Schilddrüsendiagnostik – ein Überblick

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Schilddrüsenerkrankungen sind auf dem Vormarsch – allen voran Autoimmunerkrankungen unseres Schmetterlingsorgans. Immer mehr Menschen leiden unter einer Hashimoto-Thyreoiditis oder einem Morbus Basedow. Während die Hashimoto-Thyreoiditis zumeist mit einer Unterfunktion der Schilddrüse einhergeht, äußert sich der Morbus Basedow mit Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion. Beide Krankheitsbilder gehen mit umfassenden Störungen des gesamten Stoffwechsels einher und können unbehandelt mitunter zu schweren Schädigungen führen. Der frühzeitigen Diagnostik kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu, denn häufig werden die Autoimmunerkrankungen erst nach einer langen Odyssee der Betroffenen erkannt.

Hintergrundinformationen: Den weitreichenden Funktionen unseres Stoffwechselorgans haben wir uns bereits in einem früheren Beitrag ausführlich gewidmet. Auch die Eckpfeiler der Ernährung wurden bereits umfassend beleuchtet.

Anamnese

Zur Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen gehört eine umfassende Anamnese. Diese kann in die Unterpunkte Familien-, Symptom- und Stressanamnese untergliedert werden. Mittlerweile gibt es zudem verschiedene Scores, die wichtige Anamnese-Fragen zur genauen Erfassung des Krankheitsbildes integriert haben.

In der Familienanamnese geht es vorrangig um Fragen, die Schilddrüsen- und Autoimmunerkrankungen innerhalb der Familie erfassen. Insbesondere Autoimmunerkrankungen treten familiär gehäuft auf.

Die Symptomanamnese klärt Fragestellungen bezüglich möglicher Gewichtsveränderungen und Magen-Darm-Beschwerden (Durchfall, Blähungen, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen etc.) oder auch in Bezug auf das Hitze-/ Kälteempfinden; Herzrasen/ Unruhe, Müdigkeit/ Schläfrigkeit sowie Haut- und Haarveränderungen.

Diagnostik Schilddrüsendiagnostik - ein Überblick

Anamnese der Hyperthyreose

Die Stressanamnese wiederum fragt nach dem gefühlten Stressniveau, nach dem Umgang mit äußeren Stressoren (im Berufsalltag, Zeitdruck, Kollegen, Freunde, Lautstärke, Hektik, mobile Erreichbarkeit, Familie, Organisation etc.) und inneren Stressoren (Anforderungen an sich selbst, Leistungsdruck, Glaubenssätze, nicht Nein-sagen können, gefallen wollen etc.) sowie nach Maßnahmen und Strategien zur eigenen Stressbewältigung.

Zum Zulewski-Score zählen der Hypothyreose-Score und der Hyperthyreose-Score, die zur Einschätzung des Schweregrads des jeweiligen Erkrankungsbildes dienen. Der Score umfasst eine Analyse der Hauptsymptome und bewertet den Schweregrad anhand der angegebenen Symptomschwere. Die Symptome sind analog den Erhebungen in der Symptomanamnese (Gewicht, Veränderungen von Haut und Haaren, Temperatur-empfinden, Blutdruck, Darmsymptome etc.)

Labordiagnostik bei Schilddrüsenerkrankungen

Blutspiegel an TSH, freiem T3 (fT3) und freiem T4 (fT4) sowie eventuell rT3

Das Hormon TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) wird in der Hypophyse – vermittelt durch TRH (Thyreoliberin) – gebildet und bei Bedarf an Schilddrüsenhormonen freigesetzt. TSH gelangt über die Blutbahn zur Schilddrüse und fördert hier die Neubildung und Freisetzung der Schilddrüsenhormone (T3, T4) sowie das Wachstum der Schilddrüse. Dadurch nimmt die Schilddrüse bei hohen TSH-Konzentrationen an Volumen zu. Das aktive T3, das bei Bedarf aus der Speicherform T4 gebildet wird, wirkt stoffwechselanregend und beeinflusst zahlreiche Körperfunktionen. Zirkulieren ausreichend Schilddrüsenhormone im Blutkreislauf, wird die Freisetzung von TSH und damit die Wirkung auf die Schilddrüse gedrosselt. Eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse äußert sich neben veränderten T3- und T4-Werten auch in der Höhe des TSH-Spiegels im Blut. Während bei einer Unterfunktion der TSH-Blutspiegel kompensatorisch erhöht ist, ist die Freisetzung bei Überfunktion dauerhaft gehemmt. Die Bestimmung erfolgt im Blutserum zur Diagnose sowie zur Verlaufs- und Therapiekontrolle von Schilddrüsenerkrankungen.

In den ersten Stadien einer Schilddrüsenfunktionsstörung kann eine normale bis hochnormale Konzentration an TSH vorliegen, da der Körper versucht, einen Mangel oder Überschuss zu kompensieren. Erst bei einer Manifestation ist der TSH-Wert verändert. Ein erhöhter TSH-Wert ist immer mit einer Störung der Schilddrüse verbunden.

Die Normwerte und typischen Konstellationen bei manifesten Krankheitsbildern sind in der folgenden Tabelle erfasst.

Parameter

Normwert

Primäre Hypothyreose

Sekundäre Hypothyreose

Primäre Hyperthyreose

Sekundäre Hyperthyreose

Jod-induzierte Hyperthyreose

TRH

normal

normal/ niedrig

normal

normal/ hoch

normal

TSH (mU/l)

0,26-4,20

erhöht

erniedrigt

erniedrigt

erhöht

erniedrigt

freies T3 (fT3; pmol/l)

5,4-12,3

erniedrigt

erniedrigt

erhöht

erhöht

erniedrigt

freies T4 (fT4; pmol/l))

10-23

erniedrigt

erniedrigt

erhöht

erhöht

erhöht

Weitere Parameter

Neben der Erhebung der Schilddrüsenhormone können der Versorgungsstatus an Zink, Eisen, Jod, Selen, Magnesium, Vitamin B12 und Folsäure sowie Vitamin D für den Verlauf von Schilddrüsenerkrankungen hilfreich sein. Diese eignen sich nicht für die Erstdiagnose und sind nicht zwangsläufig bei den einzelnen Krankheitsbildern verändert. Vielmehr stellen diese mögliche Therapieoptionen dar, um die verbliebene (Rest-)Funktion der Schilddrüse zu verbessern oder zu erhalten. Die meisten der genannten Substanzen sind in den Schilddrüsenstoffwechsel involviert.

Bei Verdacht auf eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse lässt sich diese mittels der Antikörperdiagnostik prüfen. Dabei deutet der Nachweis bestimmter Antikörper auf eine bestimmte Autoimmunform hin. So sind nachgewiesene TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK), Antikörper gegen Thyreoglobulin (Tg-AK) und Thyreoperoxidase-Antikörper (TPO-AK) typisch für Morbus Basedow. Fehlen hingegen die TRAK, spricht dies eher für eine Hashimoto-Thyreoiditis. Bei der Schilddrüsen-Autonomie und der Jodmangel-bedingten Hypothyreose werden indes keine Antikörper nachgewiesen.

Langfristig können bei unbehandelten/ schlecht eingestellten Schilddrüsenfunktionsstörungen Komplikationen auftreten. Zur Früherkennung dieser kann zudem die Erhebung der folgenden Parameter sinnvoll sein:

  • Cholesterinwerte (v.a. Triglyzeride, LDL-Cholesterin)
  • Blutdruck/ Puls
  • Entzündungswerte (hsCRP, Gesamteiweiß, BSG)
  • Bioimpedanz-Analyse (Fett- und Wassereinlagerungen)
  • Leber- und Nierenwerte
Diagnostik Schilddrüsendiagnostik - ein Überblick

Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen im Überblick

Körperliche/ Apparative Untersuchungen

Typisch für Erkrankungen der Schilddrüse sind Veränderungen der Organgröße und des Organvolumens. Diese lassen sich beispielsweise mittels Sonographie (Ultraschalluntersuchung) ermitteln. Alternativ lassen sich Größenveränderungen der Schilddrüse auch durch Palpation (Abtasten der Schilddrüse) erfassen. Dies erfordert mehr Erfahrung im Vergleich zum Ultraschall, ist aber weniger kostenintensiv.

Neben der Inspektion von Rachen (Zunge) und Haut kann das Achillessehnenreflexverhalten in die Diagnostik einbezogen werden. Der Achillessehnenreflex ist ein Eigenreflex, der nach einem Schlag auf die Achillessehne eine Kontraktion der Beugemuskulatur des Unterschenkels und damit eine Bewegungsreaktion des Unterschenkels nach oben im Sprunggelenk auslöst. Dies beansprucht eine gewisse Zeit, die bei Schilddrüsenfunktionsstörungen verändert sein kann (Hypothyreose: langsamer, Hyperthyreose: schneller).

Die Szintigraphie wiederum ist ein bildgebendes Verfahren mit radioaktiv markiertem Jod, um heiße bzw. kalte Knoten im Schilddrüsengewebe zu ermitteln. Bei der Feinnadelbiopsie (FNAB) wird Schilddrüsengewebe entnommen, um gutartige und bösartige Veränderungen zu ermitteln. Dieses Verfahren dient meist dem Ausschluss von Krebs. Das Verfahren wird auch als Feinnadelaspirationszytologie (FNAC) bezeichnet.

Des Weiteren gibt es die Barnes-Temperaturmessmethode. Hier wird die Körpertemperatur unmittelbar nach dem Aufwachen gemessen. Bei einer Hypothyreose liegt die Körpertemperatur unter <36,4°C bis maximal 36,8°C. Die Methode wird heute allerdings kaum noch angewandt, da in der Zwischenzeit bessere Diagnoseinstrumente zur Verfügung stehen.

Schlussendlich schließen sich in der Verlaufsdiagnostik verschiedene Untersuchungen der Herz-Kreislauf-Diagnostik an. Diese sind individuell und nach Krankheitsbild sehr unterschiedlich.

Download

Für unsere Mitglieder steht die umfassende Beraterpräsentation zu Schilddrüse und Schilddrüsenerkrankungen im Powerpoint-Format als zip-Datei zur Verfügung. Diese gibt es auch in unserem Medienshop.

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4 thoughts on “Schilddrüsendiagnostik – ein Überblick”

  1. Vielen lieben Dank, das freut uns. Dennoch hatte der kleine Fehlerteufel zugeschlagen: es heißt natürlich Morbus Basedow und nicht Morbus Bechterew.

  2. Gut zusammengefasst ! Allerdings sind leider wirklich ein paar Fehler drin. T4 ist die Speicherform des aktiven T3 und hat keine stoffwechselaktivierende Funktion und mit Homozystein müssen wir uns wirklich nicht versorgen! Es ist ein Zellgift, das beim Abbau von der essentiellen Aminosäure Methionin entsteht.
    Unter dem Einfluss bestimmter Enzyme entsteht aus Methionin Homocystein. Da Homocystein für die Zelle giftig ist, wird es umgehend entsorgt.
    Dies geschieht auf einem Weg durch zwei weitere Enzyme, deren Wirksamkeit von Vitamin B6 abhängig ist. Sie bauen Homocystein ab und entziehen es dadurch dem Stoffwechselkreislauf. Dabei werden für den Organismus nützliche Aminosäuren wie Cysthationin und Cystein gebildet.

    Auf einem anderen Weg wandelt das Enzym Methioninsynthase, das für sein Funktionieren Vitamin B12 benötigt, Homocystein wieder in Methionin um.
    So genug geklugscheisst, fand es toll, das das Thema von Euch aufgegriffen wurde!

  3. Ohje, mit Erschrecken festgestellt, dass die Korrekturfahne komplett fehlt. Wird schnellstmöglich behoben. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.

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