Vegane Ernährung – Motive und Auswirkungen auf die Gesundheit

Die vegane Ernährung ist eine der großen Ernährungstrends der letzten Jahre. Während sich Gegner und Befürworter oft um Kopf und Kragen reden, wollen wir mit diesem Beitrag weder eine Empfehlung dafür noch eine Be- oder Verurteilung dagegen abgeben. Es gibt zahlreiche Gründe, sich für diese Ernährungsweise zu entscheiden und jeder hat das Recht (und die Pflicht), dies eigenverantwortlich zu entscheiden.

Der vorliegende Text konzentriert sich daher auf eine sachliche Darstellung der Motive sowie mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit und wirft einen Blick auf die kritischen Nährstoffe. Im Praxisbeitrag „Praktische Umsetzung einer rein pflanzlichen Ernährung“ leiten wir daraus entsprechende Empfehlungen ab, um Unterversorgungen und langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen möglichst zu vermeiden.

Verbreitung und Motive

Genaue Angaben zur Anzahl vegetarisch oder vegan lebender Menschen gibt es nicht. Die vorhandenen Zahlen stützen sich meist auf Schätzungen nationaler Verbände und Organisationen oder stammen aus nicht repräsentativen Bevölkerungsbefragungen. Der Vegetarierbund Deutschland e. V. schätzt, dass sich 2015 etwa 7,8 Millionen Bundesbürger vegetarisch und 900.000 vegan ernähren (VEBU 2015). Hinzu kommen immer mehr Menschen, die sich bewusst fleischarm ernähren oder zu den sogenannten Flexitariern gehören. Auffällig ist zudem, dass Frauen sich deutlich häufiger vegetarisch ernähren als Männer.

Davon profitiert auch der Handel. Dieser verzeichnet deutliche Umsatzzuwächse durch vegane Fleisch- und Milchalternativen sowie Frühstücksprodukte mit pflanzlichen Brotaufstrichen, Müsli oder Cornflakes [GfK 2015]. Auch Verlage, Gastronomiebetriebe oder Reiseveranstalter und Hotels nutzen die Entwicklung für sich.

Die Beweggründe für eine vegane Ernährungs- bzw. Lebensweise sind dabei vielfältig. Kultur, Umwelt und Elternhaus sowie Medien und Religion spielen oft eine Rolle. Häufig folgt der Entschluss nach intensiver Beschäftigung mit den Bedingungen in der Massentierhaltung, der Fleisch- und Milchproduktion sowie den Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Eine klare Abgrenzung der einzelnen Gründe ist nicht immer möglich, da sich diese teilweise gegenseitig bedingen. Meist geben Veganer mehrere Gründe für ihre Entscheidung an.

Ethisch-moralische Gründe
  • Jegliche Form von Tierleid und die Beteiligung daran wird abgelehnt. Das bezieht vor allem die Formen der Massentierhaltung sowie die üblichen Bedingungen in der Fleisch- und Milchproduktion ein.
  • Tierische Lebensmittel werden als Beitrag zur Lösung des Welthungerproblems abgelehnt.
  • Es besteht Mitgefühl bzw. Mitleid mit den Tieren.
Religiöse/ spirituelle Gründe
  • Das Töten eines Lebewesens wird als Unrecht oder Sünde angesehen.
  • Das Fleischverbot begründet sich auf den Glauben der „Seelenwanderung“.
  • Der Glaube basiert auf einer Weltreligion mit starker Ausprägung des Vegetarismus bzw. Veganismus (Buddhismus, Hinduismus, Ahimsa-Lehre/ Jainismus).
  • Stress, Angst und Panik der Tiere werden mit der Nahrung aufgenommen und beeinflussen die eigene Energie.
Ökologische Gründe
  • Tierische Lebensmittel werden zur Verminderung der durch die von Massentierhaltung verursachten Umweltschäden sowie der negativen Auswirkungen auf Boden, Luft und Wasser abgelehnt.
  • Die Fleischproduktion verursacht die Abholzung des Regenwaldes; verstärkt den Treibhauseffekt, führt zu Überweidung mit Auslaugung der Böden, Überdüngung und Verunreinigung des Grundwassers.
  • Fischfang führt zur Überfischung der Weltmeere bzw. verschmutzten Abwässern aus der Zucht.
Ökonomische Gründe
  • Die falsche Verteilung von Nahrung und Ressourcen wird als Ursache für den Welthunger angesehen (Soja und Getreide, Fischerträge und Molkereiprodukte dienen als Futtermittel – gleichzeitig hungern Milliarden von Menschen)
  • Der Anbau von Exportprodukten durch multinationale Konzerne (z. B. in Afrika) verdrängt einheimische Kleinbauern und verhindert den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die dortige Bevölkerung.
  • Es kommt zu Energieverlusten bei der Umwandlung von Nahrungsprotein (Beispiel: 16 kg Futter + 15.000 l Wasser = 1 kg Rindfleisch).
Gesundheitliche Gründe
  • Die pflanzliche Ernährung wird mit einer Vielzahl positiver gesundheitlicher Vorteile in Verbindung gebracht. Dazu zählen: allgemeine Gesunderhaltung durch pflanzliche Kost, Gewichtsreduktion, Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Prophylaxe/Heilung bestimmter Erkrankungen und eine verminderte Schadstoffaufnahme beispielsweise von Antibiotika.
Sonstige Gründe
  • Ekel, Lebensmittelskandale
  • Abneigung gegen den Anblick toter Tiere oder den Geschmack generell
  • Erziehung
  • Gruppenzugehörigkeit
  • Trends

Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit

Gesundheitsfördernde Hinweise

Zahlreiche Studien zeigen präventive Wirkungen einer vegetarischen/veganen Ernährungsweise auf die Entstehung chronischer Erkrankungen und damit verbunden dem Sterblichkeitsrisiko. Die meisten Studien untersuchten dabei eine vegetarische Ernährungsweise. Es existieren darunter zahlreiche Ernährungsstudien zu den Verzehrsgewohnheiten von Vegetariern.

Wie bei den meisten Ernährungsstudien ist allerdings davon auszugehen, dass die zumeist aus Fragebögen gewonnenen Daten durch falsch gemachte Angaben sowie „underreporting“ verzerrt sind. Zudem liegen die großen Vegetarierstudien zum Teil schon lange zurück und die Lebensweise der Vegetarier und Veganer hat sich im Vergleich zu damals doch stark verändert.

Pauschal lässt sich ein gesundheitlicher Vorteil der veganen Ernährungsweise gegenüber einer abwechslungsreichen, bedarfsgerechten Ernährung mit moderatem Fleischkonsum nicht bestätigen. Veganer und Vegetarier neigen vielmehr zu einer insgesamt gesünderen Lebensweise mit geringem Alkoholkonsum, Nichtrauchen, ausreichend Bewegung, niedriger Aufnahme von Transfetten sowie einer hohen Aufnahme von Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffe. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Auch für die Erkrankungsbilder Demenz, Hyperurikämie und Gicht, Nierenerkrankungen sowie Katarakt liegen vereinzelt Studien vor, die den Einfluss einer vegetarischen und/oder veganen Ernährungsweise auf das Erkrankungsbild untersuchten. Gegenwärtig können hierzu jedoch noch keine konkreten Ergebnisse dargestellt werden.

Krankheitsfördernde Hinweise

Im Rahmen einer schlecht geplanten veganen Ernährungsweise (ohne die Einnahme von Supplementen) ist das Risiko einer unzureichenden Zufuhr essenzieller Nährstoffe gegeben. Dies kann bedingt sein durch:

  • geringere Bioverfügbarkeit pflanzlicher Lebensmittel (insbesondere Folsäure, Zink, Eisen)
  • Wechselwirkungen mit anderen Nahrungsbestandteilen/Medikamenten
  • einseitige Nahrungszusammenstellung
  • unzureichende Nahrungsenergiezufuhr
  • unzureichende Aufnahme an essenziellen Fettsäuren bzw. ungünstiges Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren
  • unausgeglichene Zufuhr an Aminosäuren
  • Verzicht auf Nahrungsergänzungsmittel (insbesondere Vitamin B12 im Rahmen veganer Ernährung)

Auswirkungen auf die Nährstoffaufnahme

Ergebnisse der EPIC-Oxford Studie zeigen, dass Veganer in der Regel mehr Kohlenhydrate (Fruktose aus Obst sowie Stärke) und Ballaststoffe (Gemüse, Nüsse, etc.) zu sich nehmen als Fleisch- und Fischesser. Auch weist ihre Nahrung meist eine geringere Gesamtenergie- sowie Fettzufuhr auf. Die niedrigere Kalorienzufuhr ist zum Teil auf das höhere Volumen der aufgenommenen Nahrung zurückzuführen, das eine schnellere Sättigung bewirkt.

Veganer nehmen kein/kaum Cholesterin aus der Nahrung auf, da dieses nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist. Die Zufuhr an Eiweiß ist ebenfalls niedriger als bei der Vergleichsgruppe, liegt jedoch selten unter den Empfehlungen [Dav 2003].

Verschiedene Verzehrserhebungen von Veganern, Vegetariern und Fleischessern zeigen, dass die Mikronährstoff-Versorgung bei Veganern – bis auf wenige Ausnahmen – in der Regel besser ist als in den Vergleichsgruppen. Insbesondere die Aufnahme von Vitamin B1, C und E sowie Folsäure, Zink, Eisen, Magnesium und Kalium ist höher. Auch die Aufnahme von sekundären Pflanzenstoffen ist überdurchschnittlich. Erste Untersuchungen zeigten zum Beispiel höhere Blutkonzentrationen an Carotinoiden [WAL 2005]. Darüber hinaus wiesen die in der EPIC-Studie untersuchten Veganer im Vergleich zu den Nicht-Vegetariern deutlich höhere Blutkonzentrationen an Isoflavonen auf [PEE 2007].

Die niedrigsten Ergebnisse finden sich bei Vitamin A, B12 und D sowie Kalzium und Zink [Dav 2003]. Ältere Untersuchungen zeigten neben der unzureichenden Versorgung mit Vitamin D, Kalzium und Zink ebenfalls eine verminderte Aufnahme von Vitamin B2 und B6 [Maj 2006], [WAL 2003] sowie Eisen [Hav 1994] [Dwy 1999]. In der deutschen Vegan Studie wurde gezeigt, dass Veganer nur 40 Prozent der empfohlenen täglichen Zufuhrmenge für Jod erreichen [WAL 2003].

Der Versorgungsstatus von Vegetariern sowie Veganern wird jedoch maßgeblich dadurch bestimmt, welche Lebensmittel verzehrt werden. Demnach liegt die Jodzufuhr bei Veganern, die große Mengen an Meeresalgen zuführen, häufig im Referenzbereich und teilweise sogar deutlich darüber.

Die Vitamin B12-Zufuhr ist bei den Veganern in der Hälfte der Fälle als unzureichend einzustufen [Gil 2010]. Bei einer dauerhaften veganen Kost sollte Vitamin B12 über entsprechend Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden. Eine verlässliche Versorgung mit Vitamin B12 aus pflanzlichen Lebensmitteln ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich.

Einen besonderen Stellenwert um pflanzliche Vitamin B12-Quellen nahm zuletzt die Diskussion um Vitamin B12-haltige Algen ein. Bisher ist jedoch nur unzureichend geklärt, ob diese auch für den Menschen nutzbar sind [Wat 2002] [Che 2008]. Spirulina-Algen hingegen enthalten humanbiologisch inaktive Cobalamin-Analoga und stellen keine geeigneten Quellen für Vitamin B12 dar [Wat 2013] [Wat 2007]. Diskutiert wird auch, inwiefern eine hohe Aufnahme an Cobalamin-Analoga die Aufnahme von bioverfügbarem Vitamin B12 blockiert, da diese die Transportmoleküle besetzen und somit die Gesamtaufnahme senken können. Da bisher wenige aussagekräftige Studien vorliegen, ist davon auszugehen, dass Algen keine verlässlichen Vitamin B12-Lieferanten sind und allenfalls einen ergänzenden Beitrag leisten können.

Ebenfalls häufig diskutiert wird die Vitamin B12-Versorgung durch körpereigene Bakterien. Da Vitamin B12-produzierende Bakterien vor allem im Dickdarm aktiv sind und die Aufnahme von Vitamin B12 in der Regel in den Schleimhäuten des Mundraumes und des Dünndarmes stattfindet, wird das körpereigene produzierte Vitamin B12 ungenutzt ausgeschieden.

Auswirkungen in Schwangerschaft und Stillzeit

Im Rahmen der veganen Ernährung kann es infolge der eingeschränkten Lebensmittelauswahl zu deutlichen Engpässen in der Nährstoffversorgung kommen. Hier ist umfangreiches Ernährungswissen gefragt. Die vegane Kost in Schwangerschaft und Stillzeit erfordert daher eine sorgfältige Planung, um die ausreichende Versorgung zu gewährleisten. Dies ist teilweise nur über Nahrungsergänzungsmittel möglich.

Während der Schwangerschaft ist eine ausreichende Nahrungsenergie- und Proteinzufuhr sowie die Versorgung mit essenziellen Fettsäuren (insbesondere DHA), Vitamin B6, Vitamin B12 und Vitamin D sowie Eisen, Folsäure, Jod, Kalzium sowie Zink sicherzustellen.

Bisher liegen nur wenige Untersuchungen zur Nährstoffversorgung und Muttermilchzusammensetzung von vegan lebenden Müttern bzw. Stillenden vor. Bei verschiedenen Nährstoffen ist der Bedarf noch deutlich höher als in der Schwangerschaft. Zum einen benötigt der mütterliche Organismus mehr Energie und Nährstoffe, um die Muttermilch zu produzieren. Zum anderen gilt es sowohl den Bedarf des Säuglings (Aufbau Körpersubstanz) als auch den Bedarf der Mutter (Ausgleich der Nährstoffverluste in der Schwangerschaft, Abgabe von Vitaminen in die Muttermilch und Aufrechterhaltung der Nährstoffreserven) zu decken. Die Zusammensetzung der Muttermilch und damit der Gehalt an Mikronährstoffen ist weitgehend abhängig von den mütterlichen Reserven sowie der Zusammensetzung der aufgenommenen Speisen.

Zur Ernährung von Kindern und Jugendlichen verweisen wir auf die Empfehlungen bzw. Leitlinien der Fachgesellschaften. Abschließend ist anzumerken, dass eine vegane Ernährung in diesen Lebensphasen ohne ausführliche Vorbereitung und ärztliche bzw. ernährungsmedizinische Abklärung und Begleitung nicht empfehlenswert ist.

Produkt zum Warenkorb hinzugefügt!
0 items - 0,00