Vegane Ernährung – Motive und Auswirkungen auf die Gesundheit

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Die vegane Ernährung ist eine der großen Ernährungstrends der letzten Jahre. Während sich Gegner und Befürworter oft um Kopf und Kragen reden, wollen wir mit diesem Beitrag weder eine Empfehlung dafür noch eine Be- oder Verurteilung dagegen abgeben. Es gibt zahlreiche Gründe, sich für diese Ernährungsweise zu entscheiden und jeder hat das Recht (und die Pflicht), dies eigenverantwortlich zu entscheiden.

Der vorliegende Text konzentriert sich daher auf eine sachliche Darstellung der Motive sowie mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit und wirft einen Blick auf die kritischen Nährstoffe. Im Praxisbeitrag „Praktische Umsetzung einer rein pflanzlichen Ernährung“ leiten wir daraus entsprechende Empfehlungen ab, um Unterversorgungen und langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen möglichst zu vermeiden.

Verbreitung und Motive

Genaue Angaben zur Anzahl vegetarisch oder vegan lebender Menschen gibt es nicht. Die vorhandenen Zahlen stützen sich meist auf Schätzungen nationaler Verbände und Organisationen oder stammen aus nicht repräsentativen Bevölkerungsbefragungen. Der Vegetarierbund Deutschland e. V. schätzt, dass sich 2015 etwa 7,8 Millionen Bundesbürger vegetarisch und 900.000 vegan ernähren (VEBU 2015). Hinzu kommen immer mehr Menschen, die sich bewusst fleischarm ernähren oder zu den sogenannten Flexitariern gehören. Auffällig ist zudem, dass Frauen sich deutlich häufiger vegetarisch ernähren als Männer.

Davon profitiert auch der Handel. Dieser verzeichnet deutliche Umsatzzuwächse durch vegane Fleisch- und Milchalternativen sowie Frühstücksprodukte mit pflanzlichen Brotaufstrichen, Müsli oder Cornflakes [GfK 2015]. Auch Verlage, Gastronomiebetriebe oder Reiseveranstalter und Hotels nutzen die Entwicklung für sich.

 

 

Die Beweggründe für eine vegane Ernährungs- bzw. Lebensweise sind dabei vielfältig. Kultur, Umwelt und Elternhaus sowie Medien und Religion spielen oft eine Rolle. Häufig folgt der Entschluss nach intensiver Beschäftigung mit den Bedingungen in der Massentierhaltung, der Fleisch- und Milchproduktion sowie den Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Eine klare Abgrenzung der einzelnen Gründe ist nicht immer möglich, da sich diese teilweise gegenseitig bedingen. Meist geben Veganer mehrere Gründe für ihre Entscheidung an.

Ethisch-moralische Gründe
  • Jegliche Form von Tierleid und die Beteiligung daran wird abgelehnt. Das bezieht vor allem die Formen der Massentierhaltung sowie die üblichen Bedingungen in der Fleisch- und Milchproduktion ein.
  • Tierische Lebensmittel werden als Beitrag zur Lösung des Welthungerproblems abgelehnt.
  • Es besteht Mitgefühl bzw. Mitleid mit den Tieren.
Religiöse/ spirituelle Gründe
  • Das Töten eines Lebewesens wird als Unrecht oder Sünde angesehen.
  • Das Fleischverbot begründet sich auf den Glauben der „Seelenwanderung“.
  • Der Glaube basiert auf einer Weltreligion mit starker Ausprägung des Vegetarismus bzw. Veganismus (Buddhismus, Hinduismus, Ahimsa-Lehre/ Jainismus).
  • Stress, Angst und Panik der Tiere werden mit der Nahrung aufgenommen und beeinflussen die eigene Energie.
Ökologische Gründe
  • Tierische Lebensmittel werden zur Verminderung der durch die von Massentierhaltung verursachten Umweltschäden sowie der negativen Auswirkungen auf Boden, Luft und Wasser abgelehnt.
  • Die Fleischproduktion verursacht die Abholzung des Regenwaldes; verstärkt den Treibhauseffekt, führt zu Überweidung mit Auslaugung der Böden, Überdüngung und Verunreinigung des Grundwassers.
  • Fischfang führt zur Überfischung der Weltmeere bzw. verschmutzten Abwässern aus der Zucht.
Ökonomische Gründe
  • Die falsche Verteilung von Nahrung und Ressourcen wird als Ursache für den Welthunger angesehen (Soja und Getreide, Fischerträge und Molkereiprodukte dienen als Futtermittel – gleichzeitig hungern Milliarden von Menschen)
  • Der Anbau von Exportprodukten durch multinationale Konzerne (z. B. in Afrika) verdrängt einheimische Kleinbauern und verhindert den Anbau von Grundnahrungsmitteln für die dortige Bevölkerung.
  • Es kommt zu Energieverlusten bei der Umwandlung von Nahrungsprotein (Beispiel: 16 kg Futter + 15.000 l Wasser = 1 kg Rindfleisch).
Gesundheitliche Gründe
  • Die pflanzliche Ernährung wird mit einer Vielzahl positiver gesundheitlicher Vorteile in Verbindung gebracht. Dazu zählen: allgemeine Gesunderhaltung durch pflanzliche Kost, Gewichtsreduktion, Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Prophylaxe/Heilung bestimmter Erkrankungen und eine verminderte Schadstoffaufnahme beispielsweise von Antibiotika.
Sonstige Gründe
  • Ekel, Lebensmittelskandale
  • Abneigung gegen den Anblick toter Tiere oder den Geschmack generell
  • Erziehung
  • Gruppenzugehörigkeit
  • Trends

Mögliche Auswirkungen auf die Gesundheit

Gesundheitsfördernde Hinweise

Zahlreiche Studien zeigen präventive Wirkungen einer vegetarischen/veganen Ernährungsweise auf die Entstehung chronischer Erkrankungen und damit verbunden dem Sterblichkeitsrisiko. Die meisten Studien untersuchten dabei eine vegetarische Ernährungsweise. Es existieren darunter zahlreiche Ernährungsstudien zu den Verzehrsgewohnheiten von Vegetariern.

Wie bei den meisten Ernährungsstudien ist allerdings davon auszugehen, dass die zumeist aus Fragebögen gewonnenen Daten durch falsch gemachte Angaben sowie „underreporting“ verzerrt sind. Zudem liegen die großen Vegetarierstudien zum Teil schon lange zurück und die Lebensweise der Vegetarier und Veganer hat sich im Vergleich zu damals doch stark verändert.

Pauschal lässt sich ein gesundheitlicher Vorteil der veganen Ernährungsweise gegenüber einer abwechslungsreichen, bedarfsgerechten Ernährung mit moderatem Fleischkonsum nicht bestätigen. Veganer und Vegetarier neigen vielmehr zu einer insgesamt gesünderen Lebensweise mit geringem Alkoholkonsum, Nichtrauchen, ausreichend Bewegung, niedriger Aufnahme von Transfetten sowie einer hohen Aufnahme von Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffe. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Die ausgewählten Studien in der folgenden Tabelle sind also unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten. Die vegane und die vegetarische Ernährungsweise lassen sich in Studien oft nicht sauber abgrenzen, sodass diese Ernährungsweisen auch in den zitierten Studien meist zusammengefasst sind.

Prävention/Therapie

Mechanismen/Studien

Gesamtmortalität

    • Den Ergebnissen einer Meta-Analyse zufolge hatten Vegetarier im Vergleich zu Nicht-Vegetariern ein signifikant geringeres Risiko an einer ischämischen Herzkrankheit oder Krebs zu sterben [Hua 2012].
    • In der EPIC-Oxford-Studie wiesen Vegetarier und Veganer eine deutlich niedrigere Gesamtmortalität gegenüber den Nicht-Vegetariern mit einem hohen Fleischkonsum auf [Key 2009].
    • In einer weiteren Untersuchung wiesen Vegetarier sowie Fisch- und Selten-Fleischesser (<1 Mal pro Woche) gegenüber Viel-Fleischessern ein ähnlich geringeres Mortalitätsrisiko auf [Key 1999]. 

Übergewicht

    • Mehrere Studien zeigen, dass Veganer und Vegetarier im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung seltener übergewichtig sind und einen niedrigeren Body-Mass-Index sowie ein durchschnittlich geringeres Körpergewicht aufweisen als Nicht-Vegetarier.
    • Die niedrigsten BMI-Werte weisen jedoch in der Regel Veganer auf [App 1998] [Spe 2003].

Diabetes mellitus

    • In der Adventist-Health Study II lag die Diabetes-Prävalenz bei Nicht-Vegetariern bei 7,6 Prozent, bei Lakto-(Ovo)-Vegetariern bei 3,2 Prozent und bei Veganern bei 2,9 Prozent [Ton 2009].
    • Zudem zeigen sich in kleineren Beobachtungsstudien mit chinesischen und taiwanesischen Vegetariern, dass diese im Vergleich zu Nicht-Vegetariern niedrigere Blutzuckerspiegel und eine höhere Insulinsensitivität aufweisen [Kuo 2004] [Hun 2006]. 
    • Meta-Analysen deuten darauf hin, dass das Diabetesrisiko in direktem Zusammenhang mit dem Glykämischen Index (GI) und dem Verzehr von Fleisch steht.
    • In Interventionsstudien konnten adipöse Typ 2-Diabetiker, die sich für die Dauer der Beobachtung vegan ernährten, ihr Körpergewicht sowie die Einnahme von Medikamenten (zur Diabetesbehandlung) verringern. Zudem verbesserten sich die Blutzuckerwerte und das Lipidprofil [Bar 2006].
    • Die Effekte werden auf eine höhere Ballaststoffaufnahme, eine geringere Zufuhr an Transfettsäuren, eine bessere Insulinempfindlichkeit der Gewebe und mehr Bewegung zurückgeführt.

Hypertonie (Bluthochdruck)

    • Vegetarier und Veganer weisen häufig niedrigere Blutdruckwerte auf als nicht-vegetarische Vergleichsgruppen [Ber 2005].
    • Eine Kohorte der Adventist-Health Study wies sogar eine um 50 Prozent geringere Rate an Bluthochdruck auf [Fra 1999].
    • Die Effekte werden auf ein niedrigeres Körpergewicht, das Bevorzugen pflanzlicher Lebensmittel (erhöhte Aufnahme von Magnesium und Kalium), die geringere Gesamtfett- und Cholesterinzufuhr sowie die höhere Zufuhr an einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren zurückgeführt.

Krebserkrankungen

    • Eine Auswertung mehrerer epidemiologischer Studien zeigte eine verringerte Krebsmortalität und ein niedrigeres Erkrankungsrisiko für Krebs sowohl für Männer als auch für Frauen [Tan 2013] [Hua 2012].
    • In der Oxford Vegetarian Study wiesen Vegetarier ein um 40 Prozent niedrigeres Krebs-Mortalitätsrisiko auf als Nicht-Vegetarier [Tho 1994].
    • Bei Veganern konnte ebenfalls ein geringeres Erkrankungsrisiko für alle Krebsarten festgestellt werden [Tan 2013].
    • Veganer weisen aufgrund der geringeren Zufuhr von Protein häufig niedrigere Blutspiegel des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1 (IGF-1) auf, welcher die Entstehung einiger Tumorarten in Brust, Darm und Prostata beeinflussen soll [Fon 2006].
    • Eine spätere Auswertung von fünf prospektiven Studien konnte hingegen kein signifikant verringertes Sterblichkeitsrisiko für Dickdarm-, Magen-, Lungen- und Prostatakrebs von Vegetariern gegenüber Nicht-Vegetariern zeigen [Key 1999].
    • Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum ermittelte hinsichtlich der Krebsmortalität keine wesentlichen Unterschiede zwischen der vegetarischen und der nicht-vegetarischen Gruppe. Das deutlich geringere Risiko, an einer Krebserkrankung zu sterben, führen die Autoren auf den häufig gesünderen Lebensstil zurück [Cha 2005]. 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

    • Mehrere Meta-Analysen zeigten für Vegetarier ein geringeres Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu sterben [Key 1999] [Hua 2012] [Fra 1999].
    • Auch eine Auswertung der EPIC-Oxford-Studie zeigte, dass Vegetarier gegenüber Nicht-Vegetariern ein deutlich geringeres Risiko aufweisen, im Laufe ihres Lebens eine ischämische Herzkrankheit zu entwickeln [Cro 2013]. 
    • Eine Auswertung von zahlreichen Interventionsstudien zeigte, dass sich die Umstellung auf eine vegetarische Kost günstig auf das Lipidprofil der Teilnehmer auswirkte. 
    • Unter lakto-vegetarischer und veganer Kost wiesen die Teilnehmer niedrigere Triglyzerid- und LDL-Cholesterin-Konzentrationen auf [Fer 2009]. 
    • Einige Untersuchungen bestätigen dieses Ergebnis, während andere keine Unterschiede ermitteln konnten.
    • Veganer (und teilweise Vegetarier) weisen – meist infolge der geringen oder fehlenden Vitamin B12-Zufuhr –  häufig erhöhte Homocysteinwerte im Blut auf. Diese stellen einen Risikofaktor für Arteriosklerose und damit Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar.
    • Trotzdem zeigte sich in einer kleineren Studie, dass taiwanesische Veganer und Vegetarier ein deutlich geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten aufweisen als nicht-vegetarische Vergleichsgruppen [Che 2008].
    • Die Effekte werden auch hier auf eine häufig gesündere Lebensweise, einen hohen Obst- und Gemüseverzehr und niedrigeren Verzehr an ungünstigen Fetten zurückgeführt.

Rheumatoide Arthritis

    • Bei Patienten mit rheumatoider Arthritis konnten in Untersuchungen die Symptome der Erkrankung durch eine vegane oder lakto-vegetarische Kost gemildert werden [McD 2002]. 
    • Zurückzuführen ist dies unter anderem auf das Meiden von Fleisch und Fisch und der damit einhergehenden fehlenden Zufuhr von Arachidonsäure (Ausgangsstoff für entzündungsfördernde Eicosanoide) sowie auf die erhöhte Aufnahme von sekundären Pflanzenstoffen.

Auch für die Erkrankungsbilder Demenz, Hyperurikämie und Gicht, Nierenerkrankungen sowie Katarakt liegen vereinzelt Studien vor, die den Einfluss einer vegetarischen und/oder veganen Ernährungsweise auf das Erkrankungsbild untersuchten. Gegenwärtig können hierzu jedoch noch keine konkreten Ergebnisse dargestellt werden.

 

 

Krankheitsfördernde Hinweise

Im Rahmen einer schlecht geplanten veganen Ernährungsweise (ohne die Einnahme von Supplementen) ist das Risiko einer unzureichenden Zufuhr essenzieller Nährstoffe gegeben. Dies kann bedingt sein durch:

  • geringere Bioverfügbarkeit pflanzlicher Lebensmittel (insbesondere Folsäure, Zink, Eisen)
  • Wechselwirkungen mit anderen Nahrungsbestandteilen/Medikamenten
  • einseitige Nahrungszusammenstellung
  • unzureichende Nahrungsenergiezufuhr
  • unzureichende Aufnahme an essenziellen Fettsäuren bzw. ungünstiges Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren
  • unausgeglichene Zufuhr an Aminosäuren
  • Verzicht auf Nahrungsergänzungsmittel (insbesondere Vitamin B12 im Rahmen veganer Ernährung)

Prävention/Therapie

Mechanismen/Studien

Osteoporose

    • Im Gegensatz zu Vegetariern zeigte sich bei Veganern in einigen Studien ein erhöhtes Osteoporoserisiko infolge einer geringeren Knochenmineraldichte [New 2004] [Smi 2006] [App 2007].
    • Das Frakturrisiko der veganen Teilnehmer wurde vor allem auf eine unzureichende Kalziumversorgung zurückgeführt.
    • Veganer, die täglich mindestens 525 mg Kalzium aufnahmen, zeigten kein Risiko.
    • Bei einem Vergleich vegan lebender buddhistischer Nonnen und Nicht-Vegetarierinnen selben Alters (durchschnittlich 61 Jahre) ergaben sich hingegen keine Unterschiede hinsichtlich der Knochenmineraldichte und dem Osteoporoserisiko.
    • Obwohl die Nonnen nur halb so viel Kalzium aufnahmen und darüber hinaus häufiger einen Vitamin D-Mangel aufwiesen, zeigten sie weder ein höheres Frakturrisiko noch Anzeichen eines erhöhten Knochenabbaus [Hop 2009] [Hop 2012].

Unterversorgungen/ Mangelerscheinungen

    • Veganer zeigen häufig Unterversorgungen an den Vitaminen A, D und B12 sowie den Mineralstoffen Kalzium, Eisen und Zink [Dav 2003].

Auswirkungen auf die Nährstoffaufnahme

Ergebnisse der EPIC-Oxford Studie zeigen, dass Veganer in der Regel mehr Kohlenhydrate (Fruktose aus Obst sowie Stärke) und Ballaststoffe (Gemüse, Nüsse, etc.) zu sich nehmen als Fleisch- und Fischesser. Auch weist ihre Nahrung meist eine geringere Gesamtenergie- sowie Fettzufuhr auf. Die niedrigere Kalorienzufuhr ist zum Teil auf das höhere Volumen der aufgenommenen Nahrung zurückzuführen, das eine schnellere Sättigung bewirkt.

Veganer nehmen kein/kaum Cholesterin aus der Nahrung auf, da dieses nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist. Die Zufuhr an Eiweiß ist ebenfalls niedriger als bei der Vergleichsgruppe, liegt jedoch selten unter den Empfehlungen [Dav 2003].

Verschiedene Verzehrserhebungen von Veganern, Vegetariern und Fleischessern zeigen, dass die Mikronährstoff-Versorgung bei Veganern – bis auf wenige Ausnahmen – in der Regel besser ist als in den Vergleichsgruppen. Insbesondere die Aufnahme von Vitamin B1, C und E sowie Folsäure, Zink, Eisen, Magnesium und Kalium ist höher. Auch die Aufnahme von sekundären Pflanzenstoffen ist überdurchschnittlich. Erste Untersuchungen zeigten zum Beispiel höhere Blutkonzentrationen an Carotinoiden [WAL 2005]. Darüber hinaus wiesen die in der EPIC-Studie untersuchten Veganer im Vergleich zu den Nicht-Vegetariern deutlich höhere Blutkonzentrationen an Isoflavonen auf [PEE 2007].

Die niedrigsten Ergebnisse finden sich bei Vitamin A, B12 und D sowie Kalzium und Zink [Dav 2003]. Ältere Untersuchungen zeigten neben der unzureichenden Versorgung mit Vitamin D, Kalzium und Zink ebenfalls eine verminderte Aufnahme von Vitamin B2 und B6 [Maj 2006], [WAL 2003] sowie Eisen [Hav 1994] [Dwy 1999]. In der deutschen Vegan Studie wurde gezeigt, dass Veganer nur 40 Prozent der empfohlenen täglichen Zufuhrmenge für Jod erreichen [WAL 2003].

Der Versorgungsstatus von Vegetariern sowie Veganern wird jedoch maßgeblich dadurch bestimmt, welche Lebensmittel verzehrt werden. Demnach liegt die Jodzufuhr bei Veganern, die große Mengen an Meeresalgen zuführen, häufig im Referenzbereich und teilweise sogar deutlich darüber.

Die Vitamin B12-Zufuhr ist bei den Veganern in der Hälfte der Fälle als unzureichend einzustufen [Gil 2010]. Bei einer dauerhaften veganen Kost sollte Vitamin B12 über entsprechend Nahrungsergänzungsmittel zugeführt werden. Eine verlässliche Versorgung mit Vitamin B12 aus pflanzlichen Lebensmitteln ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich.

Einen besonderen Stellenwert um pflanzliche Vitamin B12-Quellen nahm zuletzt die Diskussion um Vitamin B12-haltige Algen ein. Bisher ist jedoch nur unzureichend geklärt, ob diese auch für den Menschen nutzbar sind [Wat 2002] [Che 2008]. Spirulina-Algen hingegen enthalten humanbiologisch inaktive Cobalamin-Analoga und stellen keine geeigneten Quellen für Vitamin B12 dar [Wat 2013] [Wat 2007]. Diskutiert wird auch, inwiefern eine hohe Aufnahme an Cobalamin-Analoga die Aufnahme von bioverfügbarem Vitamin B12 blockiert, da diese die Transportmoleküle besetzen und somit die Gesamtaufnahme senken können. Da bisher wenige aussagekräftige Studien vorliegen, ist davon auszugehen, dass Algen keine verlässlichen Vitamin B12-Lieferanten sind und allenfalls einen ergänzenden Beitrag leisten können.

Ebenfalls häufig diskutiert wird die Vitamin B12-Versorgung durch körpereigene Bakterien. Da Vitamin B12-produzierende Bakterien vor allem im Dickdarm aktiv sind und die Aufnahme von Vitamin B12 in der Regel in den Schleimhäuten des Mundraumes und des Dünndarmes stattfindet, wird das körpereigene produzierte Vitamin B12 ungenutzt ausgeschieden.

 

 

Auswirkungen in Schwangerschaft und Stillzeit

Im Rahmen der veganen Ernährung kann es infolge der eingeschränkten Lebensmittelauswahl zu deutlichen Engpässen in der Nährstoffversorgung kommen. Hier ist umfangreiches Ernährungswissen gefragt. Die vegane Kost in Schwangerschaft und Stillzeit erfordert daher eine sorgfältige Planung, um die ausreichende Versorgung zu gewährleisten. Dies ist teilweise nur über Nahrungsergänzungsmittel möglich.

Während der Schwangerschaft ist eine ausreichende Nahrungsenergie- und Proteinzufuhr sowie die Versorgung mit essenziellen Fettsäuren (insbesondere DHA), Vitamin B6, Vitamin B12 und Vitamin D sowie Eisen, Folsäure, Jod, Kalzium sowie Zink sicherzustellen.

Bisher liegen nur wenige Untersuchungen zur Nährstoffversorgung und Muttermilchzusammensetzung von vegan lebenden Müttern bzw. Stillenden vor. Bei verschiedenen Nährstoffen ist der Bedarf noch deutlich höher als in der Schwangerschaft. Zum einen benötigt der mütterliche Organismus mehr Energie und Nährstoffe, um die Muttermilch zu produzieren. Zum anderen gilt es sowohl den Bedarf des Säuglings (Aufbau Körpersubstanz) als auch den Bedarf der Mutter (Ausgleich der Nährstoffverluste in der Schwangerschaft, Abgabe von Vitaminen in die Muttermilch und Aufrechterhaltung der Nährstoffreserven) zu decken. Die Zusammensetzung der Muttermilch und damit der Gehalt an Mikronährstoffen ist weitgehend abhängig von den mütterlichen Reserven sowie der Zusammensetzung der aufgenommenen Speisen.

NährstoffBedarfRisiken bei UnterversorgungHinweise auf Unterversorgung und Empfehlungen
EnergieLink
    • Fehlgeburten
    • niedrigere Energie- und Eiweißaufnahme sowie geringerer BMI  mit geringerer Gewichtszunahme während der Schwangerschaft [Str 2011]
Omega-3-FettsäurenLink
    • Störungen der Gehirnentwicklung und des Sehvermögens des Kindes
    • Versorgung mit tierischen Vertretern EPA und DHA praktisch unmöglich
    • auch gezielte ALA-Supplementation (über angereicherte Margarine) beeinflusst den DHA-Status der Schwangeren nicht [DEG 2004]
    • Zufuhr über Nahrungsergänzungen (z. B. über Mikroalgenöl)
Vitamin ALink
    • Missbildungen und Entwicklungsstörungen des Kindes
    • Schwangere nach Mehrlingsgeburten oder wiederholter Schwangerschaft (innerhalb von 18 Monaten) zeigten niedrige Retinol-Werte im Blut und in der Nabelschnur auf [Sch 2007].
    • Vitamin A-Versorgung über das in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommende Provitamin A (Betacarotin) möglich
Vitamin B6Link
    • Krampfanfälle beim Neugeborenen
    • Wachstumsstörungen, Anämie, Störungen des Nervensystems sowie der Haut- und Schleimhautentwicklung
    • Zufuhr liegt häufig unter den Empfehlungen
    • Ernährung des Säuglings mit Formula erwägen
Vitamin B12Link
    • Neuralrohrdefekte (NRD), Präeklampsie, Fehlgeburten
    • schwere Wachstums- und Entwicklungsstörungen sowie irreversible neurologische Schäden des Kindes
    • Status ist meist nicht zufriedenstellend
    • Zufuhr über angereicherter Lebensmittel und/oder Nahrungsergänzungen
Vitamin DLink
    • Gestationsdiabetes und Präeklampsie
    • Störungen des Kalziumstoffwechsels von Mutter und Kind mit der Folge von Wachstumsstörungen und geringer Knochendichte
    • Rachitis des Kindes
    • Versorgung häufig unzureichend
    • ausreichende Zufuhr über Nahrungsergänzungen erwägen
    • ausreichend Aufenthalt im Freien gewährleisten
EisenLink
    • Eisenmangelanämie der Mutter
    • Fehl- oder Frühgeburten des Kindes
    • Anämie des Kindes
    • kognitive Störungen des Kindes
    • Kinder unzureichend versorgter Mütter weisen häufig ein niedriges Geburtsgewicht auf
    • Berücksichtigung resorptionsfördernder (Vitamin C) und resorptionshemmender (Polyphenole) Substanzen,  um die Eisenverfügbarkeit aus pflanzlichen Lebensmitteln zu verbessern
    • alternativ Einnahme von Eisenpräparaten erwägen
FolsäureLink
    • schwere Fehlbildungen des zentralen Nervensystems – insbesondere von Neuralrohrdefekten (NRD)
    • Frühgeburten
    • Supplementation wird generell in Schwangerschaft und Stillzeit empfohlen
JodLink
    • gestörte körperliche und geistige Entwicklung des Kindes
    • Früh- bzw. Totgeburten sowie Missbildungen des Kindes
    • Kretinismus
    • Verwendung von jodiertem Speisesalz und Jod-angereicherten Lebensmitteln
    • moderater Konsum von Algenprodukten
    • alternativ Einnahme von Jodtabletten erwägen
KalziumLink
    • Abnahme der Knochendichte und Osteoporoserisiko der Mutter
    • Versorgungsstatus häufig unzureichend
    • Supplementation konnte Risiko einer Schwangerschaftshypertonie (Präeklampsie) bei Frauen mit niedriger alimentärer Kalziumzufuhr um bis zu 50 Prozent reduzieren [Hof 2010] Bup 2011]
    • Verzehr angereicherter Lebensmittel (z. B. Pflanzendrinks)
    • kalziumreiche Mineralwässer bevorzugen
ZinkLink
    • Entwicklungsstörungen des Kindes
    • Aufnahme liegt häufig unter Empfehlungen
    • Berücksichtigung geringerer Bioverfügbarkeit aus pflanzlichen (insbesondere phytatreichen) Lebensmitteln
    • bestimmte Zubereitungsarten nutzen

Zur Ernährung von Kindern und Jugendlichen verweisen wir auf die Empfehlungen bzw. Leitlinien der Fachgesellschaften. Abschließend ist anzumerken, dass eine vegane Ernährung in diesen Lebensphasen ohne ausführliche Vorbereitung und ärztliche bzw. ernährungsmedizinische Abklärung und Begleitung nicht empfehlenswert ist.