FETeV Newsletter 2026-15

20.04.2026

|

Der Newsletter erscheint bis auf wenige Ausnahmen wöchentlich.


Studienkommentar: Mehr Fleisch, weniger Demenz – Dichtung oder Wahrheit?

„Mehr Fleisch kann vor Demenz schützen“. Diese Schlagzeile machte jüngst in den Medien die Runde. Ein Satz, der hängen bleibt im Gedächtnis jener Leser, die den Text nur schnell überfliegen. In der Praxis werden dann die Therapeuten gefragt: „Stimmt das wirklich?“

So funktioniert sie, die schnelllebige Medienwelt. Effekthascherisch, jede Schlagzeile mitnehmen. Noch wirkungsvoller wird es, wenn man die journalistische Binsenweisheit nutzt und prominente Stimmen einbaut wie jüngst die Frankfurter Rundschau mit Karl Lauterbach. Wer interessiert sich da noch für Details? Dabei hat ein Redakteur ganz viele Möglichkeiten, zu relativieren. Im aktuellen Fall würde schon ein Fragezeichen (ein kleines bisschen) helfen: „Kann mehr Fleisch vor Demenz schützen?“.  

Was steckt dahinter? Eine Studie des Karolinska Institutet zeigt: Der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Demenz hängt stark von der Genetik ab. Untersucht wurden über 2.100 ältere Menschen über bis zu 15 Jahre, insbesondere Träger bestimmter Alzheimer-Risikogene. Im Ergebnis hatten Personen mit diesen Genvarianten bei geringem Fleischkonsum ein mehr als doppelt so hohes Demenzrisiko. Bei hohem Fleischkonsum (ca. 870 g/Woche) zeigte sich dieses erhöhte Risiko jedoch nicht. Hier verlief der kognitive Abbau langsamer und das Demenzrisiko war geringer.

Dieser Effekt trat jedoch nur bei genetisch vorbelasteten Personen auf, nicht in der Gesamtbevölkerung. Wichtig war auch die Fleischqualität: Wenig verarbeitetes Fleisch im Essen war generell mit einem niedrigeren Demenzrisiko verbunden – unabhängig vom Genotyp. Zusätzlich zeigte sich bei den Risikogruppen eine geringere Gesamtsterblichkeit bei viel unverarbeitetem Fleisch im Essen.

Auch hinsichtlich dieser Studie gilt, wie so oft, dass verallgemeinernde Schlussfolgerungen nicht wirklich für jeden gelten – insbesondere nicht aus Beobachtungsstudien wie dieser, die keine Kausalität belegen. Ob „mehr Fleisch“ eine Strategie gegen Demenz ist, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Hier ist es wichtig, pauschale Empfehlungen zu hinterfragen und zu überprüfen: Individualisieren statt pauschalisieren, Qualität stärker gewichten als einzelne Lebensmittelgruppen und Unsicherheiten transparent kommunizieren. Auch wenn das leichter gesagt als getan ist: Fachkräfte sollten Orientierung geben, ohne Komplexität zu verschleiern.

Wer übrigens wissen will, was hinter der Headline „Mehr Fleisch“ an Fakten bleibt, sollte unbedingt den LinkedIn-Beitrag von Malte Rubach dazu lesen.

Dr. Friedhelm Mühleib (Vorstandsmitglied FETeV)


Tool: Grafikbasierte Anwendungsempfehlung von mittelkettigen Triglyceriden (MCT) bei ketogenen Ernährungstherapien

Ketogene Ernährungstherapien werden leitliniengemäß unter anderem bei pharmakoresistenter Epilepsie eingesetzt. Zur Unterstützung der Ketose werden häufig mittelkettige Triglyceride (MCT) genutzt. In der Praxis ist dabei vor allem die richtige Dosierung entscheidend, weil bei zu schneller oder zu hoher Zufuhr häufig Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bauchschmerzen oder Durchfall auftreten können.

Ein Beitrag der FH Münster stellt hierfür eine grafische Anwendungsempfehlung vor. Grundlage sind eine PubMed Literaturrecherche sowie die Auswertung nationaler und internationaler Leitlinien. Je nach Stärke des wissenschaftlichen Belegs werden die Empfehlungen in zwei Evidenzgrade eingeteilt und zur besseren Umsetzbarkeit in ein übersichtliches Flussdiagramm übertragen.

Für die Beratungspraxis ist das hilfreich, weil es die schrittweise Einführung von MCT strukturiert abbildet und typische Verträglichkeitsprobleme direkt mitdenkt. Gleichzeitig wird klar, dass trotz vorhandener Daten weiterhin Wissenslücken bestehen und zusätzliche Forschung notwendig ist.

Die Anwendungsempfehlung steht als Flussdiagramm als PDF-Download auf der Website zur Verfügung.

Doku: Volkskrankheit Adipositas. Neue Therapien, neue Risiken?

Adipositas gilt als chronische Erkrankung mit erheblichen Folge- und Begleiterkrankungen. Die ARTE-Dokumentation zeichnet nach, warum die weltweite Prävalenz weiter steigt und welche medizinischen Ansätze aktuell diskutiert und eingesetzt werden, von etablierten chirurgischen Verfahren bis zu neuen medikamentösen Therapien, die das Sättigungsgefühl beeinflussen.

Im Fokus stehen zugleich Chancen und Grenzen: Auch innovative Verfahren ersetzen keine langfristige Anpassung von Lebensstil und Ernährungsgewohnheiten und neue Behandlungswege bringen eigene Risiken und offene Fragen mit sich. Die Dokumentation begleitet Betroffene sowie medizinische Teams in mehreren europäischen Ländern und ordnet ein, welche Erwartungen realistisch sind und wo weiterer Forschungsbedarf besteht.


Best Practices: Ernährung zur Sehnenheilung nach chirurgischer Rekonstruktion

Bei Sehnenrekonstruktionen, etwa an der Rotatorenmanschette, beeinflussen zahlreiche Faktoren das Heilungsergebnis. Neben Alter, Defektgröße, Diabetes oder Rauchen rückt zunehmend auch der Ernährungsstatus in den Fokus. Mangelernährung und eine unzureichende Proteinversorgung können postoperative Komplikationen begünstigen. Gleichzeitig bleibt die Evidenz zu einer gezielten Supplementierung für die Sehnenheilung insgesamt begrenzt. Für die Beratungspraxis bedeutet das: Basismaßnahmen konsequent adressieren und Supplemente differenziert einordnen.

Zentral ist die Absicherung einer ausreichenden Proteinaufnahme, da der Bedarf nach Operationen deutlich ansteigt. Empfohlen werden je nach Stress- und Genesungssituation höhere Proteinzufuhrmengen als im Alltag. Praktisch relevant ist auch die Portionslogik, da pro Mahlzeit eine ausreichend hohe Proteindosis nötig ist, um die Proteinsynthese zu stimulieren. Bei älteren oder klinisch belasteten Patient:innen kann ergänzend eine leicht verfügbare Proteinquelle, etwa Whey-Protein, hilfreich sein, wenn die Bedarfsdeckung über die normale Kost nicht gelingt.

Bei Mikronährstoffen wird Vitamin D besonders häufig diskutiert. Ein Vitamin-D-Mangel ist bei Betroffenen mit degenerativen Rotatorenmanschettenläsionen häufig und ist in Studien mit ungünstigeren Verläufen wie höheren Rerupturraten oder mehr Schmerzen assoziiert. Ein gesicherter direkter Effekt auf das postoperative funktionelle Ergebnis ist jedoch nicht nachgewiesen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine pragmatische Supplementierung in vielen Fällen nachvollziehbar, vor allem bei älteren Personen oder bei hohem Mangelrisiko, sofern Kontraindikationen und die individuelle Situation berücksichtigt werden.

Weitere Substanzen wie Omega-3-Fettsäuren, essenzielle Aminosäuren (EAA/ BCAA), Kreatin oder Glutamin sind potenziell relevant, die Datenlage reicht jedoch für klare Empfehlungen zur Sehnenheilung nicht aus.

Die wichtigsten Punkte für die Beratungspraxis

  • Ernährungsstatus früh prüfen: Mangelernährung erhöht das Risiko für Komplikationen. Bei älteren oder multimorbiden Personen gezielt nach Risikofaktoren und unzureichender Zufuhr fragen.
  • Proteinversorgung priorisieren: Postoperativ steigt der Bedarf deutlich. Praktisch helfen klare Tagesziele und eine strukturierte Verteilung über mehrere proteinreiche Mahlzeiten.
  • Vitamin D pragmatisch einordnen: Mangel ist häufig und mit ungünstigen Verläufen assoziiert. Supplementierung kann sinnvoll sein, auch wenn der direkte Nutzen auf das funktionelle Outcome nicht gesichert ist.
  • Supplemente differenziert bewerten: Für Omega-3, EAA/BCAA, Kreatin und Glutamin fehlen klare Nachweise zur Sehnenheilung. Wenn eingesetzt, dann mit realistischer Zielsetzung und begrenzten Erwartungen.
  • Cave Nierenfunktion: Erhöhte Proteinzufuhr kann bei Nierenfunktionsstörungen kontraindiziert sein und sollte individuell abgeklärt werden.

FETeV Plattform: Neue Veröffentlichungen und Aktualisierungen

Wir weisen auf folgende Veröffentlichungen/ Aktualisierungen auf unserer Website hin.

Reizdarmsyndrom: Kurzportrait zum Krankheitsbild für Mitglieder als Handout optimiert druckbar.

🔒 Rheumatoide Arthritis: Folienset zu Krankheitsbild und Ernährung für die Beratung.

Omega-3-Fettsäuren: Steckbrief mit Funktionen, Bedarf/ Zufuhr, therapeutischer Relevanz für Mitglieder als Handout optimiert druckbar.

Schauen Sie auch regelmäßig bei unserer Website-Chronik vorbei.


Online-Seminar: Achtsamkeitstraining, eine effektive Methode für die Ernährungsberatung

Veranstaltungstyp: Online-Seminar/Webinar
Datum: 08.05.2026
Veranstaltet von: Weiterbildung Ernährung
Referierende: Julia v. Franqué, B. Sc. Psychologie
Kosten / Rabatt für Mitglieder: 10 % auf 229 EUR
Kurzbeschreibung laut Veranstalter:

Wir wissen heute mehr denn je über Erziehung, Stressmanagement, Diäten und Lebensmittel und dennoch fällt es vielen schwer, gesunde Entscheidungen zu treffen. Mit jeder neuen Information steigt die Unsicherheit, was individuell passend ist. Achtsamkeit kann helfen, innezuhalten, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und bewusste Entscheidungen zu treffen.

In diesem Seminar wird die Achtsamkeit praxisnah vermittelt. Die Teilnehmenden lernen verschiedene Übungen kennen und erproben diese direkt. Ziel ist es, eigene Erfahrungen zu sammeln und die Methode für die Ernährungsberatung nutzbar zu machen. Die Inhalte lassen sich gezielt in Beratungssituationen integrieren und unterstützen eine reflektierte und klientenzentrierte Arbeitsweise.