Sarkopenie – Kleiner Steckbrief zum Krankheitsbild

Inhaltstyp: Kurzprofil ? Unsere Kurzprofile beinhalten übersichtliche Steckbriefe, Checklisten oder auch Kurzportraits zu Ernährungsberatungs- und -Ernährungstherapie-relevanten Aspekten.

Die strukturierte Übersicht erläutert Definition, Verbreitung, Ursachen, Formen, Entstehung, Symptomen, Komplikationen, Diagnostik und zentrale Therapiesäulen der Sarkopenie. Das Handout kann von Mitgliedern heruntergeladen und in Beratung und Therapie weitergegeben werden.

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Zuletzt aktualisiert:

23. August 2026

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Definition und Verbreitung

  • Definition: Sarkopenie ist der alters- oder krankheitsbedingte Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und -funktion, ausgelöst durch Faktoren wie Inaktivität, Mangelernährung oder chronische Erkrankungen. Sie ist seit 2018 offiziell als Muskelerkrankung mit eigenem ICD-10-Code (M62.5-) anerkannt.
  • Verbreitung: Häufig bei älteren Menschen, mit geschlechtsspezifischen Unterschieden je nach verwendeter Definition und Population; verstärkt durch chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, COPD und entzündliche Erkrankungen
  • Häufigkeit in Deutschland: Etwa 7 % der über 65-Jährigen sind betroffen (Frauen: 8,8 %, Männer: 5,2 %), mit deutlich höheren Prävalenzen bei Pflegeheimbewohnern (14-33 %) und hospitalisierten Patienten (10-25 %)

Ursachen und Risikofaktoren

  • Ernährung (hoch): Proteinmangel (<0,8 g/kg/Tag stark assoziiert mit Frailty-Risiko), unzureichende Kalorienzufuhr, Vitamin-D-Mangel.
  • Lebensstil (hoch): Bewegungsmangel, geringe körperliche Aktivität, Sedentarismus als Hauptursache.
  • Umwelt- und sozioökonomische Faktoren (mittel-hoch): Beginnt bereits im mittleren Lebensalter, kontinuierlicher Verlust von 1-2 % Muskelmasse pro Jahr ab dem 50. Lebensjahr; soziale Isolation beeinträchtigt Nahrungsaufnahme und kann zu mechanischem, lustlosem Essen führen.
  • Erkrankungen (hoch): Tumorerkrankungen, chronische Entzündungen (rheumatoide Arthritis), COPD, chronische Herz- oder Nierenerkrankungen
  • Medikamente (mittel): Kortikosteroide, chemotherapeutische Substanzen

Formen

  • Primäre Sarkopenie: Altersassoziierter Verlust an Muskelkraft und -masse ohne andere erkennbare Ursachen.
  • Sekundäre Sarkopenie: Folge von systemischer Inflammation, körperlicher Inaktivität oder Fehlernährung, die den altersbedingten Muskelabbau verstärken.

Entstehung und Verlauf

  • Muskelschwund: Verlust von Muskelfasern, insbesondere der schnell kontrahierenden Typ-II-Muskelfasern.
  • Verminderte Proteinsynthese: Ungleichgewicht zwischen Muskelproteinsynthese und -abbau, verstärkt durch „anabole Resistenz“ im Alter.
  • Erhöhter Muskelabbau: Durch chronische Entzündungsprozesse (low-grade inflammation) und hormonelle Veränderungen verstärkt.
  • Neuronale Veränderungen: Degenerativ bedingter Verlust von Motoneuronen im Rückenmark beeinträchtigt die Muskelinnervation.
  • Verminderte Aktivität: Bewegungsmangel beschleunigt Muskelverlust erheblich; bereits 10 Tage Bettruhe verursachen 5 % Muskelmassenverlust.
  • Mobilitätseinschränkung: Geringere Muskelkraft erhöht Sturzrisiko (OR 1,89) und Frakturrisiko (OR 1,71).

Symptome

  • Körperliche Symptome: Muskelabbau, reduzierte Handkraft (< 16 kg bei Frauen, < 27 kg bei Männern), verlangsamte Ganggeschwindigkeit (≤ 0,8 m/s), eingeschränkte Mobilität
  • Psychische Symptome: Depressionen, reduzierte Lebensqualität, kognitive Beeinträchtigungen
  • Ernährungsbezogene Symptome: Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Mangelernährung, verstärkt durch eingeschränkte Einkaufs- und Zubereitungsfähigkeiten
  • Leistungsbezogene Symptome: Verlängerter Chair-Stand-Test (> 15 Sekunden), verminderte Alltagsfunktion, erhöhte Erschöpfung

Komplikationen und Folgen

  • Komplikationen: Muskelschwäche, erhöhte Sturzgefahr, eingeschränkte Mobilität, verminderte Lebensqualität
  • Folgeerkrankungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Osteoporose
  • Häufige Begleiterkrankungen: Depressionen, Atemwegserkrankungen, Arthrose

Diagnostik

  • Anamnese: SARC-F-Fragebogen als Screening-Tool (≥ 4 Punkte indizieren weitere Diagnostik)
  • Anthropometrie: Appendikuläre Skelettmuskelmasse (ASM/Körpergröße²: Frauen < 6,0 kg/m², Männer < 7,0 kg/m²)
  • Apparative Diagnostik: Handkraftmessung, Chair-Stand-Test, DXA-Scan, CT, MRT zur Muskelmassenbestimmung
 

Therapiesäulen (nach Relevanz)

  • Ernährungstherapie: Proteinzufuhr 1,0-1,2 g/kg/Tag (bei chronischen Krankheiten 1,2-1,5 g/kg/Tag), 25-30 g hochwertiges Protein pro Mahlzeit, leucinreiche Proteine
  • Lebensstiltherapie: Progressives Krafttraining oder multimodales Training (starke Empfehlung), 2-3 Trainingseinheiten pro Woche
  • Medikamentöse Therapie: Vitamin-D-Supplementierung bei nachgewiesenem Mangel, HMB und Kreatin werden untersucht, aber noch keine eindeutigen Empfehlungen
  • Weitere: Physiotherapie für individuelles Trainingsprogramm

Literaturquellen

  • Habboub B, Speer R, Gosch M, Singler K. Diagnostik und Therapie der Sarkopenie und sarkopenen Adipositas. Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 121–6
  • Vogele D, Otto S, Sollmann N et al. Sarcopenia – Definition, Radiological Diagnosis, Clinical Significance. RöFo – Fortschritte auf dem Gebiet der Röntgenstrahlen und der bildgebenden Verfahren 2023; 195: 393–405
  • Buess D, Kressig RW. Sarkopenie: Definition, Diagnostik und Therapie. Praxis 2013; 102: 1424–1430
  • Cruz-Jentoft AJ et al. Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age Ageing 2019; 48(1): 16-31
  • Volkert D, Bollwein J, Diekmann R, Sieber C. Die Rolle der Ernährung bei der Entstehung von Sarkopenie und Frailty. Ernährungs Umschau 2011; 58: 502–510
  • Kiesswetter E. Optimierte Ernährung bei Sarkopenie. Ernährung & Medizin 2015; 30: 162–166
  • Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Mit guter Ernährung lässt sich Sarkopenie verlangsamen. Pressemitteilung 2017
  • Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e.V. (VDD). Internationale Konsensuskriterien für die Diagnose von Sarkopenie. VDD Diät und Info 2019; Ausgabe 3: 8-9