FETeV Newsletter 2026-17

04.05.2026

|

Der Newsletter erscheint bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich.


Studie: Was wir essen, verändert unser Darmmikrobiom – und nicht immer zum Besseren

Das Darmmikrobiom reagiert direkt auf das, was wir essen. Das belegt ein umfassendes systematisches Review aus dem Journal of Translational Medicine (2026), das 80 kontrollierte klinische Studien zu 13 verschiedenen Ernährungsmustern ausgewertet hat. Die Befunde sind eindeutig: Mediterrane, pflanzenbasierte, ballaststoff- und polyphenolreiche Ernährungsweisen fördern konsistent das Wachstum sogenannter SCFA-produzierender Bakterien (kurzkettige Fettsäuren) und verringern gleichzeitig die Häufigkeit opportunistischer krankmachender Keime. Begleitend sinken in vielen Studien auch Entzündungsmarker im Blut.

Je nach Ernährungsform zeigt sich ein anderes Bild: In den ausgewerteten Studien war die Menge an SCFA-produzierenden Bakterien bei westlicher, ketogener, Low-FODMAP- und stark tierisch geprägter Ernährung reduziert. Diese Bakterien gelten als besonders wichtig für Darmbarriere, Immunregulation und Stoffwechsel. Interessant dabei ist, dass keine der untersuchten Interventionen – weder positive noch negative – konsistent die Gesamtdiversität des Mikrobioms veränderte. 

Das Review liefert damit eine wichtige Orientierung: Die Frage ist nicht nur wie viel jemand von welchem Nährstoff zu sich nimmt, sondern welche Bakteriengemeinschaft damit gefördert wird. Das gilt besonders in der Beratung bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen, Reizdarm oder metabolischem Syndrom. Allerdings mahnen die Autoren zur Vorsicht bei Vergleichen: Die Heterogenität in Methodik und Ergebnisberichten war erheblich. Präzisere Standards für Mikrobiomforschung bleiben eine dringende Aufgabe.


Sachbuch: Essen und essen lassen

Kaum ein Thema ist heute so aufgeladen wie Ernährung. Food Noise, Selbstoptimierungsdruck und allgegenwärtige „What I Eat in a Day“-Videos haben dazu geführt, dass viele Menschen ihr Verhältnis zum Essen längst verloren haben. Marlene Borchardt und Nora Burgard-Arp, beide Journalistinnen bei der ZEIT, nehmen dieses Phänomen in ihrem Buch Essen und essen lassen unter die Lupe und fragen, woher diese Überfrachtung eigentlich kommt.

Das Buch ist kein klassischer Ratgeber. Es beleuchtet in essayartigen Kapiteln, wie Kindheitsprägungen, gesellschaftliche Erwartungen und kommerzielle Interessen unser Essverhalten formen, oft unbewusst und oft bis ins Erwachsenenleben. Der Ton ist dabei nie belehrend, sondern einladend: zur Reflexion, zur Gelassenheit, zum Loslassen.

Essen und essen lassen erscheint als Gegengewicht zu Diätkultur und Schlankheitswahn sowie als Einladung, Essen wieder als das zu begreifen, was es sein sollte: Genuss ohne schlechtes Gewissen. Wer festgefahrene Denkmuster rund ums Essen hinterfragen möchte, findet hier einen klugen, zugänglichen Einstieg.

Marlene Borchardt, Nora Burgard-Arp: Essen und essen lassen Kösel-Verlag, Februar 2026, 208 Seiten, ISBN 978-3466373574


Best Practices: Ernährung in der Krebsnachsorge

Die Zahl der Krebsüberlebenden steigt. Gleichzeitig bleibt Ernährung als Bestandteil der Nachsorge in der Versorgung oft unsystematisch: Empfehlungen sind häufig allgemein gehalten, spezifische Nachsorgeleitlinien sind selten, und die Umsetzung scheitert in der Praxis nicht an fehlendem Wissen, sondern an Barrieren im Alltag.

Im Kern empfiehlt die Leitlinienlage eine überwiegend pflanzenbetonte Kost, ein gesundheitsorientiertes Gewichtsmanagement sowie regelmäßige körperliche Aktivität. In der frühen Phase nach Therapieende steht jedoch häufig nicht die Prävention, sondern die Rekonvaleszenz im Vordergrund: das Stabilisieren des Ernährungszustandes, Symptommanagement, eine ausreichende Protein- sowie Energiezufuhr und das Vermeiden unnötiger Restriktionen bei einem hohen Risiko für Mangelernährung.

Zentrale Praxisprinzipien für die Beratung

  • Phase klären: Direkt nach Therapieende den Fokus auf das Stabilisieren des Ernährungszustandes legen und Beschwerden managen, später Fokus auf langfristige Ernährungsqualität und Bewegung richten.
  • Ausreichende Protein- und Energiezufuhr sicherstellen: Bei Gewichtsverlust sind häufige Mahlzeiten, das Anreichern von Speisen mit energiereichen Zutaten oder bei Bedarf eine additive Trinknahrung sinnvoll. Die Proteinaufnahme sollte im Bereich von über 1 bis 1,5 g pro kg Körpergewicht pro Tag liegen.
  • Supplemente nüchtern einordnen: Hoch dosierte Mikronährstoffe sind ohne nachgewiesenen Mangel nicht empfohlen.
  • Restriktionen vermeiden, wenn ein Mangelernährungs-Risiko besteht: Diätvorschriften, die die Aufnahme einschränken, können bei bestehender oder drohender Mangelernährung schädlich sein.
  • Symptome strukturiert monitoren: Fatigue, Schmerzen, Neuropathien, kognitive oder psychische Belastungen sind häufige Barrieren. Das frühzeitige Symptommonitoring erleichtert hier alltagsnahe Anpassungen.
  • Informationshygiene aktiv mitdenken: Fehlinformationen, besonders in sozialen Medien, sind weit verbreitet. Qualitätsgesicherte Anlaufstellen sollten gezielt empfohlen werden.
  • Zugang zur Ernährungstherapie erleichtern: Kosten und Verfügbarkeit sind reale Hürden. Der Verweis auf qualifizierte Fachkräfte und klare Versorgungswege verbessert die Umsetzung.

Daraus ergibt sich ein pragmatischer Ansatz: Weniger perfekte Ernährungsideale und dafür mehr strukturierte, individuelle Begleitung entlang der Phase, der Symptome und der realen Ressourcen im Alltag.


FETeV Plattform: Neue Veröffentlichungen und Aktualisierungen

Wir weisen auf folgende Veröffentlichungen/ Aktualisierungen auf unserer Website hin.

Krebserkrankungen: Überarbeiteter Leitartikel zur Ernährung bei Krebs während konservativer Behandlungen und zur Nachsorge.

Gallensäureverlustsyndrom: Überarbeiteter Leitartikel zur Ernährung beim kompensierten sowie dekompensierten Gallensäureverlustsyndrom. 

Schauen Sie auch regelmäßig bei unserer Website-Chronik vorbei.


Online-Seminar: Immunmodulierende Ernährung, fundiert und praxisnah

Veranstaltungstyp: Online-Seminar / Webinar
Datum: 29.05.2026
Veranstaltet von: freiraum Seminare
Referierende: Birgit Blumenschein
Kosten / Rabatt für Mitglieder: 210 statt 240 EUR
Kurzbeschreibung laut Veranstalter:

Ernährungsfachkräfte stehen zunehmend vor der Aufgabe, chronische Entzündungsprozesse und immunologisch relevante Erkrankungen ernährungstherapeutisch kompetent zu begleiten. Das Webinar zeigt praxisnah, wie Ernährung nicht nur antientzündlich, sondern gezielt immunmodulierend wirken kann.

Vermittelt werden evidenzbasierte Grundlagen zu Ernährung, Darmmikrobiota, Immunsystem und psychoneuroimmunologischen Prozessen. Ergänzend geht es um konkrete ernährungstherapeutische Interventionen, eine antientzündliche Lebensmittelauswahl und Fallbeispiele für die Beratungspraxis.