus, um den Körper gesund und leistungsfähig zu halten? Bei Verletzungen wird gefragt: Wie konnte das bloß passieren? Die richtige Frage wäre stattdessen: Warum war der Körper nicht belastbar genug?

Ohne Ernährungsfachkräfte geht es nicht

Mit wachsendem Problembewusstsein könnte REDs zu einem zentralen Arbeitsfeld für Ernährungsfachkräfte werden. Trainingssteuerung und Leistungsdiagnostik sind längst professionalisiert – die Sicherstellung ausreichender Energieverfügbarkeit dagegen bleibt häufig ein blinder Fleck. Gerade Ernährungsfachkräfte sind in einer Schlüsselposition: Sie erkennen frühe Warnsignale, hinterfragen vermeintlich „gesunde“ Ernährungsgewohnheiten, korrigieren Kohlenhydratängste und begleiten Sportlerinnen zurück zu einer bedarfsgerechten Energiezufuhr.

Insbesondere im Breitensport, wo medizinische Betreuung selten ist, könnten sie zur entscheidenden Präventionsinstanz werden. REDs wäre dann nicht nur ein sportmedizinisches Syndrom, sondern eine ernährungstherapeutische Herausforderung mit wachsender Relevanz.

Dr. Friedhelm Mühleib

Kernaussagen

(Zusammengestellt von Prof. Dr. Osterkamp-Baerens)

  • Knochendichtemessungen bei Sportlerinnen sind bei längerfristiger Amenorrhö angezeigt.
  • Ein sportlich sehr aktiver Lebensstil erfordert eine an den erhöhten Energiebedarf angepasste Ernährung.
  • Ernährungstagebücher zeigen bei genauer Berechnung häufig eine zu geringe Energiezufuhr, insbesondere von Kohlenhydraten, trotz häufig unauffälligem BMI.
  • Dieses relative Energiedefizit im Sport (REDs) kann verschiedene Folgen nach sich ziehen, z. B. gastrointestinale Beschwerden oder einen gestörten Knochenstoffwechsel mit junger Osteoporose.
  • Die Berechnung des sportbedingten Energieumsatzes hilft, einen Zielbereich für die tägliche Energiezufuhr festzulegen.
  • Ein Austausch von ballaststoffhaltigem Gemüse und Obst gegen leichtverdauliche Kohlenhydratquellen erhöht die Gesamtenergiezufuhr.

Quellen

  • Problematische Essmuster bei Sportlerinnen: Viele Sportlerinnen achten auf eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Samen. Das kann nicht nur für Leistungs- und Profisportlerinnen gesundheitlich problematisch sein. Claudia Osterkamp-Baerens, Natürlich Medizin!, Thieme Verlag (Link)
  • ‚REDs‘ bei Sportlerinnen – was für Ernährungsfachkräfte wichtig ist: Deep Dive für Ernährungsfachkräfte; freiraum-Webinar mit Prof. Dr. C. Osterkamp-Baerens (Link)