FETeV Newsletter 2026-9

02.03.2026

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Der Newsletter erscheint bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich.


Studie: Fünf Laborwerte zeigen drohende Multimorbidität im hohen Alter an

Viele Menschen entwickeln im höheren Alter mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig. Eine große Langzeitstudie aus Schweden deutet darauf hin, dass sich ein erhöhtes Risiko dafür in bestimmten Blutwerten bereits früh abzeichnen kann. In den Daten waren fünf Laborwerte über verschiedene Krankheitsmuster hinweg auffällig: GDF15, Cystatin C, HbA1c, Leptin und Insulin [Orn 2026].

Was könnten die 5 Marker bedeuten (vereinfacht)

  • HbA1c (Langzeitblutzucker): Hinweis auf dauerhaft erhöhte Blutzuckerbelastung. Typische Risiken sind Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und Folgeerkrankungen durch Gefäßschäden.
  • Insulin: Hinweis auf Insulinresistenz und frühe Störung der Glukoseregulation Typische Risiken sind Metabolisches Syndrom, Typ-2-Diabetes, Hypertonie und kardiometabolische Erkrankungen.
  • Leptin: Oft erhöht bei hoher Fettmasse und gestörter Appetit- sowie Energieregulation (Leptinresistenz). Typische Risiken sind Adipositas-assoziierte Folgeerkrankungen, insbesondere Diabetes und Herz-Kreislauf-Risiko.
  • Cystatin C: Marker, der die Nierenfunktion sensibel abbilden kann. Typische Risiken sind chronische Nierenerkrankungen und damit verbunden ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.
  • GDF15: Ein unspezifischer Stress- und Belastungsmarker, u. a. bei mitochondrialem Stress. Hinweis auf allgemeine Krankheitsanfälligkeit. In Studien wird GDF15 häufig mit höherem Risiko für kardiometabolische Erkrankungen, Entzündungs- und Belastungszustände und insgesamt ungünstigeren Verläufen assoziiert.

Die Marker zeigen vor allem ein gemeinsames Muster: Wenn Stoffwechsel und Energieregulation (HbA1c, Insulin, Leptin) sowie Organreserven (z. B. Niere über Cystatin C) unter Druck geraten und zusätzlich ein Stresssignal (GDF15) erhöht ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Alter mehrere Erkrankungen parallel entwickeln. Multimorbidität ist damit möglicherweise früher erkennbar, wenn Risiken nicht nur über einzelne Diagnosen, sondern über systemische Marker der Stoffwechsel- und Stressregulation betrachtet werden.

Grenzen: Die Studie zeigt Zusammenhänge und keine Garantie, dass bestimmte Erkrankungen entstehen. Die Marker können eher als Hinweis verstanden werden, dass zentrale Systeme wie Energiehaushalt, Stoffwechsel, Entzündung und Nierenfunktion unter Druck geraten. Es bleibt offen, inwieweit sich aus diesen Befunden unmittelbar interventionelle Konsequenzen ableiten lassen, da es sich um Beobachtungsdaten und nicht um Interventionsnachweise handelt.


Doku: Essen als Religion. Vom Zwang, sich gesund zu ernähren

Ernährung wird für viele Menschen zunehmend zu mehr als Versorgung. Sie dient als Identitätsmarker, moralischer Kompass und Projekt der Selbstoptimierung. Die ARD-Dokumentation beleuchtet, wie aus Regeln und Überzeugungen feste Rituale, Verbote und Glaubenssätze entstehen können und wie sich der ursprünglich gesundheitsbezogene Anspruch bei einzelnen Personen in eine rigide Ordnung mit hohem psychischem Druck verwandelt.

Im Mittelpunkt stehen mehrere Biografien, die unterschiedliche Ausprägungen moderner Ernährungsüberzeugungen zeigen. Unter anderem wird ein einstiger „Vegan-Guru“ in einer persönlichen Krise begleitet, die sein bisheriges Ernährungs- und Weltbild erschüttert. Zwei Sportlerinnen beschreiben ihre Entwicklung hin zu einem extrem kontrollierten Essverhalten mit der Ausprägung einer Essstörung und ihrem langen Weg zurück zur Gesundheit. Ein Journalist berichtet über seine Entwicklung von einer Low-Carb-Ernährung hin zu orthorektischen Mustern, bei denen Mahlzeiten primär nach Reinheit, Schuld und Kontrollierbarkeit bewertet werden. Die Doku ordnet diese Entwicklungen als Suche nach Sinn, Zugehörigkeit und Orientierung ein und zeigt zugleich die Fragilität solcher Konstruktionen, wenn körperliche oder psychische Belastungen zunehmen.

Für die Beratungspraxis: Die Doku macht damit Motive hinter restriktivem Essverhalten sichtbar, diskutiert Warnsignale von Orthorexie und arbeitet den Unterschied zwischen evidenzbasierter Ernährungsqualität und zwanghafter Kontrolle heraus. Relevant ist zudem der Umgang mit moralischer Aufladung von Ernährung, da diese häufig Scham, Schuld und soziale Abgrenzung verstärkt.


Best Practices: Ernährungsoptionen bei oraler Mukositis nach einer Krebstherapie

Orale Mukositis ist eine entzündliche Schädigung der Mundschleimhaut, die vor allem unter Strahlen und bestimmten Chemotherapien entsteht, weil sich Schleimhautzellen sehr schnell erneuern und dadurch besonders empfindlich auf die Behandlung reagieren. Typisch sind Rötungen, Brennen, Schmerzen und später auch wunde Stellen oder Ulzerationen. Das zentrale Risiko ist, dass Essen und Trinken zunehmend vermieden werden und dadurch Energie, Protein und Flüssigkeit nicht mehr ausreichend aufgenommen werden. In der Folge drohen Gewichtsverlust, Mangelernährung, Dehydratation und eine erhöhte Infektanfälligkeit, was wiederum Therapieunterbrechungen begünstigen kann. Im Beratungsalltag steht deshalb weniger die perfekte Kostform im Vordergrund, sondern eine pragmatische Strategie: Schleimhaut schonen, Schmerzen reduzieren, ausreichende Zufuhr sichern und Dehydratation vermeiden.

Praktische Ernährungsoptionen bei Mukositis

  • Weich und feucht statt trocken und krümelig: Breie, Pürees, Kartoffelstampf, Rührei, Hüttenkäse, weiche Pasta, gut gegarter Reis, milde Eintöpfe, cremige Suppen.
  • Energie und Protein verdichten, ohne mehr kauen zu müssen: Speisen mit Öl, Sahne, Nussmus, Avocado oder Käse anreichern. Protein über Joghurt, Quark, Skyr, Eier, weichen Fisch, Tofu oder Proteinpulver in Shakes einbauen.
  • Kühl kann entlasten: Kalte Getränke, gekühlte Speisen, Eiswürfel lutschen. Bei bestimmten Therapien wird orale Kryotherapie (Kälte) auch gezielt genutzt.
  • Trinken erleichtern: Wasser, stilles Mineralwasser, lauwarmer oder kühler Tee. Bei Bedarf kleine Schlucke über den Tag, Strohhalm kann helfen. Bei unzureichender Aufnahme energiereiche Trinknahrung erwägen.
  • Mundtrockenheit berücksichtigen: Flüssige Komponenten (Soßen, Brühen, Suppen) in Mahlzeiten einbauen. Speichelersatzprodukte zeitlich an Mahlzeiten anpassen, wenn sie genutzt werden.
  • Geschmack neutral halten: mild würzen, wenig Salzspitzen, keine scharfen Gewürze. Wenn Gerüche triggern, eher kalte Speisen oder neutrale Shakes nutzen.

Was besser gemieden wird (typische Trigger)

  • Sauer und stark gewürzt: Zitrusfrüchte, Essig, stark tomatenlastige Speisen, scharfe Gewürze.
  • Sehr heiß: heiße Getränke und Speisen, da Hitze die Schleimhaut reizt.
  • Hart, rau, kratzig: Toast, Chips, Nüsse, Knäckebrot, harte Krusten.
  • Alkohol: reizt Schleimhaut zusätzlich.

Eine sinnvolle Option kann zudem sein, die Nahrungsaufnahme zeitlich an die Schmerzlinderung zu koppeln, zum Beispiel nach lokaler Schmerztherapie. Das sollte immer mit dem Behandlungsteam abgestimmt sein, insbesondere wenn zusätzlich Schluckbeschwerden bestehen.


Gastbeitrag: Relatives Energiedefizit im Sport (REDs): Wenn Energiemangel krank macht

Unser neuer Gastbeitrag beleuchtet das relative Energiedefizit im Sport (REDs oder RED-S). Es tritt häufig bei Sportlerinnen auf und ist sowohl im Leistungssport als auch im Breitensport weit verbreitet. Das Syndrom kann ernährungsbedingte Problemen wie verminderte Knochendichte und gastrointestinale Beschwerden verursachen.

FETeV Plattform: Neue Veröffentlichungen und Aktualisierungen

Wir weisen auf folgende Veröffentlichungen/ Aktualisierungen auf unserer Website hin.

🔒 Fettleber: Das neue dynamische Folienset liefert praxistaugliche Slides zum Krankheitsbild und zur Ernährungstherapie bei Fettleber, geeignet für das Beratungsgespräch mit dem Patienten/ Klienten.

Schauen Sie auch regelmäßig bei unserer Website-Chronik vorbei.


Online-Seminar: Clinical Reasoning Teil 1

Veranstaltungstyp: Online-Seminar / Webinar
Datum: 23.03.2026 und 24.03.2026
Kooperation mit: Pohl Seminare / Diät-Ethik-Seminare
Referierende: Michaela Pohl
Kosten / Rabatt für Mitglieder: 10 % Rabatt auf 290 EUR
Kurzbeschreibung laut Veranstalter:

Teil I widmet sich den Denkprozessen im Clinical Reasoning, die während eines therapeutischen Gesprächs parallel ablaufen. Diese inneren Hypothesen, Bewertungen und Abwägungen werden strukturiert und reflektiert, um zu einer fundierten Ernährungsdiagnose im Sinne des G-NCP zu gelangen.

Der Patient mit seinen Wünschen, Bedürfnissen, Ressourcen und Grenzen ist integraler Bestandteil dieses Prozesses. Clinical Reasoning wird so zu einem flexiblen, praxisnahen Konzept für den Beratungsalltag und bildet eine zentrale Grundlage innerhalb des G-NCP.