Übergewicht und Adipositas: Teure, schmerzhafte Zukunft

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Ernährungsmitbedingte Erkrankungen kosten das Gesundheitssystem viele Milliarden Euro. Die Rahmenbedingungen hierfür sind in vielen Aspekten in der Gesellschaft optimal. Wir sind stetig Nahrungsquellen ausgesetzt – auf der Straße, in der Kneipe, im Büro, im Kino, im Schwimmbad. Gesund geht allerdings meist anders: Pommes sind beliebter als Salate oder Obstjoghurt. Viele Lebensmittel sind überzuckert und stark verarbeitet. Und da wir uns auch nicht mehr so viel bewegen und immer bequemer werden, stecken wir das Essen nicht mehr so gut weg. Das stresst uns – zusätzlich zum gesellschaftlichen Druck, immer schlank zu sein. Dabei ist Übergewicht erst der Anfang und nur die Spitze eines schmerzhaften Eisberges.

Übergewicht und Adipositas sind definiert als “eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts“. Ab einem Body Mass Index (BMI) von 25 sprechen wir von Übergewicht; ab 30 von Adipositas. Laut Statistik ist jeder Zweite in Deutschland im Erwachsenenalter übergewichtig. Adipositas ist mittlerweile vermutlich eines der größten Kostentreiber. Es ist ein erheblicher Risikofaktor für viele Erkrankungen und provoziert zahlreiche Folgeschäden. Das Adipositaszentrum an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Uniklinikums Freiburg berichtet aktuell von einer Verzehnfachung der der bariatrischen Eingriffe. Wir therapieren meist nur noch die Folgen, unzureichend aber die eigentlichen Ursachen. Und auch wenn wir es nicht gern hören: Übergewicht ist ein Wolf im Schafspelz und oft nur der Beginn einer langen Krankheits- und Leidensodyssee.

Viele Risikofaktoren, wenige Ursachen

Für Übergewicht gibt es mindestens so viele Risikofaktoren, wie es selbst als Risikofaktor für weitere Erkrankungen agiert. Die Ursachen selbst aber sind überschaubar.

Während Erkrankungen, Medikamente und genetische Veranlagungen als Ursachen nicht oder nur bedingt vermieden werden können, sind die häufigsten Ursachen im Lebensstil zu finden. Wir essen zu viel und zu oft das Falsche. Wir bewegen uns im Alltag immer weniger. Sport kommt meist zu kurz. Wir schlafen unzureichend und sind zu wenig im Tageslicht. Und wir haben zu viel Stress.

Doch warum ist es so schwer, einen Lebensstil zu führen, der uns gut tut? Auch dafür gibt es viele Gründe, deren Mix es in der Summe wohl ausmacht. Allerdings schieben wir die Verantwortung von uns gern auf andere. Für die Industrie ist ganz klar der Verbraucher selbst schuld. Produkte befriedigen schlichtweg ein Bedürfnis. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Verbraucherschützer aber beklagen, dass unsere Lebensmittel und das gesamte Angebot ungesund und ursächlich sind. Manchmal – so scheint es – ist der Verbraucher nämlich ein unmündiges, nicht selbst entscheidungsfähiges Wesen, das manipuliert, getäuscht und verführt wird. Und innerhalb der Bevölkerung gibt es immer wieder Fat Shaming und Diskriminierung: Wer Übergewicht hat, ist faul und undiszipliniert.

So einfach ist aber nicht. Und doch spielt alles eine Rolle. Jeder Einzelne trägt Verantwortung. Für sich und sein Umfeld; als Mitarbeiter, als Elternteil und Familienmitglied, als Mitglied der Gesellschaft. Produkte und Lebensmittel entstehen nicht aus Geisterhand. Sie werden von Menschen entwickelt und produziert. Firmen bestehen aus Menschen. Und doch hat es am Ende jeder selbst in der Hand: nur ich kann mein Verhalten verändern.

Schleichender Prozess: was ist noch gesund, was schon krank?

Eigentlich fängt es ganz harmlos an. Jahr um Jahr werden es ein paar Kilo mehr. Anfangs macht es sich nur auf der Waage bemerkbar. Und vielleicht an der Kleidung. Schmerzen hat man meist noch nicht. Mit zunehmendem Gewicht aber wird alles schwerer – im wahrsten Sinne des Wortes: das Bewegen, das Atmen, das Arbeiten. Wo das hinführt, ist vielen immer noch nicht klar. Ja klar, ein paar Kilos zu viel finden wir nicht hübsch. Aber gleich krank werden? Zugegeben, die Grenzen sind fließend. Der eine wird früher krank; der andere später. Aber neben dem Äußeren werden wir vor allem innerlich kränker: Unsere Organe verfetten. Unser Herz muss immer stärker pumpen. Unsere Gefäße verstopfen. Unsere Nieren müssen mehr arbeiten. Unsere Gelenke müssen mehr Last tragen. Unseren Lungen fällt das Transportieren des Sauerstoffs immer schwerer. Der Stoffwechsel ist überlastet. Das Hormonsystem kommt durcheinander. Entzündungen bahnen sich ihren Weg. Schließlich versagt ein Teilsystem nach dem anderen. Spätestens jetzt manifestieren sich erste Krankheiten.

Lesetipp: Unser Fettgewebe

Das Fatale daran ist: Viele der Erkrankungen bedingen sich wechselseitig. Steigt das Risiko für Bluthochdruck, steigt auch das Risiko für Nierenerkrankungen und anders herum. Übergewicht ist für die meisten der genannten Erkrankungen nur der kleinste gemeinsame Nenner. Und: der Therapieansatz Nummer eins. Denn genauso wie das Risiko für die einzelnen Störungen unter stetiger Gewichtszunahme steigt, so lassen sich die Erkrankungen durch eine Gewichtsabnahme lindern, teilweise sogar heilen.

Das Fatale daran ist: Viele der Erkrankungen bedingen sich wechselseitig. Steigt das Risiko für Bluthochdruck, steigt auch das Risiko für Nierenerkrankungen und anders herum. Übergewicht ist für die meisten der genannten Erkrankungen nur der kleinste gemeinsame Nenner. Und: der Therapieansatz Nummer eins. Denn genauso wie das Risiko für die einzelnen Störungen unter einer stetigen Gewichtszunahme steigt, lassen sich die Erkrankungen durch eine Gewichtsabnahme lindern, teilweise sogar heilen.

Das wird gern vergessen. Und schön geredet. Oder das einzelne Erkrankungsbild wird ausschließlich medikamentös behandelt. Für Bluthochdruck gibt es ein ganzes Arsenal an Wirkstoffen. Dabei ließe sich ein nicht unbeachtlicher Teil davon verhindern oder zumindest mit Lebensstilinterventionen therapieren. Das Gewicht aber kommt nur mal kurz zur Sprache. Es bleibt stiefmütterlich behandelt. Das hat Konsequenzen. Für jeden Einzelnen. Und für die Gesellschaft.

Wir sollten also wieder einen ganzheitlicheren Ansatz wählen und nicht einzelne Krankheits- oder Symptombilder behandeln. Das gilt auch für die Ernährungstherapie. Viele der assoziierten Erkrankungen lassen sich mit ähnlichen Ernährungsempfehlungen behandeln. Da geht es um Grundsätzliches. Dem Bedarf entsprechend Kalorien aufnehmen. Viel Gemüse. Wasser trinken. Obst essen. Mäßig Fleisch und Fisch sowie Milcherzeugnisse. Gute pflanzliche Öle und tierisches Fett in Maßen.

Wir aber streiten lieber über Nährstoffverhältnisse als Strategie für alle. Das ebnet den Weg für weniger seriöse Angebote. Dabei ist längst klar: Viele Wege führen nach Rom. Aber passen muss er. Individuelle Angebote sind wichtig – abgestimmt auf Umfeld und persönliche Ressourcen. Und das Verhalten spielt eine große Rolle. Das lässt sich schlecht in Schubladen pressen. Das lässt sich schlecht in Crashdiäten verpacken. Dabei soll es auch noch einfach und praktikabel sein.

Die Liste der möglichen Folgen ist sehr lang

Übergewicht ist häufig nur der Anfang einer langen Leidens- und Krankheitsgeschichte. Der Körper kann einen ungünstigen Lebensstil vermutlich jahrelang kompensieren, ohne dass Schmerzen oder manifeste Krankheitsbilder auftreten. Ausnahmen bestätigen die Regel. Umso wichtiger aber ist es, zu verstehen, dass die Behandlung und Therapie von Übergewicht ein langfristiger Prozess ist und oftmals bereits ein wichtiger Therapiebaustein bestehender Erkrankungen.

Die folgenden Beschreibungen sind ein Auszug aus der Leitlinie der Deutschen Adipositasgesellschaft (DAG) aus dem Jahr 2006. Vermutlich ist die Liste mittlerweile noch länger geworden.

Störungen des StoffwechselsStörungen der Hämostase und des Herz-Kreislauf-SystemsStörungen der Verdauungsorgane, der Nieren- und LungenfunktionHormonelle Störungen und Degenerative ErkrankungenWeitere mögliche Folgen

Störungen des Kohlenhydratstoffwechsels

  • Diabetes mellitus Typ 2: Ein Body Mass Index über 25 gilt als wesentlicher Risikofaktor eines Diabetes mellitus vom Typ 2.
  • Insulinresistenz: Dem oft voraus geht bereits eine Störung des Kohlenhydrat- und Insulinstoffwechsels: die Insulinresistenz. Die Insulinresistenz ihrerseits wird zusätzlich durch eine erhöhte Körperfettmasse gefördert.

Störungen des Fettstoffwechsels

  • erhöhte Cholesterinwerte: Übergewicht und Adipositas bzw. eine erhöhte Körperfettmasse resultieren häufig in erhöhten Triglyzeridwerten, niedrigen HDL-Cholesterinwerten sowie einer Zunahme an kleinen, dichten LDL-Cholesterin-Partikeln.
  • in der Folge koronare Herzerkrankungen: Erhöhte Cholesterinwerte erhöht unmittelbar das Risiko für Lebererkrankungen sowie koronare Herzkrankheiten.

Störungen des Purinstoffwechsels

  • Hyperurikämie und Gicht: Adipöse sind einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Hyperurikämie und im weiteren Verlauf einer Gicht ausgesetzt.

Störungen der Hämostase

  • Störungen Fibrinolyse: Adipositas steht außerdem mit einer Störung der Fibrinolyse sowie der Blutgerinnung in Zusammenhang.
  • chronische Entzündungsprozesse: Einige Sekretionsprodukte des Fettgewebes (Link) begünstigen entzündliche Prozesse, welche die Insulinwirkung beeinträchtigen und die Entwicklung von krankhaften Gefäßveränderungen fördern.

Störungen des Herz-Kreislauf-Systems

  • Bluthochdruck: Mit zunehmendem BMI steigt zudem das Risiko für die Entwicklung einer Hypertonie. Eine Vermehrung des viszeralen Fettgewebes ist dabei besonders eng mit einem erhöhten Blutdruck assoziiert. Überzufällig häufiger entwickelt sich daraus eine Herzinsuffizienz.
  • Herzinsuffizienz, Schlaganfall, Herzinfarkt: Übergewichtige und adipöse Personen haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines ischämischen sowie eines hämorrhagischen Schlaganfalls. Frauen mit einem BMI über 25, die zusätzlich orale Kontrazeptiva einnehmen, weisen ein erhöhtes Risiko venöser Thromboembolien auf.
  • in der Folge erhöhte Sterblichkeit: Adipositas stellt daher einen Risikofaktor für koronare Herzerkrankungen dar und geht mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. 

Erkrankungen der Verdauungsorgane

  • Gallensteine: Adipöse entwickeln häufiger eine Fettleber sowie Gallensteine.
  • Sodbrennen: Sie leiden häufiger unter Sodbrennen und Schädigungen der Speiseröhre.
  • Fettleber: Die Entwicklung einer Fettleber steht zudem in engem Zusammenhang mit einer Insulinresistenz und Herz-Gefäß-Erkrankungen, die bei Übergewicht ebenfalls häufiger zu beobachten sind.
  • Entzündungen der Bauchspeicheldrüse: Akute Entzündungen der Bauchspeicheldrüse gehen bei Übergewicht mit einer häufigeren Rate an Komplikationen einher.

Störungen der Nieren- und Lungenfunktion

  • Nierenerkrankungen: Auch Erkrankungen des Urogenitaltraktes (z. B. Nierenerkrankungen) können durch Adipositas begünstigt werden.
  • Harninkontinenz: Eine Harninkontinenz kommt bei adipösen Frauen doppelt so häufig vor wie bei normalgewichtigen Frauen. Zudem konnten Forscher zeigen, dass das Risiko für Nierenerkrankungen erhöht und das Fortschreiten einer Nierenerkrankung durch krankhaftes Übergewicht ungünstig beeinfluss wird.
  • Erkrankungen der Lunge: Die viszerale Adipositas ist mit einer restriktiven Ventilationsstörung assoziiert. Bei massivem Übergewicht steigt das Risiko, eine Schlafapnoe zu entwickelt.

Hormonelle Störungen

  • Hormonelle Störungen Frau: Ähnliches zeigt sich für hormonelle Störungen bei adipösen Frauen, bei denen vermehrt Hyperandrogenämien, Polycystische Ovarsyndrome, geringere Schwangerschaftsraten, Komplikationen während der Schwangerschaft (z. B. Präeklampsie, Eklampsie, Gestationsdiabetes), ein erhöhtes Risiko für Fehl- und Frühgeburten, Wochenbettkomplikationen sowie beim Kind Fehlbildungen einschließlich Neuralrohrdefekt, Hydrocephalus, Lippen- und Gaumenspalten und kardiovaskulären Anomalien beobachtet wurden.
  • Hormonelle Störungen beim Mann: Bei adipösen Männern werden vermehrt niedrige Testosteronspiegel sowie eine verminderte Fruchtbarkeit festgestellt.

Degenerative Erkrankungen

  • Demenzerkrankungen: Verschiedene Studien zeigen für Adipöse und Übergewichtige ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer vaskulären Demenz und eines Morbus Alzheimer.
  • Krebserkrankungen: Schlussendlich ist unter Adipositas auch das Risiko für Karzinome der Speiseröhre, der Brust, des Dickdarms, der Nieren, der Bauchspeicheldrüse und der Gallenblase erhöht. 

Störungen des Bewegungsapparates und sonstige Risiken

  • Störungen des Bewegungsapparates: Mögliche Folgen einer Adipositas sind vor allem Wirbelsäulensyndrome, Fersensporn oder auch Gelenkbeschwerden und Arthrosen (z. B. des Hüftgelenks). Übergewichtige Frauen leiden häufiger unter Rückenschmerzen und Knieproblemen.
  • Komplikationen bei Operationen: Bei massivem Übergewicht besteht ein erhöhtes Operations- und Narkoserisiko. Mögliche Komplikationen sind beispielsweise Lagerungsschäden. Zudem besteht grundsätzlich ein erhöhtes Unfallrisiko für Stürze, Verletzungen und Behinderungen.

Einschränkung der Lebensqualität

  • Einschränkung der Lebensqualität: Mit zunehmendem BMI sind die körperliche Funktionsfähigkeit, die körperliche Rollenfunktion, die Vitalität und die allgemeine Gesundheit beeinträchtigt, Schmerzen sind häufiger vorhanden. Adipöse leiden häufiger unter depressiven Verstimmungen und Ängsten. 

Aber: Vorsicht vor Stigmatisierung

Dennoch: nicht jedes Übergewicht macht krank. Der BMI allein reicht als Indikator nicht aus und hat zur Beurteilung des Gesundheitszustandes so seine Schwächen. Auch in der Gesellschaft haben Menschen mit Übergewicht einen schweren Stand. So wird in der öffentlichen Diskussion immer deutlicher, dass Übergewichtige im Alltag zahlreichen Übergriffen ausgesetzt sind. Sie werden als Menschen abgewertet und als faul und unzulänglich diskriminiert. Beleidigungen und ungefragte Ernährungsratschläge sind aber fehl am Platz. Zudem zeigen wissenschaftliche Studien, dass Menschen, die sich diskriminiert fühlen, erhöhte Stresspegel aufweisen. Stress wiederum ist ein Treiber von Übergewicht und kann dann tatsächlich krank machen. Es gilt also zwischen gesundem und krankhaftem Übergewicht zu unterscheiden.

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